6. Tag: Kiel-Russee-Eckernförde

Sonntag, 15.6.14, 35 km in 8 Std.

Ostsee

Um sieben klingelt der Wecker meines Smartphones. Meine Augen erfassen eine ungewohnte Umgebung. Wo bin ich? Ach ja, in Kiel bei meiner Schwiegermutter.

Frischer Kaffeeduft lockt mich aus dem Bett. Ein schönes Frühstück wartet auf mich. Meine Schwiegermutter hat draußen gedeckt und nun sitzten wir gemeinsam bei Kaffee und Brötchen. Sie erkundigt sich  nach meiner bisherigen Tour und gibt mir einige gute Tipps für die heutige Strecke, denn diese Gegend kennt sie so gut wie ihre Handtasche.

Heute stehen mehr als 30 km nach Eckernförde auf dem Plan. Um neun Uhr breche ich auf. Während den ersten Schritte horche ich in mich und achte auf die Beine, frage mich, ob die gestrige Wanderung mir wohl in den Knochen steckt? Nein, alles ist bestens, keine Beschwerden. Erleichert stelle ich fest, dass die Beine laufen wollen, das Laufen sogar leichter fällt als an den bisherigen Wandertagen.

Als erstes muss ich ein Autobahnkreuz überwinden, auf Brücken natürlich. Ein Höllenlärm empfängt mich.

"Warum nur sind Autos so laut?", frage ich mich wieder einmal.

Zur Belohnung gelange ich auf eine Wiese, die ich auf schmalem Pfad entlang des Rother Teiches durchstreife. Grashalme berühren meine nackten Waden unterhalb der kurzen Wanderhosen. Das läßt mich an die fiesen Zecken denken, die gerne von Grashalmen auf ihre Opfer überspringen. Zecken sind üble Überträger von Borreliose, ein Zeckenbiss verursacht nach mehreren Tagen eine Rötung der Haut, die sich allmählich ausbreitet und schließlich die Form eines Kreises annehmen kann. Später wird darauf manchmal eine Hirnhautentzündung oder eine Muskelentzündung. Ich beschließe, mir ein Zeckenmittel zuzulegen.

Auf der anderen Uferseite des Rother Teiches höre ich wie schon auf den letzten Wanderungen den Kuckuck rufen. Dieses Mal sehe ich ihn sogar fliegen. Der Vorgel ist erstaunlich klein, aber da von ihm unentwegt ein „Kuckuck, Kuckuck“ ausgeht, muss es wohl der Kuckuck sein. Unentwegt laut rufend fliegt er über den Teich und verschwindet hinter den Bäumen. Das war der letzte Kuckucksruf für heute.

Zwei Kilometern weiter trete ich auf Asphalt. Es wird mein Untergrund für heute bleiben, ich weiß es zum jetzigen Zeitpunkt nur noch nicht. Nun geht es lange geradeaus, eine kleine Landstraße entlang. Vorbei an Mehlsdorf, Quarnbeck und Landbeck. Während ich gehe, verfalle ich wieder in eine Art Trance. Die Füße setzen automatisch auf, während sie gehen. Der Blick schweift herum, mal ist er fern, betrachtet grüne Wiesen oder grün-gelblichen Felder, mal ist er nah am Wegesrand, nimmt dort die schönen Blumen in bunte Farbvielfalt wahr. Doch die Eindrücke bleiben flüchtig und erreichen das Gehirn nicht wirklich, denn das ist mit anderem beschäftigt. Die Gedanken fließen, entfernen sich, kommen zurück, bringen bisweilen einen Gedanken mit, den der Geist betrachtet und wieder losläßt

Heute drehen die Gedanken um meine Zukunft und fragen sich, was wohl sein wird in in einem Jahr?

Die Zeit vergeht, während ich immer weiter gehe.

Mein Blick bleibt an einem Schild hängen: Nord-Ostsee Kanal (NOK).

Ach, habe ich ihn schon erreicht? 50 Meter weiter ist die Fährstelle, die Fähre macht gerade auf der anderen Seite los. So bleibt noch ein wenig Zeit, die Informationstafel zu studieren und etwas über die Geschichte des NOK zu erfahren.

