19.-21. Tag: Emmerweg

Von Hameln nach Altenbeken

6.-9.6.15, 88km in 3 Tagen, 17 Std.


Der E1 macht einen Umweg, in einem Schlenker Richtung Westen führt er vorbei an Detmold und dem Hermannsdenkmal. Ich kenne es von früher, deshalb habe ich mich entschieden, den Weg etwas abzukürzen und stattdessen den Emmerweg zu bewandern. So komme ich meinem Ziel schneller näher.

Von Hameln bis Emmerthal ging es die Weser entlang, dort beginnt der eigentliche Emmerweg. So folgte ich der Emmer bis zur Quelle. Von dort bis nach Altenbeken war es nur noch ein kurzes Stück. Der Weg ging kontinuierlich bergan bis auf 350m ü.N.N.. Der Weg war landschaftlich sehr schön und bot einige Weitblicke.  

Die Highlights der Wanderungen waren:

  • die Städte Hameln und Bad Pyrmont für den touristischen Teil 
  • Zwei katholische Kirchen für die Muße und das völlige Versinken in hölzerne Statuen
  • drei technische Leckerbissen (eine optische Telegrafenstation, das Röhren von Rennmotoren und als besondere Überraschung ein Motorenmuseum mit einer Sammlung alter Motoren und einem netten Gespräch mit Herrn Pott).

Kurz vor meinem Ziel kreuzte ich bereits den Eggeweg, der mich auf meiner nächsten Tour leiten wird.

Übernachtung

Bad Pyrmont (WP 12): --> km28  (Sonntag?)
Hotel-Pension Hönig, Herminenstraße 3 · 31812 Bad Pyrmont, Tel. 05281 955880 · Fax 05281 9558845 · Mobil 0174.7953766 kontakt@hotel-pension-hoenig.de
 www.hotel-pension-hoenig.de

Steinheim

  •  Steinheim (WP 26):  --> km53  (Montag?)
    Hotel Stadt Steinheim, Bahnhofsallee 14  ·  32839 Steinheim, Telefon: +49 (0)6298/937719-0


Anfahrt

mit der DB:

Hinfahrt: So, 7.06.15

Hamburg Hbf ab 7:23,  ICE, Hannover Hbf ab 8:55, S5 an Hameln 9:40

Rückfahrt: Die. 9.6.15

Altenbeken ab 18:27, S5, Hannover Hbf, ab 20:20 an HH 21:38


Tour-Beschreibung


1.Tag

Hameln als Tourist

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Früh sitze ich im Zug nach Hameln, es muss schon der ICE nach Hannover sein, von dort geht es mit der S-Bahn nach Hameln weiter. Insgesamt dauert die Anfahrt nun bereits mehr als zwei Stunden.

Als ich in Hameln aus dem Zug steige, ist der Himmel blau und klar, keine Wolke ist zu sehen.

Wenn man nach Hameln reist, sollte man sich für die historische Altstadt etwas Zeit nehmen. Es ist die Stadt der Rattenfängersage, sie ist laut Wikipedia mehr als einer Milliarde Menschen bekannt. Es war einmal ein Mann, der hatte eine wundersame Pfeife, mit der er erst die Ratten und später die kleinen Kinder aus der Stadt gelockt hat. Keines von ihnen sah man je wieder. Mehr muss ich wohl nicht erzählen, oder?

Also bin ich erst einmal touristisch unterwegs, flaniere durch den historischen Stadtkern, die Touristen sind derweil wohl noch beim Frühstück. Die Einheimischen beten bereits in der Nikolai Kirche, den Gottesdienst will ich nicht stören, ein Foto durch die Glastür ins Kircheninnere soll genügen.
Ein Blick auf den Pferdemarkt. Dort steht das verspielte Hochzeitshaus, das im 17. Jahrhundert als letztes Steinhaus im Renaissance-Stil erbaut wurde. Siebenunddreißig Glocken hängen am Giebel nebeneinander aufgereiht und warten auf ihren Einsatz. Sollten sie ertönen, würde sich gleichzeitig eine Bronzetür öffnen, die Figur des Rattenfängers würde heraustreten und im Kreis laufen, von einer Schar Ratten gefolgt. Aber das findet zu einer anderen Zeit statt, ich bekomme es nicht zu sehen. Weiter geht die Erkundungstour durch die Bäckerstrasse, ich schaue nach links und nach rechts, ich sehe altehrwürdige und sehenswerten Häuser und verlasse schließlich die sagenträchtige Stadt über den Europaplatz in südliche Richtung.

