4. Tag: Boostedt - Bordesholm

Montag, 9.6.14, 32 km in 6 Std.

Meine Feder

Seit meiner letzten Wanderung sind zwei Wochen vergangen, heute ist Pfingstmontag.

Es soll warm werden und ich habe beschlossen, die kühlen Morgen­stunden zum Wandern zu nutzen. So klingelt schon um sieben Uhr der Wecker. Raus aus den Federn, schnell ein Müsli, den Kaffee lasse ich halbvoll zurück.

Ich will raus, endlich wieder unterwegs sein.

Um schneller am Startpunkt meiner Wanderung zu sein, nehme ich das Auto. Innerhalb einer Stunde bin ich bereits in Boostedt, parke meinen kleinen Smartie direkt gegenüber vom Bahnhof und setze die Wanderung genau dort fort, wo die letzte Etappe endete.

Ich wende mich gleich nach Norden und erreiche rasch das Ortsende. Kaum bin ich wieder in der Feldmark, da höre ich auch schon den Kuckuck rufen. Die Natur verändert sich stetig. Ich bemerke, dass das Getreide schon viel höher steht als noch vor zwei Wochen.

Etwas zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, denn es sieht merkwürdig aus. Aus Europaletten grob zusammen gezimmert steht ein Hochsitz am Feldrand, allerdings sieht er mehr wie ein schräges Kunstwerk aus.

Mitten auf dem Feldweg stoppt ein blinkendes Andreaskreuz meinen Vorwärtsdrang. Ein vorbeidonnernder AKN-Zug zwingt zur kurzen Rast, dann verlischt das Blinklicht  und ich kann weiter. Eine Landstraße kreuzt den Weg und gegenüber lockt der Wald, doch ich darf nicht hinein, denn es ist ein militärisches Sperrgebiet. Ein großen Schild warnt bedrohlich vor Blindgängern und Schießübungen. Ich muss mich nach links halten und der Landstraße folgen. Die Fahrzeuge erzeugen beim Vorbeifahren einen besonderen Takt: Tarak, Tarak, Tarak. Wieder stört der Lärm ganz enorm, den die schnell fahrenden Autos produzieren.

Einen Kilometer weiter kann ich endlich der Landstraße entfliehen. Friedliche Ruhe umgibt mich auf dem Waldweg, dem ich bis nach Gadeland folge. Vorbei an Häusern hinter gepflegten Vorgärten komme ich bald  an das Ortsausgangsschild, das im oberen Bereich keinen Ortsnamen, wie üblich, sondern nur eine gelbe Fläche ausweist. Damit führt der Weg offenbar ins Nirgendwo und das ist mir gerade Recht so. Ich gehe gerne die endlosen Hecken entlang, die den Weg jetzt säumen. Es ist richtig still, kein Vogel zwitschert, ich selbst bin der einzige, der ein Geräusch produziert. Schritt folgt auf Schritt, bald geht es völlig automatisch. Meine Augen sind auf den Boden gerichtet und sehen doch nichts, denn der Blick richtet sich nach innen und die Gedanken hören auf zu kreisen. Die Schritte erzeugen einen gleichförmigen Rythmus und es ist fast wie eine Meditation im Gehen. Wandermeditation.

Eine weiße Feder segelt herab und holt meine Gedanken zurück. Ich schaue nach oben in den wolkenlosen Himmel und erwarte dort einen Vorgel zu entdecken. Doch der Himmel ist bis auf ein Sportflugzeug, dass ganz weit oben langsam vorbei gleitet, leer. Ich finde eine Erklärung, doch die scheint selbst mir weit hergeholt:

„Mein Schutzengel ist bei mir und will das mit dieser Feder zeigen.“

Es ist ja keiner da, der hört, was ich zu mir selbst sage.

Beim Wandern hat man viel Zeit und bisweilen kommt man auf komische Ideen. Jetzt ist so ein Moment, denn ich will es jetzt wissen. Ich fordere es heraus, denn ich wünsche mir von dem vermeintlichen Schutzengel eine zweite Feder. Ich rede mir ein, dann wäre bewiesen, dass er tatsächlich um mich ist. Und tatsächlich, hinter der nächsten Kurve liegt noch eine Feder auf dem Seitenstreifen, dieses Mal ist sie schwarz. An einen Zufall möchte ich nicht glauben, denn die Feder habe ich mir vor einem Moment ja explizit gewünscht. Der Gedanke, auf meinen Wanderungen beschützt zu werden, ist angenehm und so nehme ich dieses Zeichen gerne an.