Ich lese, dass der NOK früher Kaiser-Wilhelm-Kanal hieß, vor mehr als hundert Jahren erbaut wurde, fast 100km lang ist, Schleswig-Holstein teilt und damit die Ost- mit der Nordsee verbindet. Jedes Jahr passieren den Kanal 37.000 Schiffe, doppelt so viele wie im Suezkanal. Dazu kommen noch 14.000 Sportboote.

Schon oft habe ich den NOK mit dem Auto überquert, aber heute werde ich den Kanal das erste Mal zu Fuß kreuzen. Nicht ganz, denn meine Wanderstiefel betreten nur die Fähre, die mich auf dem Wasser übersetzt, sie passt genau eine Lücke zwischen zwei großen Frachtschiffen ab passiert.

„Herrje, diese Wasserstraße ist wirklich frequentiert!“, denke ich und schaue den Schiffen zu, wie sie auf dem Kanal entlang schippern.

Auf der anderen Seite geht's den Uferweg hinauf, dann folge ich der Straße nach Gettorf. Die Sonne steht jetzt hoch am Himmel und brütet den Asphalt, so dass ich mich freue, in den kühlen Schatten eines schönen, lichten Buchenwaldes zu treten. Aber schon einen Kilometer weiter treffe ich wieder auf die Straße, die langsam in der Sonne schmilzt. Jeder noch so kleine Alleebaum, unter dem ich entlang spaziere, ist mir willkommen, denn er bringt für kurze Momente kühlenden Schatten.

Am südlichen Rand von Gettorf komme ich über den großen Parkplatz das KuBiZi, das Kultur- und Bildungszentrum, dort gibt es Fahrradstellplätze für hunderte von Fahrrädern, eine große Turnhallen und noch größere Unterrichtsgebäude. Ich wundere mich über die Größe dieser schulischen Anlage. Sie muss ein enormes Einzugsgebiet haben. An anderen Tagen wird hier sicherlich reges Treiben herrschen, aber heute liegt über allem eine gespenstische Ruhe, denn es ist Samstag und kein Mensch möchte heute zur Schule gehen.

Ich lasse das Schulgelände hinter mir und komme an einer Bank im kühlen Schatten vorbei. Zeit für eine Mittagspause, die heute reichhaltiger ausfallen wird, denn meine Schwiegermutter hat mir zwei hartgekochte Eier und Butterstullen in den Rucksack gesteckt. Die esse ich jetzt mit Wonne und freue mich über diesen extra Pausenluxus. Und es schmeckt so gut, dass ich beschließe, Eier und Butterbrote auf meine Proviantliste zu setzen. Ein anschließendes Nickerchen wird durch Mauzen unterbrochen. Eine junge Katze möchte unbedingt gestreichelt werden und springt zu mir hoch. Ihre Pfoten kneten meine Magenkuhle durch, dann lässt sie sich voller Wonne dort nieder, schließt ihre Augen und schläft laut schnurrend ein. Wir genießen beide noch etwas den Schatten. Dann bellt laut ein Hund und erschrickt die Katze. Ihre Krallen graben sich in meinen Bauch und damit ist die dösige Pause zu Ende. Schade.

Ich packe zusammen und mache mich Richtung Stratenbrook auf.

Ich komme vorbei an einem Reetdachhaus, auf dem auf Platt geschrieben steht:

Een Egen Hus, Een Fröhlich Hart, Gesundes Lief, Een Smuckes Wief Un Een Glas Wien.
Wai Kann Wohl Schöner Ob Erden Sien
?“

Das Haus und vor allem der Spruch gefallen mir sehr. Hier wohnen bestimmt glückliche Menschen!

Es folgt eine Straße ohne Fußweg. Ich gehe auf der linken Straßenseite, so wie mich vor langer Zeit mein Vater gelehrt hat, denn so sieht man dem Gegenverkehr ins Auge und kann rechtzeitig reagieren, falls Gefahr von vorne droht. Aber es sind gar keine gefährlichen Autos unterwegs. Stattdessen laufe ich an achtlos weggeworfenen Bierdosen, Zigarettenschachteln, Lebensmittelverpackungen und anderem Unrat vorbei und ich werde angesichts des ganzen Mülls, der die Straße säumt, immer ärgerlicher.

„Muss das sein? Warum sind einige Menschen nur so gedankenlos und machen die Straße zur Müllhalde?"