Es geht die Weser entlang, die ich mir breiter vorgestellt habe. Im Hafen liegt ein alter Mienensucher am Pier, die graue Tarnfarbe des ehemaligen Militärbootes blättert schon ab und die Scheuerleisten sind halb vermodert. An Deck schwanken Veteranen und halten sich an ihrem Bier fest.
Der Hafen endet in einem Seitenarm der Weser, verrottete Güterwaggons warten auf ihre Verschrottung und sind keine Augenweide für vorbeiziehende Wanderer, es geht über eine Brücke zum Hauptfluss und jetzt begleite ich die Weser auf einem Uferweg, der von knorrigen, alten Weiden gesäumt ist und bis Emmerthal reichen wird. Er wird überwiegend von Radfahrern genutzt, sie radeln schnell an mir vorbei, manche klingeln, andere zischen so knapp an mir vorbei als ob es gilt, einen Wanderer von diesem Weg zu scheuchen.
Die Tündernsche Warte, ein Gasthaus im bayrischen Flair lockt mich mit Kaffeeduft, doch ich gehe vorbei, schließlich bin ich erst zwei Kilometer unterwegs. Kurz darauf ziehe ich an der schneeweißen Tündernschen Mühle vorbei, sie sieht aus wie ein knuffiges Bauwerk aus der Welt der blauen Schlümpfe.
Immer mehr Radfahrer überholen mich, nur wenige kommen entgegen. Jeder Dritte von ihnen lässt sich elektrisch unterstützen, leise surren die E-Bikes. Unter dem Namen Pedelecs kennt man diese Gefährte auch, sie haben einen bis zu 250Watt starken Elektromotor, der die Fahrt mehrere Stunden lang bis auf 25km/h elektrisch unterstützt. Eine feine Sache.
Eine Familie kommt auf Fahrrädern entgegen, zwei Kinder fahren vorneweg, die Eltern hinterher. Sie halten sich ordentlich rechts und lassen mir ausreichend Platz. Trotzdem ermahnt die Mutter: „Thimo, Nele, fahrt brav hinter Klaus her.“ Warum macht sie das? Die Kinder haben alles richtig gemacht.
„Ist die Frau unentspannt,“, höre ich einen Mann hinter mir sagen. Auch er sitzt auf dem Fahrrad und radelt gerade an mir vorbei. Ich muss laut lachen, denn ich weiß um die Bedeutung seiner Worte und er schaut mich erst erstaunt an, dann lacht auch er. Wir wissen beide, warum und sind einen Moment in diesem Wissen vereint.
Noch mehr Radfahrer schnurren an mir vorbei, ich fühle mich allmählich wie auf einer Fahrradautobahn. Ein Schild weist darauf hin, dass hier der Weser-Radweg verläuft, der die Weser entlang folgt von ihrer Quelle bis zur Mündung in die Nordsee folgt. Die Radfahrer werde ich noch bis Emmerthal ertragen müssen, dort werde ich Wanderwegen folgen, die Radfahrer nutzen solche Wege selten.
Komoot möchte, dass ich jetzt die Weser überquere. Eine alte Eisenbahnbrücke ist auch da, ein Weg neben den Gleisen, die über die Stahlbrücke gelegt sind, ist ebenfalls vorhanden. Nur das großes Schild „Durchgang verboten – Bahnanlage“ kennt Komoot offenbar nicht und in diesem einen Augenblick ärgere ich mich. Ob über Komoot oder das Verbotsschild, kann ich gar nicht sagen. Schnell entscheide ich, dem Verbot zu folgen und strebe die nächste Brücke an. Sie ist nicht weit, die Aufregung ist es unbegründet und den kleinen Umweg kann ich in Kauf nehmen. Außerdem hilft in solchen Momenten immer die Frage an mich selbst: „was ist das Gute daran?“ Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, denn in Emmerthal ist ein Stadtfest in vollem Gange. Ohne Umweg hätte ich meine Bratwurst nicht bekommen, die ich nun auf dem Rasen liegend vor der Petrikirche genüsslich verspeise. Dabei beobachte ich das Treiben der Radfahrer, die ihre Gefährte am Ortseingang abgestellt haben und sonstiges Volk von nah und fern. Wieder wurde mir ein mußevoller Augenblick geschenkt.

Der Emmerweg beginnt

Gestärkt und erholt lasse ich Fest und Ort hinter mir, wende mich vom Tourismus ab, der mich seit Hameln begleitet hat.

Unter einer Brücke am Ortsausgang strömt gemächlich der Emmer, den ich hier das erste Mal zu sehen bekomme. Seinetwegen bin ich ja gekommen, gehe ich doch den Emmerweg. Unweit von hier verbindet der Emmer sich mit der Weser.
Ich werde dem Emmer jetzt sechzig Kilometer bis zu seiner Quelle folgen.

Hinter der Brücke geht es steil bergauf, die ersten Höhenmeter sind zu erklimmen, schon bald bin ich oben angekommen. Ein Blick zurück zeigt das liebliche, grüne Emmerthal, dahinter bilden bewaldete Höhen die grüne Kulisse, das Emmerthal ist weit.
Und endlich umgibt mich, was ich beim Wandern am Meisten genieße: die Ruhe und das Alleine-Sein. Vogelgezwitscher umgibt mich, manchmal ist der Ruf des Kuckucks in der Ferne zu hören, die Felder duften nach Heu und am Wegesrand blühen bunte Blumen. Der Flieder ist gerade reif und schickt aus seinen weißen Blüten betörenden Duft zu mir herüber. Das haben auch die Bienen gerochen, das Summen ist an manchem Busch schon von weitem zu hören.
Auch heute werde ich sicherlich wieder nur wenigen Menschen in den Wäldern und Feldern begegnen.
Doch die Einsamkeit währt nicht lange, sie wird durch einen alten Mann unterbrochen, der mir langsam und gestützt durch seine Wanderstöcke entgegen humpelt. Als wir uns passieren, fragt er mich: „Haben Sie das hässliche AKW geknipst? Das haben sie uns hier mitten ins Emmerthal gebaut. Richtig verschandelt haben sie alles damit!“.
Ich höre Wut in seiner Stimme. Er meint das Kernkraftwerk Grohde, das hier seit bereits vierzig Jahren seinen Dienst tut und Strom erzeugt. Aus seinen zwei Kühltürmen entweicht unaufhörlich weißer Wasserdampf, derer hoch steigt und sich zu den weißen Wolken gesellt, die den Himmel gemächlich entlang ziehen. Es steht klotzig mitten im Emmerthal und es lässt sich kaum vermeiden, dass die große runde Kuppel und die Kühltürme mit auf das Foto geraten, dass ich eben mit dem Smartphone geschossen habe.
Auch ich finde, dass es die Landschaft verschandelt und will mich mit ihm darüber unterhalten.
„Ja, es sieht hässlich aus und passt so gar nicht in diese schöne Gegend. Aber ich habe es gar nicht fotografiert, sondern den Weg, den ich herauf gekommen bin.“, erwidere ich und zeige Richtung Norden. Er folgt meinem Finger, deutet ihn aber falsch. „Ja, da hinten auf dem Schecken, da haben sie Hitler immer den roten Teppich ausgelegt, wenn er hier in der Gegend Gelder eingesammelt hat.“
„Haben Sie das miterlebt?“, frage ich. Vielleicht bekomme ich eine interessante Geschichte zu hören, schließlich könnte er es als Augenzeuge miterlebt haben, er ist in dem Alter.
„Nein, ich komme aus Böhmen, bin erst nach dem Krieg hierhergekommen. Da habe ich dann auch mein Haus gebaut, in dem wohne ich noch heute, aber jetzt geht die Heizung nicht mehr richtig…“. Er redet sich warm, offenbar froh, jemanden gefunden zu haben, der sich sein rückwärts gerichtetes Denken anhört. Doch ich möchte wandern und Neues erleben und so verabschiede ich mich mit den Worten: „Toll, dass Sie noch so gut zu Fuß sind“ und lasse ihn stehen.

