17-18. Tag: Hameln

Über den Deister

30./31.5.15, 59km in 12 Std.


1. Tag

Früh geht es los am Samstag, denn es sind schon zwei Stunden Autofahrt zum Ausgangspunkt der heutigen Tour. Das Auto bleibt am Bahnhof Weetzen auf dem Park&Ride Parkplatz zurück, weiter geht es mit der S-Bahn nach Haste.

Ich kann es kaum erwarten, heute über den Deister zu gehen.

Tunnel in eine neue Wanderwelt
Tunnel in eine neue Wanderwelt

Aber von Haste ist es noch ein Stück bis dahin und eine Weile muss ich dem Wanderweg kreuz und quer durch die flache Feldmark folgen, den Blick immer sehnsüchtig Richtung Deister gerichtet, dessen Hügel ich mich ganz allmählich nähere.

Hinter Waltringshausen liegt eine gemauerte Autobahnunterführung. Sie ist lang und dunkel und wird mir in dem Moment des Durchschreitens zum Symbol des Übergangs in eine andere Welt des Wanderns. Hiermit verlasse ich das Norddeutsche Tiefland, trete ein in die bergige Landschaft des deutschen Mittelgebirges, das bis an den Alpenrand reicht, der mir jetzt noch so unendlich weit weg erscheint. Ich vermute, das Wandern wird beschwerlicher als bisher, denn viele Höhenmeter gilt es ab jetzt zu überwinden.  

Die großräumige Verteilung von Deutschland (Quelle der Grafik: Wikipedia)

 

Hinter dem Tunnel wartet das Niedersächsische Bergland, zu dem auch die Höhenzüge des Deisters und des Süntel gehören, beide bis zu 400 Meter hoch und überwiegend mit Buchen und Eichen bewaldet.

Dichter Wald empfängt mich und gleich geht es aufwärts. Hundert Höhenmeter sind in kurzer Stecke zu erklimmen, für mich Flachländer eine ungewohnte Bewegung, die mich mächtig zum Schnaufen bringt. Aber bereits nach einem Kilometer werde ich erlöst. Der dichte Wald öffnet sich einen Spalt weit und gewährt mir einen einen letzten Blick zurück auf die norddeutsche Tiefebene, in der Ferne sehe ich den Kaliberg, den ich bei der letzten Wanderung umrundet habe. Von hier sieht er ganz klein aus.

Eine Bank lädt zum Verweilen ein, ich lasse mich nieder, denn zehn Kilometer liegen bereits hinter mir. Mit Genuss beiße ich in die mitgeführte Butterstulle, das hartgekochte Ei schmeckt köstlich. Zum Abschluss des kleinen Picknicks habe ich mir einen Baumkuchen auf die Bank gelegt, den ich als Wegzehrung geschenkt bekam. Er sieht mit seinem Zuckerüberzug richtig lecker aus. Doch als ich nach diesem Genuss greifen will, fällt er mir auf den schmutzigen, nassen Boden, direkt hinein in eine Pfütze. Nun ist er Futter für die Regenwürmer. Wie dumm von mir.

Während ich mich ärgere, packe ich die Sachen in den Rucksack, werfe ihn auf meinen Rücken und wende mich endgültig ab von dem, was hinter mir liegt. Auf zu neuen Ufern!

Wieder geht es bergauf, auf gut befestigten Wanderwegen erklimme ich weitere hundertfünfzig Höhenmeter. Dann eine verwitterte Treppe, sie führt steil hinab, ist feucht und glitschig. Auf halber Strecke kommen zwei Wanderer entgegen, wir müssen aufpassen, dass wir auf dem engen Pfad nicht ausrutschen. Alles geht gut.

Mein Abstieg endet an der Teufelsbrücke, die mit starken Bohlen die ruhig dahinfließende Ackersbeke überquert. Anschließend geht es wieder bergauf. Immer weiter hinauf. Auf 375 Höhenmetern endlich liegt der Kammweg. Er heißt so, weil er dem Kamm des Deisters über viele Kilometer von Norden nach Süden folgt.

