16. Tag: Haste

Einmal nur ist Vatertag.

Do., 14.5.15, 32km, 6 Std.


Der Wecker klingelt früh, aber statt der Vorfreude, dass es nun wieder los geht mit dem Wandern, verspüre ich eher einen nicht genau bestimmbaren Unmut. Habe ich etwa keine Lust mehr zum Wandern? Mein Blick nach draußen verspricht einen verhangenen Tag und im Bett zu bleiben scheint schöner als nach draußen zu gehen. Doch der zweite Kaffee, noch im Bett genossen, gibt mir die notwendige Energie, mich aufzuraffen und meine Siebensachen zu packen. "Was gehört noch einmal in den Rucksack?", frage ich mich still, "und was habe ich als Proviant immer dabei gehabt?" Die Routine ist noch nicht wieder da, aber schließlich habe ich alles beisammen. Es ist schon spät geworden, als ich zum Bahnhof fahre.

Während der Zugfahrt freue ich mich dann doch, dass es wieder los geht! Der Winter war lang und auch erfüllt. Ich hatte mich auf meinen ersten Marathon meines Lebens vorbereitet und bin ihn im April gelaufen. Damit starte ich jetzt gut vorbereitet in die neue Wandersaison.

Um halb eins erst stehe ich am Bahnhof von Neustadt am Rügenberge. Vor einem halben Jahr wartete ich genau hier am Gegengleis auf den Zug, der mit nach meinen letzten Wandertag zurück nach Hamburg bringen sollte. Das ist ein halbes Jahr her.

Der Bahnhof sieht noch unverändert aus, es wird immer noch gebaut.

Aber das ist für mich egal, ich schultere den kleinen Rucksack und verlasse schnell diesen trostlosen Bahnhof. Ich habe mich auf eine zunächst langweilige Strecke eingestellt, denn bis zum Steinhuder Meer ist der Weg nur ein Verbindungsstück. Umso mehr bin ich überrascht, dass der schmale Pfad an Wiesen und Feldern vorbei führt und wunderschön ist.

Meine Füße und Beine erinnern sich schnell ans Wandern und die ersten Kilometer fließen gemächlich und entspannt dahin.

Zehn Kilometer weiter erreiche ich den Ort Steinhude. Ich biege in die Deichstrasse ein, sie führt direkt zum See und endet auf einen großen Platz, dahinter liegt der riesige See, dem der Ort seinen Namen gab: das Steinhuder Meer. Er soll nicht sehr tief sein, durchschnittlich nur 135cm. Könnte ich von hier aus ans andere Ufer waten? Ein interessante Frage, aber der Magen lenkt davon ab, denn er knurrt und signalisiert, es sei Zeit für eine Pause. Schnell noch einen Kaffee im Pappbecher gekauft, setze ich mich auf eine Steinbank direkt am Seeufer und hole meinen Proviant heraus. Während ich genüsslich in mein Brot beiße und ein Ei abschäle, schweift der Blick umher. Auf dem Platz herrscht munteres Treiben, denn es ist Vatertag. Menschen nutzen den Feiertag für Unternehmungen, alleine oder in Gruppen. Die Kaffees freuen sich über den regen Zulauf. Neben mir hockt ein kleines Kind und will einen Schwan füttern. Hinter dem Kind die Mutter, legt schützend die Hände auf die Schultern des Kindes, ist aufgeregt, vielleicht hat sie selber Angst vor dem großen, weißen Tier. Oder, weil das Kind ins Wasser fallen könnte. Sie hält es fest und das Kind fängt an zu weinen. Etwas weiter entfernt eine Brücke über einen Seitenarm, der zu einem Bootsverleih führt. Ein Ruderer versucht, mit seinem Ruderboot unter der Brücke hindurch zu kommen, tut sich aber schwer damit. Ständig dreht er sich um, rudert mal hier, mal dort hin, aber nie gerade aus. Er hat offensichtlich keine Übung im Rudern. Hinter dem Ruderboot einige Segelboote mit schlaffen Segeln, sie dümpeln im glatten Wasser, denn kein Lüftchen bewegt sie vorwärts. Dahinter viel offenes Wasser, das andere Ufer ist nur undeutlich auszumachen. Der See hat riesige

Dimensionen, aber ihn als Meer zu bezeichnen, erscheint doch etwas übertrieben. Aber die Bezeichnung „Meer“ kommt aus dem Plattdeutschen und im Mittelalter wurden große Seen so genannt.

