1. Tag: Hamburg - Norderstedt


09.05.14, 24 km in 5 Std.

Die Reise beginnt

Bedächtig, vorsichtig, tastend und probierend soll der Start meiner Wanderung sein.

Heute beginnt mein Weg. Zunächst nur einen Tag lang, denn heute abend werde ich wieder zu Hause sein.

 

Es ist Anfang Mai, das Wetter kalt und regnerisch. Ich stehe auf der Straße vor meiner Wohnung und mache den ersten Schritt von Tausenden, die diesem folgen werden. Mir fällt ein Sprichwort ein. "Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt".

Soll ich jetzt wirklich los gehen? Was bürde ich mir da auf? Was wird mich bloß erwarten? Was wird der Weg wohl mit mir machen? Viele Fragen beschäftigen mich bei diesem ersten Schritt.

Doch am Anfang einer Wanderung stehen immer Fragen, erst am Ende einer Reise erhält man die Antwort.

Also los jetzt!

Die heutige Route habe ich am Computer mit der Outdoor-Software Komoot vorbereitet. Das ging recht einfach, denn die Software hat fast alles von alleine gemacht. Ich brauchte nur Start und Ziel einzugegeben und schon schlug mir die Anwendung eine Route vor.

Ihr folge ich nun mit Hilfe meines Smartphone und der passende App von Komoot, die ich auf das smarte Gerät installiert habe. Sie führt mich Richtung Stadtpark, ich bin noch auf mir bekanntem Gebiet, aber der Weg, den Komoot vorschlägt, ist bereits neu für mich.

Dem Stadtpark folgt City Nord mit seinen hohen Bürogebäuden, dazwischen Grünstreifen. Dann folgt der Ohlsdorfer Friedhof, Europas größtem Friedhof. Durch den südlichen Eingang gelange ich hinein, aber auf der nördlichen Seite finde ich nicht wieder hinaus. Endlich kann ich durch eine Pforte schlüpfen. Ich quere die Alster und den schönen Alsterwanderweg und strebe immer weiter Richtung Norden.

Es beginnt zu regnen.

Eine kleine Hütte auf einem Spielplatz, eigentlich nur ein Dach auf Stelzen, lädt zur Pause ein. Warum nicht? Ich bin schon eine ganze Weile unterwegs und der Regen wird gerade heftiger. Ich schlüpfe hinein und strecke mich aus. Hier ist es trocken, aber kalt. Um mich abzulenken, betrachte ich den Nebel, der beim Ausatmen meinem Mund entweicht. Das macht dösig. Als ich wieder aufwache, hat der Regen aufgehört. Wie lange habe ich hier gelegen? Ich weiß es nicht, aber die Pause hat mich erfrischt, jetzt meldet sich Hunger. Mir fällt ein, dass ich gar keine Verpflegung dabei habe. Bis zum nächsten Café ist es nicht weit. Es gibt Kaffee und Kuchen, ich bestelle von beidem und es schmeckt mir herrlich. Durch die Fenster sehe ich, dass es schon wieder regnet. Was für ein Glück ich doch habe, wiederum im Trocknen zu sein!

Gut gestärkt bin ich bald wieder unterwegs. Vor mir liegt das Raakmoor. Hier weiche ich vom geplanten Pfad ab, denn hier war ich schon ein paar Mal. Aber das Programm nimmt es mir übel: es stürzt ab. Und zwar richtig! Das Smartphone fährt herunter und ich muss es manuell wieder einschalten. Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe. Vielleicht habe ich die Karte zu oft klein und groß gezoomt und zu viel hin und her bewegt. Ich weiß es nicht. Als die App wieder bereit ist, fehlt die geplante Route und kurz darauf stürzt sie erneut ab. Glücklicherweise habe ich die Strecke ungefähr im Kopf, so daß ich den Weg wahrscheinlich ohne Programmunterstützung finden werde. Ich lasse die App in Ruhe und freue mich, dass der Weg trotzdem weiter getrekkt wird. Wenigstens das!

Mitten im Rackmoor erhalte ich einen Anruf. Aus New York! Ein Kunde möchte mit mir reden und fragt, ob er gerade stört. Natürlich stört er mich in dieser friedlichen Umgebung, aber das sage ich ihm nicht. Denn es ist Freitag, ein Werktag, an dem ich normalerweise arbeite und deshalb erreichbar sein sollte. Heute habe ich mich einfach mal davon gestohlen, einen Tag Auszeit genommen. Den Anruf habe ich erwartet, also nehme ich mir hier mitten im Wald Zeit für meinen Kunden. Es beginnt wieder zu regnen, ich stelle mich unter einen dicken Baum und rede in aller Ruhe mit ihm. Der Kunde fragt, was für eigenartige Geräusche er im Hintergrund hört. Anstatt ihm Leitungsstörungen  vorzugauckeln, was leicht gewesen wäre, erzähle ich ihm, wo ich gerade bin und was ich heute mache. Das ist neu für mich, mitten in der Natur mit einem Kunden über geschäftliche Dinge zu sprechen, mehr noch, dass ich zugebe, im Wald zu stehen. Ich im norddeutschen Regenwetter und er ganz weit weg auf der gegenüberliegenden Seite der Erde in einem warmen Büro sitzend.

Ich finde, dass ich es gut habe.

Am Ende des Gespräches wünscht er mir viel Spaß auf meinem Weg. Als ich auflege, endet der Regenschauer. Beschwingt setze ich meinen Weg durchs Moor fort. Wunderschön ist es hier und dabei liegt das Rackmoor mitten in der Stadt, eingebettet zwischen Langenhorn und Poppenbüttel. Nur die Nähe zum Hamburger Flughafen stört, startende Flugzeuge röhren in knapper Folge über die Baumwipfel wie auf einer Perlenschnur aufgezogen und erzeugen einen Höllenlärm.

Schon bald liegt das Rackmoor hinter mir, jetzt schlängle ich mich durch eine kleine Wohnstraße mit Einfamilienhaus-Bebauung, kreuze die Segeberger Chausee. Immer weiter geht es Richtung Norden, bis nach Norderstedt. Dort führt der Weg durch einen Park, durch den sich die Tarpenbek schlängelt. Eine Fledermausskulptur gibt mir Rätsel auf. Gibt es hier etwa Fledermäuse? Ich kann keine entdecken.

Bald erreiche ich mit dem Bahnhof mein heutiges Ziel. Es reicht für heute auch. Erschöpft steige ich in die U1. Während der Bahnfahrt komme ich wieder an den Stellen vorbei, an denen ich wenige Stunden zuvor entlang gewandert bin. Wie schnell brause ich jetzt dort vorbei! Und doch dauert die Fahrt insgesamt fast eine Stunde, sie schafft die Strecke in einem Viertel der Zeit als ich zu Fuß.

Zu Hause merke ich erst, wie durchgefroren und müde ich bin, der erste Wandertag hat mich geschafft. Die Dusche braucht lange, um mich durchzuwärmen.

Und doch freue ich mich schon sehr auf den zweiten Wandertag.

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