27.-29. Tag: Rothaarsteig (1)

von Willingen (Upland) nach Hilchenbach

9.-11.8.15, 76km in 15 Std.


Routenbeschreibung

Quelle: http://www.rothaarsteig.de/rothaarsteig/rothaarsteig/lage-wegverlauf/
Quelle: http://www.rothaarsteig.de/rothaarsteig/rothaarsteig/lage-wegverlauf/

Der Rothaarsteig - Weg der Sinne.

Eine 3 Tages-Tour, 76km

(geplant waren es 64 km),

 

Es ging durch eines der schönsten Waldgebirgslandschaften Deutschlands.

Ausgangspunkt warder Skiort Willingen, die Tour ging durch das Rothaargebirge bis Hilchenbach.


Highlights:

1. Tag: Ettelsberg (Seilbahn und Hochheideturm), Höhenwege auf 800m ünN, Wintersportort Winterberg, der Kahle Asten (mit Wetterwarte, Hochheide, Astenturm und Berggasthof) auf 841 m ünN, damit höchster Punkt der bisherigen Wanderung.

2. Tag: Wandern auf dem Kamm (ca. 700m) des Rothaargebirges. Waldskulpturenweg, drei von acht Skulpturen (Kein leichtes Spiel, Stein-Zeit Mensch, Der Falke) lagen am Weg.

3. Tag: Wandern auf 650m. Rhein-Weser Aussichtsturm

Route

Hin und Zurück

mit der Bahn HH->Willingen
mit der Bahn HH->Willingen
mit der Bahn Hilchenbach - >HH
mit der Bahn Hilchenbach - >HH

