Südlicher Schwarzwald


Auf dem Westweg, dem Mittelweg und dem Querweg von Hausach bis zum Bodensee

256 km, 12 Tage, 54 Wanderstunden

11.-22.10.16, Übernachtungen in Schutzhütte, wildes Campen, Campingplätzen, Naturfreundehaus, DJH und Gasthöfen

Erst folgte ich noch dem Westweg über die Berge und Täler des südlichen Schwarzwaldes, um auf dem Feldberg, der höchsten Erhebung meiner gesamten Wanderung, auf den Mittelweg zu wechseln. Zwei Tage ging es durch die wilde Wutachschlucht.

Auf dem wenig gegangenen Querweg streifte ich durch die schöne Hegau, die vulkanischen Ursprungs ist und strebte immer ungeduldiger werdend dem Bodensee entgegen.

Die Etappe endete in Konstanz am Bodensee an der deutsch/schweizerischen Grenze.

Nach insgesamt 1.700 Kilometern endete damit auch meine Wanderung längs durch Deutschland.

Die Wegmarke des E1 bekam ich auf dieser letzten Etappe nicht mehr zu sehen, sein Verlauf wird durch die Wegmarken anderer Wanderwege gekennzeichnet.

Wegzeichen Mittelweg
Wegzeichen Mittelweg
Wegzeichen Querweg
Wegzeichen Querweg
Wegzeichen E1
Wegzeichen E1

Das Wetter im Oktober war herbstlich frisch und mit meist bedecktem Himmel, aber es gab auch sonnige Tage. Die Nachtemperaturen lagen durchweg unter dem Gefrierpunkt und forderten Zelt, Schlafsack, Isomatte und mich heraus. Wie gut, dass es auch einige Nächte in festen Unterkünften gab.

Karte


Tag 61 (Dienstag, 11.10.16), Anreise HH-> Hausach-> Hasemannhütte (6km)

Vier Wochen später stehe ich abermals am Bahnhof von Hausach und wuchte Kumpel aus dem Zug. Der Rucksack hat im Vergleich zur letzten Etappe ordentlich zugelegt, denn Zelt, Schlafsack, Isomatte, Lebensmittel für mehrere Tage und zusätzliche elektronische Geräte bringen vier Kilo zusätzlich auf die Waage.

Eigentlich sollte für dieses Jahr Schluss mit dem Wandern sein. Doch das Wetter war im September noch so schön und stachelte meine Wanderleidenschaft ein weiteres Mal an.

Schließlich sind es nur noch zweihundertfünfzig Kilometern bis zum Bodensee und ich hoffe, am Ende dieser Etappe mein Wanderziel - den Bodensee - zu erreichen.

Damit es geschafft ist und ich frei bin für neue Ziele.

 

Das heutige Ziel ist dagegen bescheiden. Ich will heute nur den Farrenkopf hinauf. Auf seinem Gipfel steht eine Hütte, in der ich heute Nacht Schutz suchen möchte. Das allerdings stellt für mich eine besondere Herausforderung dar, denn es wird meine erste Übernachtung in einer Schutzhütte sein.

Als ich noch einmal am Hotel Eiche vorbei schreite, flüstert mir mein fieser innerer Schweinehund zu:

"Nimm dir doch ein Zimmer, denn da oben wird es bitterkalt sein."

"Kommt nicht in Frage", erwidere ich entschlossen. "Es wird schon nicht so schlimm werden".  Doch ganz sicher bin ich mir nicht. 

Die erste Wegmarke des Westweges weist nach Süden, den Berg hinauf. Bald komme ich an der Ruine Husen vorbei. Ein kurzer Blick zurück auf Hausach, dann richten sich meine Schritte weiter zum Gipfel. Ab hier wird es richtig steil.

 

Auf halber Strecke liegt die Hasenecklehütte, doch sie bietet zu wenig Schutz für eine Übernachtung. Weiter geht es durch den Herbstwald, bunte Blätter rascheln lustig unter meinen Schritten. Ich mag dieses knisternde Geräusch und es lenkt von der Mühsal des beschwerlichen Aufstiegs ab.

Ein kleiner Wegweiser führt zu dem Brunnen, der unterhalb der nächsten Schutzhütte liegt. Ich hatte schon ungeduldig Ausschau gehalten, denn Wasser brauche ich noch für die Abendmahlzeit, den Tee und meine Katzenwäsche. Er liegt wohl hundert Meter unterhalb des Weges und eigentlich ist der Brunnen lediglich ein Kunststoffrohr, das aus dem Hang ragt und sein Wasser nur tröpfelnd abgibt. Geduldig muss ich warten, bis die Wasserflasche gefüllt ist, gebe am Ende noch eine Tablette zur Aufbereitung hinzu, damit Chlor und Silberionen eventuelle Keime abtöten. Vermutlich ist diese Vorsicht hier oben gar nicht nötig. Aber Vorsicht ist besser als Magenkrämpfe.

 

Es dämmert, als ich die Hasemann-Hütte auf dem Gipfel des Farrenkopf erreiche. Was mache ich, wenn die Hütte verschossen ist? Zaghaft drücke ich an der Tür. Sie ist offen und hinter ihr liegt ein großer Raum, dessen Ende wegen des kargen Lichts, das durch zwei sehr kleine Fenster dringt, kaum auszumachen ist. Ich trete ein und gewöhne meine Augen an die Dunkelheit. Nach einer Weile kann ich eine feste Treppe ausmachen, die nach oben führt. Dort werde ich wohl mein Nachtlager aufschlagen können.

Hier werde ich es eine Nacht aushalten können. Es scheint ein guter Zufluchtsort zu sein. Glück gehabt!

Ich werfe Kumpel auf die lange Bank und bin froh, die schwere Last los zu sein. Auf dem großen Tisch steht ein Kerzenstumpf, den andere Wanderer vermutlich zurück gelassen haben. Licht zu haben, wäre jetzt wichtig, denn bald wird es vollständig dunkel sein. Ich suche mein Feuerzeug in den Tiefen meines Rucksack, muss lange graben. Dann endlich verbreitet ein  goldener Schein wärmenden Glanz meine bescheidene Unterkunft.

Von draußen dringt Gemurmel zu mir und plötzlich wird die Tür aufgestoßen, ein Mann steht im Türrahmen, den er vollständig ausfüllt. Ich bekomme einen riesigen Schreck, aber auch er steht wie angewurzelt da und schaut mich aus großen Augen an.

"Wollen Sie etwa hier übernachten?", fragt er schließlich. Neugier liegt in seiner Stimme.

"Ja, ... sicher", erwidere ich zaghaft und merke in diesem Augenblick, dass ich mir noch gar nicht sicher bin.

Weitere Gestalten drängen in die Hütte. Meine Hütte! Auch ihre Augen sind groß, als sie mich sehen.

Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Am deutlichsten erinnere ich diesen: Hoffentlich bleiben sie nicht. Ich hätte die Hütte jetzt lieber für mich alleine.

"Na, da passen Sie mal gut auf sich auf. Wir müssen weiter, denn gleich wird's dunkel und wir wollen noch ins runter Tal nach Hausach."

Ich bin erleichtert.

Ich lehne an der Hüttentür, während die Leute ihre Mountain-Bikes besteigen und geschwind den Berg hinab brausen. Schnell sind sie verschwunden und ich wieder alleine. Lange noch lehne ich im Türrahmen und lausche in die Stille hinein, die mich umgibt. Doch auch hier oben hört man noch die Geräusche der Stadt, die aus dem Tal hinauf bis zum Gipfel tönen. Ich frage mich, ob es in Deutschland überhaupt noch Orte völliger Stille gibt, wenn es nicht einmal hier völlig ruhig ist.

In der Zwischenzeit ist es vollständig dunkel geworden und ganz plötzlich überkommt mich ein schreckliches Gefühl des Alleineseins. Mir wird kalt und ich weiche zurück in die Hütte, suche dort Schutz , ziehe die Tür hinter mir zu, so fest es nur geht. Ich bin froh über das bißchen Kerzenschein, dass hier drinnen etwas Licht und ein wenig Wärme spendet.