Ich mache ein Foto von der schwarzen Feder und beschließe, dass meine Wanderung unter einem besonderen Schutz liegt. Die schwarze Feder stecke ich in die Seitentasche meines Rucksacks und dort soll sie bis zum Ende meiner Wanderreise verbleiben.

Am Mittag brütet die Sonne gnadenlos vom Himmel. Die Beine werden schwer und ich wünsche mir sehnlich einen stillen Platz an einem schattigen Dorfteich, in den ich meine Füße stecken kann. Doch in Tasdorf gibt es nicht keinen Dorfteich. Auch nicht in Grossharrie, durch das ich als Nächstes komme.  Dort bietet nur ein karges Wartehäuschen aus Plastik etwas Schatten. Ich setze mich hinein, verdrücke einen Energieriegel, nehme mein Smartphone zur Hand und schaue nach der Komoot-Else, wie es weitergeht. Dazu zoome ich in der Karte hin und her. Wie komme ich wohl ins Dosenmoor, frage ich  mich.

Peng! Da ist die Else abgestürzt.

"Ach, Mensch! Else! Nicht schon wieder!", rufe ich entrüstet aus dem Wartehäuschen, weil ich mich an die letzte Tour erinner und schon weiß, dass sie ab jetzt wieder zicken wird. Und dabei habe ich doch gar nicht die Route verlassen. Verstehe einer die Frauen! Auch wenn Else nur eine Computerfrau ist.

Nur gut, dass ich die Route ungefähr im Kopf habe. Ich habe ja lange genug an der heutigen Tour herum geplant.

„Das müssen die von Komoot unbedingt anpassen“, grummele ich vor mich hin und mache mich auf Richtung Dosenmoor.

Natürlich verpasse ich ohne Elses Hilfe den Weg zum Moor und erst zweihundert Metern weiter bemerke ich es. Ach, ich bin müde, zurück will ich nicht. Also versuche es auf gut Glück querfeldein, betrete einen Acker, auf dem Mais wächst. Ich gehe vorsichtig, um keine Pflanze zu zertreten, Zwischen den Furche entdecke ich viele Spuren. Ich bin offenbar nicht der Erste hier, die anderen Spuren stammen aber von Vierbeinern.

Ein großer Knick steht im Weg.

"Da muss man jetzt durch!", sage ich laut zu mir selbst.

Ich zwänge mich durch das Gebüsch, hervorstehende Äste ritzen meine Haut und hinterlassen blutige Striemen an den Armen und Beinen. Dazu gesellen sich Pusteln von Brennnesselstichen. Aua!

Endlich bin ich durch und muß über ein weiteres Feld. Hier wächst der Mais in eine andere Richtung, über die Furchen muss ich jetzt hüpfen und es ist sehr anstrengend. Die aufkeimende Erkenntnis, es wäre doch einfacher gewesen, den Weg zurück zu gehen, schiebe ich  weg. Stattdessen rede ich mir ein, dass ich hier ein kleines Abenteuer erlebe.

Ein wenig erschöpft erreiche ich den Rand des Moores, der Weg liegt aber unerreichbar auf der anderen Seite eines Bachlaufs. Ich stapfe über eine Wiese den Bachlauf entlang und finde schließlich einen Durchlass. Ein Stacheldraht muss ich noch überwinden, dann habe ich es geschafft und stehe auf dem festen Moorweg, der dem Rand des Moores entlang läuft. An einer Hinweistafel bleibe ich stehen. Sie informiert mich, dass noch vor wenigen hundert Jahren 3% der Fläche Schleswig Holsteins von Mooren bedeckt war, diese aber heute fast vollständig verschwunden sind. Das Moor wurde abgetragen und der gewonnene Torf in Ermangelung anderer Brennstoffe verheizt.

Ein Abzweig führt mitten ins Moor und da muss ich wohl lang. Ist es tatsächlich richtige Weg? Ich erinnere mich nicht mehr genau, bin etwas unsicher. Aber der Weg scheint gut befestigt zu sein und führt in die richtige Richtung.

So gehe ich mitten durch das Moor und fühle mich auf einmal ganz alleine. Ganz wohl ist mir hier nicht, es ist etwas unheimlich.

Auf der anderen Seite des endlos langen gerade Moorweges taucht ein Wanderer auf, der ganz langsam näher kommt. Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis wir uns treffen.

