8. Tag: Schleswig - Tarp

Mittwoch, 13.8.14, 32km in 5 1/2 Std.

Eile

Es war Zeit für drei Wochen Urlaub an der Nordsee. Mittlerweile bin ich so begeistert vom Wandern, dass ich auch die Ferien dazu benutze. So lerne ich das flache Küstenland rund um St.Peter Ording kennen und nutze jede Gelegenheit, zu Fuß zum Strand zu laufen. Ich zähle Schafe auf den Deichen, beobachte den munteren Flug bunter Drachen und bewundere Kitesurfer am Strand beim Kampf gegen Wind und Welle. Den Plan, meine Wanderung von hier aus nach Flensburg fortzusetzen, verwerfe ich schnell. Es ist einfach zu umständlich mit der Bahn. Freunde kommen vorbei und auf meiner letzten Wanderung begleitet mich mein guter Freund Peter, bereits zweiundsiebzig, aber in ausgezeichneter sportlicher Verfassung. Er wandert gerne und viel und fühlt sich erst mit 6 km/h durchschnittlicher Wandergeschwindigkeit richtig wohl. Mein Durchschnitt liegt einen km/h drunter, obwohl ich größer bin als er und eine weitere Schrittlänge habe. Sein Naturell ist aber einfach schneller als meines und so läuft er eben auch schneller. An diesem Tag sind wir vierundzwanzig Kilometer gewandert, die mich mehr anstrengten als alle meine Wanderungen zuvor. Ich brauchte mehr Luft, aber wir hatten uns auch viel zu erzählen. Luft gibt es an der Nordsee eigentlich mehr als genug, der Wind kommt irgendwie immer von vorne, er geht ohne Umweg direkt in die Lunge und pumpt den Körper mit klarer, würziger Luft voll. Es machte uns geistig hellwach, vielleicht auch ein wenig übermütig, oder es lag an dem einen Stundenkilometer zu viel, der mich schließlich körperlich müde machte. Und so passierte es, dass auf einem Deich mein linker Fuß seinen Halt verlor und in einem Hasenloch verschwand und dabei laut vernehmlich knackte. Meine Wasserflasche, die ich in der Hand hielt, flog in hohem Bogen durch die Luft, traf ein Schaf, das daraufhin hastig flüchtete. Dann spürte ich einen heftigen Schmerz im Spann und es ging für mich nur noch humpelnd weiter. Glücklicherweise war es bis zu unserer Unterkunft nicht mehr weit.

Hilft es in Momenten wie diesen zu fragen: „Was ist das Gute daran“? Zuerst kam mir nichts in den Sinn, denn es tat einfach nur weh. Doch dann fiel mir doch etwas ein: das Gute daran war, erinnert worden zu sein, dass jederzeit etwas passieren kann und man darauf vorbereitet sein sollte. Es wäre gut gewesen, Pflaster, Salbe und ein Schmerzmittel im Rucksack dabei zu haben. Und mit Wanderschuhen wäre ein Umknicken wohl glimpflicher verlaufen als in den Joggingschuhen, die ich trug.

Für die nächsten drei Wochen war an wandern nicht mehr zu denken und die Verletzung hatte offenbar auch mental etwas in mir ausgelöst. Ich war müde und abgespannt, fühlte mich irgendwie verletzt. Das Ende dieser Zeit brachte eine kleine Testwanderung um die Alster, die mir zeigte, dass mein Fuß nun wieder belastbar war. Damit verschwand auch die Müdigkeit.

Nun will ich es wissen und nehme mir an einem Mittwoch frei und starte zur nächsten Etappe. Nach meiner ursprünglichen Planung vor meiner Verletzung wollte ich die vierzig Kilometer von Schleswig bis Flensburg in einem Stück wandern. Das wäre die bisher längste Wanderung gewesen. Aber diese Distanz traue ich mir jetzt nicht zu. Und ich finde es erstaunlich, was drei Wochen Pause und eine temporäre mentale Blockade bewirken können. Ich plane also kurzfristig um und mache wieder, wie auch schon mal vorgedacht, zwei Etappen von ca. dreißig Kilometer daraus. Aus den vierzig Kilometern werden so zwei mal dreißig Kilometer, weil ein Umweg zum Bahnhof Tarp eingeplant werden muss, den ich also für heute Abend als Tagesziel anpeile.