 

Auspacken, im Dach den Schlafplatz richten, die Trockenmahlzeit zubereiten, Tee kochen.

Etwas warmes essen und trinken.

Erst als die Geschäftigkeit nachlässt, spüre ich wieder die Kälte, die allmählich meine Beine hochkriecht. Und das Alleine sein.

Es ist erst zwanzig Uhr. Was jetzt machen, was tun? Es gibt nichts. Außerdem ist es kalt.

Ich beschließe, schlafen zu gehen, auch wenn ich noch nicht müde bin.

Der Dachboden ist groß, leer und ungemütlich. In der Raummitte habe ich mein Lager ausgebreitet. Umhüllt von warmer Merinounterwäsche husche ich in den Daunenschlafsack, der auf der isolierenden Luftmatratze liegt, die auch mit Daunen gefüllt ist.

Bald ist mir nicht mehr kalt. Aber kuschelig wird es nicht.

Ich schließe die Augen und versuche an nichts zu denken, will einschlafen. Doch das gelingt mir nicht. Unbekanntes, das ich nicht einordnen kann, dringt an mein Ohr. Geräusche werden in meinem Gehirn zu unheimlichen Kobolden, die in meiner Fantasie draußen um die Hütte tanzen. Die Tür ist nur angelehnt, wird mir bewußt. Was wäre, wenn sie reinkommen?

Ich versuche wieder und wieder, an nichts zu denken. Doch der Grusel bleibt. Bis ich irgendwann doch einschlafe.

Tag 62 (Mittwoch, 12.10.16), -> ein Feld südwestlich von Schonach (22km)

Ein Sonnenstrahl, der durch das kleine Dachfenster herein schimmert, läßt mich erwachen. Ich habe fest durch geschafen und nun sind die Kobolde der Sonne gewichen. Ich fühle mich trotz des Gruselns ausgeschlafen und fit, habe gute Laune und bin bereit für neue Taten.

Doch kaum habe ich mich aus dem warmen Schlafsack geschält, empfängt mich klirrend kalte Luft. Schnell schnappe ich mir Zahnbürste und Wasser und trete vor die Tür. Brrr, ist das kalt! Ein menschliches Bedürfnis treibt mich in die Büsche, der Boden ist gefroren...

Rasch packe ich meine Sachen zusammen, Frühstück wird es erst später geben.

Es ist noch keine Neun, als ich wieder unterwegs bin. Jetzt geht es den Farrenkopf auf seiner südlichen Seite wieder herunter und schon nach einer Stunde kommt die nächste Schutzhütte in Siche. Vor der Büchereckhütte steht eine Bank in der wärmenden Morgensonne. ich breite meine Habeligkeiten vor mir aus, ein ausgedehntes Frühstück macht mich richtig fit und am nahen Brunnen stocke ich meine Wasservorräte wieder auf. Wieder kommt eine Chlortablette hinzu, auch hier ist es vermutlich nicht notwendig, weil die Quelle so nahe am Gipfel sauber sein wird.

Gestärkt geht es weiter. Berge rauf und Berge runter, so geht es den ganzen Tag den Westweg entlang. Am Wegesrand liegen einige Windkraftanlagen, die bereits von Weitem auszumachen sind. Der Schwarzwaldromantik gibt das einen Dämpfer, aber jeder Mast erzeugt Strom für 2.000 Haushalte und dient dem sauberen Fortschritt. Was ist wichtiger?

 

Das heutige Wanderhighligt ist der Karlstein, der unweit des Westwegs aufragt und leicht bezwingbar scheint. Oben gibt es einen herrlichen Rundumblick und die Gewissheit, wieder einmal auf über 1.000 Höhenmetern zu sein. Der Himmel ist blau, die Luft glasklar und die Sonne wärmt. Was braucht es mehr, um mein Wanderherz glücklich zu machen?

Einen Kaffee!

Da wandere ich an einem Schild vorbei wandere. Ich lese:" Irenes Kuchen musst du versuchen". Das lasse ich  mir nicht zwei Mal sagen und schon sitze ich bei ihr auf der Terrasse und genieße sowohl Kaffee als auch Kuchen.

"Das Schild hast du doch schon einmal gesehen". Ich rede beim Wandern manchmal mit mir selbst. Und es fällt mir gleich ein: es war in dem Schwarzwaldvideo von Harald Roller (Min. 12:55), der hier auch pausierte. Ich plaudere noch ein wenig mit der Wirtin (ist es Irene?) und erfahre, dass man in ihrer Pension für wenig Geld übernachten kann.

"Nur Duschen kann' st net, wi' häbbe zu wenich Wasser. Es hat heuer zu wenich g'regnet."

"Aha", meine ich und da habe ich die Erklärung, warum aus den beiden Quelle so wenig Wasser tröpfelte. "Ich gehe eh noch ein Stück. Zum Übernachten ist es mir noch zu früh."

Bei Schonach komme ich beim nächsten Gasthaus vorbei. Nun wäre die Zeit recht für eine Übernachtung, aber ausgerechnet heute – an einem Mittwoch - hat die Wilhelmshöhe Ruhetag. Es soll nicht da letzte Mal sein.

Weiter also.

Auf der anderen Straßenseite stoße ich auf das nächste Westweg-Portal. Dieses hier wirkt durch aufgeschichtete große Felssteine sehr imposant.

Ein paar Kilometer weiter, die Schatten werden bereits lang, balanciere ich auf schnmalen Planken übers Moor. Sie führen zum Blindensee, hier könnte ich mein Zelt aufschlagen, denke ich mir. Doch ich finde an diesem idyllischen Ort keinen Platz, es ist einfach zu feucht hier. So muss ich weiter. "Es wird schon etwas kommen", rede ich mir ein. Eine Herberge liegt allerdings nicht mehr am Weg, so viel weiß ich.

Eine Wiese, eingebettet zwischen zwei Wäldchen, bietet einen guten Platz zum Zelten. Der Platz, den ich aussuche, ist von der roten Abendsonne beschienen, die bald hinter den gegenüber liegenden Bergen verschwinden wird. Eile ist geboten! Das Zelt steht nach fünf Minuten, nach weiteren fünf Minuten ist die Isomatte aufgeblasen und der Schlafsack ausgerollt. Ich bringe meinen kleinen Kocher zum Sieden und  übergieße das Trockenfutter mit dem kochenden Wasser. Nach neun endlos erscheinenden Minuten kann ich es endlich direkt aus der Tüte genießen. Es schmeckt tatsächlich gut, aber nach einem langen Wandertag schmeckt wohl alles. Danach gibt es einen Pfefferminztee und die Wärme tut gut. Derweil verschwindet die Sonne abrupt hinter dem Berg, so, als hätte jemand den Stecker gezogen. Schlagartig wird es kalt, richtig bitterkalt. Ich muss Schutz suchen im Zelt.

Und wieder taucht die Frage nach einer Beschäftigung auf. Was anfangen mit dem noch jungen Abend? Ich finde eine Anwort: Musik hören über das IPhone. Den kostbaren Strom, den das jetzt verbraucht, werde ich morgen schon über das Solarpanel nachladen können, hoffe ich.


Tag 63 (Donnerstag, 13.10.16), -> ein Feld östlich von Breitnau (32km)

In der Nacht ist es stürmisch und wenn der Wind besonders heftig durch die Tannen pfeift, wache ich davon auf. Im Zelt aber ist alles ruhig und der Schlafsack hält mich ausreichend warm.

Als der Morgen dämmert, bin ich ausgeschlafen. Zähneputzen, Katzenwäsche, Wasser heiß machen. Es gibt Müsli und Tee. Dann Zusammenpacken, das Zelt kommt feucht in den Beutel. Es gibt keine Chance, es zu trocknen.

Ready to go.

Der Waldboden ist noch gefroren, als ich losgehe. Heutiges Ziel ist der Brend, darauf soll es weiter zum Titisee gehen, den ich aber voraussichtlich heute noch nicht erreichen werde.

