22.-24. Tag: Mystischer Eggeweg

Von Altenbeken nach Marsberg

19.-21.6.15, 72km, 15 Std.

Routenbeschreibung

Der Eggeweg (Quelle: Eggegebirgsverein e.V.)
Der Eggeweg (Quelle: Eggegebirgsverein e.V.)

Der Eggeweg ist ein stiller Wanderpfad für Naturliebhaber.

Er führt auf ca. 70km abseits von Stress und Hektik durch die weitläufigen Wälder des Eggegebirges und verbindet den Teutoburger Wald mit dem Sauerland.

Er beginnt an den Extersteinen in Holzhausen-Externsteine und verläuft durch den südlichen Teutoburger Wald sowie auf dem Kamm des Eggegebirges. Der Weg führt entlang einer alten Handelsroute bis nach Marsberg.

Gekennzeichnet ist er mit einem weißen X und/oder E1 als Teilstück des E1.

Vom Emmerweg kommend stoße ich in Altenbeken auf den Eggeweg, die Externsteine lasse ich nördlich liegen.

Sehenswürdigkeiten: Die Ruine der Iburg, die mystischen Teutonia-Klippen, der Aussichtsturm Bierbaums Nagel und die Stadtwüstung Blankenrode.

Route

1. Tag: Fr: Altenbeken --> Willebadessen, 29km, Übernachtung: HK-Hotel Der Jägerhof

2. Tag: Sa: Willebadessen --> Blankenrode, 25km,  Übernachtung: Haus Eggewald

3. Tag: So.: Blankenrode --> Marsberg, 18km


Tour-Beschreibung

1. Tag

ICE und S-Bahn bringen mich frühmorgens nach Altenbeken. Dort angekommen, habe ich nur den Gedanken: Kaffee! Heiß und schwarz soll er sein! Aber nirgends kann ich ihn bekommen und die Tour beginnt ohne das belebende Gebräu.
Die Beine mögen sich nicht bewegen, vom langen Sitzen sind sie noch steif. Doch mein Wille treibt sie den Dübelsnacken hoch, die ersten zweihundert Höhenmeter machen sie fit. Auf dem regennassen Heinrich-Heine-Weg geht es immer höher hinauf und bald ist der Eggeweg erreicht, dem ich nun folgen werde.

Alte Burgen finde ich cool und hier liegt eine fast auf dem Weg. Bald ist die Iburg erreicht. Während ich den Burgwall entlang schreite und in den tiefen Burggraben schaue, kann ich ahnen, wie mächtig und uneinnehmbar die Anlage einst gewesen sein muss. Nur von Westen kann ich mich der Burg nähern, steile Felswände schützen die anderen Seiten. Die Burg wurde bereits vor Christi Geburt von den germanischen Sachsen gebaut, diente Jahrhunderte lang als Fliehburg. Lange schützte sie vor Feinden, doch 772 n Chr. erstürmten die Franken die Burg. Irmansul, die hölzerne Säule, das Heiligtum der Germanen fiel in die Hände von Karl, den Großen. Er ließ sie fällen und schändete so die Gottheit der Sachsen, die Vergeltung fordernd gegen die Franken zu Felde zogen. Dreißig Jahre lang tobte Krieg und das Ende ging schlecht für die Sachsen aus. Während Karl zum Kaiser ernannt und fortan der Große genannt wurde, wurden die Sachsen zu Christen zwanghaft bekehrt und Irmansul vergessen. Auf der Iburg wurde zum Gedenken an die fränkischen Heldentaten eine Kirche errichtet, genau dort, wo Irmansul gestanden hatte. Weitere siebenhundert Jahre überdauerte die Burg mit wechselvoller Geschichte, im 14.Jhrdt. brannte sie endgültig nieder. Heute erinnern nur noch Reste an die ruhmreiche Zeit der Iburg.
Ich habe mir alles ganz genau angeschaut.
Am Rand des Burgplateaus, wo der Iberg am steilsten ist, steht zum Gedenken an Karl der Kaiser-Karl-Turm. Achtzig steinerne Stufen führen zur Aussichtsplattform hinauf und wer hinaufsteigt, kann die Burg von oben sehen. Gleichzeitig hat man traumhafte Blicke in südliche Richtung über das Eggegebirge.
Daran kann ich mich nicht satt sehen und so bleibe ich lange oben, schaue ganz weit bis über den Horizont hinaus. Dort hinten, hinter den Bergen, muss irgendwo der Bodensee liegen. Und ich weiß, dass er geduldig auf meine Ankunft im nächsten Jahr warten wird.
Am Turm liegt die Sachsenklause. Hier bekomme ich endlich den Kaffee, den ich mir so sehnlich gewünscht habe. Genießerisch schlürfe ich den Bohnensaft, während ich durch große Panoramascheiben den grandiosen Blick über Bad Driburg genieße.