Mit dem neuen Plan zeigen sich Körper und Geist einverstanden und es kann wieder losgehen, denke ich. Aber am Vorabend der Wanderung verspüre ich trotz Vorfreude gleichzeitig eine bis dahin unbekannte Unlust. Woher kommt sie? Bisher bin ich so begeistert gewesen von der Idee, durch Deutschland zu wandern, der Gedanke hat mich beflügelt und motiviert, stundenlang, wochenlang gar mich mit Karten, Plänen und Büchern zu beschäftigen, um meine Wandertage vorzubereiten. Und auf einmal habe ich keine Lust mehr? Wie kann das sein? Eine Antwort finde ich dennoch nicht und die Unlust begleitet die Nachruhe.

Der Wecker klingelt früh am nächsten Morgen. Ich packe meinen Rucksack mit den üblichen Sachen: Regenjacke, Fleece mit langem und kurzem Arm, schmiere Brote, koche Eier, tue alles zusammen mit drei Äpfeln, einer Tüte Nüsse, 3 Powerriegeln, der Sonnenbrille und Trinkflasche in den Rucksack.

Die Vorbereitungen gehen schwerer von der Hand als beim letzten Mal vor drei Wochen und die Unlust ist über Nacht nicht gewichen. Eigentlich möchte ich gar nicht los und frage mich während des Einpackens, warum nur.

Trotzdem mache ich mich zum Bahnhof auf, kaufe mir ein Schleswig – Holstein Ticket und warte am S-Bahnsteig, dass es neun Uhr wird, denn das Ticket gilt wochentags erst ab diesem Zeitpunkt. Der Berufsverkehr hat Vorrang und ich muss warten. Deshalb kann ich den Regio-Express um 8:47 Uhr nicht nehmen, der in nur eineinhalb Stunden ohne Umsteigen nach Schleswig braust. Ich hätte zwei Stunden  mehr Zeit zum Wandern gehabt. So aber warte ich auf neun Uhr und nehme die S-Bahn nach Altona, werde dann in den Regionalzug nach Neumünster steigen, um dort in den Zug nach Schleswig umzusteigen. Die Fahrt wird mehr als zweieinhalb Stunden dauern. Um die Fahrzeit zu verkürzen, kaufe ich noch schnell die ZEIT. Während der Fahrt lese ich, wie Google sich die Welt von morgen vorstellt, dass Politik und Demokratie in den Hintergrund rücken werden und die moderne Technik die Macht übernehmen wird. Natürlich werde Google, wenn es soweit sein wird, ein Teil dieser Macht sein. Die schöne neue Welt, die Aldous Huxley in seinem Buch beschrieben hat, lässt dann vielleicht grüßen. Ich lese, dass Google plant, künstliche Inseln zu bauen und diese weit draußen, fernab jeder Staatsmacht im Meer zu verankern. Das wird dann Google’s Welt.“ „Wird es blanke Anarchie sein oder Diktatur durch Technik?“, frage ich mich. Mich gruselt es ein wenig vor dieser Zukunft.

Eine Durchsage lässt mich in die Gegenwart zurück kommen. Aufgrund von Vandalismus sei irgendetwas an dem Gleisen zerstört und der Zugverkehr nach Neumünster unterbrochen. Es gäbe einen Busersatzverkehr. Gleich darauf halten wir in Wrist und 200 Menschen ergießen sich aus dem Zug auf den Bahnhof, schlendern überraschend gelassen zur Bushaltestelle. Dort allerding wartet kein Bus auf uns. Mitreisende verteilen sich auf dem Bürgersteig um das Wartehäuschen. Zunächst bleiben sie ruhig, nur hier und da höre ich ein paar mäklige Bemerkungen. Ganz gemächlich und ruhig gehe ich nach vorne, keiner hält mich auf oder macht einen blöden Spruch. Lange warten wir auf den Bus, allmählich nimmt das Stimmgewirr an Lautstärke zu. Missmut ist wahrzunehmen, die Meute möchte informiert werden. Man rechnet sich aus, dass nicht alle in den Bus passen werden, wenn er denn kommt. Die Sonne scheint, mir wird warm. Vielleicht kommt das Gefühl aus der Magengegend, denn von daher steigt ein eigenartiges Gefühl auf. Es ist eine Mischung aus Wut und Hilflosigkeit. Ein junger Mann mit gelben T-Shirt und blauer Hose neben mir brabbelt vor sich hin, man könne eh nichts machen und man solle das Ganze gelassen nehmen. Ich kann mich nicht so einfach dem Schicksal ergeben, beneide aber seine Haltung, mich selbst fragend, ob ich überhaupt noch nach Schleswig fahren soll. Wäge ab, ob ich auf der Rückfahrt vielleicht ähnliche Probleme haben werde. Frage mich, ob ich von hier aus loswandern soll? Die Gedanken verwerfe ich aber sofort wieder, weil ich an meinem Plan festhalten möchte und heute meine Wanderung eben in Schleswig beginnt. Es ist mir erstaunlich wichtig, wie ich jetzt bemerke. Nach dieser Erkenntnis versuche ich, die Situation mit der vorgeschlagenen Gelassenheit zu nehmen, ich habe ja im Moment keine andere Option - und warte. Ich setze mich auf einen freien Platz im Wartehäuschen, der erstaunlicherweise frei geblieben ist, obwohl so viele Menschen warten. Ich schließe die Augen, das Gefühl von Gelassenheit will sich nicht einstellen. ich lauere auf den Bus, will ihn unbedingt kriegen und frage mich, was passieren wird, wenn er kommt und die Menschen erkennen, dass nicht alle mitkommen werden. Wird es kleine Tumulte geben? Auch frage ich mich, warum kein Bahnbediensteter die Wartenden beruhigt, denn das wäre jetzt wichtig. Diese Frage kann ich mir leicht selbst beantworten: die Bahn hat hierfür kein Personal mehr, sie sind wegrationalisiert worden.

