11. Tag: Buchholz - Undeloh

Samstag, 30.8.14, 28km

Heidewald im morbiden Gewand


Ich stehe in Buchholz am Bahnhof, es waren nur 20 Minuten Bahnfahrt von Hamburg bis hierher.

Vom Bahnsteig geht es über eine moderne, graue Eisenbahnbrücke, dann noch zwei Kilometer durch den Ort Richtung Süden und dann bin ich zurück in der Heide. Nicht lange und ich sehe das erste kleine Kreuz des Fernwanderweges E1, dem ich heute quer durch die Heide bis nach Undeloh folgen werde. Heute wird Komoot vielleicht einmal Pause haben, denn ich möchte nur den Wegmarken des E1 folgen. Das Smartphone soll nur die Strecke loggen. So möchte ich prüfen, ob ich ohne weitere Hilfsmittel dem Fernwanderweg folgen könnte.

Die Heide steht bereits, anders als üblich zu dieser Jahreszeit, schon in voller Blüte. Das mag am zeitigen Frühling und dem anschließenden schönen Sommer liegen. Das Jahr scheint mir ein paar Wochen noch vorne versetzt zu sein. Vielleicht ist Weihnachten in diesem Jahr bereits Ende November? Wer weiß.

Leider scheint die Sonne heute nicht und die Heide erscheint deshalb nicht rot, wie von mir erhofft, sondern grau. Es ist auch kein gutes Wetter vorhergesagt, sondern soll bewölkt bleiben. Aber wenigstens soll es nicht regnen. Bei so einer Prognose empfiehlt es sich, für jede Eventualität etwas im Rucksack zu haben. Das macht ihn schwer und schnürt an meinen Schultern. Es mag ein kleiner Vorgeschmack auf das nächste Jahr sein, wenn ich vielleicht mit schwerem Übernachtungsgepäck wandern muss.

Die Planung der heutigen Etappe war mühsam. Lange Zeit dachte ich, dass ich dem E1 hier auf einer eintägigen Wanderung nicht folgen kann, da es keinen Bahnhof in der Heide gibt. Ich wusste, dass ab Buchholz der Heidesprinter EriX fährt, von der privaten Bahngesellschaft NOB betrieben. In einem modernen Triebwagen geht es bis nach Hannover. Die Strecke führt westlich an der Heide entlang – und eben auch an ihr vorbei und nicht mitten hindurch. Und so konnte ich zunächst keine Tagesetappen planen. Schon leicht verzweifelt begann ich mir einzureden, dass ich die Heide vielleicht links liegen lassen müsste.

Ein paar Tage vor die Tour habe ich dann den Heide-Shuttle entdeckt, ein Bussystem, das auf drei Buslinien im Zweistundenrythmus alle Heideorte bedient. Auf einmal war die Planung kinderleicht, denn auf dem Rückweg kann ich den Shuttlebus ab Undeloh nehmen. Sogar Fahrräder sind willkommen. Und besonders toll finde ich, dass der Service kostenlos ist. Das ist ein sinnvoller Versuch, die Heide autofrei zu bekommen.

Das erste Etappenziel liegt nah, ich strebe dem Brunsberg entgegen. Von dort erhoffe ich mir einen Rundblick über die Heide. Zuvor jedoch geht es einen schmalen und verschlungenen Wanderweg entlang durch den lichten Heidewald, der aus großen Birken, dicken Eichen und schlanken Kiefern besteht. Immer den E1 entlang, der hier gut beschildert ist. Obwohl es im Wald sehr idyllisch ist, bin ich doch ein wenig enttäuscht, denn eigentlich möchte ich die weiten Heideflächen sehen. Doch ich werde mich noch geldulden müssen, da ich zu noch nicht weiß, dass immerhin 35% der Heidefläche aus Wald besteht. Wald ist die ursprüngliche Form der Heide und die heutige Heide ist erst durch Menschenhand entstanden, durch Rodungen, intensiven Ackerbau und Viehzucht. Das ließ die Heide veröden.

Endlich öffnet sich der Wald und es bietet sich mir ein prächtiger Blick auf den Brunsberg. Die Anhöhe ist vollständig mit Heide bewachsen. Heide satt sozusagen, in voller Blüte. Ich bin genau zur rechten Zeit gekommen. Langsam gehe ich weiter, der Weg steigt jetzt leicht an und führt zum Brunsberg hinauf. Oben mache ich eine kleine Pause, aber es bläst ein sehr kalter Wind, den ich im Wald nicht bemerkt hatte. Auf die Bank setzte ich mich trotzdem und schaue in alle vier Himmelsrichtungen. Von hier kann man unglaublich weit schauen, bis zum Horizont nur Heide und Wald. Hier oben bin ich ganz alleine und das genieße ich sehr.

Schade nur, dass über der Heide ein so dunkler Himmel hängt, das Grau der Wolken schwappt in die Heide und nimmt ihr das rote Brennen, lässt sie stattdessen graurot erscheinen.

