7. Tag: Eckernförde - Schleswig

Samstag, 26.6.14, 34 km in 7 Std.

Auf den Spuren der Wikinger

  Bisher ging es eigentlich immer Richtung Norden, heute aber ist es anders: es geht nach Westen. Das geht gar nicht anders, denn zwischen Eckernförde und Schleswig liegt die Schlei, die sich von der Ostsee her tief ins Landesinnere frisst. An ihr geht es heute entlang bis nach Schleswig. So werde ich heute zwar Kilometer abspulen, komme meinem nördlichen Ziel - Flensburg - dadurch aber nicht viel näher.

  Die Erde ist in 180 Breitengrade eingeteilt, am Äquator geht es los. Von dort - dem Nullmedian - ist die Erde in jeweils neunzig Breitengrade eingeteilt, die am Nord- bzw. Südpol enden.

  Mein Ausgangspunkt ist Hamburg, das auf dem 53. nördlichen Breitengrad liegt. Als ich an meinem dritten Wandertag durch Boostedt ging, habe ich den 54. Breitengrad überschritten. Bemerkt habe ich dies nicht, wie sollte ich es auch, denn die Breitengrade sind ja nicht auf dem Boden markiert. Einen weiteren Breitengrad werde ich jedoch nicht übertreten, denn auch Flensburg befindet sich noch auf dem 54ten. Erst zweiunddreißig Kilometer weiter nördlich in Aabenraa (Dänemark) wäre der 55. Breitengrad erreicht. So weit reicht also ein Breitengrad.

  Ein Breitengrad ist in 100 Minuten eingeteilt.

  Hamburg als dem Ausgangspunkt meiner Wanderung liegt auf dem Breitengrad 53°55 Minuten. Eckernförde liegt schon auf dem Breitengrad 54°46 Minuten. Ich bin also in sechs Wandertagen schon beachtliche neunundachtzig Minuten, das ist schon fast ein Breitengrad, in nördliche Richtung gelaufen. Durchschnittlich habe ich fast fünfzehn Breiten-Minuten am Tag zurück geschafft.

  Heute werden es nur sechs Minuten sein, wenn ich abends Schleswig erreicht haben werde. Denn es geht die Schlei entlang in überwiegend westliche Richtung.

  Bei der nächsten Wanderung geht es dann wieder Richtung Norden und wenn ich Flensburg erreicht haben werde, bin ich noch einmal siebenundzwanzig Breiten-Minuten gegangen.

  Auch wenn es kaum nach Norden gehen wird, muss ich heute mehr als 30 km laufen und mein Weg folgt erstmals dem Fernwanderweg E1.

  Ich stehe früh auf, frühstücke reichlich, schmiere mir Brote, packe Äpfel und Müsliriegel in den Rucksack. Weil es beim letzten Mal gut war, koche ich auch noch zwei Eierund ergänze so meinen Proviant um nahrhaftes Eiweiß.

  Es soll regnen, vielleicht wird es Gewitter geben, aber auch Sonne soll es geben. Eine solche Prognose ist schlecht für einen Wanderer, denn er muss so alles einpacken, um jedem Wetter gewappnet zu sein. So kommen das kurz- und langärmelige Fleece in meinen Rucksack, die Regenjacke ziehe ich gleich an. Oben drauf den Proviant und der kleine Rucksack ist randvoll.

  Der Bus bringt mich zum Bahnhof und der Interregio nach Kiel, dort steige ich um. Ich sitze schon im Zug nach Eckernförde, da steigt noch eine Hundeschule zu. Fünfzehn große Hunde ziehen an meinem Platz vorbei, mit Herrchen oder Frauchen an der Leine im Schlepp. Die Hunde sind eine Weile aufgeregt, finden dann aber ihren Platz und verhalten sich ruhig. Keine Hund bellt. Als letztes steigt ein Mann zu, der sich neben mich stellt. Auf seinem Rücken kann ich lesen: „Altenholzer Hundefreunde e.V.“. Scheinbar führt er die Handestaffel an und ich frage ihn, was es mit den vielen Hunden im Zug auf sich hat.

  "Es ist eine Ausbildung für die Hunde. Sie lernen das Bahnfahren. Das machen wir einmal im Jahr.“

  Dann erklärt er noch, dass die Hunde eigentlich einen Maulkorb tragen müssten, aber der Schaffner sieht das gar nicht so eng. Die Hunde verhalten sich absolut brav und in Eckernförde steigen sie wohlgeordnet wieder aus. Ich folge ihnen und stehe kurz nach zehn Uhr vor dem Bahnhof.