Der Weg, der sich sanft mal abwärts und dann wieder aufwärts einen Kammweg entlang schlängelt, macht mir Freude. Bald bin ich am Martinshof, der für Wanderer Zimmer anbietet. Gleich darauf biegt der Westweg rechts ab. Während ich ihm folge, sehe ich linkerhand eine kleine Kapelle. Doch ich will weiter und verpasse so die Bregquelle, einen Quellfluss der Donau. Später lese ich, dass der Besuch der Quelle Wanderpflicht sei. Nun, dieser Fleck der Allgemeinbildung wird für mich auf ewig blind bleiben, denn hier komme ich vermutlich kein zweites Mal vorbei.

Nur wenig weiter liegen die Günterfelsen, denen man unbedingt einen Besuch abstatten sollte. Die großen Granitbrocken liegen zwar etwas abseits des Westweg, aber der Abstecher lohnt. Während ich zwischen den Felsen herumsteige, fühle ich mich an das Felsenmeer im Odenwald erinnert, deren Entstehungsgeschichte ähnlich verlief. Die großen Felsbrocken haben schmelzender Eisberge hier zurück gelassen.

Nun geht es den Brend hinauf, nach zwei Kilometern habe ich ihn erklommen. Doch zuvor führt der Weg noch an einem Naturfreundehaus vorbei, durch die Fenster schimmert einladendes Licht. Ich könnte reingehen für ein zweites Frühstück. Ich hätte es machen sollen, doch ich gehe vorbei. So werde ich das Wesen der Naturfreundehäuser erst später kennen lernen.

Auf dem Brend gibt es einen großen Parkplatz, mehrere Rastplätze, Feuerstellen und sogar einen Kinderspielplatz. Im Sommer mag hier viel los sein, doch jetzt im Oktober ist hier oben kein Mensch. Ich lasse mich in der großen Brendhütte nieder und genieße bei Tütensuppe und Kaffee die Weitsicht ins Tal.

Am frühen Nachmittag komme ich am Gasthaus Kalte Herberge vorbei. Der Name rührt aus unruhigen Zeiten, als Bauern aus der Nachbarschaft und Bürger aus den nahegelegenen Städten ihre Vorräte und Wertsachen in den versteckten Kellergewölben des Gasthauses in Sicherheit gebracht haben. Im alten Schwarzwälder Dialekt bedeutet "verstecken" gleich "verkalten". Hier möchte ich eine Kaffeepause machen, doch ich bin zu früh dran, müsste noch zwanzig Minuten vor der verschlossener Tür warten. Etwas enttäuscht gehe ich weiter und finde kurz darauf eine provisorisch errichtete Bank mitten in der Sonne, die wie für mich gemacht ausschaut. Ich koche mir Kaffee, dazu einen Energieriegel und alles ist wieder gut.

Danach geht es noch viele Kilometer weiter auf den Höhen des Schwarzwaldes, durch Wälder und entlang der Wiesen, von denen aus man manches Mal weit ins Land schauen kann. Der Weg verläuft durchgehend auf über 1.000m. In Neueck hat der große Gasthof Zum Hirschen geschlossen. Ist die Saison denn schon vorbei?

Immer weiter treibt es mich voran und allmählich werden meine Beine lahm. Der Weg folgt nun einer Bundesstraße, der Verkehrslärm brandet die Straße entlang und nervt mich enorm. Ich würde jetzt gerne irgendwo ankommen. Mein Ziel ist das Gasthof zum Kreuz in Hohlengraben. Die Vorfreude auf das Ankommen wird durch ein Hinweisschild noch beflügelt, doch dann stehe ich an der Eingangstür und muss enttäuscht lesen, dass Donnerstags Ruhetag ist. Heute ist Donnerstag. Blöd ist das! Ich stampfe wütend auf.

Aber es nützt nichts, ich muss weiter. Kurz überlege ich, ob ich es doch noch bis zum Titisee schaffen würde. Dorthin sind es von hier aus noch elf Kilometer, doch fast dreißig Kilometer stecken mir bereits in den müden Knochen. Es ist schon nach siebzehn Uhr und in knapp zwei Stunden wird es finster sein. Tausend Gedanken drehen sich im Kopf herum. Mal sehen, was kommt.

Wieder geht es bergauf, nun ist es der Doldenbühl, der bezwungen werden will. Der Gipfel wartet mit einer großartigen Sicht auf ferne Gipfel auf, die dunkel im Abendrot schimmern. Es wird Zeit für ein Nachtlager, bevor es ganz duster sein wird und ich keinen Weg nicht mehr finde. Da bietet sich eine kleine Schutzhütte an, die aber gänzlich ungeschützt in der frischen Brise liegt, vermutlich würde es hier eine ungemütliche Nacht werden.

Weiter, entscheide ich mich schweren Herzens. Auf einer Höhe liegt eine Wiese. Das scheint der geeignete Platz für mein Zelt zu sein. Aber die Wiese ist abschüssig, ich würde aus dem Zelt rollen. Auf der anderen Seite der Wald. Soll ich dort Schutz suchen und mein Zelt aufschlagen? Das traue ich mich nicht.

Es ist schon fast dunkel, als es nach drei weiteren Kilometern direkt in den Wald geht soll, der finster und unheimlich vor mir liegt. Am Waldrand finde ich den Platz, nach dem ich suchte. Hier gibt sogar eine Bank, auf der ich Kumpel ablegen kann. So muss er nicht im feuchten Gras liegen. Schnell baue ich mein Zelt auf. Doch der Platz gefällt mir nicht, es ist zu zugig hier. So baue ich das Zelt wieder ab, das geht mit dem Tarptent ja ruckzuck und stelle es an anderer Stelle wieder auf. So komme ich neben einem Haufen Heuballen zu liegen, die mir einen prima Windschutz für die Nacht geben werden. Der Wind pfeift schon heftig durch die Bäume und kündigt endgültig einen Wetterumschwung an.

Ich will die Packsäcke für Schlafsack, Isomatte und Zelt gerade wieder im Rucksack verstauen, da merke ich, dass der Zeltsack nicht mehr da ist. Wo kann er nur sein? Ich passe doch immer so penibel auf alles auf. Ich durchsuche alles mehrfach und merke, dass ich langsam panisch werde. Vielleicht ist er beim Zeltumzug weggeweht? Ich laufe auf der Wiese hin und her bis zu einem weit entfernten Knick. Vielleicht hat sich der Sack ja dort verfangen. Aber ich finde ihn nicht, viel sehen kann ich sowieso nicht mehr, denn mittlerweile ist es dunkel geworden. Es hat keinen Zweck mehr, weiter zu suchen, schweren Herzens gebe ich den Sack verloren. Nun fühle ich schweren Hunger. Kumpel hat die ganze Zeil still auf der Bank ausgeharrt, aus seinem Bauch hole ich nun die Kochutensilien und die Wasserflaschen hervor. Oh Schreck, es ist fast kein Wasser mehr da. Ich dachte ja, ich würde im Gasthof übernachten, habe mich deshalb nicht um Nachschub gekümmert. Eine Quelle gibt es hier oben nicht und so muss ich mich entscheiden, was ich mit den 300ml mache, die noch verblieben sind. Ich entscheide mich für eine Tütensuppe, so bleibt noch ein Rest fürs Zähneputzen heute und morgen früh. Katzenwäsche fällt aus. Es soll mir eine Lehre sein, zukünftig besser auf den Wasservorrat zu achten.

Müde und hungrig schlüpfe ich in den Schlafsack und falle sofort in einen komatösen Schlaf. Einmal nur wache ich auf und höre, wie ein gewaltiger Sturm durch die Baumwipfel pfeift. Aber im Zelt habe ich es warm und gemütlich.

