15. Tag: Neustadt a. R.

Samstag, 13.9.14, 33km

Vom Glück


Um acht Uhr gibt es Frühstück, es ist lecker und reichlich, sogar das Ei gibt es nach Wunsch. Ich könne es weich gekocht bekommen, betont unsere Bedienung. „5½ Minuten wären fein“, antworte ich. Als ich es probiere, ist es steinhart. Auf meine Nachfrage bekomme ich zur Antwort, dass es wie bestellt exakt fünfeinhalb Minuten im Eierkocher stand. Nun ist klar, warum das Ei so hart ist, es geht halt schneller im Eierkocher.

Mit einem prall gefüllten Magen machen wir uns auf den Weg. Meine Beine fühlen sich leicht an, die Wanderung des Vortages spüre ich nicht. Schnell liegt das Dorf Bothmer hinter uns und Felder und Wiesen breiten sich vor uns aus. Heute verläuft der Weg nicht so gradlinig wie gestern, denn mal geht es nach Süden, dann wieder nach Westen. Im Zickzackkurs nähern wir uns dem heutigen Ziel Neustadt am Rügenberge, das schon fast am Steinhuder Meer liegt.

Das Wandern zu zweit ist anders als alleine. Ich konzentriere mich mehr auf meine Mitwanderin als auf die Strecke. Nach 13 Kilometern machen wir die erste Pause, ich habe sie schon sehnsüchtig herbei gesehnt. Eine Bank  steht einladend am Feldrand, sie ist schon leicht vermodert. Beim Hinsetzen knackt es und schon landet mein Hintern im Gras. Meine Wanderpartnerin lacht herzhaft und hilft mir wieder auf die Beine. Der Bank fehlt jetzt ein Stück.

Nach einer kurzen Pause geht es weiter, wir kommen ins Diskutieren. Wir reden über eine wirklich existentielle Frage:

„Was braucht man für ein glückliches Leben?“

Die Antwort finden wir nicht sofort, aber auf der Wanderung haben wir ausreichend Zeit, das Thema immer wieder aufzugreifen.

Nachdem wir lange hin und her argumentieren, verfalle ich in einen langen Monolog. Ich führe aus, dass es zum Glücklich sein wohl nicht wichtig ist, viel zu besitzen. Die Werbung, die uns ständig umgibt, suggeriere uns zwar, dass kaufen glücklich mache. Ich dagegen behaupte, dass die Wirtschaft nur aus einem Grund ein Interesse daran hat, uns viele Waren und Dienstleistungen zu verkaufen. Der sei, Umsatz und Gewinn immer weiter zu steigern. Auch der Staat sei, trotz vordergründig anderer Absichten, in Wahrheit vor allem daran interessiert, dass Unternehmen möglichst viel verkaufen, denn steigende Umsätze würden automatisch auch das Steuereinkommen steigern, und das wird benötigt zur Begleichung stetig wachsende Haushaltsausgaben.

Die Bemessung unserer Wirtschaftsleistung erfolge, einfacht gesagt, über das Sozialprodukt, einer Kennzahl zur Bewertung der produzierten Endprodukte und Dienstleistungen einer Periode. Je höher diese sei, umso mehr werde produziert und verkauft und umso besser wachse die Wirtschaft.

Ich erkläre, dass sei zwar eine volkswirtschaftlich legitime Betrachtung, für den einzelnen jedoch fatal, denn im privaten Sektor werde der Wert eines Gutes oder einer Dienstleistung nur einmal, nämlich zum Zeitpunkt des Kaufes bewertet. Die Nutzungszeit dagegen zählt nicht. Der Wohlstand bemisst sich somit nur über das Kaufen, nicht über das Nutzen und suggeriert Wachstum auch dann, wenn Gegenstände lediglich ersetzt werden.