Wenn es Zeit wird für eine Pause und der Wanderer keinen Gasthof ansteuern möchte, dann sucht er sich gerne eine geeignete Bank für seine Rast. Geeignet bedeutet dabei: sie soll ruhig liegen, einen schönen Ausblick bieten, im Schatten liegen, sofern die Sonne scheint, sauber und heil sein. Selten findet der Wanderer, wonach er sucht. Ich aber finde heute die perfekte Bank für meine Rast. Sie ist ganz neu, blitzeblank, wohlgeformt und lang genug, um die Beine auszustrecken. Gekennzeichnet ist sie mit den Buchstaben XW, es ist das Zeichen des WeserWanderweges und wurde vermutlich wurde sie vom Weserbergland Tourismus e.V. aufgestellt, dem ich an dieser Stelle ganz herzlich danken möchte für diese herrliche Bank. Und das Highlight ist: die eine Seite der Bank liegt in der Sonne, die andere im Schatten. Ich verschlummere eine entspannte, sonnige Stunde auf dieser herrlichen Bank, der Kopf liegt im kühlen Schatten und der Körper wird von der Sonne verwöhnt.
Aber auch die schönste Pause muss irgendwann zu Ende gehen, schließlich will ich heute noch bis Bad Pyrmont kommen. Nur noch ein kurzes Stück durch den Wald und ich stoße auf eine Nebenstraße, die nach Hämelschenburg führt. Dort aber liegt keine Burg, sondern ein im 15. Jahrhundert gebautes Schloss. Karpfen schwimmen im Teich direkt an der Straße. Sie schwimmen knapp unterhalb der Wasseroberfläche, heben ihre Köpfe aus dem Wasser, das Maul weit geöffnet. Schnappen sie nach Luft oder wollen sie es wie die Enten gefüttert zu werden? Ich finde es nicht heraus, denn ich habe kein Brot in der Tasche und bin auch schon vorbei. Ein paar Schritte weiter komme ich an der Ostseite des Schlosses entlang, dort gibt es fünf riesige Wasserspeier zu bestaunen, die langen Speeren gleich, weit über das Dach des Schlosses hinaus ragen. Wenn es regnet, wird das Wasser vom Dach über die Speier geleitet aus drei Stockwerken Höhe in den Schlossgraben rauschen und den Schlossbewohnern wohl manche schlaflose Nacht beschert haben. Heute aber scheint die Sonne und der Regen ist fern. Ich gehe weiter und was die Schlossanlage zu bieten hat, die Kunstsammlung, Gartenanlagen, Wassermühle, Wirtschaftsgebäude und eine Kirche, lasse ich links liegen.

Der Eindruck des Schlosses verfliegt schnell. Erst meine nachträgliche Recherche bringt zu Tage, dass ich hier an einem Hauptwerk der Weserrenaissance mit seiner langen und bewegten Geschichte eilig vorbei geschritten bin. Wären die Tagesdistanzen kürzer als ich sie plane, dann hätte ich vielleicht länger verweilt.
So aber gehe ich vorbei. Kilometer auf Kilometer folgt ähnliche Strecke. Der Weggeht entlang der Bahnlinie, die von Bad Pyrmont kommt und nach Hameln führt, folgt dem Emmerweg durch grüne Wälder und sanfte Hügel, erst geht er hinauf, dann wieder hinunter, er streift Getreidefelder, deren unreife Halme schon an die Hüfte reichen. Wald, Felder, Hügel in endloser Folge.
Mittendrin liegt der Ort Welsede mit seinem großen Gehöft, der Weg  macht einen Bogen um die Steinmauer, der Blick auf das dahinter liegende Gutshaus wird so verwehrt. Ein schnelles Foto bannt ein Informationsschild auf die Speicherkarte des Smartphones, für spätere Informationsaufnahme, denn auch hier bleibe ich kaum stehen. Dann geht es das zweite Mal über den Emmer. Nein, es ist nur der Mühlenbach, zu schmal ist der Flussarm für den Emmer. Früher hat das Wasser eine Mühle angetrieben und heute liefert es für das Gut den Strom. Erst unter der nächsten Brücke fließt der Emmer hindurch, er ist viel breiter als der Mühlenbach.
Überhaupt, wo ist er die ganze Zeit gewesen? Obwohl es der Emmerweg ist, hat sich der Fluss bisher rar gemacht.

Steil geht es nach Löwensen hinab und bis zu meiner Pension ist es jetzt nicht mehr weit. Rechts von mir liegt der Königsberg, zum Abschluss wollte ich ihn eigentlich noch besteigen, um die Aussicht über Bad Pyrmont vom hohen Bismarkturm aus zu genießen. Aber jetzt fehlt mir die Lust dazu. Gleich die Füße hochzulegen ist auch eine gute Aussicht.
Die Klingel an der Haustür meiner Pension lässt oben im Haus ein Fenster öffnen. „Einen Moment, bitte“. Kurz darauf werde ich vom Pensionswirt eingelassen. Ich bekomme ein schönes Einzelzimmer, das ich reserviert hatte. Auch wenn ich müde bin, für das Abendessen muss ich noch in den Ort gehen. In der Brunnenstraße, der Fußgängerzone von Bad Pyrmont finde ich im Ratskeller, was ich suche: Spargel mit Schinken. Ein paar Bier runden diesen herrlichen Wandertag ab.

2. Tag

Bad Pyrmont als Tourist

Bad Pyrmont war früh bekannt, bereits 1556 sollen hier Menschen aus ganz Europa gekommen sein, um durch wundertätige Quellen Heilung zu finden. Von diesen Quellen profitiert die Stadt noch heute, viele mondäne Gebäude belegen dies. Auch das Glücksspiel hat zum Ruf der Stadt beigetragen.