Ein weißer Bus biegt um die Ecke. Ein Raunen geht durch die Wartenden. Ist es der versprochene Schienenersatzverkehr? Tatsächlich schwenkt er auf den Bahnhofsplatz und kommt an der Haltestelle zum Stehen. Ich sehe gleich, dass dieser Bus nicht alle Wartenden aufnehmen wird und viele Fahrgäste weiter im Ungewissen warten müssen. Das erkennen jetzt offenbar auch andere, denn die wartende Masse kommt in Bewegung. Jeder möchte vorne sein. Da ich schon ganz vorne stehe, habe ich Glück und bin als einer der ersten im Bus und finde einen Sitzplatz. Anderen ergeht es schlechter, sie müssen im Bus stehen. Der Busfahrer lässt alle einsteigen und verkündet dann über Mikrophon, dass diejenigen, die keinen Sitzplatz gefunden haben, wieder aussteigen müssen. Das aber will keiner. Mehrere Male muss er wiederholen, in der Stimme bestimmter werdend, dass er nicht abfahren werde, solange Passagiere stehen. Endlich bewegen sich die armen Leute, die keinen Sitzplatz gefunden haben, langsam wieder nach draußen. Eine kleine Tragödie tut sich auf. „Ich werde meine Fähre nach Oslo nicht mehr kriegen“, die ältere Dame heult fast. „Ist jemand bereit, seinen Platz zu tauschen?“, fragt der Busfahrer. Keiner meldet sich, auch ich nicht, obwohl mein schlechtes Gewissen mich deutlich genug ermahnt: „du bist nur zu deinem Vergnügen unterwegs und sie kommt deinetwegen vielleicht nicht mehr nach Oslo“. Ich will es nicht wahrnehmen, schließlich kann ich doch auch nichts dafür. Wohl ist mir nicht. Ein schwarz gekleideter Mann dagegen macht seinen Gefühlen deutlich Luft: „Können wir nun endlich fahren?“ Ihn kümmert offenbar nur sein eigenes Fortkommen, die arme Mitreisenden kümmert ihn nicht. Ich verurteile ihn innerlich dafür, frage mich aber auch, ob ich denn besser bin als er. Der Mann mit dem gelben T-Shirt, der direkt daneben sitzt, predigt wieder seine Gelassenheit. Aber zufrieden schaut auch er nicht drein und aufgestanden ist auch er nicht.

Schließlich kann der Bus abfahren. Der Busfahrer versucht jetzt die Stimmung zu heben, macht Späße. Er macht das sehr professionell. Schon nach kurzer Zeit komme ich mir vor wie auf einer Verkaufsfahrt für Senioren. Es gelingt ihm tatsächlich, uns zum Lachen zu bringen. Aber wir haben es ja auch gut, denn wir kommen wieder voran und werden bald am Ziel sein. Aber was wird aus den übrigen Reisenden? Wie lange müssen sie wohl noch warten? Wir werden es nicht erfahren, wollen es wohl auch gar nicht wissen.

So konnten ein paar Vandalen eine Ausnahmesituation geschaffen, die die Charaktere der Menschen und die Einstellungen der Institution Bahn zu ihren Reisenden offenbart. Vielleicht soll ich beiden dankbar dafür sein.

Mit einstündiger Verspätung erreiche ich meinen Zug in Neumünster. Die Ironie will, dass ich mit dem Interregio Express weiterfahre, der mich gemütlich und ohne Umsteigen von Hamburg direkt nach Schleswig gebracht hätte, wenn ich später gefahren wäre. Irgendwie ist er durch die gesperrte Strecke gekommen.