Vom Koffein belebt geht es weiter. Der Eggeweg schlängelt sich tief und tiefer in die Wälder hinein. Wald gab es hier nicht immer, denn sechs Jahrhunderte lang wurde er gerodet und als Feuerholz in den Schmelzöfen des Glasgewerbes verheizt. Als im achtzehnten Jahrhundert nichts mehr übrig war, musste die Glasindustrie auf Kohlefeuer umstellen. So konnten die Bäume wieder wachsen. Eine Informationstafel am Wegesrand gibt mir Auskunft, dass die Buche die dominierende Baumart in den europäischen Wäldern wäre, wenn der Mensch sie wachsen ließe. Hier hat er es getan und so gibt es im Eggegebirge mächtige Buchenwälder.

Der schwarze Baum
Der schwarze Baum

Einen einzelnen Baum sieht man vor lauter Wald oft nicht mehr. Doch manchmal fällt da einer aus dem Rahmen. So geschieht es jetzt, als ich vor Erstaunen stehen bleiben muss, um genau zu schauen. Ein einzelner Baum, von großen Fichten umgeben, von ihm auf Abstand gehalten. Er selbst: eher klein. Warum zieht er meinen Blick auf sich? Es ist sein so dunkler Stamm. Er ist nicht nur dunkel, er ist tiefschwarz. Ein Schwarz, das das Grün des Waldes hinter ihm noch Grüner macht. Mehr als fünfzig Meter Distanz sind zwischen ihm und mir und er wirkt auf mich wie ein schwarzes Loch, dass mich anzieht. Ich kann gar nicht anders, ich muss zu ihm gehen. An einer unsichtbare Grenze, jenseits der kein Baum mehr wurzelt mag, bleibe ich stehen. Dort spüre ich eine Kraft, die von ihm ausgeht und die mich auf Abstand hält. Ich schaue ihn an, würde ihn gerne berühren, jedoch wage ich es nicht. So sehe ich, wie er im Boden fest wurzelt, sein Stamm ist dick, er gedrungen wirkt, seine starken Äste früh verzweigen. Totes Holz liegt morsch am Boden, das noch Gesunde strebt steil zur Sonne und erst oben im Licht entfaltet sich sein grünes Blätterdach. Lange stehe ich da und betrachte ihn. Dann kann ich gehen, lässt er mich los. Auf dem Weg zurück drehe ich um.
Als ich meinen Weg weitergehe, beginnt es zu regnen.

Ich eile nach Herbram-Wald, im Golf-Stübchen kann ich dem Regen entkommen. Kaum habe ich meinen Platz auf der überdachten Terrasse gefunden, da blinzelt die Sonne schon wieder durch die Regenwolken. Die nette Wirtin bringt mir Kaffee und Kuchen, dazu Erdbeeren mit Schlagsahne.

