14. Tag: Schloss Bothmer

Freitag, 12.9.14, 29km

Vom Sinn des Wanderns


Zum heutigen Ziel sind es schon zweieinhalb Stunden Bahnfahrt und bald wird die Zeit der eintägigen Wanderungen vorbei sein.

Schon vor acht geht es am Freitag los, der Bus bringt mich zum Bahnhof, dort steige ich in den Zug nach Buchholz. Ich höre die Durchsage, dass Neun – Uhr Ticket gelte, wie der Name sagt, auch erst ab Neun und schließe die Augen, um noch ein Weilchen zu dösen. Kaum ist der Zug in Bewegung, da schrecke hoch: „Mensch, du hast gar kein Ticket gelöst“. Bisher ging das im -Bus, aber Fallingbostel liegt nicht mehr im HVV-Bereich und das Ticket muss im Bahnhof gelöst werden. Das habe ich total vergessen und jetzt bin ich zum Schwarzfahrer geworden. Mir wird heiß, gleichzeitig werden die Finger eiskalt, der Puls beschleunigt. Ich versuche mich zu beruhigen und an nichts zu denken, vor allem nicht an den Schaffner, der meine Fahrkarte kontrollieren möchte. Ich weiß von vorangegangenen Fahrten, dass in der Regionalbahn wenig kontrolliert wird und die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, ist gering. Es hilft aber nicht. Meine Gedanken beißen sich fest und ich halte pausenlos Ausschau nach dem Schaffner. Ich möchte nicht als Schwarzfahrer erwischt werden. Und tatsächlich, da nähert sich jemand und offenbar kontrolliert er die Fahrkarten. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein, aber vorsorglich springe ich auf und gehe eilig durchs Abteil, weg vom vermeintlichen Schaffner, die Treppe des doppelstöckigen Abteils runter. Ich will schlau sein. Aber auch dort scheint es mir, dass ein Schaffner durch die Reihen geht. Noch ist er am anderen Ende des langen Abteils. Ich vermute, sie kennen die Tricks der Schwarzfahrer und wollen sie abfangen, indem sie oben und unten gleichzeitig kontrollieren. „Was soll ich machen?“, frage ich mich, schon etwas verzweifelt, gleich darauf kommt mir die rettende Idee. Ich verschwinde auf dem WC und bleibe dort, bis der Zug im Bahnhof Buchholz einfährt. Als ich die Tür öffne, fürchte ich, dass der Schaffner vor der WC-Tür auf mich wartet, aber er ist weitergegangen. Auf dem Bahnsteig atme ich tief durch und frage mich, ob mir meine Fantasie einen schlechten Streich gespielt hat.

Geschwind löse ich am Bahnsteig mein Ticket und steige in den Heidesprinter. Der Zug setzt sich auch gleich in Bewegung, das aber ziemlich gemächlich und erst nach einigen längeren Stopps an den nachfolgenden Bahnhöfen komme ich in Bad Fallingbostel an.

Um 10:30 Uhr steige ich endlich aus dem Zug und los geht es.

Der Marsch führt mich entlang eines Gewerbegebietes und ich sehe Firmenschilder, die ich bisher nur von anderer Seite, der Autobahn nämlich, kenne. Jetzt sind sie spiegelverkehrt und von hinten zu sehen. Die Schilder

ruhen auf ziemlich hässliche Firmengebäuden, an denen ich eine ganze Weile vorbei gehen muss.

Kaum hat mich der Wald hinter dem Gewerbegebiet wieder aufgenommen, da reißt der Himmel auf und die Sonne bricht mit ihren warmen Strahlen durch die Wolken. Auch im September hat sie noch viel Kraft. Wie schon beim letzten Mal geht es auch heute schnurgeradeaus und das Wandern ist etwas eintönig. Ein großes Feld zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, über 400 Meter ist es lang und mit dunklen Planen verhangen. Unter die Abdeckung dringt nur dämmeriges Licht und tiefe Rinnen streben von mir fort, darin wachsen kleine grüne Pflanzen, jungen Bäumen gleich, die dem dämmerigen Licht entgegen sprießen. Etwas Ähnliches habe ich bisher nicht gesehen.

Über dem Feld kreisen zwei riesige Vögel in luftiger Höhe, anmutig haben sie ihre Schwingen gespreizt und sie bewegen sich kaum. Gelegentlich geben sie kurze Laute von sich. Vielleicht sind es zwei Adler, aber ich weiß es

nicht genau. Adler sind selten in Deutschland und warum sollten sie gerade hier über dem hässlichen Feld kreisen? Minutenlang beobachte ich ihren Flug.