Der Deister ist insgesamt 20 km lang und mit einem dichten Laubwald bewachsen, der leider jeden Weitblick ins Tal verhindert. Dafür belohnt er mit Ursprünglichkeit und Ruhe, unterlegt mit heiterem Vogelgezwitscher. Nur wenige Menschen sind unterwegs. Das ist nicht verwunderlich, denn ist kalt, es hat nur 12 Grad.

Ich bekomme klamme Finger.

Da wird meine einsame Wanderung durch einen Jogger unterbrochen. Er überholt mich, grüßt kurz und schon ist er vorbei. Ich schaue ihm lange nach, bis er schließlich hinter der nächsten Kurve verschwindet. Ich vermute, dass er auf einem langen Lauf unterwegs ist, denn er hat eine Wasserflasche an seinem Hüftgürtel hängen, die munter bei jedem seiner Schritte auf und ab wippt. Er muss eine gute Kondition besitzen, wenn er hier oben auf 350 Höhenmetern läuft. Ich bewundere ihn, während ich für einen Moment an mein eigenes Lauftraining erinnere, das zugunsten des Wanderns brach liegt. Beides zusammen geht irgendwie nicht.

Ich komme am alten Fernmeldeturm Barsinghausen vorbei, der seit 1969 Radiowellen in den Äther schickt. Mein Blick fährt den schlanken Turm hinauf, hält einen Moment an der runden Plattform inne, gleitet weiter entlang der rotweiße Antenne und bleibt schließlich an der dahinter stehenden tiefschwarzen und bedrohlich wirkenden Regenwolke hängen, die wirkt, als sei vom Mast aufgespießt worden. Noch hält sie ihren Regen, aber lange kann es nicht mehr dauern, bis sich ihre Schleusen öffnen.

Und tatsächlich. Unvermittelt prasseln dicke Tropfen auf meinen Kopf, ein Wasserband, das im Nu alles um mich herum naß werden läßt und mich Schutz suchend in den dichten Wald treibt. Das Laubdach hält perfekt und so schnell, wie es zu regnen begann, ist es vorbei und ich kann weitgehend trocken zurück auf den Kammweg.

Dort haben sich dicke Pfützen gebildet.

Ein Kraftort
Ein Kraftort

Eine nahe Sehenswürdigkeit etwas abseits des Kammweges verleitet mich zu einem Umweg. Bald stehe ich vor der Alten Taufe, einem riesigen Quader aus Sandstein mit drei Metern Kantenlänge und einer tiefen Mulde auf der Oberseite. Es soll eine heidnische Opferstätte sein, auf der vor Urzeiten Menschenopfer dargebracht wurden. Oder vielleicht ist es ein altes Taufbecken der Christen, was dem Stein seinen Namen gab. So genau ist es nicht bestimmbar, wie ich lese. Fest steht, dass der Stein heute gerne von Esoterikern aufgesucht wird, die diesen Platz als einen Kraftort ansehen und ihm eine bewusstseinserweiternde Wirkung zugeschreiben. Zwei junge Männer, ganz in Schwarz gekleidet, sitzen gemütlich mit einer Flasche Bier in der Hand und betrachten in aller Seelenruhe den Opferstein. Ich frage nicht, was ich eigentlich fragen will, ob sie Esoteriker sind, die hier ihren Seelenfrieden suchen. Stattdessen frage ich, woher sie kommen und wohin sie gehen. Ihre Antwort kommt bereitwillig und sie erzählen, dass sie aus dieser Gegend stammen und den heutigen Samstag für eine Rundtour um den Deister nutzen. Im Gegenzug erzähle ich, dass ich auf meinem Weg durch Deutschland bin. Da staunen sie und meinen: „Soweit würden wir es nicht schaffen, die heutige Tour ist uns lang genug“. Ich bitte sie, mich vor dem Kraftstein zu fotografieren. Sie tun es gerne.

Der Kammweg wird der „Weg der drei Türme“ genannt.