Übernachtung

1. Tag:  |-> Willingen - Kahler Asten, 23km (Plan: 19), Übernachtung: Berggasthof Kahler Asten

2. Tag:  --> Jagdhaus, 46km (Plan: 39), Übernachung: Jagdhaus Wiese

3. Tag:  ->|  Hilchenbach, 76km (Plan: 64)

Tourbeschreibung

1. Tag

Viereinhalb Stunden auf der Schiene, zur Mittagszeit endlich in Willingen. Doch die Fahrt ist gleich vergessen, ich freue mich auf die kurze Fahrt mit der Seilbahn den Ettelsberg hinauf. Die Talstation ist voll von Menschen, die wie ich hinauf wollen. Es sind viel mehr als vor vier Wochen, denn jetzt ist Urlaubszeit. Nach schneller Fahrt begrüßt mich oben laute Musik aus riesigen Boxen, den Leuten gefällt's offenbar, denn sie schunkeln mit Bier in der Hand zum Takt der Musik. Manche grölen mit: „Atemlos durch die Nacht…“.
Mir steht mehr der Sinn nach Ruhe, ich möchte die Aussicht genießen, reihe mich in die Schlange vor dem Lift des Hochheideturms, der unaufhörlich Leute auf die Plattform pumpt und von dort wieder auf den Boden holt. Der Fahrstuhl arbeitete effizient, schon bald bin ich dran. Doch es ist mir zu voll auf der Aussichtsplattform, schon bald mache ich mich, diesmal über die Treppe, wieder auf den Weg nach unten.
Gegen zwei Uhr endlich gehe ich los. Kurz hinter der Bergstation stoße ich auf den Rothaarsteig, einem bekannten hessischen Fernwanderweg, der etwas nördlich von hier in Brilon beginnt und durch das Rothaargebirge in südliche Richtung bis nach Dillenburg verläuft. Er wird meinen Weg für die nächsten hundertfünfzig Kilometer leiten, ich werde über bewaldete Berge wandern, weite Blick genießen, Burgen, Aussichtstürme, einen Skulpturenweg und die Skigebiete Willingen und Winterberg sehen.
Während ich gehe, wechseln sich Buchenwälder und Fichtenschonungen ab. Ein erster Fernblick lässt ahnen, wie schön der Weg sein wird. Doch die meisten Menschen verbleiben an den touristischen Hotspots und bewegen sich nicht weit von ihnen weg. Bald bin ich alleine im Wald, nur gelegentlich überholt mich ein Radsportler.
Der Weg verläuft auf achthundert Metern Höhe, es ist kühl hier oben. Nebel wabert durch die Bäume, legt sich schlierig über den Weg und hüllt mich ein.
Bald bin in dem bedeutenden Wintersportort Winterberg. Er wirbt für sich mit idealen Ski- und Langlaufbedingungen im Winter. Jetzt im Sommer ist nicht viel los hier. Ich komme von der östlichen Seite heran, vorbei an einer Hapimag Ferienanlage. In nebliger Ferne liegt ein riesiges, langgestrecktes Gebäude und im Dunst kaum zu erkennen, wächst ein Turm, der aussieht wie ein überdimensionaler Bienenkorb. Das ist das Vitalresorts Oversum, ein riesiger Hotelkomplex mit Kongresszentrum. Der Ort scheint touristisch bestens erschlossen zu sein.
Telefonzellen sind rar geworden, deshalb fällt das Telefonhäuschen am Wegesrand mir auf. Telefonieren kann man nicht mehr, stattdessen befindet sich im Innern Regal vollgestopft mit Büchern. Jeder, der möchte, darf sich ein Buch entnehmen, wenn er dafür ein anderes hinein stellt. So lese ich es an der Zellentür. Einen öffentlichen Bücherschrank für Jedermann zu schaffen, das ist eine schöne Idee.
Bald bin ich auf der anderen Seite von Winterberg. Hier gibt es die St. Georg Sprungschanze zu bewundern. 22 Metern ist sie hoch und 43 Metern lang. Aus nächster Nähe ein imposantes Bauwerk, das schon 1959 gebaut wurde und immer noch in Betrieb ist. Die geschwungenen Formen gefallen mir. Bei gutem Wetter kann man hinauf, heute ist sie aber wegen Nebel geschlossen.
Kurz darauf finde ich mich auf einer Bobbahn wieder. Hier sollte ich nicht sein, doch ein Wanderer geht nie zurück, wenn er nicht muss und so folge ich dem steilen Weg in weiten Bögen und engen Kurven bis ins Tal hinab. Dort erwartet mich ein knorriger Weg, der gleich wieder steil hinauf führt, nur um anschließend erneut abwärts zu führen. Jenseits einer Brücke, die einen Bach namens „Namenlose“ kreuzt, finde ich endlich wieder auf den Rothaarsteig zurück.
Das Skigebiet erscheint mir riesig, irgendwann erreiche ich die Nordhangjause, eine Skifahrerhütte, die auch jetzt im Sommer für Wanderer und Radler geöffnet hat. Der Sommer findet allerdings heute woanders statt, wie mir das Barometer am Eingang der Hütte mit 15° C bei ungemütlichen Hundert Prozent Luftfeuchtigkeit bestätigt. Trotzdem erzeugt die Langnesewerbung an der Eingangstür Lust auf ein Eis. Wohlige Wärme schlägt mir entgegen, als ich eintrete und ein Eis bestelle. Der Wirt meint lachend, ein Glühwein wäre heute Passender.
Die Hütte liegt am Fuße des Kahle Asten, der nun von mir bezwungen werden will. Doch wo es lang geht, ist nicht ganz klar. Ich nehme den Weg rechts neben der Nordhangjause, der steil bergan geht. Bald meckert Komoot: „Du bist von der Tour abgekommen. Werfe einen Blick auf die Karte!“ Es scheint, als läge dieser links von mir, doch dort komme ich nicht hin, zwischen mir und dem Weg ist dichtes Unterholz. So kehre ich um, gehe zur zur Jause zurück. Dort angekommen, schaue ich die sommerliche Skipiste hoch, die mit hohem Gras bewachsen ist, doch kein Weg führt hinauf. Soll ich über die Wiese hoch gehen? Sicher warten dort blutrünstige Zecken mit langen Saugrüssel, die sie in meine nackten Waden schlagen wollen, dabei womöglich Borreliose übertragen. Nein, vielen Dank, ich verzichte! Also stapfe ich ein weiteres Mal den steilen Pfad hoch, der sich den Kahlen Asten hoch windet. Weiter oben wabert Nebel, verwandelt Bäume zu bizarren Gestalten. Still ist es hier. Totenstille herrscht auf dem Berg. Ich muss mich blind auf die Führung durch Komoot verlassen, denn ich sehe die Hand vor Augen nicht mehr. Erst als ich direkt vor dem Gasthaus stehe, sehe ich es. Ich bin angekommen und es ist auch genug für heute. Der Empfang liegt im ersten Stock, mit einer herzlichen Begrüßung werde ich für heute Nacht eingecheckt. Bei Kaffee und Kuchen starre ich durch milchige Fensterscheiben und schreibe die Fernsicht, für die ich hier hoch gekommen bin, für heute ab. Bier und Schnitzel schmecken später trotzdem und in der Gaststube plappern und lachen die Mitglieder einer große Reisegruppe. Gute Nacht.