Nach einer ausgiebigen Pause geht es weiter. Über die Brücke, eine Uferpromenade entlang, Ausflüglern ausweichend, die hier flanieren. Die Promenade weicht einem hübschen Uferweg, der mehrere Kilometer am See entlang führt, gesäumt von einer Baumallee. Dahinter ein kleines Waldstück. Ich komme vorbei an einem Stadtfest, das laute Musik wummernd herüberschickt. Vorbei an Menschen, die sich zum Picknick mit Bier oder Kaffee versammelt haben. Dann ein kleines Schauspiel: ein Mann legt seinen Kopf in den Nacken und heult mit tiefem Ton aus voller Brust. Die Luft entweicht seiner Lunge, dann wird er still, da stimmt ein neben ihm sitzender Hund ins Geheul ein. Er kann es besser als sein Herrchen. Danach ein Moment der Stille, doch der Mann versucht es ein zweites Mal. Der Hund erwidert seinen Ton. So geht es hin und her, ich kann es noch hören, als sie schon außer Sicht sind.

Der Uferweg endet am Lürßendamm, dort führt eine Brücke weit in den See hinaus und gewährt einen letzten, schönen Blick über das Meer. Viele Ausflügler haben es sich auf der Brücke bequem gemacht und genießen den Augenblick.

Der Weg wendet sich ins Landesinnere. Kaum einen Kilometer weiter kommt ein Kiosk in Sicht. Zeit für ein Eis, finde ich. Ich lehne mich auf den Verkaufstresen und bestelle ein Nogger. Neben mir leicht schwankend zwei junge Männer, vielleicht sind sie nicht mehr ganz nüchtern. Mutig geworden, flirten sie mit der ebenso jungen, aber weiblichen Bedienung, versuchen, sie zu überreden, vorzeitig Feierabend zu machen. Sie wollen, dass sie mit ihnen kommt und lassen sich eine Menge Sprüche einfallen. Dabei sind sie durchaus amüsant, sie aber hat für die beiden nur jede Menge kesse Antworten parat und denkt nicht daran, den Wünschen der Halbwüchsigen nachzugeben. Wie viele Sprüche sie sich wohl heute schon hat angehören müssen?

Weiter geht es, bald durchquere ich den Ort Hagenburg, komme an einem Grundstück vorbei, in dem allerlei lustige Steinskulpturen aufgestellt sind. Ich kann mehrere Pferde beobachten, ein rosa Schwein lugt lustig herüber, im Hintergrund scheint eine weiße Schafherde über das kurz geschorene Gras zu rennen, ohne jedoch voranzukommen. Ein Klapperstorch steht auf einem Kutschbock und dirigiert stolz ein eingespanntes Pferd durch den Garten. Und vor einer kleinen Windmühle hat es sich ein kleiner Gartenzwerg gemütlich gemacht.

Hagenburg folgt ein Waldstück, das auf seiner anderen Seite von Düdinghausen begrenzt ist. Kurz bevor ich den Ort erreiche, ein Schild, darauf die Information, dass ich mich auf diesem Pfad auf zwei Pilgerwegen gleichzeitig

bewege: der eine der Loccum-Volkenroda, der - über 290km lang - zwei Klöster miteinander verbindet, der andere der Sigwardsweg, der auf 170km die Wirkungsstätten eines ehemaligen Bischofs von Minden (1120 –

1140 n.Chr.) zeigt. Ich streife diese Pilgerpfade jedoch nur kurz. Eigentlich folge ich heute noch einmal dem E1, dessen Zeichen ich auf meinem Weg auch immer mal wieder entdecke.

Hinter Düdinghausen wird es beschwerlich, denn es geht eine Anhöhe hinauf, bis auf 100m. Oben angekommen, werde ich durch eine gute Aussicht belohnt. Zunächst interessiert mich, was östlich liegt, denn einige Kilometer weit entfernt ist ein schmutziggrauer Hügel zu sehen, er ist so hoch, dass er bereits vom Steinhuder Meer aus zu erblicken war. Meine Wanderung führt im weiten Bogen um ihn herum. Es ist die Abraumhalde des Kaliwerkes Sigmundshall, der letzten Abbaufläche von Kalisalz in Niedersachen. Abgebaut wird untertage, der Abraum wird zusammen mit dem gewonnenen Kalisalz nach oben befördert. Während das Salz zu Düngemittel verarbeitet wird, verbleibt der Abraum an Ort und Stelle und hat mit der Zeit einen imposanten Berg entstehen lassen. Nähert man sich, so wie ich heute, vom Steindhuder Meer, dann dominiert er die vor einem liegende flache Landschaft.