Belohnt werde ich durch die spektakuläre Strecke über die Rendsburger Hochbrücke. Hier schraubt sich der Zug in einer großen Schleife auf 42m Höhe, um dann den Nord-Ostsee-Kanal auf einer bereits hundert Jahre alten Stahlbrücke zu überqueren. Der Blick von oben über das platte Land ist phantastisch, weit kann ich den Kanal entlang blicken. Vor einigen Wochen habe ich den Kanal zu Fuß, genauer mit der Fähre, überschritten und dabei gelernt, dass der Kanal die am meisten frequentierte Wasserstraße der Welt ist. Heute ist in beiden Richtungen kein Schiff zu sehen.

„Guten Tag, die Fahrkarten bitte“. „Das war ja ein kleines Abenteuer heute“, erwidere ich dem Schaffner. Er weiß gleich, worauf ich anspiele und antwortet: „Ja, für alle Beteiligte“. Und mir wird bewusst, dass die Bahnmitarbeiter im Hintergrund doch einiges geleistet haben müssen, um uns weiter zu befördern. Schade nur, dass beim Kunden davon so wenig zu bemerken ist. Und dann merke ich, dass ich versehentlich im 1. Klasse Abteil sitze und der Schaffner dazu gar nichts gesagt hat. Ich bin ihm dankbar und genieße still den Rest der Fahrt.

Endlich komme ich in Schleswig an. Ich freue mich, den Bahnhof wieder zu sehen, auf dem ich vor sechs Wochen meine letzte Etappe beendete. Zügig gehe ich los und kreuze schon bald den Gottorfer Damm, der den Burggraben der Gottdorfer Residenz überspannt. Der Weg führt einmal um das Schloss herum. Ich bedauere, dass ich keine Zeit für eine Besichtigung habe, aber ich will mein Ziel erreichen und habe schon viel Zeit verloren. Also geht es schnell durch den verwilderten Schlossgarten, wo ich auf einen Terrassengarten stoße. Eigentlich möchte ich nur schnell hindurch, um auf der anderen Seite im Wald zu verschwinden. Aber der Barockgarten, der 1637 zum fürstlichen Lustwandeln angelegt wurde, wird für mich zum Irrgarten, denn alle Ausgänge sind verschlossen. Ich laufe Treppen rauf und runter, rüttel an verschlossenen Toren. Ich denke an meinen Weg und dass ich jetzt erst einmal Strecke machen möchte. Überall sind Kameras installiert, man kann nicht unbeobachtet über ein Tor klettern. Das wäre angesichts der Spitzen auch lebensgefährlich. In mir steigt etwas Wut hoch. „Wie komme ich hier wieder raus?“. Aber es hilft nichts, es geht nur dort raus, wo ich reingekommen bin. Endlich liegt der Irrgarten hinter mir, ich habe dort nur 10 Minuten verbracht, die mir allerdings wie eine Ewigkeit erscheinen. Ich ärgere mich über mich selbst, mehr noch über das Tor, das mich behindert. Erst ist es der Zug, jetzt ein Tor! Heute habe ich es eilig und ich bin ungeduldig. Warum?

Übelgelaunt stapfe ich weiter und bemerke nicht die Schönheit und Weite der Allee, durch die ich gerade schreite. Der Weg führt seitlich am Barockgarten vorbei. Die niedrigen Wipfel der noch jungen Bäume bilden ein Dach über mir und ich gehe wie durch einen Tunnel, der am Ende immer dunkler zu werden scheint. Dorthin muss ich, in diese Dunkelheit. Und genau so dunkel sind meine Gedanken.

 

Die heutige Tour hatte ich entlang des Fernwanderwegs E1 geplant, aber bisher konnte ich das weiße Kreuz noch nicht entdecken. Aber das macht nichts, ich kann ja mit Komoot navigieren und das klappt mittlerweile prima. Allerdings zeigt mein Akku des Smarphones heute trotz des Zusatzakkus schon Schwächen, ich bin ja auch schon seit Stunden unterwegs. Ich rechne hoch und befürchte, dass der Akku nicht bis zum Ziel reichen wird. Da ich heute erstmals Ohrhörer im Ohr habe, um meine Eindrücke gleich beim Wandern ins Smartphone zu sprechen, beschließe ich, mich durch die freundliche Stimme von Kommot führen zu lassen. Damit höre ich Richtungsänderungen und muss das Display nicht so oft einschalten, um auf die Karte zu sehen. So hoffe ich den Akku zu schonen.