2. Tag

Am frühen Morgen herrscht Immer noch dicke Nebelsuppe und lässt mir keine Chance auf weite Sicht. Im Frühstücksraum hält ein Teilnehmer der Reisegruppe gerade eine Rede, er beginnt mit den Worten „Reisen ist Leben und Leben ist Reisen.“ Ich stimme ihm leise zu. Ungewollt erfahre ich einiges von den Nordic Walking Touren, die diese Gruppe schon gemacht hat und sie offenbar zusammen schweißte. Ich höre, wie er die Woche Revue passieren läßt und erfahre, dass die Gruppe rund um den Kahlen Asten bei bestem Wetter und allerbester Sicht unterwegs war und hier ihre Basisstation war.
Die Wanderung beginnt im Nebel, der immer noch undurchdringlich scheint. Einen Aufstieg auf den Aussichtsturm kann ich mir sparen. So werfe ich meinen Rucksack über und schon nach wenigen Schritten in die karge Heidelandschaft ist der Gasthof im dichten Nebel hinter mir verschwunden.

Ich fühle mich ein wenig um die erhoffte Weitsicht betrogen.
Doch schon wenige Höhenmeter tiefer lichtet sich die dichte Nebelwand und gibt einen phantastischen Blick zum weit entfernten 'Hohen Knochen' frei, dessen Gipfel auch noch in den Nebel ragt.
Lange geht es einen Höhenweg entlang und der Rothaarsteig zeigt sich von seiner schönsten Seite. Ich verstehe, warum er der Weg der Sinne genannt wird, denn ich fühle, wie die mich umgebende Weite mein Innerstes berührt und es dort leicht werden lässt, wo manches Mal meine Schwermut sitzt.
Am Fuße des 'Knäppchen' mündet der Höhenweg auf einer Straße, dort stoppt mich ein Schild. Das Wandern hat mich gelehrt, dass es sich lohnt, die am Wegesrand aufgestellten Schilder zu lesen. Oft berichten sie interessante Geschichten aus der Region. So auch hier:
Die Höhen des Sauerlandes versanken Winter für Winter im Schnee, Berge, Täler und Wälder in stille Einsamkeit. Jegliche Verbindung zwischen den Dörfern war oftmals abgeschnitten und der Verkehr stark eingeschränkt. Die ersten Ski tauchten im Sauerland auf, dienten aber nicht sportbegeisterter Städtern, sondern Einheimischen als Verkehrsmittel. Die Einwohner hatten sich schon vor Jahrhunderten zur Fortbewegung einer Art Schneeschuhe bedient. Um Wasser aus tiefer gelegenen Quellen zu holen, haben sie sich auf Bretter gestellt und talabwärts gleiten lassen. Skilaufen wurde jedoch nicht daraus. Dazu kam es erst 1897 und bald wurde der erste Ski-Klub Sauerland gegründet. Ein junger Student wollte im Jahre 1907 den guten Schnee ausnutzen und baute mit Hilfe zweier Skilehrer aus der Umgebung eine Sprungschanze von etwas 30cm Höhe und übte sich im Skispringen. Die Lehrer staunten nicht schlecht und versuchten es auch. Bald wurden den umliegenden Schulen Skier gestiftet und die Dörfer veranstalteten erste Winterfeste. Die Skifeste wurden zu Volksfesten und verwandelten die Berglandschaften allmählich zur Wintersportregion im deutschen Mittelgebirge (mit heute 59 Skiliften und 220km Loipen rund um den Kahlen Asten).    
An diesem Ort wurde 1911 die erste Übungsschanze mit einem 7,5m hohen Anlaufturm errichtet, der später auf 14m erhöht wurde. Auf dieser Schanze wurden bei guter Haltung bis zu 38m erzielt. Alljährlich fanden von nun an Wettkämpfe statt, auf denen sich die unentwegten Skiläufer aus den Höhendörfern erprobten. Als Auslauf diente die heutige Bundesstraße.    