Als ich meinen Weg weitergehe, beginnt es zu regnen.
Im Regen eile ich nach Herbram-Wald, im Golf-Stübchen finde ich ein trockenes Plätzchen unter einer überdachten Terrasse. Die nette Wirtin bringt mir Kaffee und Kuchen, dazu Erdbeeren mit Schlagsahne und schon lacht die Sonne durch die Regenwolken hervor.
Kaum bin ich wieder in Bewegung, da beginnt es wieder zu regnen. Eine Weile schützt das  Blätterdach, doch bald wird der Regen heftig und rinnt auf mich herab. Wie gerufen liegt da die Aselner Schutzhütte, ein trockenes Plätzchen direkt am Wanderweg. In der Hütte liegt ein Wanderbuch aus, das mir die Zeit vertreibt. Viele Wanderer vor mir haben Sprüchen hinterlassen, manche von ihnen bedanken sich bei den Erbauern.
Dann lese ich:
„Ich bin unterwegs auf dem E1 in Richtung Bodensee…“.
Ein Wanderer mit gleichem Ziel ist erst vor einer Woche hier gewesen.
Auch ich hinterlasse eine Botschaft für nachfolgende Wanderer:
„Ich bin auf meinem Weg von Hamburg zum Bodensee. Dafür habe ich mir drei Jahre gegeben. Dieses ist das zweite Jahr. Heute komme ich an dieser Hütte vorbei. So verbringe ich hier eine trockene Pause im Regen. Vielen Dank den Erbauern.“
Doch irgendwann hört auch der längste Regen auf. Ich kann weiter.
Doch es dauert nicht lang, dann gießt es erneut. Im feuchten Nebel erscheint ein Wegweiser, er weist mir den Weg nach Wildebadessen, nur noch vier Kilometer entfernt. „Das ist nicht mehr weit“, denke ich mir und gehe einfach weiter. Durchweicht und verkühlt erreiche ich den Ort, doch im Jägerhof wartet eine heiße Dusche auf mich. 

Kurze Zeit später trifft Freundin Beke ein. Sie will mich zwei Tage begleiten und ich freue mich über Gesellschaft beim Wandern. Den Abend genießen wir plaudernd und schlemmend. Wir machen Pläne für den morgigen Wandertag und amüsieren uns nebenbei über eine Wandergruppe, die im Nebenraum unermüdlich Reden schwingt.

Hotel Jägerhof
Hotel Jägerhof

2. Tag

Nach der morgendlichen Stärkung am üppigen Buffet geht es auf dem Eggeweg weiter. Er führt uns den Hexenberg steil hinauf, innerhalb von Minuten haben wir schon hundert Höhenmeter überwunden. Unterwegs gesellt sich eine neue Wegmarke hinzu, eine weiße Urne auf blauem Grund kennzeichnet den „Weg zu mystischen Stätten“. Das klingt geheimnisvoll und wir schauen uns voller Erwartungen an.

Doch die zwei Wege trennen sich bald und der Eggeweg, dem wir weiter folgen möchten, führt an den mystischen Stätten vorbei. So wissen wir nicht, was wir verpassen.

Meine Wanderbegleitung hebt eine Feder hoch. Ich hatte ihr erzählt, dass ich zu Beginn eines Wandertages oft eine Feder am Boden liegen sehe und es immer so interpretiere, dass mein Schutzengel mir zeigt, dass er mich auch heute begleiten wird. Heute ist also ihr Schutzengel dabei.