Nach meiner Wahrnehmung seien Wirtschaftsunternehmen seit einiger Zeit dazu übergegangen, die Nutzungszyklen der Konsumgüter zu senken oder Produkte auf den Markt zu bringen, die suggerieren, dass ihre Vorgänger veraltet seien. So etwas nenne man geplante Obsolezenz, von den Unternehmen mit genauem Kalkül ausgeführt. Es führt dazu, dass Güter nach vorausberechneten Nutzungszeiten kaputt gingen oder weit vor dem Ende ihrer möglichen Nutzungsdauer veralten. Zusätzlich unterstützt durch Werbung, die uns verspricht, dass Konsum glücklich macht. In Wirklichkeit diene es aber dem Wachstum der Kapitalrendite und der Verteilung der Geldmittel von Arm nach Reich, aber es nützt nicht dem Konsumenten, der dafür sein Geld einsetzen müsse, ohne einen realen Mehrwert zu erhalten.

So gesehen mache Besitz nicht glücklich, er frustriere sogar, weil Gegenstände vorzeitig kaputt gehen. Deshalb wäre es besser, man könne mit Wenigem auskommen. Es wäre smart, wenn jeder von sich aus wissen würde, welche Dinge und Dienstleistungen er besitzen und nutzen möchte. Dabei kommt es nicht nur auf das Wenige an, sondern auch auf das Richtige. Es kommt genau auf das an, was den einzelnen glücklich macht. Und was das ist, kann nur jeder Mensch nur für sich alleine entscheiden. Die Werbung könne da nicht helfen, denn sie generiere lediglich Bedürfnisse, die vorher gar nicht vorhanden waren. Das ausgefeiltem Marketing würde das ewig Neue, das Immer Mehr und das nie Genug suggeriert. Davon sollten wir uns jedoch frei machen und stattdessen auf das eigene Herz hören, denn das könne uns genau erzählen, was es braucht, um glücklich zu sein.

Es wird gesagt, vier Bedingungen müssten gegeben sein, um glücklich zu sein:

  • eine gute Gesundheit,
  • Liebe geben und empfangen können,
  • gleichmütig und absichtslos sein,
  • nach etwas zu streben, das erfüllt.

Zu diesen vier Säulen des Glücks füge ich noch eine fünfte Grundbedingung hinzu:

Sich mit genau den Dingen zu umgeben, die das eigene Leben lebenswert machen.

„Und das nenne ich: das Leben right-sizen“, erkläre ich meiner Wanderpartnerin. „Die Reduzierung auf das richtige Maß. Was richtig und genug ist, das kann jeder für sich herausfinden, indem er in sich horcht und zuhört, was Körper, Geist und Seele erzählen. Wer es tut und danach handelt, wird glücklich sein.“

So vergeht die wie im Fluge und schon  bald ist es später Nachmittag. Ich spüre, mich würde jetzt ein Kaffee glücklich machen. Wir kommen durch Wulfelade, aber das Gasthaus hat geschlossen. Einen Ort weiter aber finden wir, was ich suche. Vor uns liegt das Kloster Mariensee und am Eingang prangt ein Schild: „Das kleine Café“. Ein Glücksgefühl durchströmt mich. Und der Kaffee und das Stück Kuchen tun ein Übriges. Als wir das Klostercafé verlassen, hören wir ganz leise einen Chor, Gesang tropft ganz zart aus den Mauern der angrenzenden Kirche, und der sanfte Frauenstimmen erwärmen unsere Herzen. Einen Moment verweilen wir noch, bis wir uns schließlich wieder der Straße zuwenden.

Um siebzehn Uhr erreichen wir den Bahnhof in Neustadt am Rügenberge, rechtzeitig genug, um uns noch ein wenig auszuruhen, bevor uns der Zug über Hannover zurück nach Bothmer bringt. Ein Taxi fährt uns vor das Schlosstor, im Restaurant bereitet Frau Königbauer schon das Essen nur für uns, denn andere Gäste sind heute nicht da.

Eine schnelle Dusche erfrischt und kurz darauf sitzen wir glücklich, aber auch ein wenig erschöpft an dem schön gedeckten Tisch, genießen als leckeres Abendessen Spagetti mit Tomaten - Mozzarella – Sauce an Riesen-Gambas. Das dazu gestellte Bier ist im Nu geleert und ich verlange Nachschub. Meine Wanderpartnerin prostet mir zu und meint, dass sie mich gerne einmal wieder begleiten würde. Es wäre ganz in meinem Sinne.