Den letzten Sprung auf der an diesem Ort früher befindlichen „Fürst-Richard-Schanze“ machte im Winter 1949 der im Volksmund namentlich bekannte „lange Hoffmann“. Die Schanze ist mittlerweile der rauen Witterung zum Opfer gefallen.“
Weiter geht's von der Strasse wieder auf einen Wanderweg, der zurück in den Wald führt. Steil nach oben und er fordert meine gesamte Kraft. Auf steilen Pfaden soll ein Wanderer langsam gehen und niemals stehen bleiben. Erst oben soll er pausieren, denn so ist es kraftsparender, als zwischendurch anzuhalten, um Atem zu schöpfen und dann wieder anzutreten. Oben wurde eine Informationstafel so optimal aufgestellt, dass ich die Atempause mit Lesen füllen kann. So erfahre ich, dass hier der Grenzweg verläuft, er markierte einst die Grenze zwischen dem kurkölnische Sauerland und dem Waldecker Land. Vor hundert Jahren existierte hier eine Poststation, an der Pferde gewechselt wurden. Nichts blieb davon erhalten. Heute verläuft hier, wo ich stehe, die Grenze zwischen den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Hessen.
Ein Stück weiter wartet die Hoyeleyer Hütte, dort herrscht munterem Treiben, denn sie ist gut besucht, was nicht wundert, weil die Terrasse der Sonne zugewandt liegt und einen tollen Blick Richtung Süden bietet. An einer langen Bank lasse ich mich nieder und bestelle Milchkaffee. Das Schönste am Wandern ist die Pause!
Doch der Weg ist noch lang und schon bald bin ich wieder auf dem Grenzweg unterwegs, der weiter dem Kamm des Rothaargebirges folgt. Nun geht es an zahlreichen Tannenbaumplantagen vorbei. Es scheint, als kämen hier Weihnachtsbäume her, die wir später auf den Märkten unserer Städte kaufen. Was in endlosen Reihen jahrelang heranwächst, steht dann wohl eines Tages weihnachtlich geschmückt für  kurze Zeit in deutschen Wohnzimmern.
Die Strecke des Rothaarsteigs ist vorbildlich beschildert, der Weg populär und von mehr Wanderern frequentiert als andere Wege. Das verwundert nicht, denn die Strecke ist abwechslungsreich und landschaftlich reizvoll. Hinter jeder Biegung kann ein atemberaubender Weitblick warten, der den Atem stocken lässt. Wegen der vielen Höhenmeter, die es rauf und runter zu übrewinden gilt, ist der Weg aber auch sehr anspruchsvoll und nur gut trainierten Wanderern zu empfehlen. Braucht dieser dann und wann eine Pause, kann er sich auf eine der zahlreichen Holzbänke niederlassen, die ergonomisch so vorzüglich geformt sind, dass man gar nicht wieder aufstehen mag. Die Bänke sind offenbar so beliebt, dass man sie im Internet kaufen kann. Mehrere hundert Euro muss man allerdings für so eine Bank berappen.
Nach Plan treffe ich gleich auf den Waldskulpturenweg, der unweit des Rothaarsteigs liegen soll und vermutlich wird sich der kleine Umweg lohnen. Schon weist ein Schild den Weg zur ersten Skulptur und bald stehe ich staunend davor. Mitten im dichten Fichtenwald wurzeln drei Tore aus solidem Stahl im Boden, davor ein Stahlquader, dahinter ein weiteres Stahlquadrat. Als ich durch die wuchtigen Tore schreite, fällt mir das Kunstwerk in Fallingbostel ein: das Spiegeltor. Dort hatte ich vor einem Jahr das Gefühl, durch jenes Tor in eine andere Welt zu treten. Hier ist es nun ebenso.