Eine sagenumwobene Stätte liegt dann doch auf unserem Weg. Wir treffen auf ein Försterkreuz, daneben steht auf einem Schild geschrieben: „An dieser Stelle wurde ein Förster ermordet. Er hat, bevor er starb, mit seinem eigenen Blut den Namen des Mörders in sein Notizbuch geschrieben. Doch der Wilderer wurde nicht gefasst, er hatte sich nach Amerika abgesetzt.“

Der Weg wird schmaler und verläuft nun scharf an einer Felskante entlang, den Teutonia-Klippen. Den Namen gab die Gesellschaft Teutonia, die den Wald einst kaufte, um Eisenerz zu schürfen. Am Fuße der Klippen liegen ehemaligen Abbaustellen, Löcher, die von eingestürzten Stollen und Gruben zeugen, gegraben für die Eisenindustrie. Doch das scheint lange her zu sein, die Natur hat sich ihren Lebensraum längst zurück erobert, natürliche Kräfte legten einen Mantel aus Bäumen über die Wunden und kreierten zusammen mit Farnen und Moosen eine geheimnisvolle Kulisse. Die früheren Eingriffe des Menschen sind kaum noch sichtbar.

Ein kurzer Abstecher führt uns zum Aussichtsturm Bierbaums Nagel, der die Baumwipfel überragt. Jüngst wurde er restauriert, er sieht aus wie neu. 1849 wurde er erbaut, der Gutsbesitzer Georg Bierbaum wollte seiner Frau einen Blick nach Kassel schenken, um ihr Heimweh zu lindern. Da hat er einen romantischen Einfall gehabt, finde ich. Nebenbei war der Turmbau aber auch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Not leidende Arbeiter. Wie dicht doch Romantik und Praktizismus beisammen liegen können.

Nach einer langen Mittagspause gehen wir weiter. Ich gehe voran, meine Wanderbegleitung folgt nach, schweigend gehen wir ein Stück, bis sie mir auf die Schulter tippt. Ich drehe mich um, ihre Hand weist auf einen kleinen Pfad.

„Da lang!“, meint sie und nickt mit dem Kopf in die gezeigte Richtung.

„Warum?“, frage ich, „das ist ein Umweg.“

„Keine Ahnung. Der Weg sieht so verwunschen aus“.

Ich will dem schmalen Pfad erst nicht folgen, aber sie besteht darauf.

Jetzt geht sie voran. Sie ist so schnell, dass ich ihr kaum folgen kann. Der Abstand zwischen uns wird immer größer, dann plötzlich ist sie vollends verschwunden. Als ich herankomme, sehe ich sie in eine Senke gehen, aus der sie gleich darauf wieder hervor kommt und auf der anderen Seite breitbeinig stehen bleibt. Sie winkt zu mir rüber und signalisiert, dass ich ihr folgen soll.

„Was ist da?“, rufe ich. Doch statt zu antwortet, dreht sie sich um und geht weiter, einen Hügel hinab, so dass ich sie wieder nicht sehen kann. Was bleibt mir übrig, als ihr zu folgen? Ich hole sie ein, sie steht nahe vor einem riesigen Stein, der am steil abfallenden Abhang ruht. Ihre Hand berührt den Stein und sie ist völlig in Gedanken versunken.

Ich stelle mich neben sie und bewundere ebenfalls den riesigen Klotz aus Kalksand. Er ist bereits stark verwittert und löchrig vom Regen.

Für mich ist es ein großer Stein. Doch meine Reisebegleitung sieht offenbar mehr in ihm. Sie ist begeistert von ihm, umrundet ihn mehrmals, klettern schließlich hinauf, setzt sich auf den Stein und genießt die Sonnenstrahlen, die für Momente durchs Blätterdach blinzeln. Dann hüpft sie herunter, baut sich vor dem Stein auf, legt den Kopf schief und sagt wie zu sich selbst:

„Der Stein hat ein Gesicht.“

Wo ihre Finger hinweisen, sehe ich ein Loch über einem Spalt.

„Wo?“, frage ich.

„Da. Kannst du es nicht sehen? Es sieht wie das Gesicht eines versteinerter Drachen aus?“

Ein Loch ist ein Loch und ein Spalt ist ein Spalt, denke ich. Mich berührt der Stein nicht. Aber ich weiß, dass das Schicksal in bestimmten Momenten Überraschendes bereit hält. Ein solcher Moment ist womöglich gerade gekommen. Der Stein scheint sie anzuziehen, sie muss ihn ständig berühren, lässt ihn gar nicht mehr los.