Der erste Turm kommt in Sicht. Der Nordmannsturm ist ein hübscher, aus Steinen gemauertes Bauwerk. In seinem Fuß befindet sich eine Schänke, am Tresen bestelle ich Kaffee und Kuchen. Der kleine Gastraum ist voller Menschen, die Schutz vor der Kälte suchend die Tische belegt haben. Die Luft ist stickig, es ist klamm und sehr laut. Deshalb möchte ich nicht drinnen bleiben, doch die nette Bedienung serviert gerne auch draußen, wo ich mich auf eine Bank ausstreckte. Der lange Weg hier herauf hat müde gemacht, doch der Kuchen gibt mir neue Kraft und bevor es weitergeht, erklimme ich noch die neunzig steinernen Stufen im Innern des Turms zur Aussichtplattform hinauf. Als ich die schwere Eisentür öffne, kann ich endlich den ersehnten weiten Blick über die Wipfel der Bäume genießen, der mir bisher im Wald verborgen blieb. In einem entfernten Tal liegt Bad Münder und dahinter erhebt sich der Süntel, den ich morgen bezwingen werde. Drüber türmen sich weitere regenschwangere Wolken, die in meine Richtung schweben und vermutlich nur darauf warten, an den Deister zu stoßen, um sich ihrer Wasserlast zu entledigen. Hoffentlich wird es nicht gerade hier sein.

Drei Kilometer weiter bricht das Unwetter los. Der Himmel wird rabenschwarz, ein heller Blitz zuckt aus der dunklen Wolke und nur ein kurzer Moment vergeht, bis der Donner grollt. Das fiese Gewitter ist schon ganz nah. Ich weiß, dass ein Gewitter im Wald gefährlich sein kann, doch noch gefährlicher ist es, in so einem Moment auf dem Kamm eines Berges zu stehen. Der Radarturm der Deutschen Flugsicherung (DFS) kommt in Sicht und darauf dreht sich hoch über den Baumwipfeln eine eiserne Radarschüssel. Ich denke, dass dort wohl der Blitz zuerst einschlagen würde und nicht hier auf dem Weg. Dieser Gedanke beruhigt mich, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Es blitzt wieder, der Donner folgt ohne Verzögerung, das Gewitter ist jetzt genau über mir und ich bekomme eine Gänsehaut. Noch ein Blitz und ein Donnerschlag, der am Berg widerhallt. Und noch einer. Doch nun dauert es schon etwas länger, bis der Donner folgt. Das Unwetter scheint weiter zu ziehen.

Das war unheimlich. Es folgt heftiger Regen. Ich weiß, dass in der Nähe der nächste bewirtschaftete Aussichtsturm ist und ich hoffe, dass ich ihn gleich erreichen werde, um ins Trockene und Warme zu schlüpfen. Ich gehe immer schneller, indes sich der Regen in Hagel verwandelt. Dicke, weiße Körner fallen vom Himmel, prallen hart und laut auf den Weg und verwandeln ihn im Nu in einen weißen Matschteppich. Ich muss Schutz unter den nahen Bäumen suchen. Die Temperatur stürzt um einige Grad und es wird noch kälter als es ohnehin schon ist. Der Atem dampft. Die Hände verschwinden in den warmen Hosentaschen. Wenigstens bleibe ich unter dem Laubdaches weitgehend trocken.

Und dabei beginnt in zwei Tagen der meteorologischen Sommer.

Mir ist kalt.

Ein paar Minuten später ist es vorüber, doch der weiße Teppich bleibt noch eine Weile liegen. Ich trete aus dem Blätterdach hervor, zurück auf den Weg und schreite mit forschem Schritt weiter den matschigen Kammweg entlang. Nur langsam wird mir wieder warm.

Da ist endlich den Annaturm, doch jetzt brauche ich ihn nicht mehr. Ich lasse ihn links liegen, denn auf eine Pause habe ich jetzt keine Lust mehr. Er ist eh keine Augenweide.

Ein paar Kilometer weiter verlasse ich den Kammweg. Nun geht es den Deister durch dichten Buchen- und Eichenwald bergab. Der von den Blättern herabtropfende Regenzaubert eine besondere Stimmung, weite Blicke ins Tal bleiben weiterhin verwehrt. Erst kurz vor Bad Münder öffnet sich der Wald einen Spalt weit und gewährt mir einen Blick auf den fernen Süntel. Darüber lasten neue dunkle Wolken.