Und doch bleibt die Welt dahinter dieselbe.
Der Künstler nannte sein Werk „Kein leichtes Spiel“ und wollte auf die „territoriale, sprachliche, kulturelle und konfessionelle Trennung der Regionen Sauerland und Wittgenstein hinweisen“, die hier für Jahrhunderte bestand. Er positionierte sein Werk direkt auf den Grenzweg, der den katholischen vom protestantischen Teil des Rothaargebirges trennte und gleichzeitig auf einen alten Handelsweg, der hier im rechten Winkel verlief und die beiden Gebiete durch Handel verband. Es müssen schwere Zeiten gewesen sein. Ein leichtes Spiel hatten sicherlich auch die Arbeiter nicht, die dieses Werk errichteten, denn esscheint tonnenschwer.
Ein Stück weiter wartet die nächste Skulptur verborgen abseits des Weges liegend. Bis zum letzten Moment ist es nicht zu sehen und ohne Hinweisschild hätte ich es nicht gefunden. Stein-Zeit-Mensch hat es der Künstler genannt. Ein riesiger Quarzit-Monolith ruht mit hundertfünfzig Tonnen schwer auf seinem Fundament aus Beton. Er wurde nicht hier gefunden, sondern hierher bewegt. Welche Anstrengung war dafür wohl nötig? Umrahmt wird das Monument von Baumstämme. Sie scheinen ihn einzusperren, doch das können sie nicht wirklich, denn der Stein ist dafür zu mächtig. Davon zeugen abseits liegende Stämme, die bis vor kurzem den Stein noch umgaben. Jetzt faulen sie, von Baumpilzen zerfressen, im Gras, der Stein hat die Zeit der Bäume bereits überdauert. Auch ich als Mensch komme mir vor diesem Kunstwerk klein und verletzlich vor. Auch ich werde vergangen sein, während der Stein weiterhin unversehrt hier liegen wird. Was ist Zeit, was Unendlichkeit?

Aber ich habe etwas, das der Stein nicht hat und dafür mag er mich beneiden. Er ist verdammt, hier im Wald zu liegen, während ich meine Beine habe, die mich in die Welt tragen. Und nach einer Rast, die ich auf einer der bequemen Rothaarsteig-Bänke verbringe, bin ich wieder unterwegs, während er hier zurück bleiben muss. Ich werde dich wohl nicht wieder sehen, du Stein.
Bis zur dritten Skulptur ist es nicht weit. Doch wirklich zu sehen ist sie nicht. Ein Zaun, ein Erdwall, einen Lärchenwald und ein Podest, das ist alles. Das Kunstwerk selbst bleibt für mich unsichtbar. So hatte es der Künstler wohl auch im Sinn, das erkenne ich, als zwei Wanderer mir ihre Broschüre leihen, während auch sie rätseln wie ich. „Nur aus der Vogelperspektive kann man das 44x28 Meter messende 'Monument des verschollenen Falken' vollständig erkennen", lese ich. "Aus Erdwällen hat der New Yorker Künstler den Schattenriss eines schwebenden Falken modellieren lassen. Die Erdwälle erinnern an die Verteidigungshügel keltischer Fortifikationen der unmittelbaren Umgebung und wurden mit Baumarten bepflanzt, die früher den Wald in der Region dominierten, aber durch den Menschen verdrängt worden sind. Mit der dem Schattenriss folgenden Einzäunung schützt der Künstler seine Arbeit sinnbildlich vor Mensch und Tier, die durch Willkür bzw. Verbiss die Ursprünglichkeit der Natur oftmals unwiederbringlich verloren gehen lassen.“
Aha, so ist es also. Wir schauen uns an. Der Sinn dieses Kunstwerks erschließt sich uns nicht vollständig.
Sechs weitere Skulpturen soll es noch geben, aber sie liegen irgendwo, nur nicht auf meinem Weg und so bekomme ich sie nicht zu sehen.
Bald wird das Erlebte durch Neues überlagert, denn im Wald ist immer etwas los, das mag man als Wanderlaie kaum glauben. Wie aus dem Nichts kommen zwei Wanderer mit raschem Schritt heran. Ohne Gruß eilen sie vorbei. Er, ein junger Mann, trägt Sportsachen, aber die Schuhe wollen nicht recht dazu passen, denn es sind Straßenschuhe. Merkwürdig auch, dass er den rechten Schuh in der Hand hält, während der Linke noch am Fuß steckt. So geht er auf einem Socken und einem Schuh. Dagegen ist die Frau an seiner Seite vollständig mit Wandersachen bekleidet und trägt einen gut gefüllten großen Rucksack. Sie gehen sehr flott, die Distanz zwischen uns wird schnell größer. Sobald sie sich außer Hörweite wähnen, beginnen sie sich zu unterhalten, den Inhalt kann ich durch ihre Gesten erraten: sie scheinen zu streiten.
Blanke Neugierde treibt mich an, schneller zu gehen. Ich will dran bleiben, der Abstand vergrößert sich trotzdem. Wie kann jemand mit nur einem Schuh so schnell laufen? Eine Weile streiten sie noch, dann stampft er einmal auf und geht noch geschwinder, lässt sie hinter sich zurück. Dann verschwindet hinter einer Kurve udn weg ist er. Nun wird die Frau langsamer, so dass ich aufhole. Sie taucht in eine Senke, die ich nicht einsehen kann, und als ich diese erreiche, ist auch sie verschwunden. Als wären beide vom Erdboden verschluckt worden. Ich frage mich: "war das nun real oder nur ein Waldtraum?“
Bald darauf kommt der Ort 'Jagdhaus' in Sicht, mein heutiges Ziel. Am Ortseingang begrüßt mich ein Bauernhof, davor eine Wiese mit einer Kuh, die ihre zwei Jungbullen säugt. Das bekommt ein Stadtmensch wie ich nur selten zu sehen. Nur ein paar Schritte weiter taucht das Jagdhaus Wiese auf, hier habe ich mich für heute eingebucht. Auf der Terrasse des Hotels genießen ältere Herrschaften ihren Nachmittagskaffee in der Sonne. Mein Zimmer liegt abseits in einem Nebenhaus. Swimmingpool und Sauna darf ich trotzdem benutzen, beides frisch renoviert. Ausgiebig genieße ich diesen Luxus vor dem Abendessen, dass ich später herrlich entspannt auf der Terrasse, die nun mir alleine gehört, einzunehmen gedenke. Die übrigen Gäste haben sich zum Dinner in den Speisesaal zurück gezogen. Ein Ober in Schwarz bringt mir die Speisekarte, ich bestelle und er hat nichts dagegen, draußen zu servieren. Der Fisch mundet vorzüglich, das Bier fließt reichlich und die Sonne mutiert zu einer großen, glutroten Scheibe, die hinter den Bäumen versinkt, während ich noch ein Bier bestelle.
Bald darauf versinke auch ich in den Kissen und schlafe herrlich in einer lauen Sommernacht.