Einer spontanen Eingebung folgend spreche ich zu ihr, sage folgendes:

„Dies ist vielleicht ein Ort, der dir etwas zu sagen hat. Bleibe du hier, während ich weitergehe. Am Ende des Pfades werde ich auf dich warten. Achte auf das, was dieser Ort mit dir macht und höre auf das, was du hörst. Denn es ist deine innere Stimme, die zu dir sprechen will und vielleicht erhältst du die Antwort auf die Frage, die dich beschäftigt. Dafür bist du doch mitgekommen, oder?“

Ich will an dieser Stelle kurz erklären, dass sie eine Frage beschäftigt, deren Inhalt nicht in eine Wanderbeschreibung gehört. Da sie bisher keine Antwort finden konnte, riet ich ihr, mich auf meinem Weg zu begleiten. Ich sagte ihr, der Weg hält für jeden etwas bereit. Sie willigte ein und deshalb begleitet sie mich.

So wende ich mich also ab und gehe weiter, während sie am Stein verweilt. Was sie dort erlebt, werde ich nicht erfahren.

Mein Weg verläuft weiter dicht an der steilen Klippe entlang. Ich habe viel Zeit, um zu betrachten, was mich umgibt: da sind abgestorbene Bäume, die bleichen Skeletten ähneln; moosbedeckte Steinen, die geheimnisvolle Figuren formen; eingestürzte Stollen, die vielleicht kleine Trolle beherbergen; glutroter Fingerhut, der wie kleine Blutstropfen auf grünem Farn wirkt. Hat der Stein auf mich doch eine Wirkung entfaltet?

Viel zu früh findet der schmale Pfad sein Ende, indem er auf de breiten Eggeweg mündet. Lange, sehr lange muss ich jetzt warten. Doch endlich sehe ich sie kommen und ich bin erleichtert. Sie ist noch ein Stück entfernt, da ruft sie schon laut:

„Ich habe eine unheimliche Begegnung gehabt! Eine Frau stand plötzlich hinter mir. Sie war einfach da, ich habe sie nicht kommen gehört. Sie war groß und ganz schlank und ihre roten Haare waren zu einem Zopf gebunden. Gesagt hat sie nichts, aber mich sehr intensiv angeschaut. Sie hat dabei richtig durch mich hindurch geschaut. Es war unheimlich.“

So malt sie diese Frau mit den roten Haaren direkt in mein geistiges Auge. Und ich male fleißig weiter an der Gestalt herum. In mir entsteht eine Figur mit weißem Gewand, zwei Flügel wachsen ihr. Am Ende steht ein Engel vor mir.

Etwas unsicher frage ich sie: „War das eine Erscheinung?“

„Quatsch!“, erwidert sie.

„Dann wird die Frau ja gleich kommen, oder?“

Wir warten gespannt. Sie kommt nicht.

Langsam, ganz langsam und ohne Eile, trotten wir gemächlich den langgezogenen Waldweg entlang, den sanften Hügel hinauf. Wir schauen uns viel zu oft um, nur weil wir hoffen, dass die Frau mit den roten Haaren sichtbar wird. Aber das geschieht nicht. Auf dem Hügel angekommen, bleiben wir stehen, schauen lange nach ihr.

Doch sie erscheint nicht auf dem Weg. Ich will weiter, zögere aber.

„Sie kommt nicht mehr, sie ist verschwunden“, meine ich.

In meiner Vorstellung hat die Erscheinung ihre Flügel ausgebreitet und ist in die Lüfte aufgestiegen und im Nichts verschwunden. Diesen Gedanken behalte ich aber lieber für mich.

Beke hat eine realistischere Erklärung parat: „Sicherlich hat sie einen anderen Weg genommen.“

Unschlüssig stehen wir da. Schließlich drehen wir uns um, gehen schweigend weiter, doch wir sind beide in unsere Gedanken verstrickt.