Dann wende ich mit von dem sonderbar hässlichen Feld ab. Es geht weiter geradeaus, dann endlich biege ich links ab und betrete das Gehölz „Bossels Born“. Doch auch im Wald geht es immer nur geradeaus. Der Waldboden ist sandig, der Weg für Wirtschaftsfahrzeuge mit zwei Spuren befestigt, dazwischen wächst Gras. Ich gehe auf der linken Spur, brauche nicht auf den Weg zu achten und komme gut voran.

Zunächst merke ich es gar nicht, der Wanderflow ist wieder da. Ein Schritt folgt dem nächsten, ich muss gar nicht mehr darauf achten, die Füße voreinander zu setzen. Meine Gedanken sind ganz fern.

Wandermeditation. Meditieren beim Wandern.  

Eine Meditation dient dem Körper und dem Geist, sich zu beruhigen und zu entspannen.

In einer normalen Mediation wird zunächst der Körper beruhigt, z.B. durch eine gezielte Atemübung. Durch langsames und tiefes Ein- und Ausatmen wird dem Geist sein Körper, den er bewohnt, bewusst. Dieser entspannt sich durch bewusstes Atmen. Ist der Körper entspannt, kann es auch der Geist sein, er unterbricht dann seine immerwährende Gedankenarbeit. Der Geist leert sich und allmählich zerfließen Raum und Zeit, die Gegenwart dehnt sich aus.

Wandern kann Meditation sein, wenn die äußeren Bedingungen gegeben sind. Hierzu gehört nach meinen Erfahrungen, dass der Wanderer einen möglichst geraden, ebenen und trockenen Weg vor sich hat. So muss er sich nicht um den nächsten Schritt sorgen. Die Augen können entspannen und den Blick auf den Boden richten, dorthin, wo die Füße in 4 Schritten sein werden. Perfekt ist, wenn totale Stille herrscht und die Ohren nichts zu hören haben. Vielleicht ist der Herbst die beste Jahreszeit, denn der Wald ist jetzt ganz still.

Der Wanderer sollte ohne Zeitdruck sein, damit sein Körper einen eigenen Rhythmus finden kann. Das Ankommen zu einer bestimmten Uhrzeit sollte nicht bestimmend sein.

Wenn die äußeren Bedingungen zum Wandern gegeben sind, kann eine Technik noch unterstützen, den gewünschten meditativen Wanderflow zu fühlen. Achte eine Weile auf deine Arme, damit sie mit den Beinen im Takt vor und zurück schwingen. Während die Arme schwingen, berühren beide Zeigefinger den Daumen und formen ein O. Nach dem Zeigefinger berühren nacheinander Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger den Daumen im Takt der Bewegung. Der Atem passt sich dem Schritttempo an. Das Atmen wird ruhiger und gleichmäßiger, und nach einer Weile atmest du tief ein und aus und der Körper erhält viel Sauerstoff. Ich atme immer beim ersten Schritt ein und bei den folgenden drei Schritten mit kleinen Stößen wieder aus. Bei jedem Schritt wechsle ich den Finger, so dass nach 4 Schritten alle Finger einer Hand den Daumen berührt haben. Meist mache ich es synchron mit beiden Händen. Am Anfang geschieht es sehr bewusst, manchmal mehrere Kilometer lang, bis schließlich der Körper seinen Rhythmus gefunden hat.

lange gerade Wege ermöglichen Meditation beim Wandern
lange gerade Wege ermöglichen Meditation beim Wandern

So kommt der Wanderflow und du kannst spüren, wie Körper und Geist beim Wandern eins werden.

Wenn Gedanken kommen, schaue sie kurz an, aber bewerte nicht. Frage dich nur, warum der Gedanke gerade da ist und lasse ihn gleich wieder los. Konzentriere dich nur auf Atmung und Bewegung.

Manchmal stört den meditativen Flow eine Weggabelung, macht dann den Blick in die Karte notwendig und fordert den Geist zur Orientierung, der sich so für Momente wieder vom Körper entkoppelt muss, um seine Arbeit zu verrichten.

Deshalb sind lange und gleichförmige Wege so gut geeignet. Denn was zunächst das Gefühl von Eintönigkeit und Langeweile erzeugen mag, wird durch Wandermeditation zur Grundlage für Gleichmut und Achtsamkeit.

Während ich die langen Wege entlang wandere, kehren meine Gedanken immer wieder zum eigenen Wanderprojekt zurück.