  Die Hundegruppe versammelt sich noch zu einem Gruppenfoto, während ich mich schon Richtung Windebyer Noor aufmache. Nur eine Schnellstraße muss ich überqueren und schon liegt die Stadt hinter und das Noor vor mir.

  Nach Plan soll ich jetzt auf den Fernwanderweg E1 stoßen, auf dessen Spuren ich dann den ganzen Tag wandern werde. Während ich den kleinen Wanderweg am Noor entlang gehe, halte ich nach der Wegmarke Ausschau. Es soll ein weißen Kreuz sein, ich stelle es mir groß und weithin sichtbar vor, vielleicht an einem Baum oder auf einen Stein gemalt.

  Und tatsächlich, bald finde ich mein erstes weißes Kreuz, es ist auf die Borke eines dicken Baumes gemalt. Doch es ist viel kleiner, als ich es mir vorgestellt habe. Trotzdem freue ich mich, endlich auf diesen Fernwanderweg gestoßen zu sein, von dem ich bereits so viel gelesen habe. Es ist ein erhebender Moment für mich, diesen Pfad zu betreten, der mich ab jetzt durch Deutschland geleiten wird.

  Der E1 führt für drei Kilometer das Noor entlang, das sich ganz sanft und mit großer Schönheit vor mir ausbreitet. Ich gehe eine alte Allee entlang, dicke Eichen säumen den Weg. Meine Augen blicken in die Kronen der alten Bäume und ich staune über das dichte Blätterdach. Ich bleibe stehen, schließe die Augen, atme tief ein und lasse die Luft sehr bewußt in meinen Lungen fließen. Ich werde ganz still, genieße Gerüche und Geräusche.

  Wer wohl diese Allee angelegt hat, die das Noor entlang führt. Und warum?Wohin führt sie wohl? Fragen.

  Ich schreite voran und freue mich so sehr, endlich auf dem E1 unterwegs zu sein, dass ich eine der knorrigen, alten Eichen umarmen muss. Ihr Stamm ist so mächtig, dass ich nicht einmal halb umspannen kann. Ein Spaziergänger kommt vorbei und sieht mich. Er lacht laut auf und bietet mir dann an, ein Foto von mir und dem Baum zu machen. Ich erzähle ihm, warum ich mich freue und was ich vorhabe. Er achtet besonders darauf, dass ein Wegkreuz des E1 mit auf das Bild kommt. Offenbar hat er mich verstanden. Beim Abschied wünscht er mir viel Glück.

  Bald darauf sehe ich die erste Schutzhütte auf dem E1. Ich habe gelesen, dass manch Wanderer in einer solchen Schutzhütte übernachtet. Ich schaue mir sie deshalb genau an. Sie ist fest gebaut, hat stabile Wände und ein festes Dach. Sie würde einen guten Schutz für die Nacht bieten. Aber der Boden ist dreckig und die Bank in der Hütte sehr schmal. Zu schmal, um sich dort in der Nacht in den Schlafsack einzurollen. Ich würde herunterfallen. Ich kann mir nicht vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt meiner Wanderung in einer solchen Hütte zu übernachten. Dafür scheint sie nicht gemacht zu sein.

  Ich biege nach rechts ab und will eigentlich weiter dem E1 folgen, aber ich finde keine weiteren Kreuze. Der E1 muss woanders langlaufen und ohne es recht bemerkt zu haben, muss ich ihn verlassen haben. Was bleibt mir anderes übrig, als wieder meiner eigenen Route zu folgen, wie schon bei den Wanderungen zuvor. Der Weg, der mich Richtung Kochendorf führt, ist wunderschön und führt durch fast unberührte Natur.

  Am Himmel braut sich etwas zusammen. Die Wolken werden grau und in der Ferne grummelt es bereits. In Kochendorf fängt es an zu regnen und der Regen wird schnell heftig. Ich suche unter einem großen Baumes Schutz und kaum stehe ich unter dem Blätterdach einer riesigen Eiche, da bricht das Gewitter in voller Heftigkeit los. Der Himmel ist mittlerweile tiefschwarz geworden und Blitze zucken aus ihnen hervor.