Der Waldskulpturenweg

drei von acht Skulpturen (Kein leichtes Spiel, Stein-Zeit Mensch, Der Falke) liegen am Weg.



3. Tag

Am nächsten Morgen bin ich der Erste im großen Speisesaal. Als die ersten Gäste eintrudeln und sich über das wunderbareFrühstücksbuffet hermachen, bin ich bereits fertig zum Abmarsch.
Doch die Sonne ist schon vor mir aufgestanden und sie steht schon hoch am Himmel, verspricht mir einen schönen und sonnigen Tag. Die Luft ist klar und und die Sicht gut.

Nach ein paar Kilometern komme ich an einer Schutzhütte vorbei, sie sieht niegelnagelneu aus. Und tatsächlich, sie wurde erst 2012 fertig gestellt und ersetzt ein Hütte, die 2007 wie so vieles andere auch dem Orkantief Kyrill zum Opfer fiel. Aber warum nennt man sie „Potsdamer Platz? Die Frage läßt mir keine Ruhe und ich finde die Antwort später in einem Online-Artikel der WAZ: „Der von Wanderern und Radfahrern stark frequentierte Bereich hat seinen Namen von einem Waldarbeiter, der seinerzeit folgenden markanten Satz prägte: „Hier ist ja genau so viel Betrieb wie am Potsdamer Platz.“