Durch Deutschland zu wandern, war für mich anfangs eine große Herausforderung. Ich hatte großen Respekt vor der Entfernung und es veranlasste mich zu gründlichster Planung und Vorbereitung. Ich wollte einschätzen können, ob ein solches Vorhaben für mich überhaupt machbar wäre. Nun, nach fast 500 Wanderkilometern in 14 Tagesetappen mit durchschnittlich 30 Kilometern am Tag habe ich herausgefunden, dass mein Körper das  Wandern beschwerdefrei verkraften kann unter der Voraussetzung, dass ich ausreichend Pausen mache und die richtige Nahrung zu mir nehme. Ich darf auch nicht zu schnell gehen, denn mein Körper verlangt nach seiner individuellen Geschwindigkeit. Wenn ich das beachte, macht mein Körper anscheinend sehr gut mit. Auf der ersten Etappe von Hamburg nach Flensburg war ich mir noch nicht sicher, aber nun nehme ich an, mein Körper wird bis zum Ende der Reise durchhalten. Diese Frage nach dem Ob scheint beantwortet zu sein. Aber kaum kenne ich eine Antwort, erscheint die nächste Frage: worin besteht nun der Reiz des Vorhabens, wenn das Ankommen bereits zur Gewissheit geworden ist? Dieser Gedanken kreist im Kopf herum und findet seine Antwort nicht.

Dann ist der breite, gemütliche Wanderpfad zu Ende und ich biege rechts ab. Damit ist die Wandermeditation zu Ende, aber eine Antwort habe ich nicht gefunden.

Der Weg wird schmal und führt durch dichten Wald, ist kaum noch zu erkennen und verschwindet dann ganz Das Gras reicht bis ans Knie, aber Komoot hat mich bereits einige Male sicher über nicht mehr sichtbare Wege geführt. Ich stolpere durch immer dichter werdendes Unterholz, dann stehe ich vor einem Wasserloch von ansehnlicher Größe, der Pfad scheint mitten hindurch zu führen. Ich besinne mich nicht lange und will den Tümpel seitlich umgehen. So wende ich mich nach links, mache einen großen Schritt und als ich meinen linken Fuß absetze, versinkt er im Morast. Das Wasser reicht bis an die Schnürung und um nicht vollends zu versinken, ziehe ich meinen rechten Fuß nach. Aber auch der versinkt und das schwarze Wasser läuft in die Stiefel, durchfeuchtet die Socken. Es fühlt sich kalt an. Ohne nachzudenken ziehe ich den linken Fuß aus dem Matsch, mache einen Schritt und erreiche endlich wieder festen Boden.

So schnell kann es gehen, Schuhe und Hose sind verdreckt !

Und ich weiß nicht einmal genau, wie es dazu gekommen ist.

Stellen wir uns einmal vor, es gäbe so etwas wie eine Kraft, die uns umgibt und Geschicke lenken kann. Wenn das vorstellbar ist, dann könnte es sein, dass diese Kraft mich an dieses Wasserloch geführt hat, um mir hier ein Zeichen zu geben. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem ich am Sinn meiner Wanderung Zweifel spürte. Genau in dem Moment, wo das Wandern langweilig wird und ich an den Abbruch meiner Wanderreise denke und stattessen nach einem Sinn fragte. Als ich vermute, dass die Reise nichts weiter als eine Aneinanderreihung von Wanderetappen wäre, die ich nacheinander bewältigen würde. Weil mir die Herausforderung droht, abhanden zu kommen.

Wenn es diese Kraft denn gibt, dann könnte sie mir sagen wollen, dass nichts sicher ist und dass jeder Moment eine Überraschung bereit halten kann. Sie will mir vielleicht sagen, dass jeder Wandertag einzigartig ist und Abenteuer bereit hält.

Und wenn es diese Kraft nicht gibt, so bin ich schlicht in einem Wasserloch versunken. Das mag sich jeder selbst aussuchen.

Ich aber möchte in diesem Moment an die Kraft glauben und an ein Zeichen, das mir die Augen geöffnet hat. Und ich bin dankbar dafür. Für mich ist es ein Zeichen, dass ich diese Wanderung zu Ende führen und nicht vorzeitig abbrechen werde.

Dann ist der Moment vorüber, ich biege aus dem idyllischen Waldweg auf die vielbefahrene Bundesstraße Richtung Hodenhagen. Komoot meint, dass es nur hier lang geht. Die Straße hat keinen Fußweg und ich muss die Straße entlang gehen. Eine endlose Kette von Schwerlasttransportern zwingt mich auf den schmalen Randstreifen. Ich komme nur sehr langsam voran. Die entgegenkommenden Lastwagen weichen kaum aus, ich spüre die Bugwellen der Luft, die sie vor sich her schieben. Hier zu laufen, ist nicht ungefährlich und ich bin froh, endlich das Ortschild zu passieren. Hier kann ich von der Höllenstrecke abbiegen und bald liege ich an einem kleinen, ruhigen Teich und mache Pause. Nichts zeugt von der dicht befahrenen Straße, die nur wenige Dutzend Meter entfernt ist. Ich mache die Schuhe und Hose sauber, strecke mich aus und gleich darauf bin ich eingeschlafen. Die letzten Ereignisse haben mich sehr angestrengt. Wer sagt, Wandern kenne keine Herausforderung?