Tag 64 (Freitag, 14.10.16), -> Wanderheim am Feldberg (24km)

Am Morgen hat sich der Sturm gelegt, das Wetter ist tatsächlich umgeschlagen. Der Himmel ist nicht mehr blau, sondern grau. Dafür ist es jetzt wärmer als die Tage zuvor.
Das wenige Wasser reicht gerade noch zum Zähneputzen, aber nicht mehr für ein Frühstück. Also packe ich gleich zusammen und lasse den Magen knurren. Zu meiner Überraschung finde ich den Zeltsack, den ich gestern so verzweifelt suchte, unter der Zeltunterlage wieder. Meine Freude darüber ist groß und ich danke dem Universum für den glücklichen Ausgang meiner kleinen Prüfung. So hat im Rucksack jetzt alles wieder seine Ordnung und das vom Morgentau noch feuchte Zelt macht nichts mehr nass.
Kurz darauf kann ich den ersten Blick auf den noch fernen Feldberg erhaschen. Ihn möchte ich heute erklimmen. Aber zuerst geht es hinab zum Titisee. Irgendwo im Wald gibt es in einer der zahlreichen Schutzhütten ein kleines Frühstück. Frischwasser konnte ich zuvor schon an einer Quelle aufnehmen. 
Nach dem Auf und Ab der letzten Tage ist es äußerst angenehm, mal eine Weile nur bergab zu laufen. Am frühen Mittag erreiche ich Hermesdorf am Titisee. Weil ich einen Riesenhunger verspüre, steuere ich das erstbeste Lokal an und lande in einem Restaurant mit deutsch-italienischer Küche. Ich frage den Kellner, ob er draußen bedient, denn ich fürchte, dass ich aufgrund meiner reduzierten Körperpflege für andere Unangenehmes ausdünste und das möchte ich den anderen Gästen ungern zumuten. Gerne serviert er mir auf der Terrasse eine große Pizza mit Schwarzwälder Schinken und das Restaurant wird damit seinem Namen gerecht. Dazu gibt es ein großes Bier lokaler Brauart. Zivilisation hat auch ihr Gutes, denke ich, während ich schlemme. Der Wirt ist freundlich und zeigt mir sogar eine Steckdose auf der Terrasse, damit ich meinen Zusatzakku für das Smartphone während des Essens aufladen kann.
Nach einer sehr ausgedehnten, erholsamen Pause geht es durch eine touristisch geprägte Einkaufsstraße - vorbei an mit Kuckucksuhren überfrachteten Geschäften - zum See hinunter, dessen Anblick mich etwas enttäuscht, denn irgendwie hatte ich ihn mir anders vorgestellt. Imposanter wohl, aber es ist nur ein ganz normaler See. Am Besten gefällt mir ein uraltes Traditionshotel in der ersten Reihe nahe des Kurparks. Hier spüre noch etwas vom längst vergangenen Stil des alten Touristendorfes.
Ich wähle die westliche Route des Westwegs, die dem nördlichen Ufer des Titisees folgt. Bald gibt ein Wegweiser das Zeichen, den See Richtung Feldberggipfel zu verlassen. Sechzehn Kilometer sind es vom See bis dort. 
Wieder einmal geht es bergauf, aber das ist ja klar. Ein zwar schöner, aber anstrengender Weg windet sich Richtung Gipfel, vorbei an einer Sprungschanze, die ich schon am Morgen von der anderen Seite gesehen habe, nicht wissend, dass ich sie viele Stunden später erreichen würde. Vorbei an alten Gehöften, die anmuten, als  wären sie im Mittelalter erbaut worden, vorbei an Schutzhütten, die eine Option für eine Übernachtung bieten und schließlich zeigt ein Wegweiser zum Naturfreundehaus Feldberg, das nur noch vier Kilometer entfernt sein soll. Dort will ich hin und ich kann die Ankunft nach dem langen Wandertag kaum noch erwarten. Während der Mittagspause habe ich telefonisch ein Zimmer dort reserviert. Sicher ist sicher.
Die letzten Kilometer werden immer beschwerlicher, am Ende muss ich einem Bachlauf entlang auf schmalem Pfad, der mal am rechten, mal am linken Ufer entlang führt und ihn einige Male auf glitschiger Brücke passiert. Obwohl es schön hier ist, habe ich keinen rechten Blick mehr dafür. Immer steiler führt der Weg den Berg hinauf. Ich kann schon lange nicht mehr. Endlich mündet der Pfad auf einem Feldweg, der entlang einer Wiese verläuft, auf denen Schafe im Dunst tiefhängender Wolken grasen. Da, ein Haus liegt im Nebel, ich halte darauf zu. Bin ich am Ziel? Ich hoffe es so. Doch nein, noch nicht! Das ist  die Baldenwegener Hütte. Dort hatte ich auch angerufen, sie waren ausgebucht. Doch direkt dahinter taucht der Giebel des Naturfreundehaus Feldberg auf. Selten bin ich so erschöpft und gleichzeitig so glücklich durch eine fremde Tür eingetreten. Drinnen werde ich freundlich empfangen und darf gleich auf mein kleines Zimmer im ersten Stock. 
Nun dies: heiß Duschen, Wäsche waschen und aufhängen, ein Schläfchen machen.
Die Entspannung kommt beim Abendessen. Drei Wanderer sitzen bereits im Gemeinschaftsraum. Da ich heute Gesellschaft schätze, setzte ich mich zu ihnen an den großen, runden Tisch und bekomme auch gleich einen Teller Suppe vorgesetzt. Es ist der Auftakt zu einem gemütlichen Abend voller angeregter Unterhaltung. Ich erfahre zum Bespiel, dass eine der Wanderinnen ihre Sommer auf einsamen Almen verbringt, um Kühe zu hüten. Dort findet sie Frieden vor der hektischen Welt und verdient sich nebenher ihren Lebensunterhalt für das restliche Jahr.

Das Leben ist so vielfältig und beim Wandern kann man viel erfahren.

Tag 65 (Samstag, 15.10.16), -> Campingplatz südlich von Lenzkirch, 27km

Am nächsten Morgen finde ich erst spät aus dem weichen Bett. Als ich endlich im Frühstücksraum erscheine, sitzt dort nur noch Achim, die beiden Frauen sind schon fort. Gleich plaudern wir munter drauflos, was wir heute vorhaben. Wanderer haben sich immer etwas zu erzählen.

Achim meint, dass er mir heute den Feldberg zeigen könnte.

"Ich kenne ihn wie meine Westentasche, war schon oft da oben", meint er.

Eine gute Idee! Und so gehen wir gemeinsam los. Er vorneweg und ich hinterher, so stiefeln wir die verbleibenden zweihundert Höhenmeter zum Gipfel hinauf. Noch scheint die Sonne und ich freue mich schon auf den herrlichen Weitblick, wie er mir angekündigt wurde. Doch da zieht Nebel auf und oben ankommen, kann man die Hand vor Augen nicht mehr sehen. Das ist Pech, denn der Feldberg ist mit seinen 1.400 Höhenmetern die höchste Ergebung, die man auf dem ganzen E1 erleben kann. Der Reiseführer versprach einen Blick bis zum Bodensee und den Alpen. Nun aber ist nur grau in grau zu sehen. Ähnlich war es schon auf dem Kahlen Asten, auch dort war nur Nebel und keine Sicht am Gipfel. Es ist wohl mein Wanderschicksal.

Da es jetzt auch noch saukalt wird, machen wir uns an dem Abstieg und schon zweihundert Höhenmeter tiefer kommt der Abschied. Ich reiche Achim wortlos die Hand, wir schauen uns in die Augen, dann wendet er sich ab, richtet seine Schritte in eine andere Richtung und ich schaue ihm nach, bis seine Gestalt im Nebel verschwindet. Der Westweg verläuft weiter durch den Schwarzwald Richtung Süden bis nach Basel.

Der E1 dagegen biegt hier nach Osten ab und folgt für kurze Zeit dem Mittelweg durch den östlichen Schwarzwald.

Immer weiter geht es bergab, runter zum Schluchsee, einem künstlichen Stausee riesiger Ausdehnung und einige hundert Höhenmeter tiefer scheint schon wieder die Sonne.

 

Wohl jeder Mensch hat einen heimlichen Traum, den er sich vielleicht irgendwann erfüllen möchte. Meiner ist ein kleines Haus, direkt an einem See gelegen, in dem ich dann wohne. Einsam und friedlich wird es liegen, weit ab von der Hektik der Welt.