  Wie weit ist das Gewitter wohl noch entfernt?

  Mit langsamem Zählen kann man es bestimmen. Nach einem Blitz zählt man langsam ab Zwanzig aufwärts, bis man den Donner hört.

  Ich zähle, bis es donnert: "Einundzwanzig, zweiundzwanzig, … siebenundzwanzig."

  Das Gewitter ist also noch etwa sieben Kilometer entfernt, noch besteht keine Gefahr unter dem Baum.

  Mir fällt das Sprichwort ein: "Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen."

  Oh, ich stehe unter einer Eiche. Sollte ich lieber weiter gehen?

  Aber der Regen ist so heftig, dass er von der Straße hochspritzt. Ein wenig will ich unter dem Baum noch abwarten. Doch sein Blätterdach wird bereits durchlässig und ich bin von feinem Sprühregen umgeben. Immer noch besser, als im Regen auf der Straße pitschnaß zu werden.

  Ich schnalle den Rucksack ab und krame nach etwas Eßbarem. Schon blitzt es wieder.

  "Einundzwanzig, zweiundzwanzig."

  Donner grollt.

  Oh, jetzt ist das Gewitter nur noch zwei Kilometer entfernt!

  Da blitzt es schon wieder und ich zähle. Bis zum nächsten Donner dauert es schon wieder länger.   

  Damit weiß ich, dass das Gewitter weiter gezogen ist und die Gefahr vorüber ist. Auch der Regen wird jetzt weniger und ich kann weiter ziehen. Schnell packe ich alles wieder ein, doch kaum bin ich wieder auf der Straße, fängt es wieder an. Es schüttet wie aus Eimern. Ich renne die Straße entlang, glücklicherweise komme ich an Buswartehäuschen vorbei. Ich schlüpfe ins Trockene, nass bis auf die Haut.

  Ok, ich mache Mittagspause. Eigentlich ist es zu früh dafür, ich bin gerade einmal ein Stunde unterwegs. Wieder krame ich alles Eßbare hervor. Die Verpflegungslage ist gut. Eier und belegtes Brot vertilge ich im Nu, aber mit viel Genuss. Vor dem Wartehäußchen platscht weiter der Regen auf den Asphalt, aber es stört mich nicht.

  Auf einmal ist es still, denn es hat abrupt aufgehört zu regnen. Ich stecke meine Nase aus dem Wartehäuschen, schaue um die Ecke, wo ich von einem Naturschauspiel in Form einer messerscharfen Wettergrenze überrascht werde. Hier die riesige dunkle, fast schwarze Gewitterwolke und dort ein ganz und gar blauer Himmel ohne jede Wolke. Der blaue Himmel gewinnt die Oberhand und urplötzlich scheint die Sonne wieder, es wird hell und warm. Die Straße beginnt zu dampfen.

  Jetzt kann es weiter gehen. Ich packe den verbliebenen Proviant zurück in den Rucksack und setzte bei herrlichstem Sonnenschein meinen Weg in Richtung Götheby-Holm fort. Es geht der Sonne entgegen, im Rücken noch die dunkle Regenwolke. Mehr Regen brauche ich heute nicht.

  Die Nässe lockt allerlei Getier auf die Straße. Große Schnecken und kleine Frösche kreuzen meinen Weg. Sie werden von den nahen Wiesen auf die feuchte, dampfende Straße gelockt. Ich mag meinen Blick gar nicht vom Asphalt weg bewegen, denn ich habe Angst, eines der kleinen Krabbler zu zertreten. Ich bleibe stehen, um eine Schnecke zu beobachten, die sich gerade vom Straßenrand aufgemacht hat, um die Fahrbahn zu überqueren. Ganz langsam kommt sie voran. Ich vermute, dass es für die Schnecke eine Tagesreise ist, auf die andere Straßenseite zu gelangen. Ein gefährliches Unterfangen ist es obendrein, denn schon der nächste breite Autoreifen könnte ihrer Reise ein jähes und unglückliches Ende bereiten. Und wenn sie auf die andere Seite schaffen sollte, wird meine Tagesetappe wohl auch schon in Schleswig zu Ende sein.

  So sind es für jeden von uns weite Entfernungen, denn Distanz ist immer nur relativ.

  Über was man beim Wandern alles nachdenkt.