Ich wende meinen Blick jetzt südlich, in die Richtung, die ich gleich einschlagen werde. Eine wunderschöne Aussicht auf ein weites Tal liegt vor mir. Dort soll der Mittellandkanal hindurchfließen, den ich überqueren will. Allerdings ist er noch nicht auszumachen, unsichtbar ist er von hier aus. Hinter dem großen Tal, in noch weiter Entfernung liegt der Deister im Dunst. Seine Hügel ragen bis auf 400m hinauf, das ist für die norddeutsche Tiefebene eine mächtige Erhebung.

Über den Deister wird meiner nächsten Wanderung führen und in diesem Moment bin ich voller Freude auf das, was vor mir liegt.

Weiter geht es, jetzt bergab. Im Nu bin ich am Mittellandkanal, der verborgen bleibt bis zu dem Moment, als ich den ihn begrenzenden Deich erklimme. Da liegt das Fahrwasser, zieht sich von Ost nach West in einem blauen Band. In der Ferne kommt ein langes Motoschiff langsam näher. Die Aufbauten ragen weit aus dem Wasser, es fährt ohne Ladung. Darüber die Sonne, die hell und warm scheint. Dazu der Himmel, er zeigt sein schönstes Blau, nur wenige weiße Wölkchen sind darauf getupft. Es ist schön geworden.

Es ist bestes Vatertagswetter.

Der Mittellandkanal ist von Menschenhand erbaut und mehr als 100 Jahre alt, die Arbeiten begannen bereits 1906. An ihm wurde lange Zeit gebaut, zwei Weltkriege unterbrachen den Bau und behinderten schließlich seine Vollendung. Heute wird wieder an ihm gewerkelt, unter anderem wird er vergrößert. Für die Berufsschifffahrt hat der Kanal nach wie vor eine Bedeutung, aber auch für die Freizeit wird er viel genutzt. Während auf dem Wasser die Freizeitkapitäne mit ihren Motorbooten, Kanus oder Ruderbooten unterwegs sind, werden die Betriebswege, die über seine gesamte Länge von fast 400km auf mindestens einer Seite des Kanals immer vorhanden sind, von Fußgängern und Radfahrern genutzt. Auch ich folge vier Kilometern lang dem Wirtschaftsweg  auf der nördlichen Kanalseite, wandere in östliche Richtung und will in Wilhelmsdorf den Kanal auf einer der zahlreichen Brücken überqueren.

Kurz zuvor ein junger Mann, der sich auf dem Weg reichlich breit macht. Er scheint zu torkeln, sein Schritt ist unsicher und er braucht Orientierung an den Wegbegrenzungen. Mal geht er links, dann wieder rechts. Er lässt

sich auf eine Bank nieder, atmet schwer. Als ich an ihm vorbei komme, wünsche ich ihm einen guten Tag. Er erwidert freundlich, aber sichtlich bemüht, sich seinen berauschten Zustand nicht anmerken zu lassen. Ob ich ihm helfen soll? Doch da sind seine Kumpels, die bereits ein Stück weiter auf der Brücke auf ihn warten

und ihm jetzt zurufen, er solle sich beeilen. Er rappelt sich wieder hoch, torkelt weiter. Ein Kumpel kommt ihm entgegen, wohl um ihm unter die Arme zu greifen. So gehe ich weiter, bin jetzt unbesorgt. Sie werden ihm weiterhelfen. „Glücklicherweise ist nur einmal im Jahr Vatertag!“, denke ich.

Jetzt ist es nur noch ein kurzes Stück bis zum Bahnhof in Haste. Ich muss nicht lange warten und der Zug bringt mich zurück nach Hamburg. Die Fahrt im Regionalzug dauert fast drei Stunden.

Ab jetzt ist es für eintägige Wanderungen zu weit, denke ich, kurz bevor ich sanft einschlafe.