Während ich dem Stausee immer näher komme, nimmt dieser Traum urplötzlich Gestalt in Form eines kleinen Wochenendhäuschen mit überdachter Veranda an, das genau so aussieht wie in meiner Vorstellung. Gut, es steht nicht direkt am See, aber mein Gott, man kann nicht alles haben. Nur schwer kann ich weitergehen, aber ewig stehen bleiben kann ich auch nicht.

Zum Glück komme ich bald an einem Seglerheim vorbei, in dessen Garten ich meine Schritte lenke, um mich aus meinem Traum zu lösen. Mit selbstgebackenem Kuchen in der Hand suche ich mir einen freien Platz auf der Terrasse. Ein paar Segler winken mich an ihren Tisch und stellen sogleich neugierige Fragen. Sie scheinen beeindruckt von meine Tour und wir stellen nach einer Weile fest, dass die Mutter einer Seglerin gleich bei mir in Hamburg um die Ecke wohnt. Das gibt es doch nicht! Vermutlich habe ich sie schon mal beim Bäcker getroffen.

Ich erfahre auch, das hier im Vereinsheim heute Abend ein Oktoberfest gefeiert wird.

"Bleib da und sei unser Gast. Eine Unterkunft besorgen wir dir schon."

Das klingt verlockend. Doch ich will lieber weiter laufen.

Die netten Segler schicken mich den Bildstein hoch, der eigentlich nicht auf meinem Weg liegt.

"Wegen der schönen Aussicht", geben sie mir mit auf den Weg. Nun mühe ich mich den Berg hoch, vorbei an herbstlich leuchtenden Laubbäumen, deren Blätter golden in der Sonne schimmern. Und auf halbem Weg zum Gipfel stelle ich fest, dass ich im Seglerheim mein kleines Sitzkissen vergessen habe, das ich bei den kühlen Temperaturen bei Pausen oder abends am Zelt vor der Kälte von unten zu schätzen weiß. Aber ich musste wohl etwas zurück lassen, nachdem ich heute morgen meinen Zeltsack glücklich zurück gewonnen habe. Eine Plastiktüte wird ab jetzt als Unterlage genügen müssen.

Schließlich finde ich den schönen Ausblick hinunter zum Schluchsee und es ist den Aufstieg wirklich wert gewesen. dann geht es weiter auf einem Höhenweg, der gegenüber dem geplanten Weg sogar eine Abkürzung ist. Endlich erreichte ich den Campingplatz Kreuzhof bei Lenzkirch, in einem altehrwürdigen Empfangsgebäude checke ich ein und bekomme einen Platz auf einer trockenen Wiese weitab der Dauercamper zugewiesen. Sie liegt in der noch prallen Abendsonne und das schnell aufgestellte Zelt trocknet in Windeseile ab. Der Kreuzhof ist ein vorzüglicher Campingplatz mit guter Einkaufsmöglichkeit, einem Schwimmbad, beheiztem Sanitärbereich. Es verfügt auch über zwei Restaurants, die mich gerade am meisten interessieren. Der Gasthof an der Straße ist der schönere der beiden Lokale, aber es ist ausgebucht. Aber in dem anderen sitzt man auch gut und das Wildgoulasch schmeckt richtig lecker. Ich komme mit einem Camperpaar ins Gespräch, die sich den Tisch mit mir teilen. Ich erfahre, dass sie morgen ihren Wohnwagen winterfest machen werden und die diesjährige Campingsaison beschließen. Regelmäßig kommen sie aus der Schweiz herüber und verbringen ihre Wochenenden hier im Schwarzwald auf dem Campingplatz. Sachen gibt es!

Als wir uns nach einem schönen Abend verabschieden, laden sie mich für den nächsten Morgen auf einen Kaffee zum Aufwärmen ein. Das ist nett von Nancy und Mike und ich nehme dankend an.

Tag 66 (Sonntag, 16.10.16), -> Schattenmühle in der Wutachschlucht, 11km

Raureif begrüßt mich, als ich den Reißverschluss meines Zeltes am nächsten Morgen hochziehe. Ich sehe die noch langen Schatten vor meinem Zelt, die die hohen Bäume werfen. Sie verdecken das Glühen der Morgensonne, die noch ganz tief über dem angrenzenden Feld steht und sich müht, den Morgennebel mit ihren warmen Strahlen zu vertreiben. Eine friedliche Stimmung liegt über dem Platz und etwas widerstrebend schäle ich mich aus dem wärmenden Schlafsack. Doch die Aussicht auf eine heiße Dusche lockt auch. Während ich den beheizten Sanitärbereich genieße, schaffen es die Sonnenstrahlen derweil nicht, den Reif zu vertreiben, der noch auf meinem Zelt ruht. So verschwindet es auch heute wieder nass im Zeltsack. Das ist wohl so im Oktober und langsam gewöhne ich mich auch an die morgendliche Feuchtigkeit. Es ist ja nur Wasser. Mit dem fix und fertig gepacktem Rucksack klopfe ich leise am Wohnwagen von Nancy und Mike an, um den versprochenen Morgenkaffee einzulösen. Nancy öffnet verschlafen das Vorzelt und reicht mir einen heißen Kaffee. Sie hat schon gewartet. Während Mike im Wohnwagen noch schläft, plaudern wir leise im Vorzelt. Nancy hat so gar keine Lust, heute den Wohnwagen zu klarieren und sie bedauert, dass sie nun ein halbes Jahr nicht mehr herkommen werden. Ich kann sie gut verstehen. Und doch möchte ich gerne weiter und nicht hier bleiben. So bedanke ich mich für den Kaffee und mache mich auf den Weg.

 

Auf die nun vor mir liegende Strecke freue ich mich ganz besonders, denn es wird heute durch die Wutachschlucht gehen, von der ich dank Kai Sackmanns Beschreibung und seinem Wandervideo schon viel weiß. Auf mich wartet eine überwältigende Urlandschaft, durch die ich die nächsten zwei Tage laufen werde.

Aber zuvor geht es die Haslachschlucht einen wildromantisch Weg entlang. Als der Steig in die enge Klamm hinunter ans Wasser führt, verzichte ich aber auf den Abstieg, denn die Schlucht liegt noch im dichten Morgennebel und ich vermute, da unten wird es noch bitterkalt sein. So wandere ich lieber am Rand der Schlucht weiter. Schließlich geht es nicht mehr anders, ich muss in die Schlucht absteigen, um über einer schmale Brücke die zu Haslach queren, die an dieser Stelle mit der Gutach zusammenfließt und zur Wutach wird, so genannt, weil bei Hochwasser aus ihr ein reißender Strom werden kann, der schon mal Brücken mit sich reißt und Bäume entwurzelt. In solchen Zeiten ist der Weg, den ich jetzt folge, meist gesperrt. Aber ich habe Glück, denn die Wutach führt gerade extrem wenig Wasser und plätschert seicht vor sich hin.

Im stetigen Wechsel führt der Steig mal dicht am Wasser, mal auf dem Kamm der Schlucht entlang, der mich immer mehr begeistert. Voller Freude schreite ich an kleinen Wasserfällen vorbei, die über moosbedeckte Felsen tropfen. Allerdings sollte man das Wasser nicht trinken, denn es stammt aus darüber liegenden landwirtschaftlich genutzten Flächen und enthält vermutlich Schadstoffe, die Chlortabletten nicht ausfiltern können.

Nach elf Kilometern erreiche ich die Schattenmühle, die inmitten der Wutachschlucht liegt. Anders als der Name vermuten lässt, liegt ihre Terrasse in praller Frühnachmittagssonne. Heute ist Sonntag und deshalb ist die Terrasse gut bevölkert. Auch ist die Schattenmühle mit dem Auto erreichbar. Die Gäste lassen sich Schwarzwälder Kirschtorte und andere Leckereien genießen, die junge Mädchen im Dirndl servieren. Auf ihren hübschen Köpfen leuchten rot die landestypischen Bollenhüte, die lustig ausschauen. Ich lasse mich in der knallen Sonne nieder, bestelle Kaffee und Kirschtorte und genieße einen Nachmittag voller Wonne. Natürlich ist gleich jemand vom Nebentisch neugierig, woher ich komme und wohin ich gehe, er hat halt meine Wanderkluft und den großen Rucksack gesehen. Nachdem das Staunen über meine Wandergeschichte abebbt, erzählt der Herr seinerseits, dass er in Schweden als Dirigent arbeitet, aber oft zu Hause im Schwarzwald sein kann. Er scheint für seine Arbeit zu brennen, obwohl er bescheiden auftritt und ob er berühmt ist, finde ich nicht heraus.