Es läuft nicht so gut wie sonst und ich bin noch nicht einmal fünf Kilometer unterwegs. Mein Körper signalisiert Unlust und Müdigkeit, er möchte lieber auf der Coach abhängen als im Wald herum zu straucheln. Mein Geist mault mich an, er habe heute mit lauter Widrigkeiten kämpfen müssen, für die er nichts kann und mit denen klar zu kommen er keine Lust hat. Und meine Seele fragt sich, warum ich es so eilig habe. Die einfache Antwort ist, dass ich gerne den Regio-Express um 18:15 Uhr bekommen möchte. Es ist der einzige Zug am Abend, der direkt nach Hamburg durchfährt. Bei den anderen Verbindungen muss ich, wie schon bei der Hinfahrt, zwei Mal umsteigen und würde länger für den Rückweg brauchen. Da mir aber mehr als eine Stunde fehlt, muss ich schneller gehen als ich eigentlich will. Das ist keine gute Voraussetzung für entspanntes Wandern. Und tatsächlich bin ich überhaupt nicht entspannt, sondern stapfe sehr angespannt vor mich hin.

Und dann ist das weiße Kreuz des E1 da, es strahlt frisch gemalt von einem Baum. Ich freue mich, den Fernwanderweg wieder gefunden zu haben und beschließe, mich durch die Kreuze leiten zu lassen. Gleich geht das Wandern leichter, der Rücken spannt sich und die Beine schreiten williger aus. Es gesellt sich eine weitere Wegmarke hinzu, denn ich bin, ohne es bei meiner Planung bewußt gewesen zu sein, auf den Pilgerweg Via Jutlandica gestoßen, der vermutlich bis Flensburg einen ähnlichen Verlauf wie der E1 nimmt. Eine Pilgerstrecke, die, wie alle anderen Jakobswege in Richtung Santiago de Compostela zum Grab von Apostel Jacobus verläuft, also in südliche Richtung bis nach Spanien. Spätestens seit Hape Kerkerling in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg beschrieben hat, ist dieser Weg ja hinlänglich bekannt und der berühmte letzte Abschnitt in Spanien total verstopft. Davon ist auf diesem jütländischen Jakobsweg nichts zu spüren, denn nur gelegentlich begegnen mir Wanderer und Radfahrer mit großem Gepäck.

Pilgerwege geht man normalerweise in südliche Richtung, folglich gehe ich diesen falsch herum. Aber das macht mir nichts, ich glaube ja auch nicht an Gott oder an den toten Apostel. Aber mit den Pilgerwegen werde ich mich trotzdem eingehender beschäftigen.

Der Weg führt zwar durch einen Wald verläuft aber schräg zur Autobahn, leise ist es deshalb nicht und der von mir ungeliebte Lärm schwillt immer mehr an, je näher sie kommt. Schließlich verläuft der Pfad paarallel zu ihr. Auf der Fahrbahn zischen Autos mit hoher Geschwindigkeit vorbei. So angenehm es ist, in einem Auto zu sitzen und leise, bequem und schnell von A nach B zu kommen, so deplatziert wirken diese technischen Hochleistungsgeräte hier mitten im Wald. Doch schon bald führt der Weg wieder von der Autobahn weg und es wird wieder stiller. Ich atme auf.

Ein Gatter hält mich auf, versperrt mir den Weg. „Schon wieder ein Hindernis“, denke ich übelgelaunt. Ich möchte es schnell hinter mir lassen, doch stattdessen klemme ich mir einen Finger beim Öffnen des Holztores. Auf der anderen Seite der Wiese ist ein weiteres Gatter, aber jetzt habe ich den Schließmechanismus verstanden, die Finger bleiben beim Öffnen und Schließen dieses Mal heil.

„Du bist zu eilig heute. Du solltest ruhiger werden“, sage ich mir beim Weitergehen. „Es ist kein meditatives Wandern, sondern ein Abspulen von Kilometern. Auch wenn die Gegend schön ist, so kann ich sie doch nicht richtig genießen“.

Ich habe das Gefühl, als müßte ich heute eine Leistung vollbringen, die erbracht werden muss. Ich empfinde heute keine Lust am Wandern.

 

Aber ist es tatsächlich eine Leistung, die ich hier erbringe? Ich produziere durch meine Wanderei doch überhaupt keinerlei Mehrwert. Was ist Leistung überhaupt?

Heute fühle ich mich durch das Wandern unter Druck gesetzt, weil mich folgende Gedanken quälen:

  1. Ich möchte endlich Flensburg erreichen (das heutige Ziel).
    Momentan scheint nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel selbst das Ziel meiner Wanderung zu sein.