  In Goetheby biegt der Weg nach rechts ab. Jetzt geht es Richtung Schlei. Ich komme an zwei Sportboothäfen vorbei und dann verschwinde ich wieder im Wald. Kurz darauf komme ich an einer Waldkirche vorbei, die restauriert wird. Sie hat bereits ein neues Dach bekommen und gerade errichten drei Arbeiter vor dem Gebäude einen neuen Glockenturm. Ich frage einen der Arbeiter, welcher Verwendung die Kirche nach der Restauration dienen soll, denn sie sieht jetzt eher nach einem Wohnhaus aus. Aber er versteht mich nicht und antwortet in einer mir fremden Sprache.

  Weiter geht’s durch den Wald. Kurz darauf stehe ich vor dem Tor eines schlossähnlichen Herrenhauses. Ein Schild ist angebracht, auf dem steht: „Landeserziehungsheim Stiftung Luisenlund“. Unmittelbar an der Schlei beherbergt das Schloss eine Ganztagsschule sowie ein Internat, dass kurz nach dem 2. Weltkrieg gegründet wurde. Die Schule verfolgt das Ziel, jungen Menschen eine zeitgemäße, umfassende und ihre Individualität fördernde Schulausbildung zu ermöglichen. Sie sollen Fähigkeiten entdecken und diese auch für das Gemeinwohl einsetzten. „Zukunftsorientierte Selbstverantwortung“ steht laut des Pressesprechers im Mittelpunkt der Schulerfahrung. Ganz billig ist die Ausbildung nicht, denn mindestens 30 TEUR müssen die Eltern berappen, damit ihre Eleven eine schulische Ausbildung nach dem Motto „Lernen, Leisten, Leben“ genießen können, Segeln und andere Sportarten sind dann aber schon inklusive.

  Das alles steht nicht auf dem Schild, sondern ich habe es nach meiner Wandertour im Internet recherchiert.

  Ich gehe am Schloss vorbei, danach an Stallungen und komme schließlich ans Ufer der Schlei. An einer alten Sonnenuhr lasse ich mich nieder und genieße den weiten Blick über die Schlei. Am Ufer ist ein kleiner Segelbootshafen für die Eleven. Nachdem ich mich satt gesehen habe, packe ich meinen Proviant aus, vertilge die Reste, die von der frühen Pause geblieben sind. Während ich esse, flanieren Internatsschüler mit ihren Eltern vorbei.

  „Guten Tag“,  wünschen Sie höflich. Heute scheint Besuchstag zu sein.

  Ein wenig strecke ich noch die Beine aus, dann geht es wieder Richtung Wald. Ich komme an einem riesigen Baum vorbei, lautes Brummen ist aus ihm zu hören. Ich versuche das Geräusch zu ergründen, doch ich sehe nichts. Eine ganze Weile muss ich still verharren, bis ich endlich die viele Blüten sehe, die der Baum trägt. Und dann kann ich auch die Hummeln und Bienen sehen, die sich auf und in den Blüten tummeln. Es müssen Tausende sein, die da summen und brummen. Damit ist das Rätsel gelöst. Das Insektenbrummkonzert verzaubert mich dermaßen, so ich mich lange nicht losreißen kann. Auch für solche Augenblicke wandere ich!

  Jetzt wäre ein Kaffee gut! Ich halte Ausschau. Doch in den nächsten Ortschaften Borgwedel und Stexwig hat nichts geöffnet, erst in Fahrdorf werde ich fündig. Von weitem schon prangt ein sonniges Schild entgegen: Rick’s Imbiss

  Ich merke, wie sich mein Schritt beschleunigt, der Körper zum Café strebt. Doch Kuchen hat Rick gerade keinen, aber dafür einen sehr leckeren Cappuccino. Damit sitze ich lange im Schatten einer Markise vor seinem Café.

  Und weil es gerade so schön ist, bestelle ich noch einen Cappucino.

  Doch irgendwann muss es weiter gehen, denn zehn Kilometer liegen noch vor mir. Die Route soll mich noch um das Haddebyer Moor führen.

  Womit ich nicht gerechnet habe: mein innerer Schweinehund schaut mir über die Schulter und fragt an, ob wir nicht einfach über die Brücke gehen sollten, um schnell das Haddebyer Noor zu überqueren. Fast wäre ich geneigt, ihm zuzustimmen, dem faulen Hund. Doch ein Blick über das Noor läßt mich in der Ferne Haithabu und das Wikingermuseum erblicken. Das will ich mir noch näher ansehen und so verkriecht sich mein innerer Schweinehund wieder und wartet auf eine bessere Gelegenheit.