Der Nachmittag schreitet voran, ich strecke fauler werdend die Beine immer  weiter aus und beschließe schließlich, in der Schattenmühle zu bleiben. Es ist noch ein kleines Zimmer frei, so kann ich bleiben und den Abend bei Steak und Bier genießen, das allerdings in der gemütlichen Wirtsstube, denn draußen ist es wieder kalt geworden. Neben mir sitzt ein Motorradfahrer, der mir erzählt, dass er kurz mal mit seiner Maschine eine Sonntagsausfahrt hierher gemacht hat, weil es in den Bergen so schöne Kurven hat. Gleich muss er aufbrechen, zurück nach Genf. Das sind 300km, also 600km für eine Ausfahrt!

Ich würde jetzt nicht mehr gerne raus in die Kälte und freue mich auf mein warmes, weiches Bett, das mich gleich erwartet.

Tag 67 (Montag, 17.10.16), -> Blumberg, 28km

Nach Nächten im Zelt hat der Körper vermutlich Schlaf nachzuholen. Jedenfalls habe ich fest durchgeschlafen und wache erfrischt auf. Am üppigen Frühstücksbuffet hole ich mir die Kalorien, die ich für den heutigen Wandertag wohl brauchen werde.

 

Ich habe noch einen Tag in der wildromantische Wutachschlucht, deren herbe Schönheit ich gar nicht beschreiben kann und deshalb auf meine Bilder und Sackis Video verweise. Meine Wanderfreude wird allerdings getrübt, als der Weg versperrt ist. Wie er hier wohl jederzeit vorkommen kann, zwingt mich ein Erdrutsch zu einem langen und beschwerlichen Umweg, der mich weit aus der Schlucht heraus und damit um den Erdrutsch herum führt. Einige Kilometer weiter bin ich zurück in der Schlucht , nur um bald auf die nächste Absperrung zu treffen. Ein zweites Mal geht es wegen eines weiteren Hangrutsches wieder aus der Schlucht heraus, ein Stück oberhalb entlang und dann wieder hinunter zur Wutach.

 

So wird die Strecke viel länger als geplant und eine Übernachtungsmöglichkeit habe ich vorher auch nicht ausgemacht. Vielleicht ergibt sich bei den Tibetern eine Möglichkeit, bei denen man laut Reisebeschreibung unbedingt vorbei schauen soll. Ihr Haus liegt am Ende der Wutachschlucht und ich staune nicht schlecht, als ich dort ankomme. In einer Garage steht ein orangefarbenes motorgetriebenes Dreirad, wie man es wohl in Indien fährt, daneben eine Bank, darauf Obst, Schokoriegel und in einem Kühlschrank kalte Getränke. Das ist eine nette Geste, die ich auf meiner bisherigen Wanderung noch nicht erlebt habe. Deutsche Trail-Angels sozusagen, wie man sie auf dem Appalachian Trail in den USA wohl oft antrifft, wie ich gelesen habe. Dort sind es ehemalige Wanderer, die ihre Dankbarkeit zeigen, indem sie nachfolgenden Wanderern mit Essen, Trinken und Unterkunft versorgen. Hierzulande ist es nicht verbreitet und da ich es nicht gewohnt bin, nehme ich keine der so großzügig angebotenen Dinge an.

Doch für eine Übernachtung ist es noch zu früh und so klingel ich nicht, sondern gehe still vorbei. Ich will mein Glück in Blumberg versuchen und dafür muss ich noch den Buchberg hinauf. Doch der Weg zieht sich und nun beginnt es auch noch zu regnen. Nass und erschöpft erreiche ich völlig erledigt das einzige Hotel des Ortes. Doch was muss ich am Eingang auf dem Schild lesen? "Liebe Gäste, wir haben neue Öffnungszeiten. Montag und Dienstag Ruhetag." Oh nein, nicht schon wieder! Im Schwarzwald scheint im Oktober tote Hose zu sein.

Ich habe so gar keine Lust, mein Zelt irgendwo auf der nächsten Wiese im Regen ins nasse Gras zu stellen. Wasser habe ich auch keines mehr. Also muss ich mich erst einmal darum kümmern. Meine Laune ist gerade auf einem Tiefpunkt angelangt. Missmutig gehe ich die Hauptstraße entlang und hoffe, dass ich hier irgendwo nach Wasser fragen kann. Obwohl schon spät, hat eine Allianz-Filiale noch geöffnet, sie erscheint mir in gerade jetzt wie ein heiliger Ort. Scheu betrete ich das gut geheizte Büro. Kumpel, der vor Nässe trieft, bleibt vorsichtshalber draußen auf der Treppe, doch ich ziehe trotzdem eine feuchte Spur hinter mir her. Es ist mir unangenehm, nach Wasser zu fragen, denn so etwas habe ich bisher noch nicht gemacht. Doch ich werde warmherzig empfangen, es scheint nichts dabei zu sein und meine Wasserflaschen sind schnell gefüllt. Ob ich nicht ein Hotel bräuchte, fragt die Versicherungsfachfrau zuvorkommend.

"Oh, das wäre super", meine ich nur schlapp.

Und schon fängt sie an zu telefonieren. Bald steht ein Taxi vor der Tür, dass mich in den nächsten Ort fährt. Dort wartet ein großes Zimmer auf mich.

Ich bin überglücklich, dass ich den Abend an einem gedeckten Tisch mit einem warmen Essen und einigen Bieren verbringen kann. Das ist viel besser, als bei dem miesen Wetter irgendwo in meinem kleinen und nassen Zelt zu frieren.

Tag 68 (Dienstag. 18.10.16), -> Campingplatz vor Engen, 26km

Die Nacht ist ruhig, doch sie ist viel zu früh zu Ende, denn der Landgasthof liegt an einer sehr frequentierten Durchgangstraße, auf der direkt unter meinem Zimmerfenster die LKW vorbei donnern. Aber mit einem heißen Kaffee in der Hand, den ich mir frisch auf dem Zimmer brühen konnte, ist das schon nicht mehr so schlimm. Sachen packen und dann ist auch schon Frühstückszeit. Um neun Uhr wartet vor dem Hotel das bereits gestern vorbestellte Taxi auf mich, es bringt mich nach Buchberg an die Stelle zurück, wo es mich gestern aufgelesen hat. Bevor es von dort aus weiter geht, statte ich der Allianz-Filiale noch einen Besuch ab. Ich möchte mich noch einmal für die Mühe, die sie gestern mit mir hatten, bedanken.

Der Mittelweg führt vom Ortskern von Buchberg den Buchberg hinauf, um dem Wanderer, oben angekommen, einen großartigen Weitblick genießen zu lassen. Doch ich kürze ab, wie ich es in den nächsten Tagen noch öfter machen werde. Wer kam nur auf die Idee, einen Wanderer kurz vor seinem lang ersehnten Ziel noch jeden Berg hinauf zu schicken?

Kurz darauf finde ich die gelb-rote Raute des Querwegs, die Wegmarke, die mich ab jetzt zum Bodensee geleiten wird. Den Rest des Tages geht es stetig leicht bergab, denn nun habe ich den südöstlichen Rand des Schwarzwaldes erreicht.

In einem Waldstück hinter Randen laufe ich an einem PKW vorbei, dessen vier Türen und die Heckklappe weit offen stehen, doch der Fahrer ist weit und breit nicht zu sehen. Besorgt denke ich, dass der Wagen vielleicht gestohlen sei und hier zurück gelassen wurde. Vielleicht ist es ein Förster, der seinen Wagen unbekümmert offen stehen gelassen hat, weil er glaubt, hier völlig ungestört zu sein. Auf alle Fälle ist mir etwas unheimlich und ich sehe zu, dass ich schnell vorbei komme.