Ein junger Mann kommt mir entgegen, auf seinem Rücken trägt er eine mächtige Last, regendicht verpackt. Das liefert mir den Grund, ihn anzusprechen. „Wie schwer ist denn Ihr Rucksack?“, will ich wissen und bin neugierig auf die Antwort, denn mein winziger Rucksack drückt mittlerweile auf meine Schultern. „15 Kilo sind drin, aber ich trainiere nur. Nächste Woche geht es nach Island.“ Das klingt nach einer interessanten Geschichte, die ich aber nicht erfahren werde, weil er sich schon wieder in Bewegung gesetzt hat.

Ich nehme mir vor, allen Wanderer mit großem Gepäck, denen ich noch begegnen werde, nach ihrer Geschichte zu fragen und sie dann hier aufzuschreiben.

Der feuchte Wald weicht Wiesengelände und so bin ich also am südöstlichen Ende des Deisters angekommen. Bad Münder sollte nun in Sichtweite voraus liegen. Tut es aber nicht, denn es liegt irgendwo vor mir im Nebel. Ein Stück gehe ich die Wiese entlang, dann drehe ich mich zum Abschied noch einmal Richtung Deister.

Es verschlägt mir den Atem. Ein blaues Band erstreckt sich über dem hinter mir liegenden Deister und die Sonne bricht sich gerade ihre Bahn durch die dunklen Wolken, die langsam über mich hinweg Richtung Süntel ziehen. Keine Wolke folgt nach, so dass das tiefe Blau immer mehr Raum am Himmel findet. Die Sonne sendet ihre wärmende Kraft zu mir herab, bringt mir die ersehnte Wärme und die Straße zum Dampfen.

Ein Anblick, der mich fröhlich stimmt. Gut gelaunt mache ich noch einen Abstecher in den Kur- und Landschaftspark, der links des Weges liegt, wandle die geschwungenen Parkwege entlang und komme an einem merkwürdigen künstlichen See inmitten des Parks vorbei, dessen skurrile Künstlichkeit so gar nicht in diese Landschaft passt.

Am südlichen Parkende liegt das Hotel und ich bin froh, für heute angekommen zu sein. Es liegt auf einer kleinen Anhöhe und behauptet von sich, ein Themenhotel zu sein: „Zu Gast im Terrassen Café – in der Welt zu Hause." Jedes Zimmer sei ein Unikat und einem speziellen Land zugeordnet. Ich checke ein und bin gespannt, welches Thema der Wirt für mich bereit hält. Als ich mein Zimmer betrete, wartet Australien auf mich, mit Bumerang und Pusterohr an den Wänden und einem gemalten Bild hinter dem Bett, das wohl Ayers Rock darstellen soll, einem Wahrzeichen Australiens und ein Heiligtum der Aborigines ist.

So richtig interessiert es mich das aber nicht, denn ich bin nur müde und freue mich jetzt auf eine heiße und sehr lange Dusche und danach auf ein leckeres Abendessen. Das deutsche Schnitzel schmeckt nach 30 Kilometern Fußmarsch einfach wunderbar und die zwei Biere befördern mich ruck zuck in das Land der Träume.

2. Tag

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf. Die Sonne zeigt sich bereits von ihrer besten Seite, die dunklen Wolken sind woanders hingezogen.