Ob er jemals dort gewesen ist?
Zehn Kilometern weiter liegt der Rhein-Weser-Turm, ein 24 Meter hoher, schwarzer, monolithischer Turm, der nicht meinem Schönheitsempfinden entspricht. Vier dicke Stahltrossen, eines an jeder Turmseiten, sichern den Turm im Boden. Deshalb hat er den Orkan Kyrill, dem die kleine Schutzhütte zum Opfer fiel, schadlos überstanden. In seinen Fuß liegt eine Gastwirtschaft, sie hat geöffnet und mein Milchkaffee scheint gesichert. Still sitze ich auf einer Bank in der Sonne, auf der geschrieben steht: „Muße zu zweit“. Ein Pärchen namens „Cordula und Bernhard“ haben sie gestiftet. Muße erlebe ich hier auch gerade, aber nicht zu zweit. Auch wenn ich die vielen Momente mit mir alleine genieße, so fehlt mir jetzt gerade der Mensch, der mich beim Wandern begleitet und das Erlebte mit mir teilt. Aber ich will es ja so, wie es ist!
ich besteige den Turm, der einen herrlichen  Panoramablick in alle Himmelsrichtungen gewährt. Wie immer interessiert mich der Blick dorthin, wohin es geht. Ganz weit hinten drehen sich langsam fünf Windkrafträdern, bis dahin muss ich heute noch. Noch sind sie ganz klein.
Als ich wieder unten bin, hat sich in der Gastwirtschaft das Setting verändert. Ein Reisebus ist eingetroffen und eine Schar munterer Senioren bevölkert Gaststube und Terrasse. Sie haben Kaffee und Kuchen bestellt und schnattern mit vollem Mund munter drauflos. Einige schicken sich an, den Turm zu besteigen, der jährlich von 10.000 Touristen besucht wird. Für die meisten von ihnen ist die Besteigung jedoch zu beschwerlich. Die Kraft reicht gerade vom Bus bis in das Café und zurück.
Weiter geht es Richtung Hirchenbach.

Doch kurz vor dem Ziel verlaufe ich mich. Wo laut Komoot ein Weg sein sollte, ist keiner. Wo nur geht's lang? Ich schaue nach links und nach rechts, kann mich aber nicht entscheiden. Soll ich auf der Straße weiter gehen und einen Umweg machen? Nicht gut! Ich muss pünktlich am Bahnhof sein, denn ich habe ein Sparticket, das keine spätere Abfahrt zulässt. Das erzeugt gerade ein Stressgefühl in mir, es fühlt sich unangenehm an. Ich entscheide mich für den kürzesten Weg gerade aus, klettere kurzerhand über den Zaun und gehe einfach über die Wiese, folge blind den Anweisungen von Komoot, denn Komoot irrt sich selten. Ein breiter Bach stoppt mich nur kurz, jemand vor mir hat wohl ebenfalls den Weg versucht und Steine im Bachbett verteilt. So komme ich trockenen Fußes as andere Ufer. Noch ein Zaun, dahinter die Straße. Komoot ist zufrieden: „Du bist zurück auf der Tour“. Hey, das hat Spaß gebracht!

Bald liegt Hilchenbach vor mir. Es geht eine breite Einfallstraße entlang, die direkt zum Bahnhof führt. Wie so oft sind es die zwei letzten Kilometer, die sich endlos hinziehen. Den Ort lasse ich links (Verzeihung: rechts)  liegen, für einen Stadtrundgang scheint keine Zeit mehr zu sein. Jedenfalls meine ich es in diesem Moment, ich fühle mich durch die fixe Abfahrtszeit gehetzt. Ich komme weit vor der Zeit am Bahnhof an, so früh, dass ich sogar einen Regionalzug früher nehmen. Das geht, feste Abfahrtszeiten gelten nur für den überregionalen Zugverkehr. So bleibt mir in Hagen mehr als eine Stunde bis zur Abfahrt des ICE nach Hamburg. Zeit genug also, um mich etwas umzuschauen. Der Bahnhofsvorplatz wirkt grau und abweisend. Die angrenzenden Seitenstraßen zeugen von trauriger Tristesse und bröckelnder Nachkriegsarchitektur. In einem Fastfood-Restaurant am Bahnhof schlinge ich einen Burger und eine Cola runter. Das ist nicht, was ich liebe!

Endlich ist es Zeit für die Heimfahrt. Die Rückfahrt dauert fast sechs Stunden, die zwei Stunden von Hagen nach Hamburg sind gefühlt davon die Längsten. Es ist anstrengend, nach einem langen Wandertag auch noch eine endlose Zugfahrt zu erleben. Auf der Fahrt reift die Erkenntnis, dass ich die Wandertage ab jetzt anders eingeteilen muss. Der erste und der letzte Tag dürfen keine lange Wanderung mehr enthalten. Das zwingt mich ab jetzt zu längeren Etappen.
Erst nach Mitternacht bin ich wieder in Hamburg. Nachts träume ich vom Wandern, von der nächsten Tour, die ich hoffentlich bald machen werde.