Das war schon das Aufregendste für eine lange Zeit, denn die Strecke ist für eine Weile eher unspektakulär. Vielleicht ist noch erwähnenswert, dass eine Herde wilder Rehe vor mir davonstürmt.

 

Dann öffnet sich der Wald und die langweilige Strecke hat ein Ende, denn nun ist der Schwarzwald offenbar endgültig zu Ende und macht einer malerische Weite Platz. Es folgt eine bemerkenswerten Landschaft, die bis zum Horizont reicht, eine hügelige Moränenlandschaft, die hin und wieder von kegeligen Hügeln durchbrochen wird. Ich habe die Hegau erreicht, ein vulkanisches Gebiet, das von hier bis zum Bodensee reichen wird. Der Blick, der sich vor mir auftut, ist so überwältigend, dass ich mich erst mal auf einer nahen Bank niederlassen und eine Tütensuppe warm machen muss. Während ich esse, nehme ich den unvergesslichen Blick in mir auf. Eine solch bizarre Landschaft habe ich noch nie gesehen, sie passt so gar nicht nach Deutschland.

Regen treibt mich zum Aufbruch. Weiter geht es auf einem alten Postweg, später ist es ein alter Römerweg, der an der Waldgrenze entlang verläuft, rechterhand immer die Weite der Hegau. Kleine, verträumte Orte, schützende Hütten und manch bunter Blätterwald liegen am Weg. Und immer ist da der weite Blick über die Moränenlandschaft.

Am Abend habe ich es für heute geschafft. Bei Dämmerlicht erreiche ich bei Engen den Campingplatz Sonnental. Hier ist niemand, aber ich kann den Campingwart herbei telefonieren. Er weist mir einen einsamen Stellplatz zu. Schnell ist alles hergerichtet, dann ist es auch schon dunkel. Das dem Campingplatz angegliederte Restaurant hat im Oktober schon zu und mir bleibt nichts anderes übrig, als etwas Schutz vor der aufziehenden Kälte in dem kleinen Rezeptionshäuschen zu suchen. Unter dem Vordach bereite ich mir mein Abendbrot, bestehend aus Trockennahrung und Tee. In Momenten wie diesen schmeckt es traumhaft. Und es wärmt. Es ist noch nicht spät, aber saukalt und deshalb ziehe ich mich ins Zelt zurück und kuschele mich in den Schlafsack. Schon bald ist mir warm. Nieselregen verteilt seine Feuchtigkeit auf dem Zeltdach, aber drinnen bleibt alles trocken. Es dauert nicht lange, bis ich einschlafen bin.

Tag 69 (Mittwoch, 19.10.16), -> Singen, 26km

Der Morgentau hält sich wie an jedem Morgen am Zelt fest und so wird einmal mehr das Zelt im feuchten Zustand verstaut. Der Campingplatz auch am Morgen menschenleer und so okkupiere ich wieder den geschützten Platz unter dem Vordach der Rezeption, um mein Frühstück zu bereiten. Es besteht wie immer aus mit heißem Wasser verquollenem Müsli, um den Magen bestmöglich zu füllen. Dazu gibt es einen heißen Nescafé.

Nun kann es losgehen. Der Querweg will sogleich dreihundert Meter den Hohenhewen hinauf. Oben ist eine Burgruine, der hohe Turm dort oben soll einen grandiosen Blick über die anderen Hegauberge hinweg bis zum Bodensee und die Alpen bieten, gibt ein Schild Auskunft. Doch ich habe vom bergauf so was von die Nase voll und beschließe daher, ihn zu umwandern.

Nicht weit davon entfernt wartet schon die nächste Burg auf dem Berg Hohenstoffeln auf ihre Besteigung, doch auch diese zweihundert Höhenmeter kann jemand anderes hochstoffeln.

Auf jedem Hügel ist eine Burg gelegen und es gibt viele Hügel in der Hegau. Jede kann mit einer blutigen Geschichte aufwarten, zahlreiche Lehrtafeln am Wegesrand berichten von Eroberung und blutigen Schlachten, denn Napoleon Bonaparte marschierte mit seinem Heer im Mai 1800 genau hier gegen die Österreicher auf. Die Heere kämpften entweder auf den Schlachtfelder zwischen Bergen und Burgen, oder Napoleon griff die Österreicher auf ihren strategisch recht unbedeutenden Burgen an, um so an die für sein Heer überlebenswichtigen Lebensmittel zu gelangen. So wurde zerstört, was vom dreißigjährigen Krieg an Burgen noch übrig war.

Doch ich bin mehr am eigenen Fortkommen interessiert als an den Burgen. Nur am Mägdeberg und dem Hohenkrähen komme ich nicht vorbei, sondern nur hinüber. So sehe ich wenigstens zwei Burgen aus der Nähe, aber lange halte ich mich nicht mit ihnen auf.

Auf dem Mägdeberg treffe ich eine Weitwanderin, die wie ich auf dem Querweg unterwegs ist. Wir haben uns einiges zu erzählen und gehen plaudernd gemeinsam weiter. Kurz vor Singen finden wir ein Nachquartier. Wir genießen ein gemeinsames Abendessen und der Redefluss versiegt auch dabei nicht. Wanderer haben sich offenbar immer etwas zu erzählen.

Tag 70 (Donnerstag, 20.10.17), --> Güttingen, 21km

Zu schön, in einem flauschigen Federbett zu erwachen, lange finde ich nicht den Weg hinaus. Das Zelt hatte derweil im Bad genug Zeit, zu trocknen. Beim Frühstück genieße ich noch einmal den Blick ins Tal, wo der Ort Singen auf mich wartet. Meine Wandergesellschaft treffe ich nicht mehr, sie ist schon früh weiter gezogen.

Im Stadtpark von Singen war vor viele Jahren einmal eine Landesgartenschau, deren Strukturen auch heute noch sichtbar. Vom Ort selbst gibt es nichts zu berichten und bald erreiche ich den "Großen Tannenwald", der mir eher ein Buchenwald zu sein scheint, dessen Bäume ein so prächtig schillerndes buntes Laubkleid zieren, dass das Wandern eine Freude ist.

In Friedingen unterquert der Querweg in einem Fußgängertunnel die A33. Mit dem Auto hätte man in wenigen Kilometern den Bodensee erreicht, doch für einen Wanderer ist der große See noch immer weit entfernt.

In Steißlingen kann ich alte Fachwerkhäuser bewundern, kaum habe ich den Ort durchquert, geht es einmal mehr ganz sanft bergauf und am Weilerhof kann ich endlich einen ersten Blick auf einen großen See erhaschen. So sehr ich es erhoffe, es sei der Bodensee; der Blick auf meine Komoot Karte gibt mir Auskunft, dass es nur der Zeller See ist.

Eine Zeitlang laufe ich auf einem schmalen Feldweg auf einer Kuppe entlang, dann geht es in Schloßhöfe einen sehr verwilderten, aber schönen Weg steil hinab. Obacht, hier ist es feucht, glitschig und düster. Doch zahlreiche Motive lassen mich immer wieder das Handy zücken. Ein toller Weg, der aber doch mit Vorsicht und Bedacht begangen werden sollte!

Bald geht es durch Stahringen, es gibt nichts außer Verkaufsständen für Äpfel aus eigener Ernte. Doch kaufen muss ich nicht, ich habe mich bereits mit einem Apfel direkt vom Baum versorgt.

Am Nachmittag ist meine Tagesziel erreicht. In Güttingen frage ich im Landgasthof Adler nach, ob noch ein Zimmer frei sei. Ich bekomme ein zwar kleines, aber schönes Zimmer mit Weitblick über den Mindelsee, bei dessen Anblick ich für einen Moment dachte, es sei der Bodensee. Doch auf dessen Anblick werde ich bis morgen warten müssen. Ich kann es kaum noch aushalten!

Tag 71 (Freitag, 21.10.16), -> DJH, Allmannsdorf (Bodensee), 26km

Voller Ungeduld verschlinge ich am nächsten Morgen im Gasthof mein Frühstück. Bald schon habe ich Kumpel geschultert und bin wieder auf den Beinen, dem Bodensee entgegen. Heute endlich werde ich ihn zu Gesicht bekommen.