Wenn man schon in Bad Pyrmont ist, dann muss man es sich auch ansehen.
Deshalb habe ich mein Frühstück für acht Uhr bestellt. Geht auch acht Uhr fünfzehn? Da kommen dann auch die anderen Gäste. Ja, das geht auch. Zu dritt im Frühstücksraum nehmen wir ein gutes Frühstück zu uns.
Die Brunnenstraße, durch die ich noch einmal gehe muss, ist heute morgen wesentlich belebter. Für eine Stunde bin ich Tourist, besuche den Brunnenplatz, das Goethehaus, das altehrwürdige Hotel Fürstenhof, flaniere am großen Hotel Steigenberger vorbei, sehe das alte Staatsbad von außen, gehe die Allee der Heiligenangerstraße entlang. Den Kurpark und den Palmengarten lasse ich aus, er kostet 4€ Eintritt ohne Kurkarte, sagt der Mann am Schalter. Es soll einer der Schönsten Deutschlands sein und wäre sicherlich den Besuch wert.
Dann treibt es mich die Schlossstraße entlang, Richtung Schloss und Festung. Vor der Brücke, die über den Schlossgraben führt, bleibe ich fasziniert stehen und blicke nach oben zum Schloss. Es ist ein wundersamer Anblick: unten die Mauer der Festung, umgeben von einem Burggraben, darüber das prunkvolle Schloss, Es wurde 1536 als Sommerresidenz des Grafen von Spiegelberg erbaut. Nach hundert friedlichen Jahren war es im dreißigjährigen Krieg Schauplatz zahlreicher Auseinandersetzungen, in dessen Verlauf es fast vollständig zerstört wurde. 1710, also erst viele Jahre später, war ein neues Schloss fertiggestellt. Dann wurde daran gebaut, verändert und ergänzt, bis es ab 1855 sein heutiges Aussehen behielt.
Die Symbiose von Burg und Schloss hat mich begeistert. Hier die trotzigen Kraft der Festungsmauern, die dem Feind trotzt, dort die leichte Eleganz des Schlosses, das sich öffnet und einlädt zu rauschendem Feste.
So renne ich hin und her, laufe auf Burgmauern entlang, schaue durch Schießscharten auf die Stadt, tauche in die Tiefen der Kasematte der Festung ein und kann beinahe noch die Soldaten in ihren Rüstungen sehen, wie sie in den dunklen, aber schützenden Gewölben gegen den Artilleriebeschuss der feindlichen Truppen ausharren. Zehn Monate trotzten sie und doch mussten sie am Ende aufgeben.
Schließlich gehe ich –widerstrebend - weiter, viele Entdeckungen liegen noch vor mir auf dem Weg.

Tierpark Bad Pyrmont
Tierpark Bad Pyrmont

Die Nächste wartet bereits wenige hundert Meter weiter. Durch die Gitterstäbe des Tierparks beobachte ich Affen, wie sie Laute nachmachen, die ihnen vorgespielt werden. Sie antworten immer lauter und ekstatischer und veranstalten ein wunderbares Hörspiel. Vermutlich läuft es immer, wenn der dunkle Ton sie dazu animiert. Und es wird wohl jeden Tag sein.
Auch hier muss ich mich losreißen. Weiter geht es den Weg entlang mitten durch das breite Emmertal. Das Gezeter der Affen begleitet mich noch eine Weile.

Südlich von Bad Pyrmont verlasse ich Niedersachsen und betrete das dritte Bundesland meiner Wanderung: Nordrhein-Westfalen.

Mußevolle Zeit in der Kirche von Lüdge

Der Ort Lügde grüßt den Wanderer auf seiner Ostseite mit einem weißen, aber hässlichen und großen Gewerbebetrieb. Die Idylle eines am Wegesrand liegenden Bauernhofes mit freilaufenden Hühner, die neugierig gackernd heran wackeln und mir zwischen die Beine geraten, können nicht darüber hinwegtäuschen.
Wenn sich ein Ort so von seiner schlechten Seite präsentiert, will der Wanderer ihn auf der anderen Seite, sofern er denn durch den Ort muss, schnell wieder verlassen.
Lüdge allerdings wartet mit einem schönen alten Ortskern auf, der den Ortseingang schnell vergessen lässt. Auch können sich die 10.000 Einwohner mehreren Kirchen erfreuen, was man in einem Ort dieser Größe nicht vermutet. Ich steuere die Größte an, die katholischen Pfarrkirche Stankt Marien und mache in der Kühle des großen Gotteshauses eine Rast. Ich sitze im Mittelschiff auf einer Bank, wende den Kopf überall hin und betrachte die neugotische Architektur, die das hohe Kirchenschiff einst formte. Danach ruht mein Blick auf dem einen riesigen, bunten Bleikristallfenster, das über dem Hauptaltar thront. Jedes Detail ist mir wichtig und ich nehme es in mir auf. Lange sitze ich hier und ich liebe diese Augenblicke wie diese in der Stille einer Kirche, die mir jedes Mal ruhevolle Muße schenkt. Endlich erhebe ich mich zu einem Rundgang, der mich zu einer Schnitzfigur führt, die mich fesselt. Ein alter, bärtiger Mann sitzt im Zentrum der Szene, scheinbar erschöpft, vielleicht tot. Gehalten wird er von einem jüngeren Mann, vielleicht ist es Jesus, der ihn mit dem linken Arm stützt. Dabei beugt er sich schützend über den Alten, hält seine rechte Hand hoch, zwei Finger gesteckt, um ihn zu segnen. Er schaut dem Alten dabei in die brechenden Augen. Dieser hat beide Hände wie zum Empfang des Segens geöffnet, die Rechte ist erschlafft niedergesunken, die Linke hingegen wird von der Hand einer Frau, vielleicht ist es Maria, gestützt. Sie zeigt mit dem Finger der anderen Hand auf den Segnenden und schaut ihn dabei an. Lange stehe ich vor der hölzernen Schnitzarbeit in Lebensgröße, muss immerzu zu ihr auf sehen.
Was ist es, was mich an dieser Skulptur so in den Bann zieht? Es lässt mir keine Ruhe und so suche ich später im Internet und finde zunächst, dass der Namen der Skulptur lautet: „Tod des heiligen Josef von Mormann“. Wer ist das, frage ich mich, der nicht bibelfest ist? Später komme ich darauf, dass es Joseph von Nazareth sein muss, der Ehemann von Maria und damit der gesetzliche Vater von Jesus. Damit wird es klar: die beiden anderen Figuren sind Jesus und Maria, die um ihren toten Vater und Ehemann trauern. So kann ich im Nachhinein diese Wissenslücke noch schließen, dem Internet und Wikipedia sei Dank.
Endlich verlasse ich Kirche und kurz darauf die kleine Stadt auf ihrer Südseite, dabei geht es die noch völlig intakte Stadtmauer entlang, dahinter liegt der Wallgraben, beides soll schon im 12. Jahrhundert entstanden sein. Ich wundere mich über die geringe Höhe der Mauer, mit der offenbar Barbaren abgehalten werden konnten, die Stadt zu erobern.
Kurz hinter Lüdge kreuze ich wieder einmal den Emmer, von dem ich auch heute wenig zu sehen bekomme.