Erfrischt mache ich mich wieder auf und nach kurzer Zeit bin ich zurück auf der Bundesstraße. Glücklicherweise gibt es hier jetzt einen Fußweg, aber es bleibt eine harte Prüfung, auf dieser Strecke zu wandern, denn wie schon zuvor folgt auch hier ein Schwerlasttransporter dem Nächsten, der Lärm ist infernalisch. Ich komme gefühlt überhaupt nicht mehr voran und merke auch nicht, dass ich bereits den Wildpark Serengeti passiert habe.

Endlich erreiche ich Eickelloh, die Bundesstraße führt mitten hindurch. Die schweren Lastwagen brettern mit fast unverminderter Geschwindigkeit durch den Ort und ich bedaure die Anwohner. Und mich, der hier entlang gehen muss. Doch am Ende des Dorfes kommt eine Überraschung, mit der ich nicht mehr gerechnet habe. Ein altes Bauernhaus ist in ein Café verwandelt worden und hinter dem Haus gibt es Tische im Freien. Ich bestelle einen großen Kaffee und eine hausgemachte Buchweizentorte, sehr lecker. Von der Straße hört man überhaupt nichts mehr und ich danke der Kraft, die an das Ende meiner kleinen Prüfungen diese Belohnung bereitet hat.

Frisch gestärkt mache ich mich bald wieder auf den Weg und finde gleich darauf ein Hinweisschild. Das Schloss Bothmer ist heute mein Ziel, ich werde dort übernachten. Endlich kann ich von der viel befahrenen Hauptstraße in die Feldmark abbiegen und dem Flüsschen Aller folgen, das gemächlich durch die Felder fließt, bis fünf Kilometer weiter der Gemächlichkeit ein Ende bereitet. Die Wassermassen stürzen tosend mehrerer Meter tief ein Wehr hinab. Und kurz darauf wird die kleine Aller durch die zufließende Leine verschluckt.

der kleine Gott Amor vor Schloss Bothmer
der kleine Gott Amor vor Schloss Bothmer

Hier verlasse ich den Flusslauf und folge dem Weg entlang bereits abgemähter Getreidefelder, die golden die herbstlichen Sonnenstrahlen in langen

Schatten zurückwerfen. Es ist schon spät und ich bin froh, durch das stattliche Tor des Schlosses Bothmers

zu schreiten. Als erstes sehe ich Pferdeställe und an einer Pferdebox lehnt die Tochter des Hauses. Sie begrüßt mich und bietet sogleich einen Kaffee an. Ich nehme dankbar an. Serviert wird draußen unter einem großen Baum mit Blick auf das alte Gutshaus. Es soll früher einmal ein Rittergut gewesen sein, wie ich auf meinem Smartphone nachlesen kann. Heute ist es eher ein Reitergut, wovon die Stallungen am Eingang zeugen. Eine Statue im Hof mimt Gott Amor, der Pfeil ist bereits verschossen. Vielleicht hat er die weiße Statue getroffen, die sehnsüchtig gen Himmel schaut und nach dem Liebsten Ausschau hält.

Auch ich bleibe heute nicht alleine, denn morgen wird mich eine Freundin begleiten. Sie steckt noch im Stau auf der Autobahn und es wird noch etwas dauern, bis sie eintreffen wird. So beziehe ich schon mal das Zimmer

im Gästehaus neben dem Gutshaus. Es ist gemütlich, hat Wintergarten und Terrasse.

Der Abend klingt mit einem schmackhaften Essen aus, dass uns Frau Königbauer, die Eigentümerin des Hotels, selber zubereitet. In dem nur für Hotelgäste geöffneten Wintergarten reicht sie Parmesankartoffeln auf marktfrischem Salat mit gebratener Hühnerbrust bzw. frischem norwegischen Lachs. „Das Huhn stammt aus dem Nachbardorf“, betont sie, denn sie verarbeitet nur frische und möglichst heimische Zutaten. So hat es auch geschmeckt – einfach phantastisch!

So versinke ich nach einem erfüllten Tag in einen wohlverdienten Schlaf.