Doch jetzt muss ich noch am Mindelsee entlang und immer weiter über Feldwege. Endlich, endlich signalisiert mir eine quer stehende Baumgruppe, dass der nördlichen Zipfel des Bodensees nahe sein muss. Hier soll es laut Karte auf ein Pfad zum Ufer hinab führen. Das liegt nicht unbedingt auf meinem Weg, aber die Ungeduld, einen Blick auf den See zu erhaschen, ist so gewaltig, dass ich mich schon die ganze Zeit frage, ob ich dort runter gehen soll. Doch der Weg ist wegen eines Erdrutsches gesperrt und so wird mir die Entscheidung abgenommen. Also gehe ich weiter geradeaus am Seeufer entlang, das von hohen, dicht stehenden Bäumen aber vor mir verborgen liegt. Stattdessen quere ich einen großen Golfplatz, auf der gepflegten Rasenflächen schlägt ein einsamer Golfspieler seinen Ball.

Es folgt wieder Wald, der mir jetzt, wo ich den See sehen will, trotz der Farbenpracht des Herbstlaubes gewaltig auf die Nerven geht. Ich will jetzt Wasser sehen!

Und endlich stehe ich an einer Schranke. Dahinter ist der Wald zu Ende, der Weg führt weiter über eine Wiese. Und dann ist der lang ersehnte Moment da: vor mir liegt der weite Bodensee! Im Moment sieht er grau und kalt aus und ich weiß gar nicht, was am Ankommen so erstrebenswert ist. Wo ich hier stehe und auf den See blicke, verlässt mich meine ganze Kraft. Ich brauche dringend eine Pause. Der Aussichtspunkt nahe Litzelstetten bietet Sitzgelegenheit und ich bereite mir ein Fischrisotto aus der letzten Trockennahrungstüte von Treck'nd Eat. Ich genieße das Essen und den Ausblick. Erst beim Kaffee kehrt die Kraft zurück und die Erschöpfung weicht einer Euphorie, die im Bauch beginnt und sich allmählich auf den ganzen Körper ausdehnt. Als das Glücksgefühl meinen Kopf erreicht, muss ich laut auflachen, so sehr freue ich mich, angekommen zu sein. Die eben noch empfundene Schwere fällt ab und sie weicht einer Leichtigkeit, die mich ab weiter trägt. Denn noch bin ich nicht angekommen.

Ich mache einen Abstecher zur Insel Mainau hinunter. Eine breite, vierspurige Straße führt zum direkt zum riesigen Parkplatz, auf dem kein einziges Auto mehr parkt. An der Kasse ein Schild: Zugang zur Insel 19€. Die Saison ist übermorgen vorüber, doch schon heute ist nichts mehr los und ich will auch nicht hinüber zur Insel.

Ich gehe eine Allee direkt am See entlang, es folgt ein kleiner Waldweg am Ufer des Bodensees entlang und schließlich komme ich in Allmannsdorf auf der Rückseite der Jugendherberge Konstanz an, der hohe, weiße Turm, der wie an die neuzeitliche Herberge geklebt wirkt, ist nicht zu übersehen. Hier will ich die letzte Nacht auf meiner Wanderung längs durch Deutschland verbringen, im Moment noch nicht ahnend, dass ich in einem vollbelegten Sechsbettzimmer mit fünf anderen Männern nächtigen werde.

Tag 72 (Samstag, 22.10.16), -> Bahnhof in Konstanz am Bodensee, 6km

Oh, Freud, oh Leid! Die letzten Kilometer sind nicht mehr weit!

 

Die Nacht ist etwas anstrengend gewesen. Ein Zimmergenosse kommt sehr spät und packt dann erst seine Sachen aus. Zwei andere stehen sehr früh auf. Aber ich darf nicht meckern, ich wollte meine Tour so beschließen. Bald ist alles zusammengepackt und es kann los gehen.

 

Heute naht das Ende meiner Wanderung "Längs durch Deutschland".

Von der DJH aus strebe ich durch Allmansdorf Richtung Süden dem Ufer des Bodensees entgegen. Nur noch einmal geht es durch den bunten Wald. Es ist der Lorettowald und heute kann ich die schöne Laubfärbung wieder in vollen Zügen genießen.

Voller Ungeduld gehe ich das letzte Stück und dann - endlich - liegt er in der voller Morgensonne vor mir; der große, heute ganz blau schimmernde Bodensee. Ganz dicht ans Ufer gehe ich, bleibe stehen, schließe die Augen und genieße diesen Moment. Dann öffne ich die Augen wieder und sehe sehr bewusst die Sonne, das blaue Wasser und das gegenüberliegende Ufer. Schaue ich über den See, dann ist links nur die Weite des Bodensees, kein Ufer ist dort zu erkennen. Doch rechts kann ich das nahe Konstanz mit seiner Altstadt sehen und den kleinen Park direkt am Wasser, in dem ich meine Reise beenden will. Und schaue ich geradeaus, dann sehe ich die Schweiz, die nächstes Jahr vielleicht der Schauplatz einer meiner weiteren Wanderetappe sein wird.

Aber nun genieße ich erst einmal nur diesen feierlicher Moment. Ich stelle Kumpel, der mich so lange geduldig und stumm begleitet hat, vor mir ab und hole aus ihm die Feder und die Muschel, die beide fast meine gesamte Wanderung begleitet haben. Ich habe sie immer dabei gehabt, nur um sie jetzt dem Wasser des Bodensees als eine Geste des Abschlusses übergeben zu können. Lange halte ich sie in der Hand und kann mich nicht von ihnen trennen. Die Wanderung ist vorbei, wenn ich sie loslasse, so fühle ich es. Schließlich übergebe ich sie sanft dem Wasser und sie treiben träge davon. Lange schaue ich hinterher, wie sie auf der spiegelglatten Oberfläche langsam in Richtung des anderen Ufers treiben. Doch ewig kann ich hier nicht stehen bleiben.

 

Ich schultere Kumpel ein letztes Mal, wende mich ab und gehe Richtung Konstanz.

In dem kleinen Park nahe dem Hafen beende ich meine Tour.

"Du hast deine Tour gesichert", verkündet Else, als ich das Komoot-Programm beende. Ab jetzt wird sie wohl bis zum Frühjahr schweigen müssen.

Sehr lange sitze ich auf einer Bank mitten in der Sonne, den Blick auf den See geheftet, dessen Blau mir heute sehr intensiv vorkommt. Der Wettergott hat es gut mit mir gemeint am Ende der Etappe und meiner Reise.

Und wieder spüre ich die Wärme, die ich gestern schon spürte. Sie beginnt in der Mitte meines Körpers und breitet sich von dort aus. Als sie meinen Kopf erreicht, fühle ich nur Glück. Nichts ist wichtig, nichts ist zu tun in diesem Moment, denn ich in angekommen. Für eine sehr lange Zeit verharre ich still auf der einen Bank. Körper, Geist und Seele sind eins und wollen nichts mehr.

Doch jedes Glücksgefühl vergeht leider auch wieder und natürlich ist auch noch etwas zu tun, denn ich brauche jetzt ein Ticket für meine Rückfahrt, muss eine geeignete Zugverbindung heraussuchen. Und ich habe Hunger. Obwohl noch Zeit ist, verspüre ich wenig Lust, mir noch die Altstadt anzusehen. Lieber warte ich hier mußevoll auf den Zug, der mich dann die vielen Kilometer, die ich bis hierher gelaufen bin, um ein Vielfaches schneller als ich es laufen konnte, nach Hamburg zurück bringt.

 

Und nun brauche ich ein neues Ziel, dass meinen Weg erhellt.

Bis zum nächsten Frühjahr ist dafür ja genug Zeit.

Für die Planung

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die Packliste für die Etappe
Der Rucksack war ganz schön schwer, weil Zelt, Isomatte, Schlafsack und Lebensmittel für 4-6 Tage dabei sein sollten
Packliste Suedlicher Schwarzwald.pdf
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