  Sieben zusätzliche Kilometer, die sich lohnen, denn sie führen einen schönen und gut ausgebauten Weg oberhalb des Noors entlang und gewähren gute Ausblicke auf das Wasser. Nach einer Stunde komme ich am westlichen Teil des Ringwalls vorbei, der ab 770 nChr. die Wikingersiedlung Haithabu umschloss und schützte. Die Lage war sehr günstig gewählt, denn die Schlei als verlängerter Arm der Ostsee war schiffbar. Zugleich führte durch Haitabu der Ochsenweg mit nordsüdlichem Verlauf. Hier in Haitabu wurden Handelsgüter verladen, die nur wenige Kilometer über Land bis zur Eider gebracht und von dort weiter zur Nordsee verschifft wurden – und umgekehrt. 300 Jahre lang wuchs Haithabu heran und in seiner Blütezeit soll es mehr als 1.000 Einwohner gehabt haben, bis es 1050 in einer Schlacht vollständig niedergebrannt wurde. Es wurde nie wieder aufgebaut, verschwand im Schlick des Noors. Erst in den 1980gern wurde es wieder ausgegraben und rekonstruiert. Heute finden sich auf dem Gelände einige Nachbauten und veranschaulichen das Leben der Wikinger. Anstelle des ehemaligen Hafens gibt es einen Steg, an dem der Nachbau des Wikingerschiffes, das hier im Schlick gefunden wurde, bewundert werden kann.

  Für einen Besuch der Siedlung ist es für mich bereits zu spät, aber ein Blick von der nördlichen Wallanlage gibt mir einen guten Eindruck von der Siedlung.

  Ein Stück weiter stoße ich wieder auf das Andreaskreuz des Fernwanderwegs E1. Eine Informationstafel zeigte mir an, dass der E1 jetzt einen anderen Verlauf nimmt. Auch egal, der bisher gewanderte Weg ist ebenfalls sehr schön gewesen. Der Weg durch’s Noor wird von vielen Wanderwegen benutzt, unter anderem fand ich auch den Hinweis auf einen Pilgerweg, der hier entlang führt.

 Es geht noch am Haithabu Museum vorbei und schließlich komme ich wieder auf die Haddebyer Chaussee. Links von mir lasse ich die Brücke liegen, über die mich mein innerer Schweinehund so gerne geführt hätte. Ein Stück geht es die Schlei mit schönem Blick auf Schleswigs Altstadt entlang. Aber da ist auch der Wikingturm, ein markantes Wohnhaus mit 27 Stockwerken und 90m Höhe. Das Bauwerk wurde 1970 erbaut und löste seinerzeit heftige Proteste in der Bevölkerung aus, die meinte, der Turm sehe viel zu monumental aus. Ihrer Meinung nach würde der Turm das harmonische Stadtbild zerstören. Dieser Meinung möchte ich mich anschließen.

  Schließlich verlässt mein Weg die Schlei, führt unter der Autobahn hindurch und in die Stadt hinein. Auch heute fühlen sich die letzten zwei Kilometer wieder länger an und wollen bis zum Bahnhof nicht enden. Aber schließlich erreiche ich ihn doch. Als ich den Zug besteige, der mich zurück bringen soll, freue ich mich, dass dieser Bahnhof, von dem ich jetzt abreise, bei der nächsten Wanderung schon bald der neue Startpunkt sein wird.

  Und so ist ein Abschied gleichzeitig auch die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.

  Heute sind es vierunddreißig Kilometer geworden, jeder - bis auf die letzten zwei - davon ist schön, friedlich und genussvoll gewesen.

  Ich habe ein Schleswig – Holstein Ticket gekauft, das ja bekanntlich für einen Tag zur freien Fahrt in ganz Schleswig Holstein berechtigt. Es ist gerade Kieler Woche und so steige ich in Kile nicht um, sondern aus und mache noch einen Abstecher über die Kiellinie, genehmige mir einige Tuborg-Biere aus Dänemark, lausche auf dem Rathausplatz lauter Musik, die mich bis spät in die Nacht hält. Erst weit nach Mitternacht bin ich wieder in Hamburg, glücklich und zufrieden, jetzt meine Glieder ausstrecken zu dürfen.

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