Zunächst geht es durch die kleine Fußgängerzone Bad Münders, die Geschäfte haben geschlossen, die Petri-Paul-Kirche ruft mit ihrem Geläut zum Sonntagsgottesdienst. Hinter der Stadtgrenze beginnt der Süntel, wie der Deister ist auch er mit Laubwald bedeckt. Wie gut, dass ich kräftig gefrühstückt habe, denn der fünf Kilometer lange Aufstieg ist steil, aber auch sehr anmutig. Nach einer anstrengenden Stunde erreiche ich den Gipfel in 437 Metern ü.NN. Erschöpft und froh, es geschafft zu haben, lasse ich mich auf einer Bank nieder. Sie steht vor dem Süntelturm, 1899 auf der Hohen Egge erbaut, der höchsten Erhebung des Süntel. Hier steht der dritte Turm der <Drei Türme Route>. Während ich Luft schöpfe, schaue ich mich um. Der Turm ist umgeben von Laubwald, sieht dem Nordmannsturm zum Verwechseln ähnlich, ist aber ein paar Meter höher, wie ich bei Wikipedia in meiner Nachbereitung nachlese. Dort steht auch, dass der massive Steinanbau, in dem die Gaststätte betrieben wird, schon 1910 hinzu gekommen ist. Offensichtlich zieht er (oder seine Gastronomie) bei gutem Wetter viele Leute an. Sie sitzen draußen vor dem Turm auf den Bänken bei Speis und Trank. Viele sind Sportradfahrern und ich frage mich, während ich dem Treiben zuschaue, warum sich die Radsportler immer die schwierigsten Ziele aussuchen.

Nachdem auch ich wieder Kraft geschöpft habe, entrichte ich für die Turmbesteigung meinen Obolus, öffne die schwere Tür zur Steintreppe und stapfe die 95 Stufen den Turm hinauf. Schwere, massive Holzbalken auf der Innenseite der gewendelten Treppe stützen die Stufen, trotzdem wirkt es auf mich nicht sehr vertrauenserweckend, aber andererseits, baufällig sieht die Treppe auch nicht aus. Im Internet kann ich später bei Wikipedia lesen: „Im Jahre 2012 wurde der Aufstieg zum Turm wegen Einsturzgefahr der Treppenstufen gesperrt. Die Sanierung der Treppe wurde im Juli 2012 abgeschlossen“. Also sind die Holzbalken die Sanierung. Na, so was! Noch  12 Stufen eine Stahltreppe hinauf, dann bin ich auf der Aussichtsplattform. Ein junges Paar weicht erschrocken zurück, sie hatten sich heftig umarmt und verdrücken sich nun schnell. In aller Ruhe lasse ich den Blick über den Süntel schweifen. Wohin ich schaue - nur Wald. Da öffnet sich die Turmt und ein Vater tritt leise stöhnend auf die Aussichtsplattform. Er hat ein kleines Kind im Arm, ein zweites an der anderen Hand. Kaum angekommen, macht es sich von der Hand los und beugt sich weit über die Brüstung.

Nun ist es an mir, mich zu verdrücken.

Wenn man einen Berg hinauf steigt, muss man auch wieder hinab. Und so ist es auch jetzt, steil geht es geht die nächsten fünf Kilometer den Süntel wieder bergab, die erste Hälfte der Strecke auf gut einem ausgebautem Wanderweg, dann einen schmalen Waldpfad hinab, bis der Süntel im Ort Unsen zu Ende ist.

Nach dem Auf und Ab ist es entspannend, eine Weile auf der Ebene zu wandern, auch wenn es die Straße entlang geht. Doch sie ist nicht viel befahren. Die Freude währt nicht lange, kurz hinter dem Ort geht es links wieder die Höhe hinauf, jetzt wartet der Schweineberg auf seine Bezwingung. Aber zuvor mache ich Rast und beobachte, auf einem Holzstoß sitzend, den eleganten Flug zweier Greifvögeln. Es müssen Schwarzmilane sein, die gegabelten Schwänze und das dunkle Gefieder deuten darauf hin. Sie lauern auf Beute und kreisen dabei über das nahe Feld, auf dem der Bauer gerade Heu wendet. Die Schwingen fast bewegunglos, gleiten sie hin und zurück, einem immer gleichen Bogen folgend. Lange Minuten, Runde um Runde, fliegen sie im Kreis, bis plötzlich einer der beiden in das Feld hinab stößt und mit einer Maus aufsteigt. Da fängt der andere aufgeregt an zu fiepen, der erste schwingt sich höher. Lange noch beobachte ich den Flug der beiden Milane, wie sie auf die andere Talseite fliegen, sich dabei necken und mit der Beute in der Luft spielen. Dann sind sie außer Sicht und meine Pause ist lang genug geworden. Ich folge dem Hinweisschild Richtung Schweineberg, der nur einen halben Kilometer von hier entfernt sein soll. Gleichzeitig wird das Schild auch als Marke für den E1 verwendet und so weiß ich, dass ich noch auf dem Fernwanderweg bin.