Roters Eiche ist eine große Rasenfläche mitten im Wald, auf der eine uralten knorrigen Eiche steht. Sie signalisiert das Ende der geheimnisvollen Felsenlandschaft der Teutonia Klippen und für uns ist es der Platz, an dem unseren Gedanken aus der Phantasiewelt zurück in die Wirklichkeit kehren. Was hat der Weg nur mit uns gemacht? Wir fragen es aber nicht laut, gestehen es uns nicht gegenseitig ein.

Mit beschleunigtem Schritt stoßen wir bald auf die Stadtwüstung Blankerode, einer vor langer Zeit aufgegebenen Siedlung. Auf einer Informationstafel lesen wir, dass in dem burgähnlichen Ostteil Ritter und Burgmannen wohnten, im Westteil die Bauern und Handwerker, dazwischen die Kirche. Die Burg wurde mehrere Male zerstört und wieder aufgebaut und im 14. Jahrhundert endgültig verlassen. Seitdem legt sich zu Erde gewordenes Laub über den Ort.

Wir umrunden die Wüstung und freuen uns, bald ins heutige Blankenrode zu kommen. Denn dort liegt die Pension Eggewald, in der wir heute zu Gast sein dürfen.

Als wir eintreten, sehen wir einen Wanderer in der Gaststube sitzen, er hat uns den Rücken zugewandt und trinkt genüsslich ein Bier. Der Wirt kommt sofort aus der Küche geeilt, begrüßt uns mit Handschlag und sagt, er würde uns gleich das Essen machen.

„Die Küche macht gleich zu. Dazu gibt es höchstens zwei Flaschen Bier für jeden. Mehr nicht!“ Gastfreundschaft klingt anders, denke ich und schaue verwundert drein.

Wir wollen erst einmal einen Kaffee und danach auf‘s Zimmer, uns frisch machen und umziehen. Der Wirt wird sich gedulden müssen. Offenbar ärgert ihn das, denn er murrt, als er uns den Kaffee bringt.

Nach einer schnellen Dusche leiste ich dem Wanderer Gesellschaft, bald stößt auch meine Wanderpartnerin frisch geduscht dazu. Wir plaudern munter drauf los, denn Wanderer haben sich immer etwas zu erzählen.

Schnell stellt sich heraus, dass wir Gemeinsamkeiten haben. Nicht zuletzt den Namen, denn auch er heißt Michael wie ich. Prost darauf! Doch das Bier ist alle, wir bestellen mehr. Den Wirt freut es, er bringt volle Flaschen heran und ist gar nicht mehr mürrisch.

Beke erzählt Michael, dass sie im Wald eine Begegnung hatte.

„Ach, das ist sicher Mia gewesen“, sagt er, „ich bin ihr schon mehrere Male begegnet. Sie ist seit vier Wochen auf dem E1 unterwegs.“

Ich horche auf. Sie geht den E1? Den Gedanken, sie als Erscheinung zu sehen, gebe ich auf und gebe mich mit der einfachen Erklärung zufrieden, dass sie einen anderen Weg genommen haben muss.

Wir lassen uns gerade die leckeren Schnitzel schmecken, als sich die Tür zur Gaststube öffnet. Im Türrahmen steht - Mia.

„Guten Abend. Kann ich bei Ihnen etwas zu essen bekommen?“ fragt sie den Wirt, während sie schon den Rucksack abstreift. Ich freue mich schon auf ein angeregtes Gespräch mit ihr.

Die Miene des Wirts, die mittlerweile fast fröhlich geworden ist, verfinstert sich schlagartig wieder. Erneut wirkt er wie zugeknöpft und fragt zurück: „Übernachten Sie hier?“

„Nein“, sagt Mia, „ich habe mich in der Pension da drüben einquartiert.“ Ihr Arm zeigt Richtung Dorf.