Dann geht es eine schmale Straße hinauf, vorbei an einem kleinen Café mit dem lustigen Namen Ponderosa. Erinnerungen an meine Kindheit flackern auf, vor mir erscheinen Bilder aus der alten US-Serie Bonanza, die meine Kindheit begleitet hat. Immer sonntags war Fernsehzeit, keine Serie wurde ausgelassen, wenn die Cartwrights über die Prärie ritten, Ben, Adam, Little Joe und der dicke Hoss. Die Assoziation ist wohl gewollt gewesen, denn Pferde laufen auch hier auf der Koppel. Aber statt der Cowboys ist es hier ein Mädchen, dass einen glänzendem Rappen die Hinterläufe striegelt. Das kräftige, pechschwarze Tier genießt die Behandlung anscheinend sehr, es hält ganz still. Ich schaue ein wenig neidisch herüber, als ich vorbei gehe. Meine Waden könnten eine Massage gebrauchen.
Ganz langsam verliert sich der Weg in den Höhen, der Straßenlärm, der von der im Tal parallel verlaufenden Straße hinauf schallt, verfliegt nach und nach und verstummt endlich. Vogelgezwitscher tritt an seine Stelle, in Stereo. Ein Vogel zwitschert links von mir, ein anderer antwortet von rechts. Ein endloser Kanon aus vielen Vogelkehlen lullen mich ein, erzeugen die meditative Ruhe, die der Wanderer sucht. Die Füße finden wieder ihren Weg von ganz alleine. Es ist Zeit, Gedanken nachzuhängen. Sie entschwinden erst hierhin und dann dorthin, verlieren sich in Zeit und Raum, verschwinden und kehren zurück, bringen neue Impulse, die gleich darauf schon wieder vergessen sind. Unmöglich, sie jetzt - im Nachhinein – wieder aufzuspüren. Aber sie wirken im Unterbewusstsein, dessen bin ich gewiss.
Mein Weg führt am Schieder See vorbei, der Emmer wird zum Stausee, der Ende der 1970er Jahre hier angelegt wurde, um die Altstadt von Lüdge vor dem Hochwasser der Emmer zu schützen, was wohl gelang. Neben der Schutzfunktion hat sich im Laufe der Zeit ein Naherholungsgebiet entwickelt. Aber davon sehe ich nichts, denn ich gehe auf der nördlichen und damit vermutlich auf der falschen Seite des Sees entlang. Der Emmerweg will es so. Die südliche Seite wäre die Bessere gewesen, denn dort reicht der Wald bis zum See hinab. Ich aber bleibe auf der gesamten Länge des Sees durch die vorbeilaufende Bahntrasse  abgetrennt vom Ufer des Sees. Der aber sieht eh steinig und damit nicht einladend aus. So bleibt die extra mitgenommene Badehose im Rucksack, eine Abkühlung wäre mir willkommen gewesen, denn es ist richtig warm geworden und Schweißperlen haben sich auf meiner Stirn gebildet. Die Sonne scheint warm aus klaren Blau herab, nur vereinzelt sind weiße Tupfer in den Himmel gemeißelt.
Nach drei Kilometern ist der See zu Ende, erneut überquere ich den Emmer und auch die Bahnschienen, gelange dann in den Kurpark von Schiede, der Weg führt zum noch relativ jungen Schloss Schieder hinauf, das erst im 18. Jahrhundert im Klassizismus-Stil Bau errichtetet wurde. Es ist klein und schlicht gehalten, aber anmutig. Auf der Rückseite wird gerade die Terrasse für das Kuchengeschäft klargemacht, Sonnenschirme werden aufgespannt und Stühle zu Recht gerückt. Es ist fünfzehn Uhr, Kaffeezeit, aber ich lasse mich nicht locken, kaufe stattdessen eine Banane und einen Apfel im nahegelegenen Supermarkt.

Wieder in die Wälder, es geht vorbei an Bäumen, die Schatten spenden, ich steige eine Anhöhe hinauf, dort endet der Wald. Ich folge dem mit Gras bewachsenen Feldweg, es ist frisch gemäht. Das erste Mal auf meiner Wanderung frage ich mich, wer wohl alle diese Wanderwege, die ich schon gegangen bin, in Ordnung hält. Warum frage ich es mich gerade jetzt? Weil die Antwort vor mir steht? Denn da steht er vor mir, der älterer Herr im roten Sweatshirt, zünftig gekleidet mit Wanderhose und –stiefeln. Er ist über die Straße gebeugt, sieht mich nicht kommen. In der einen Hand hält er eine Spraydose, in der anderen Hand einen Besen und ist sehr beschäftigt. Er kehrt mit dem Besen den Boden sprayt mit der Dose einen weißen Pfeil auf die Straße. Ich bleibe vor ihm stehen, er kommt aus der gebückten Haltung hoch und schaut mich an.
„Die Wege hier sind alle so gut in Ordnung und frisch gemäht. Wissen Sie, wer das hier so macht?“ frage ich interessiert.
„Ich“, sagt er nur. „Ich bin hier der Wegewart.“
Damit hatte ich nicht gerechnet. Kaum stelle ich mir die Frage, schon erhalte ich die Antwort.
„Im Moment zeichne ich allerdings den Weg für den Volkslauf aus.“ Ich erzähle ihm, dass ich aus Hamburg komme und im April dort einen Marathon gelaufen bin. „Da war ich auch, aber nur als Zuschauer“, erwidert er, „ich habe meine Tochter besucht, die wohnt auch da.“ Nach einer kleinen Plauderei verabschiede ich mich, nicht ohne mich zu bedanken für seine Mühen als Wegewart.
„Viel Glück auf dem weiteren Weg und dass Sie heil in Koblenz ankommen mögen.“, ruft er mir noch hinterher.
Einen Hügel später wechselt der Weg auf einen Bergwanderweg. Es wird schmal und immer schmaler, das Gras wächst wild und immer höher. Ich denke: Zeckenalarm! Die Angst vor Borreliose keimt kurz auf. So lasse ich trotz der Wärme die aufgekrempelten Hosenbeine wieder herunter, die Hose bedeckt jetzt die nackten Beine. Schwitzen ist besser als Zeckenbiss!
Der Weg führt wieder hinauf, vorbei an einsam liegenden Feldern, rote Mohntupfer ragen aus dem satten Grün des reifenden Getreides. Dann plötzlich ist endgültig Schluss mit dem Emmerweg; er wird unpassierbar. Hier ist bestimmt nicht der nette Wegewart von vorhin zuständig, oder doch? Ich weiche auf eine Wiese aus, kein Zaun verhindert den Zugang. Hier ist schon jemand vor mir gegangen, ich folge den Spuren, die sich durch die Wiese ziehen. Es geht durch kniehohes Gras, reifen Samen streifen an der Hose entlang. In der Ferne schimmern sie rötlich und die langen Halme wiegen sich im leichten Sommerwind. Viele hundert Meter geht es die Wiese eine Anhöhe hinauf, da kommt Steinheim in Sicht. Die Wiese wird von einem Zaun begrenzt, auf der anderen Seite liegt der Weg, der hier wieder wunderbar gemäht und somit begehbar ist. Also schmeiße ich den Rucksack über den Stacheldraht. Nein, so war es nicht.Ich lege ihn vorsichtig auf der anderen Seite ab und dann steige ich selber vorsichtig über die Stacheln. Ich bin zurück auf dem offiziellen Eggeweg, der weiter entlang der Wiese führt. Er macht eine Biegung nach links, es geht durch ein kleines Wäldchen, er macht noch eine Biegung nach rechts und - da steht ein Gatter zur Wiese offen. Das Klettern über gefährlichen Stacheldrahtzaun wäre unnötig gewesen, wenn ich etwas mehr Geduld gehabt hätte. Offenbar ist der hier zuständige Wegewart der Meinung gewesen, dem Wanderer die neue Erkenntnis zu verschaffen: Sei nicht voreilig“. Danke, lieber Wegewart.