Der Wind lässt mich frösteln, deshalb gehe ich weiter und verlasse den Berg auf der gegenüber liegenden Seite. Bei meinem Abstieg begegne ich hinter einer Biegung ein lustiges Wandervölkchen, das sich laut lachend unterhält. Frauen stehen in zwei Reihen aufgereiht in der Heide, gackeln und kommen nicht zur Ruhe. Ein Mann steht leicht gebeugt auf dem Weg, hält einen Fotoapparat in der Hand und müht sich, den munteren Haufen so zu postieren, dass sie in den Sucher passen. Es gelingt ihm nicht. Ich warte und beobachte das Geschehen, zunehmend amüsiert. Das geht eine ganze Weile so, ich habe schon Mühe, mir nichts anmerken zu lassen. Endlich frage ich den Mann, ich vermute, es ist der Wanderführer, ob er nicht mit auf das Bild möchte. Er ist sichtlich erleichtert, die schwierige Aufgabe so elegant lösen zu können, drückt mir blitzartig die kleine Kamera in die Hand und eilt zu den Damen. Jetzt reißen sie sich zusammen, stellen sich vorteilhaft in Pose, ich bekomme sie alle in die Linse und drücke ich ab. Ich muss gleich mehrere Bilder schießen. „Nur zur Sicherheit“, meinen die Damen. Mit dem Ergebnis sind sie zufrieden.

Wir verabschieden uns und ich gehe weiter nach Süden.

An der nächsten Biegung kommen mir zwei Frauen entgegen.

„Guten Tag, die Heide blüht dieses Jahr ja ziemlich spät“, meint die eine von ihnen.

„Nein, sie blüht viel früher als sonst“, erwidere ich.

 „Ach so“, sagt die andere, „wir können das nicht so genau wissen, denn wir kommen aus dem Rheinland“.

Immer weiter folge ich den Spuren des Fernwanderweges, die Wegmarken weisen mir den Weg. Wald, Heidewiesen und bewirtschaftete Flächen, auf denen überwiegend Mais wächst, wechseln sich ab. Manchmal wird das Gehen sehr beschwerlich, denn der Weg ist von Pferden weich getreten, ich komme fast gar nicht voran.

 

Kurz hinter Inzmühren treffe ich auf eine Schutzhütte und sie kommt mir gerade recht, denn aus heiterem Himmel beginnt es zu regnen. Ich verkrieche mich in die Hütte, packe den Proviant aus, esse mit Genuss und anschließend mache ich die Wanderbeine lang. Wie gut das tut! Und schon bin ich weg. Als ich die Augen wieder aufmache, ist die Regenwolke abgezogen und ich kann weiterwandern. Die Hütte war zur rechten Zeit am rechten Ort.

Bald darauf bin ich wieder im Wald, der mich nun bis nach Undeloh begleiten wird. Der Weg ist breit, die Wegmarken des E1 weithin sichtbar und die App brauche ich tatsächlich nicht. Dann wird der Weg schmaler und der Wald dichter, auf der Wetterseite sind die Stämme voller Moos. Hier ist es feucht und totes Holz liegt in Mengen herum. Es riecht moderig und streng. Auf dem Weg krabbeln Mistkäfer herum, das sind kleine, schwarze Geschöpfe, die sogar glänzen, wenn die Sonne nicht scheint. Überall sind kleine Löcher, in denen sie verschwinden, um an anderer Stelle wieder hervorzukriechen. Sie scheinen Pferdeäpfel zu lieben, die Pferden hier verloren

haben, denn auf den Haufen sitzen sie zu Dutzenden. Überall krabbeln sie herum und ich muss aufpassen, dass ich sie nicht zertrete.

In meinem Geist bildet sich das Wort „morbide“ für die Stimmung, die hier herrscht. Ich möchte aus diesem Wald wieder heraus.

Aber ich muss noch eine ganze Weile weiter in diesem feuchten und klammen Wald  wandern, bis ich endlich Undeloh erreiche. Der schmale Pfad endet unvermittelt an einer Straße. Ich komme an einem großen Parkplatz vorbei, der mir irgendwie bekannt vorkommt. „Hier war ich schon einmal“, denke ich. Aber es fällt mir fällt nicht ein, wann das war.

Die Straße ist viel befahren, PKW und Busse drängeln sich dicht an dicht, es ist ein großes Geschiebe und es scheint, als hätten die Touristen diesen Ort fest in ihren Händen.

Es dauert noch eine dreiviertel Stunde, bis das Heide-Shuttel kommen soll und so ist noch Zeit, um mir in der ≪Teestube≫ eine leckere Buchweizentorte und einen großen Milchkaffee zu gönnen. Ich setze mich in den Garten, denn mittlerweile ist es wieder richtig trocken geworden und die Bedienung hat Tische und Stühle schon trocken gewischt.

Kurz vor der Abfahrt füllt sich die Haltestelle mit zahlreichen Wanderern, Touristen und Radfahrern, so dass ich mich frage, ob wir alle in den Bus passen werden. Doch ich übe mich in Gelassenheit und warte ab. Der Bus kommt, und alle passen locker hinein, der Busfahrer hilft den Fahrradfahrern mit den Rädern und mit einem kessen Spruch startet er die Tour durch die Heide. Während der Fahrt bekomme ich noch eine Menge Heide zu sehen, bis der Bus in Buchholz auf dem Bahnhofsplatz stoppt und ich noch ein paar hundert Meter zum Bahnsteig laufen muss. Dafür wartet heute der Zug und fährt erst los, nachdem ich eingestiegen bin.