„Dann habe ich nichts zu essen für Sie. Die Küche hat schon geschlossen.“

Das kann doch nicht wahr sein! Wir sind schockiert und reden auf ihn ein. Doch er bleibt hart. Mia muss hungrig gehen.

„Ich hätte so gerne mehr über ihre Wanderung auf dem E1 erfahren“, sage ich leise, wie zu mir selbst.

Um die Stille zu füllen, bestellt Michael mehr Bier.

Und wieder zaubert unser Wirt neue Flaschen herbei und bringt sich selbst auch eine mit. Seine Stimmung ist wieder ausgelassen.

Ein paar Bier später erscheint Mia wieder. Zaudernd bleibt sie in der Eingangstür stehen und sagt leise:

„Michael, du hast doch morgen doch deinen letzten Wandertag. Ich möchte mich von dir verabschieden.“

Er winkt sie herein, der Wirt protestiert. Doch jetzt lassen wir sie nicht wieder gehen. Bier für alle, auch für den Wirt! Da wird er weich.

So sitzen wir in der großen Gaststube, reden, lachen und trinken bis kurz vor Mitternacht. Der Wirt wird wohl morgen neues Bier bevorraten müssen. Aber morgen ist morgen, heute trinkt er kräftig mit.

3. Tag

Der Wecker klingelt, das Aufstehen ist mühsam. In der Gaststube steht ein gutes Frühstück bereit, das versorgt uns mit frischer Energie. Der Wirt bringt Kaffee und begrüßt uns nett. Wir dürfen uns sogar etwas für unterwegs einpacken. Michael sehen wir nicht mehr, er ist schon aufgebrochen und auch wir machen uns jetzt auf den Weg.

Eilig überqueren wir die Autobahn Richtung Ruhrgebiet. Hier ist es wieder einmal unerträglich laut, aber schon bald umgibt uns erneut der Wald und Stille.

In Oesdorf wartet eine Kirche auf uns, schenkt uns in ihrem Innern ruhige Momente. Während meine Wanderbegleiterin auf Entdeckungsreise geht, setzte ich mich ins Mittelschiff und lasse meinen Blick schweifen. Er verfängt sich an einem Gemälde, das eine realistische Abbildung Gottes darstellt. Wallendes Haar und weißer Bart verleihen ihm ein väterliches Aussehen. So kann man sich Gott Vater vorstellen, wie er wohlwollend von seiner Wolke herab auf die Menschen blickt und gleichzeitig seine Arme gütig erhebt. Seine Finger weisen auf vier Geschöpfe, die rechts und links von ihm sitzen, sie sehen wie Tauben mit Engelsgesichtern aus. Über allem steht: „Dieser ist mein geliebter Sohn – an dem ich mein Wohlgefallen habe.“ Das ist ein Vers aus Matthaeus 3.17, was kleine Buchstaben in der rechten Ecke verraten. Eine verstohlene Recherche auf dem Handy bringt die Erkenntnis, der Psalm lautet im Ganzen: „Und da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser; und siehe, da tat sich der Himmel auf über ihm. Und er sah den Geist Gottes gleich als eine Taube herabfahren und über ihn kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.“ Und nun kann ich das Gemälde deuten: Jesus, der in dem Bild unsichtbar bleibt, wurde soeben auf der Erde von Johannes getauft. Nun nehme ich auch drei Kreise wahr, die sich in der Mitte schneiden und jetzt weiß ich auch, was es bedeutet. Es ist das Symbol der Dreieinigkeit, bestehend aus den drei Einheiten (1)„Gott Vater“, (2)„Sohn“ und (3)„Heiliger Geist“. Gott Vater sehe ich ja deutlich vor mir, den Heiligen Geist erkenne ich in den Tauben, aber wo ist der dritte Teil der Dreieinigkeit? Wo ist Jesus, auf den Gott Vater gerade herab blickt? Ich sehe mich um. Jesusfiguren gibt es einige in dieser Kirche, doch alle sind schon am Kreuz, keine wird gerade getauft. Mein Blick verfängt sich in Bilder, die  in den Seitenschiffen hängen. Ich muss aufstehen, um sie mir genauer zu betrachten. Ich sehe zwölf Bilder auf zwei Seitenschiffe verteilt, sechs befinden sich auf jeder Seite. Alle zusammen erzählen sehr detailgetreu die Kreuzigungsgeschichte Jesu. Ganz langsam gehe ich von Bild zu Bild, verfolge gebannt die Geschichte von Festnahme über Verurteilung, Geißelung und den Weg zur Kreuzigung. Auf einem Bild sehe ich ihn zusammengebrechen, auf einem anderen hängt er am Kreuz und auf dem letzten liegt er im Grab. In zwölf Bilder wird mir sein Leid und sein Sterben vor Augen geführt.