  2. Die Bahn, oder besser die Vandalen, haben meine Terminplanung so durchkreuzt, so dass ich eine Stunde zu spät mit der Wanderung begonnen habe. Diese Stunde kann ich nur aufholen, wenn ich sehr schnell gehe und Abkürzungen finde.
    Ich fühle mich dadurch sehr gehetzt.

  3. Ich möchte unbedingt den Regio-Express um 18:15 Uhr erreichen.
    Andernfalls bin ich sehr spät abends erst wieder in Hamburg, was ich nicht möchte.

  4. Ich mache mir (wahrscheinlich unbegründete) Sorge, dass ich erneut in Neumünster im Zugersatzverkehr hängen bleibe.

  5. Ich habe abends noch eine Verabredung, die ich vielleicht nicht einhalten kann.

Diese fünf Gedanken quälen und hindern mich, im Hier und Jetzt zu sein und die Wanderung Schritt um Schritt zu genießen. Ich bewege meine Gedanken in die Vergangenheit und die Zukunft, obwohl ich doch an der Vergangenheit schon nichts mehr ändern kann. Ich gräme mich immer noch wegen der Verspätung. Gleichzeitig denke ich an die Zukunft, konkret an den Zug, den ich vielleicht nicht mehr erreichen werde, weil ich die Verspätung nicht aufholen kann.

Anstatt zu akzeptieren, was nicht zu ändern ist, versuche ich, mich dagegen aufzulehnen. War dafür der junge Mann mit dem gelben T-Shirt und der blauen Hose da? Sollte er mich daran erinnern, demütig und geduldig zu sein?

Doch das kann ich im Moment noch nicht akzeptieren und ich hadere weiter und laufe noch schneller. Ich habe noch 5 Stunden vor mir und es ist bereits 14 Uhr durch, als ich beschließe, die Tour zu verkürzen. Ich weiche vom geplanten Weg ab.

„Das ist kein Genusswandern“, denke ich. Ich mache aus meinem Körper eine Maschine, die das Programm abspult, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Dadurch erreiche ich eine höhere Geschwindigkeit, sechs km/h anstelle der sonst üblichen fünf km/h. Es ist aber genau dieser eine Stundenkilometer mehr, der mich stört. Aber ich empfinde auch Stolz, dass mein Körper es durch meine Willenskraft – dem Geist - schafft und gut mitmacht. Doch meine Seele lehnt sich dagegen auf mit den Worten „lass den Zugtermin sausen, mach dir keinen solchen Stress“.

Doch der Geist hält dagegen: „Das ist die beste Verbindung. Wenn du den Zug nicht bekommst, bist du viel zu spät zu Hause“.

So gehe ich lange Zeit im inneren Widerspruch.

Ich spüre, ich sollte mich dafür entscheiden, den Zug sausen zu lassen, um meine innere Ruhe wieder zu erlangen.

Am Wegesrand wachsen Brombeeren, die ich im Vorbeigehen wahrnehme. Schwarz und saftig sehen sie aus. Abrupt bleibe ich stehen und pflücke ein paar Beeren und stecke sie in den Mund. Ich pflücke immer mehr, sie schmecken so herrlich. Erst als ich satt bin, gehe ich weiter. Eine herrliche Unterbrechung meiner Gedanken.

Das weiße Kreuz ist verschwunden, bemerke ich plötzlich. Der Verlauf muss sich geändert haben, denn meine Planung habee ich exakt an der Route des E1 ausgerichtet. Ich hätte an einer Weggabelung doch gerade ausgehen sollen, als Komoot und auch der Pilgerweg mir den Weg nach rechts wiesen, aber der E1 dort keine Richtungsänderung anzeigte.

Am Rethsee treffe ich wieder auf das weiße Kreuz und jetzt haben Pilgerpfad und E1 wieder denselben Verlauf. Es folgt eine lange, schöne Strecke durch dichten Wald bis nach Idstedt. Ich komme gut voran, mache immer noch sechs km/h. Der Hunger wird größer und ich nehme wahr, daß ich allmählich unterzuckere. Doch dem Körper gönne ich weiterhin nur Wasser im Laufen. Keine Pause.

Warum nur mache ich nicht endlich eine Pause? Es gibt genug Bänke entlang des Weges.

 

Kurz vor Idstedt nehme ich eine Abkürzung, wähle den direkten Weg  und spare mich den Weg um den vermutlich schönen Idstedter See, wie E1 und Pilgerweg es vorsehen. Zwei Kilometer spare ich so ein.

Werde ich den Zug jetzt rechtzeitig erreichen?