Über Nacht in Steinheim

Jetzt ist es nicht mehr weit bis Steinheim, es geht noch einen Hügel hinab, dann durch den Ort ins Zentrum. Am Bahnhof liegt das Hotel für heute Nacht. Es wirbt mit dem Slogan:  
Wir wollen, dass Sie sich wohlfühlen und mit hohem Komfort zu angenehmen Preisen Steinheim genießen“.  
Das hatte mir gefallen, als ich vor der Wanderung nach einer Unterkunft suchte. Ich stehe in der leeren Bahnhofshalle. Ein unpersönlicher Automat übernimmt den Check-In Vorgang vollautomatisch. Ich hätte lieber einem Menschen in die Augen geschaut und zusammen mit dem Zimmerschlüssel ein paar nette Willkommensworte entgegen genommen. Schließlich bin ich von weit her hierher gewandert. Aber die Zeiten ändern sich und ich hätte mir ein anderes Hotel aussuchen können.  Der unpersönliche Automat bekommt es hin, in wenigen Augenblicken halte ich meine Plastikkarte für das Hotelzimmer in der Hand, das „Sesam öffne dich“ zu meinem schicken, modernen und tatsächlich komfortablen Hotelzimmer dieser Nacht.
Steinheim am Montagabend muss man sich so vorstellen:  
Es ist Ruhetag. Es bedeutet, dass alle Geschäfte, sämtliche Restaurants und wirklich alle Kneipen geschlossen haben. Man begegnet keinem Menschen, die Straßen sind leergefegt. Die Steinheimer haben sich abgesprochen und wollen hungrige Wanderer wie mich aus der Stadt vertreiben. Alle Steineimer? Nein! Denn da gibt es die eine Bar, die offen hat. Es ist die Cosmo| Lounge, die sich hungrigen Wanderern erbarmt. Und auch der Stadtjugend, die sonst keinen Platz finden in dieser Stadt. Ein Tisch ist noch frei, ich setzte mich, umgeben von Jungen und Mädchen, die an ihrer Cola saugen. Ich bestelle ein feinsüffiges Krombacher Pils, es kommt in einem richtig großen Glas. Dazu gesellt sich eine Pizza Tonno, sie ist lecker, heiß und knusprig. Während ich esse, ruht mein Blick auf der ultramodernen Bar, der gläserne Tresen tränkt sich in Blau, dann folgt Weiß, Rot und Pink. Das Farbenspiel folgt einem festen Rhythmus. Ich nutze das kostenlose WLAN, um ein paar Nachrichten über das vielseitig einsetzbare Smartphone in die Welt zu pusten. Das lenkt ab von dem unerhörten Pegel des aus jungen Kehlen stammenden Stimmengewirrs.
Es wird spät an diesem Montag in Steinheim und deshalb höre ich in der Nacht keinen vorbeifahrenden Zug, obwohl das Fenster wegen der Wärme weit geöffnet ist.

3. Tag

Das Hotel bietet ein kleines Frühstücksbuffet im Kiosk in der Bahnhofshalle an. Danach endet der Hotelaufenthalt genau so unpersönlich, wie er begonnen hat. Die Plastikkarte, mein Schlüssel zum Hotelzimmer, verschwindet beim Verlassen des Hotels im Briefkasten. Kein Auf-Wieder-Sehen, kein aufmunterndes Wort für den Weg. Davon abgesehen hat es mir hier gefallen und es ist ein gutes Nutzungskonzept für aussterbende Bahnhöfe.
Der Weg begleitet den Flusslauf des Emmer, rechts und links liegen Felder, sie reichen bis zum Horizont, eine Baumkette stellt die Verbindung zum grauen Himmel dar. Darin hängen dunkle Wolken in allerlei Grau. Sie saugen Wasser aus den Wäldern, stillen ihren Durstmachen, werden allmählich satt, wandern langsam weiter und werden ihre Last irgendwo wieder los werden wollen. Aber noch saugen sie, es ist trocken und ich komme zügig voran.
Nach zehn Kilometer komme ich durch Nieheim, der Weg mündet auf die Straße, die in die Innenstadt führt, bunte Vorgärten schmücken meinen Weg. Gelegentlich ist auch ein Gemüsegarten dazwischen. In einem von ihnen hackt ein altes Weib in gebückter Haltung Unkraut zwischen dem Kohlrabi. Das ist für mich als Großstädter bemerkenswert.

Noch mehr Musse (in der Kirche St. Nikolaus in Nieheim)

Im Zentrum lädt mich Sankt Nikolaus zum Verweilen ein, eine weitere große, katholisch Kirche. Dass sie katholisch ist, erkenne ich an den seitlich stehenden Beichtstühlen. Wieder ein Ort, der die Ruhe bietet. Offenbar ziehen mich Kirchen an. Viele Gegenstände gäbe es im Innern zu bewundern, sogar eine Ritterfigur hätte ich sehen können.