Sehr lange betrachte ich die Bilder, jedes einzelne schaue ich mir ganz genau an, brenne sie mir in mein Gedächtnis ein.

Dann stelle ich mich in die Mitte der Kirche, dort, wo ich eben gesessen habe und schaue noch einmal zum Abbild Gottes empor, frage still:

„Wie konntest DU es ihm antun? Den ganzen Schmerz der Welt hat er für uns auf sich genommen. Wie kann man daran Wohlgefallen haben? Und hat es genützt?“

Doch eine Antwort erhalte ich hier nicht. Nachdenklich verlasse ich die Kirche.

Beke zeigt mir ihre Fotos, die sie im Innern gemacht hat. Sie interessierte Holzarbeiten, Dinge, die ich überhaupt nicht wahrgenommen habe. So sehen Menschen zwar in dieselbe Richtung und doch sieht jeder etwas anderes.

Wir gehen weiter, eine Weile noch bleibe ich nachdenklich. Doch Wald, Wiesen und meine Wegbegleiterin heitern mich auf. So sind wir munter am Plaudern, als wir eine Schutzhütte erreichen. Dort wartet eine freudige Überraschung auf uns. Mia sitzt da, hat die Beine übereinander geschlagen und lacht uns an. Lange vorher muss sie uns schon kommen gehört haben. Wir setzten uns zu ihr, freuen uns sehr, sie wieder zu sehen.

Sie erzählt, dass sie gerade mit ihrer Transfergesellschaft telefoniert hat. Zwei Wochen kann sie den E1 noch bewandern, dann muss sie zurück, sich auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten. Wie die aussieht, dass will sie auf ihrer Wanderung herausfinden.

Sie erzählt noch, dass sie Michael noch getroffen hat, der wie sie sehr früh aufgebrochen ist. Dann kommt endgültig der Abschied, der nur mit einer innigen Umarmung geht und mich traurig macht. Wahrscheinlich werde ich weder Mia noch Michael je wiedersehen. Wanderschicksal.

Wir wenden uns um, in der Ferne ist weit entfernt ein großer, eckiger Turm zu sehen. Das muss Marsberg sein. Dorthin wollen wir und bald sind wir da. Früh genug, im Bleichhaus am Minigolfplatz noch Bratwurst vom offenen Grill und Bier vom Fass zu genießen.

Dann ist es Zeit für den Rückweg mit der Bahn.

Wir haben nicht darüber gesprochen, aber ich hoffe, Beke hat die richtigen Antworten in ihrem Gepäck mit nach Hause genommen. Fragen, die das Leben stellt und die zu Hause in der gewohnten Umgebung, in der man allzu oft im Kreis denkt, keine Antworten finden lassen. Erst in der freien Natur, alleine oder mit einem Wanderpartner in einem bewegten GeHstpäch unterwegs, führen wie von selbst zur Antwort, die oft schon im Herzen verborgen lagen.