In Idstedt liegt am Wegesrand eine Gaststätte, doch sie ist geschlossen.

Es ist wie in dem Wanderbuch von Wolfgang Lührs, das ich gerade lese. Auch auf seiner Wanderungen waren die Gaststätten oft geschlossen. Mittwochnachmittag ist eben kein Geschäft zu machen, doch ich hätte zu gerne einen Kaffee genossen.

Kurz darauf treffe ich auf die kleine Pension „Petersen“, die mitten in der Sonne liegt. Sie hat geöffnet und hier könnte ich einen Kaffee bekommen. Vor der Tür stehen drei Wanderer mit großen Rucksäcken auf dem Rücken. Es sind die ersten richtigen Wanderer, denen ich begegne. Ein kurzer Stopp, ein kurzes Moin, Moin, wie es hier üblich ist. Gerne hätte ich sie ein bisschen ausgefragt, woher sie kommen, wohin sie gehen, ob sie hier übernachten oder wo sonst. Es wären vielleicht hilfreiche Informationen für meine weitere Wanderung geflossen.

Doch ich verzichte sowohl auf den Kaffee als auch auf ein Gespräch. Ich habe einfach keine Ruhe dafür, trabe statddessen wieder an, will weiter. Offenbar habe ich mich weiterhin für die Hast entschieden, und wieder frage ich mich, warum. Was nur bringt diese ungewohnte Effizienz beim Wandern?

Einen Kilometer weiter stoße ich auf eine Schutzhütte, eine Pilgerhütte auf dem Pilgerweg. Im Vergleich zu der E1-Schutzhütte, die ich gesehen habe, ist diese viel größer und geräumiger, sehr sauber und äußerst stabil gebaut. In dieser Hütte könnte man notfalls sogar übernachten. Sehr bequem wäre es auch hier nicht, aber man hätte ein schützendes Dach über dem Kopf. Davor ein Schild. Es informiert über die Pilgerroute und warum die Hütte kirchenähnliche gestaltet ist. Mit etwas Fantasie kann ich in der Hütte tatsächlich ein Kirchenschiff entdecken, ein senkrechter Stab könnte den Kirchturm symbolisieren.

Im Moment interessiert mich aber mehr der runde Tisch vor der Hütte, denn hier lasse ich mich endlich zur ersten Pause nieder. Nach genau fünfzehn Kilometern, die nun hinter mir liegen, ist das gerade mal die Hälfte der heutigen Strecke. Ich packe meinen Proviant aus und vertilge fast alles davon mit großem Genuss. Mann, hatte ich einen Hunger! Dann lege ich die Füße hoch – und schon bin ich fest eingeschlafen.

Eine halbe Stunde später wache ich auf und ich stelle fest, dass es nun wohl definitiv zu spät für den Zug werden wird. Schnell packe ich ein und marschiere weiter.

Obwohl es doch keinen Sinn mehr hat, beschleunige ich wieder meinen Schritt. Dabei folgt mein Atem einem festen Rhythmus: Zwei Schritte beim Einatmen, zwei Schritte beim Ausatmen, jeder weitere Schritt nährt die Hoffnung, dass ich es vielleicht doch noch rechtzeitig schaffe. Ich werde immer schneller.

Warum nur habe ich es immer noch so eilig?

Da fällt mir ein Witz ein:

„Du, deine Säge ist stupf. Warum machst du sie nicht wieder scharf?“      
Der andere: „Keine Zeit. Ich habe noch so viel zu sägen“.

Mein Körper läuft auf Hochtouren. Ich spüre den beschleunigten Puls, aber es macht der Körpermaschine nichts aus, denn sie ist gut trainiert. Aber die Seele stellt sich erneut quer und fragt nach dem Sinn des schnellen Marschierens.

Der Pilgerpfad und der E1 verlaufen jetzt gradlinig und ich kann den Verlauf des Weges weit im Voraus sehen. Kein Mensch geht auf diesem wunderschönen Weg, der sich gemächlich durch die Felder zieht. Ich aber eile ihn entlang, nur hin und wieder bleibe ich kurz stehen, um eine Brombeere zu naschen. Ich habe einen Kompromiss gefunden: an jedem Busch eine Beere. Die Fliederbeeren beginnen auch schon reif und rot zu werden. Die Felder sind bereits abgemäht, nur der Mais steht noch. Dieses Jahr steht er saftig grün und ist groß gewachsen. Es gibt viele Maisfelder hier, denn die Politik verlangt nach Biotreibstoff, den die Autos in der E10-Variante vielleicht gar nicht so gut vertragen.