Mir aber fällt der Erker auf. Lange stehe ich davor und betrachte detailliert, was es zu sehen gibt. Das habe ich gesehen:
An der rückwärtigen Wand die hölzerne Jesus-Figur, ans Kreuz genagelt, die Finger und Füße von Nägeln durchbohrt. Es sieht aus, als hätte er seinen neunstündigen Todeskampf bereits hinter sich, denn der Kopf ist nach unten gebeugt und die Augen geschlossen. Doch sein Körper steht noch aufrecht und die Knie sind durchgedrückt. Er sieht nicht leidend aus und doch hat er das Leiden der Menschheit auf sich genommen. Ein Schild ist über ihm ans Kreuz genagelt. INRI steht mit großen Lettern darauf (Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum, Jesus von Nazaret, König der Juden), sein Peiniger Pontius Pilatus ließ es zur Begründung seiner Schuld anbringen, wie es 30 n.Chr. üblich war. Links und rechts von ihm sind zwei Frauen. Die eine ist blau gewandet, der Kopf vom weißen Kopftuch halb verdeckt, die Hände hält sie gefaltet, ihren Blick hat sie Jesus zugewandt. Vielleicht stellt sie seine Mutter Maria dar. Rechts von ihm steht eine junge Frau in rotem Gewand, ihr Kopf hängt wie in Trauer, ihr Blick ist nach unten gerichtet, die Hände sind gefaltet. Vielleicht ist es seine (Halb-)Schwester Maria. Besser gefällt mir die Vorstellung, es sei Maria Magdalena, seine liebste Gefährtin, eine von mehreren Frauen, die Jesus nachfolgten und für seinen Unterhalt sorgten, während er predigte. Allerdings soll sie sich bei der Kreuzigung im Hintergrund gehalten haben. Vermutlich wird seine Halbschwester dargestellt.
Mehr noch als die Figuren interessiert mich das ausliegende Buch. Es ist im Zentrum des Erkers vor dem Gekreuzigten aufgebahrt, gesäumt von zwei bunten Blumensträußen, aus denen zwei weiße Kerzen ragen, die aber nicht brennen. Ich trete heran, lese scheu die aufgeschlagene Seite. Ich lese, wie sich jemand bei Gott bedankt, ein anderer bittet um seinen Segen, wieder einer bittet um Bestand. Ich blättere ein paar Seiten zurück, berühre dabei das Papier kaum. Verzweifelte Worte kann ich lese, auch Verbitterung. Ich selbst hinterlasse keine Botschaft, schreibe keine Zeile in das Buch, denn ich glaube nicht in der Weise, wie es die Kirche lehrt. Und doch berührt es mich. Leise ziehe ich mich zurück, verlasse - in Gedanken versunken - den heiligen Ort.
Auf der Straße, zurück gekehrt in die Welt, meldet sich Hunger. Gegenüber hat ein Bäcker geöffnet und während ich die leckerste Frikadelle meines Lebens genieße, rücke ich meine Gedanken wieder zurecht.

Technik, die begeistert

Viele Minuten später geht es weiter, tausend Schritte trennen mich bereits von Nieheim, als ich mitten im tiefsten Wald auf entferntes Motorengeräusch treffe. Aber es ist nicht wie sonst, es ist nicht das unangenehmes Zischen von Autos, die schnell eine Straße entlang fahren, sondern es klingt kernig und satt. Es ist der Klang von Motoren mit sehr viel Hubraum, die bei hoher Drehzahl ihre Kraft entfalten dürfen. Es ist mal ein tiefes Röhren, dann ein lautes Dröhnen, gefolgt von quietschenden Geräuschen, wie reibendes Gummi auf Asphalt. Es hört sich an wie ein Fahrzeug im Grenzbereich. Hier wird im Grenzbereich gefahren, Höchstleistungen am Limit in engen Kurven. Ein Blick in die Karte gibt Auskunft: es ist die „Test- und Präsentationsstrecke Bilster Berg“, auf der wohl gerade einige Fahrer ihre Rennmaschinen im weitläufigen Kreis herum hetzen. Das Geräusch des wilden Rennens kommt aus der Ferne langsam näher, wird lauter, schwillt infernalisch an, entfernt sich wieder, schwillt langsam ab und verstummt schließlich fast vollständig in der Ferne. Nach einer kurzen Weile wiederholt sich das Hörspiel. So geht es Runde um Runde, viele Male, die das das Fahrzeug in hoher Geschwindigkeit mit wechselnden Gängen und Drehzahlen zurücklegt. Ich gehe lange an der Rennstecke entlang, ohne einen Blick auf die Strecke erhaschen zu können. Zu gut ist sie durch hohe Erdhügel abgeschirmt, die vielleicht dem Lärmschutz dienen, vielleicht aber auch als Sichtschutz gedacht sind. Im Internet lese ich nach: „Das Bilster Berg Drive Resort – die Test- und Präsentationsstrecke mitten in Deutschland. Das parkähnlich angelegte Gelände bietet gleichzeitig einen adäquaten Rahmen für Fahrzeugpräsentationen, Produkteinführungen, Events und Incentives auf und neben der Strecke. Der 4,2 Kilometer lange selektive Naturrundkurs ist in die gegebene Topografie eingebettet, und Rallye- wie Le Mans-Legenden, aktive Profis und Formel-1-Fahrer schwärmen von der anspruchsvollen Streckenführung…“.
Nur wenige Meter entfernt, am südlichen Ende der Rennstrecke, wartet gleich noch eine Attraktion auf mich: es ist die Telegrafenstation Nr. 32, die oben auf dem Bilster Berg errichtet ist. Sie ist eine von einundsechzig Stationen, die vor bald 200 Jahren, 1832,  errichtet wurden, um Depeschen von Berlin nach Koblenz über eine Entfernung von 550km in nur eineinhalb Stunden visuell zu übermitteln. Ein reitender Bote brauchte dafür zuvor vier Tage. Nachrichten wurden mittels dekadischen Zahlensystem von Station zu Station übermittelt. Es gab 4096 definierte Stellungskombinationen, die über sechs Telegrafenflügel dargestellt wurden und Zahlen symbolisierten, denen mittels geheimer Codebücher Wortbedeutungen zugeordnet waren. Aber kaum zwanzig Jahre später war die Technik bereits überholt, die Anlage wurde abgewrackt und 1984 wieder neu aufgebaut, dieses Mal für touristische Zwecke.
Technik kann einen Mann wie mich beeindrucken, er vergisst darüber schon einmal das Wandern und verbringt viel Zeit damit, die Infotafel sehr genau zu studieren. Und auch der herrliche Blick ins Tal hält mich hier.
Irgendwann aber muss man weiter.

Wieder Wald und noch mehr Wiesen, einmal geht es vorbei an weißen Kühen, die mit ihren Kälbern und –das ist selten- ihrem Bullen -widerkäuend auf der Sommerwiese lungern. Es sieht aus wie eine glückliche Kuhfamilie auf Sommerurlaub!
Am Mühlenbach laufe ich am abzweigenden Weg vorbei, dass merke ich erst hundert Meter später. Der Pfad ist nicht zu erkennen gewesen, denn er ist zugewachsen. Aber Komoot kennt den Weg und so finde ich ihn schließlich. Den Mühlenbach quere ich auf einer Holzbrücke, die bereits stark vermodert ist, die Balken löchrig. Wird sie mich noch halten? Sie tut es.