Es folgen 600 Meter, die es in sich haben, denn es geht wieder bis auf 280 Meter ü.NN hinauf. Die Mühe wird wieder nicht mit einem Fernblick belohnt, denn auch hier stehen hohe Laubbäume dicht bei dicht und das Unterholz gewährt keine Durchsicht. Und schon geht es wieder bergab, jetzt ist es nur ein schmaler Pfad. Ich verlaufe mich, denn er endet mitten im Wald. Zurück will ich nicht, also schlage ich mich mit dem Smartphone vor der Nase, das mir mit der Komoot Karte beim Navigieren hilft, durch das Unterholz. Ein paar hundert Meter weiter treffe ich wieder auf den Weg. Glück gehabt?

Ich komme an sehr hohen Bäume vorbei, alten Verteranen von gewaltigem Durchmesser. Auf manchen von ihnen hat der Wegewart ein dickes, weißes Kreuz als Wegmarke des E1 gemalt, von weitem schon gut sichtbar. Ich bin auf einem Waldlehrpfad und Schilder erläutern mir die Geschichte einiger Baumriesen, die hier schon lange stehen. Manche sind über 200 Jahre alt. Respekt!

Das idyllisch gelegene Forsthaus Heisenküche mit seinen weiß gedeckten Tischen auf der Terrasse lädt zum Verweilen ein. Aber nein, keine Rast mehr, ich will weiter.

Doch das stellt sich im Nachherein als Fehler heraus. Hätte ich doch nur noch einmal Kraft bei einer Tasse Kaffee getankt. Denn kaum ist die Straße überquert, geht es schon wieder steil bergan. Noch einmal sind 80 Höhenmeter zu überwinden, und dieses Mal ist das Ende des Pfades in luftiger Höhe bereits von unten auszumachen, es geht schnurgeradeaus steil bergan. Noch stehe ich ganz unten und fühle mich als Flachlandtiroler entmutigt, denn ich bin schon ganz ausgepowert von dem ständigen Auf und Ab. Mit meinen letzten Kraftreserven schaffe ich den Aufstieg und schnaufe mächtig. Der Schweiß rinnt und ich komme an meine Grenzen. Aber es hilft nichts, ich muss da hoch. Ein wenig versöhnt die Schönheit des Waldes.

Endlich komme ich oben an – und wieder keine Fernsicht.

Dann folgt der letzte Abstieg für heute. Der schmale Pfad windet sich durch den Wald, bis ich nach mehr als fünfzig Wanderkilometern wieder in den Lärm der Stadt eintauche. Doch vorher kann ich vom Aussichtspunkt <Paul-Gerhardt-Gemeinde> noch einen Blick auf Hameln werfen, das sich hier nicht von seiner schönen Seite zeigt.

Nur noch wenige Minuten, dann bin ich am Bahnhof. Ein Latte Macchiato im Restaurant gegenüber vom Bahnhof verkürzt die Wartezeit. dann bringt mich die S-Bahn nach Weetzen zurück, wo das Auto wartet. Ich fahre müde, aber glücklich und von vielen Eindrücken erfüllt von meiner zweitägigen Wanderung nach Hamburg zurück.


Facts

Hin- und Rückweg

hin: mit dem Auto (2 Std. Fahrt, also um 7:00 Uhr los) nach Weetzen, Bahnhof, von dort  9:23 Uhr nach Haste (Han), Bahnhof (an 09:53), S2, €3,30

zurück: Hameln -> Weetzen, S5, immer um xx.20 oder xx.50 Uhr, Weetzen -> HH mit dem Auto

Übernachtung:

Themenhotel Terrassen Café

Bad Münder, Querlandweg 2

T. 05042-6070 Mobil: 0172-5191000

E.mail: info@hotel-terrassen-cafe.de

www.hotel-terrassen-cafe.de