In Sieverstedt versuche ich über Komoot, eine weitere Abkürzung zu finden. Es gibt eine, aber ich müsste einer breite Straße entlang laufen. Ich denke an den Lärm und entscheide mich dagegen, bleibe auf dem geplanten schönen Pilgerweg und nehme den weiteren Weg in Kauf. Er bringt mich noch etwas weiter nach Norden und biegt erst kurz vor Süderschmedeby westwärts Richtung Tarp ab.

Hier beginnt der Umweg zum Bahnhof, den ich bei der nächsten Wanderung voraussichtlich wieder zurück laufen werde. Insgesamt sind es so zwanzig Kilometer Umweg.

Ich rede mir immer noch ein, dass ich es bis 18:15 Uhr schaffen könnte. Doch es ist bereits 17 Uhr und die verbleibenden neun Kilometer müsste ich in 1:15 Stunde schaffen. Ich müsste noch schneller laufen als bisher. Für einen Moment denke ich, ich sollte ein Stück rennen, aber meine Seele protestiert umgehend. Der Geist entschuldigt sich und meint, er versuche nur, sein vorgegebenes Ziel zu erreichen. Der Körper führt aus, dass es an ihm nicht läge. Er funktioniere prima und könnte noch schneller.

Die letzten Kilometer zum Bahnhof ziehen sich zäh und langwierig hin. Es geht nicht mehr richtig voran und ich könnte gut auf sie verzichten.

Kurz vor dem Ziel werde ich überrascht vom Tarper Eulenwanderweg, der in einem kleinen Waldstück beginnt über eine Wiese führt. Mitten hindurch fließt die Treene, eine hübsche Brücke führt hinüber. Der Eulenwanderweg präsentiert die Ergebnisse eines Projektes, das zwischen 2007 und 2011 in fünf Eulen-Workshops 64 Auszu-bildenden des Holzbildhauerhandwerkes die Gelegenheit gab, ihr Können zu zeigen. Es sind vierundsechzig  Eichenholzskulpturen entstanden. An einigen dieser Exponate sause ich schnellen Schrittes vorbei, ich habe keine Zeit, sie richtig zu würdigen. Nur vor einer Skulptur bleibe ich stehen, es stellt einen großen Teufel dar. Er hält etwas zwischen seinen Händen hält, ich nehme mir gar nicht die Zeit, zu ergründen, was es ist, sondern lese gleich das daneben aufgestellt Schild. Die Skulptur nennt sich „Innerer Reichtum“. Die Künstlerin Nadia Mass aus Hamburg meint dazu: „Die Skulptur gehört zur narrativen (erzählerischen) Arbeitsweise. Die Bildhauerin möchte mit der symbolischen Darstellung von Drache und Eulenkralle, Fülle, Reichtum, Weisheit und Jenseitigkeit gestalterisch verbinden.“ Jeder sieht halt das, was er sehen möchte. Für mich symbolisiert es meinen inneren Teufel, der mich heute geritten hat.

Schließlich muss ich eingestehen, dass ich keine Chance mehr habe, den Zug zu erreichen. Auf einmal habe ich genug Zeit, um mir im Supermarkt Bananen, einen leckeren Salat (mit Mais), einen Joghurtdrink und eine Fassbrause zu erwerben. Damit gehe ich in aller Ruhe zum Bahnhof setze mich auf eine Bank am Bahnsteig und stille meinen Hunger. Ich bin zufrieden, nur anstelle der Fassbrause hätte ich mir ein richtiges Bier kaufen sollen. Zur Belohnung nach der Hetze.

Ganz entspannt warte ich auf den nächsten Zug, der allerdings erst in vierzig Minuten eintreffen wird. Jetzt, wo nichts mehr zu ändern ist und nichts zu tun als zu warten, werde ich ganz ruhig und kann die Abendsonne in vollen Zügen genießen.

Mir gegenüber liegt traurig das alte Bahnhofsgebäude, das bereits sehr herunter gekommen ist. Auch auf diesem Bahnhof gibt es keine Bahnangestellten mehr, nur ein Ticketautomat. Für einen Moment muss ich noch einmal an den Stress der Hinfahrt denken, aber jetzt habe ich die notwendigen Gelassenheit wieder gewonnen.

Und dann kommt der Zug und ich besteige ihn mit dem Gedanken, dass es doch egal ist, welchen Zug ich nehme.

"Ich werde auf jeden Fall ankommen. Wann, ist doch gar nicht so wichtig.“

Ich greife zum Telefonhörer, um meiner Verabredung zu berichten, dass ich später kommen werde.

Der Abend endet ganz entspannt mit einem guten Glas Rotwein und angenehmen Gesprächen.

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