Noch mehr Technik: Motorenmuseum

Schließlich erreiche ich Erpentrup, einem kleinen Ort, der für mich einen technischen Leckerbissen bereit hält, den ich hier nicht vermutet hätte.
Ein gemütlich wirkender Mann steht vor der Garage seines Hauses und putzt an einem Gefährt herum, dass ich nicht alle Tage zu sehen bekomme. Der schwarze Lack ist bereits verwittert, die Reifen sind ungewöhnlich schmal, vorne steckt eine Kurbel, mit der das Gefährt angelassen werden kann. Es interessiert mich, etwas über das Auto zu erfahren, und so spreche ich ihn an und er lässt sich, zunächst widerwillig, auf ein Gespräch mit mir ein. Vielleicht wird er zu oft von vorbeiziehenden Fußgängern auf den Oldtimer, der vor der Garage steht, angesprochen. Vielleicht halte ich ihn von einer liebgewonnenen Tätigkeit ab, der er viel lieber nachgehen würde als sich mit einem neugierigen Wanderer zu unterhalten. Aber ich stelle Fragen und er redet sich schnell warm, erzählt mir, dass die schwarze Droschkenkutsche ein Rover Ten, Baujahr 1933 sei. Mit Rechtslenkung, weil es aus Großbritannien stammt. Außen wie innen ist es noch der Restauration bedürftig.
„Gestern bin ich ihn das erste Mal gefahren. Ich will ihn wieder zulassen, mit einem H-Nummernschild“, meint er stolz. Ein historisches Nummernschild mit Dauerzulassung und regelmäßigem TÜV.
„Aber der Lack bleibt, wie er ist. Das ist noch der Originallack, den darf man nicht übermalen.“
Aha, denke ich und betrachte die mächtige, verwitterte Motorhaube, die so gar nicht glänzt und hier und da zarte Roststellen aufweist.
„Interessieren Sie sich für Motoren?“, fragt Herr Pott, der mit mittlerweile erzählt hat, dass er in Motoren vernarrt ist.
„Eher nicht, ich fahre nur einen Smart mit ‚nem ganz kleinen Motor.“
Es hält ihn nicht davon ab, die schwere Garagentür zu öffnen und mich einzulassen in sein Heiligtum. Was ich zu sehen bekomme, lässt mich staunen: direkt hinter dem Garagentor steht eine zwei Meter lange Flugzeugturbine.
„Das ist eine Propellerturbine, voll funktionsfähig. 2000 PS. Wenn ich die starte, würde sie sich aber aufschaukeln und hier in der Gegend rumfliegen und alles kaputt schlagen.“
Mein Blick schweift im Raum herum. An der gegenüberliegenden Wand: dutzende alter Röhrenradios im Regal gestapelt, große braune Kästen, aus Holz gefertigt.
„So ein Ding hatten meine Eltern früher im Wohnzimmer“, meine ich.
„Ja, die stammen aus den fünfziger und sechziger Jahren.“
Ein Dreirad mit Motor sehe ich, eine alte Telefonzelle, gefüllt mit allerlei Exponaten. Davor ein altes Notstromaggregat.
„Springt sofort an, braucht aber unheimlich viel Sprit.“
„Eine Garage ist es nicht, eher ein Museum“, denke ich. Damit liege ich nicht falsch, denn ich bin, ohne es zu wissen, in das Motorenmuseum der Familie Pott geraten und Herr Pott, leidenschaftliche Eigentümer, Sammler und Restaurateur alter Maschinen führt mich herum.
„Kommen Sie mal mit“, sagt er und zeigt auf die Treppe, die ins Untergeschoss führt. Und dort stehen sie alle herum, die alten Diesel-, Benzin, Benzol-, Gas- und Schwerölmotoren, die ich nie zuvor gesehen habe.
„Sie laufen alle noch“, sagt er, Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Eine komplette "Elektrizithäts-Centrale", gebaut 1910, mit großem Schwungrad und Schalttafel aus massivem Marmor kann ich bestaunen. Oder ein Schiffsdiesel, 2 Sternmotoren aus alten Flugzeugen. Sogar ein silbrig glänzender V12 Jaguar Motor, Baujahr 1973, ist vorhanden. Er sieht noch ganz neu aus. „Der läuft auch noch wie geschmiert“, meint er.
Damit ist die Führung zu Ende, ich bedanke mich sehr und verabschiede mich. „Kommen Sie wieder, Sie sind jederzeit herzlich willkommen“, sagt er zum Abschied und wendet sich wieder seinem Oldtimer zu. Als ich mich nach ein paar Meter noch einmal umdrehe, sehe ich ihn selbstvergessen den Spiegel putzen. Ich habe den Motorennarren ins Herz geschlossen.

Das Motorenmuseum von Herrn Pott in Erpentrup

die nachfolgenden Bilder sind mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pott der Homepage http://www.motorenmuseum.de entnommen. Ein Besuch lohnt sich!

Der Quell der Emmer

Ein paar Kilometer geht es jetzt den Emmer entlang, der Fluss ist bereits zum Bach geworden. Der Weg führt dicht am Flüsschen entlang. Die Vegetation ist üppig, das Flussdelta fruchtbar.
Endlich weist ein unscheinbares Schild auf seine Quelle, ich folge dem kurzen Pfad und erreiche die Emmerquelle. Aus aufgeschichteten Steinen sprudelt das Wasser an zwei Stellen hervor, bildet schmale Rinnsale, die sich kurz darauf verbinden und fröhlich gluckernd als Bach davon plätschern.
Zurück auf dem Emmerweg geht es noch eine Weile durch dichten Wald hinauf, die Höhenmeter bringen mich noch einmal zum Schnaufen und Schwitzen. Dann geht es wieder hinunter und kurz vor Altenbeken kreuze ich den Eggeweg, der mein Wegbegleiter auf der nächsten Wanderetappe sein wird.
Um 18:27 Uhr sitze ich in der S-Bahn nach Hannover, von dort bringt mich der ICE pünktlich nach Hamburg. Die Strecke dauert jetzt schon mehr als drei Stunden und ich stelle fest: auch die Zeit der dreitägigen Wanderungen wird bald vorbei sein, Anfahrt und Rückweg werden zu lang dafür.