Einige Kilometer komme ich an einer Wiese vorbei. Darauf steht eine alte Scheune, eine verwitterte Wand ist mit einer großen Wandmalerei verziert, die meine Aufmerksamkeit anzieht. Ich gehe näher heran, um sie genau zu betrachten. Ein großes rotes Herz, schwarz gerahmt. Es scheint zu fliegen, von zwei Flügeln empor gehoben. Nach unten ragt ein Schwanz, an dessen Ende ein kleines Herz. Mich erinnert es an Liebe und Schmerz, an Himmel und Hölle, an Gut und Böse. Was hat wohll der Künstler gedacht, als er sein Werk hier vollendete?

Ich marschiere zurück zum Weg und gehe weiter, komme an einem riesigen Maisfeld vorbei, das einen Hügel hinauf reicht. Kurz vor dem Horizont, kaum mehr sichtbar, drehen sich sehr langsam die Flügel mehrerer Windkrafträder. Monokultur in Reinkultur im Dienste erneuerbarer Energie. Die Windkrafträder erzeugen sauberen Strom aus Wind und der Mais wächst als nachwachsender Rohstoff, um aus ihm Treibstoff zu gewinnen. Das Ergebnisse ist leider, dass Landschaft verschandelt wird.

Ich frage mich, ob es nicht besser wäre, wenn wir alle einfach weniger Energie verbrauchen würden.

Kurz darauf biege ich auf einen Waldweg. Warum er Bergweg genannt wird, erschließt sich mir nicht, denn es geht ein Stück Moor entlang. Moorweg wäre der bessere Name gewesen. Der Weg mündet wieder auf die Straße.

Kurz darauf stehe ich an der Ostsee. Nach 170 km habe ich das Meer erreicht.

Ein erster großer Glücksmoment auf dieser Wanderung.

Ich stehe am Strand und schaue auf den weiten Horizont. Ich kann es gar nicht recht fassen, dass ich hierher zu Fuß gegangen bin. Ich reiße den Rucksack von den Schultern, ziehe mir die klobigen Wanderschuhe von den Füßen. Die Badehose habe ich wieder vergessen und so begnüge ich mich, mit nackten Füßen und Beinen ins Wasser zu waten, bis es mir an die Hosenbeine reicht. So stehe ich lange im Wasser und schaue. Nach einer gefühlten Ewigkeit schultere ich meinen Rucksack, nehme die schweren Wanderstiefel in die Hand und will barfuss am Strand entlang Richtung Eckernförde gehen. Doch es ist verflixt steinig hier und das tut weh. Aua! Ich gebe auf und schlüpfe wieder in die Wanderstiefel. Jetzt geht es besser. Kurz vor Eckernförde entdecke ich einen FFK-Strand und so komme ich doch noch zu meinem erfrischenden Bad. Ganz ohne Badehose. Ich genieße es sehr und bleibe sehr lange im Wasser.

Ein Handtuch habe ich natürlich auch wieder nicht dabei, aber ich habe ja schon Erfahrung mit dem Anziehen auf nasser Haut. Gerne hätte ich noch etwas im warmen Sand gelegen, über das Meer geschaut und über meine Wanderung nachgedacht, aber hinter mir türmz sich plötzlich eine riesige dunkle Regenwolkenwand auf, die schnell in meine Richtung zieht.

Da trolle ich mich lieber.

Warum nur sind die letzten zwei Kilometer immer so schwer? Das war bisher fast auf jeder Wanderung so und auch heute zieht es sich hin. Die über mir schwebende Regenwolke treibt mich an, denn nass werden möchte ich jetzt nicht mehr. Nach insgesamt 35 Kilometern erreiche ich schließlich den Bahnhof, löse schnell am Automaten mein Ticket, denn der Interregio fährt schon ein. Er bringt mich zügig ohne Umsteigen zurück zum Hamburger Hauptbahnhof.

Während der Fahrt huscht durch meine Gedanken, dass ich in diesen zwei Wandertagen meinem Etappenziel Flensburg um 60km näher gekommen bin und es mir gar nicht viel ausgemacht hat. Und dass mich das Wandern glücklich und sehr zufrieden macht. Darüber bin ich wohl eingeschlafen, denn ich wache erst in Hamburg wieder auf.


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