„Moin“.

„Moin“.

Mehr sagt man hier im Norden nicht.

In der Mitte des Dosenmoors gibt es an diesem Weg eine Bank und da mir die Zunge am Gaumen klebt, mache ich eine Pause. Der Rucksack fliegt von meinem Rücken, die Wanderschuhe von den Füßen, die Wasserflasche an den Hals. Der Energieriegel ist durch die Hitze ganz weich geworden und macht die Finger beim Auspacken klebrig. Als Hunger und Durst gestillt sind, lege ich die Füße hoch und genieße den Blick über das Moor. Die Augen fallen mir zu.

Wie herrlich ist das Leben!

Sonnenstrahlen kitzeln mich wach. Die Bank steht in der prallen Sonne und plötzlich fehlt mir Schatten. Mir ist heiß. Ich denke an den Einfelder See, der jenseits des Moores mit seiner Kühle auf mich wartet. Vielleicht kann ich dort baden?

Doch der Weg durch das Moor ist noch lang und mein Körper zerfließt langsam. Endlich erreiche ich die andere Seite des Moores. Nur noch über die Bahngleise gehüpft und die Uferstraße überquert und dann bin ich am Einfelder See. Im Magen grummelt es schon wieder fürchterlich, eindringlich meldet er Hunger ans Hirn. Offenbar haben die Energieriegel nicht ausgereicht. Vielleicht verbraucht mein Körper in der Hitze mehr Energie als sonst. Eine Rast im noblen Restaurant <Schanze am See> könnte als Hungergegenmaßnahme dienen. Doch nein, es scheint mir zu gediegen zu sein. Dorthin passe ich nicht mit meinen rustikalen Wanderoutfit, beschließe ich. Es zieht mich mehr auf den Rasen neben der Badestelle. Davon werde ich zwar nicht satt, aber es gibt einen herrlichen Sandstrand und einige große Bäume, die kühlen Schatten spenden. Ich suche mir ein Plätzchen aus und lasse mich nieder. Mein Blick gleitet müde über die Badestelle, bleibt an einigen Badenixen hängen, die fröhlich im Wasser planschen. Ich bekomme selbst Lust auf Baden, doch der Griff in den Rucksack bringt Ernüchterung. Ich habe die Badehose vergessen. Wie blöd ist das denn! Hier kann ich also nicht baden, ohne ein öffentliches Ärgernis zu werden.

Ich muss eingenickt sein, denn als ich die Augen öffne, ist der Schatten der Bäume ein ganzes Stück weiter gewandert. Komischerweise ist das Hungergefühl weg und ich fühle mich wieder frisch. Ich packe meine Sachen zusammen und gehe in nördliche Richtung, folge dem Weg am Ufer des Sees entlang durch ein kleines Waldstück. Dort steht ein Baumgeist, der mich mit seinen hoch erhobenen Baumarmen stumm anstarrt. Aber er lässt mich friedlich vorbei ziehen.

Hinter der nächsten Biegung führt ein Trampelpfad direkt zum Seeufer. Ich folge ihm in der Hoffnung, dort doch noch zum Baden zu kommen. Und tatsächlich, hier kann mich keiner sehen. Also runter mit den Klamotten und ohne Badehose rein ins kühle Nass. Ah, wie erfrischend! Nach einer großen Runde kehre ich ans Ufer zurück, stehe nackt und ein wenig fröstelnd am Ufer, greife in den Rucksack und stelle fest, dass auch das Handtuch fehlt. Egal! Schlüpfe ich eben nass in die Wandersachen. Die Sonne wird mich schnell trocknen, hoffe ich.

Und so ist es auch.

Ich verlasse den See an seiner Nordseite. Dort lockt wieder ein Restaurant, doch der Hunger ist wie weggeblasen. Statt mich auf das angebotene Kuchenbuffett zu stürzen, biege ich zum Bordesholmer See ab. Bald ist er erreicht. Nun muss ich mich entscheiden: nehme ich den direkten Weg rechts herum oder den längeren, aber vermutlich schöneren Weg links herum? Ich wähle die Schönheit und werde dafür mit einem schattigen Waldweg und zahlreichen schönen Ausblicken über den See belohnt. Der Weg umrundet fast den gesamten See herum, führt dabei durch urwüchsigen Wald. Ein Schild weist aus, dass ich gerade im „Wald am Bordesholmer See“  bin und das es sich um ein Flora-Fauna-Habitat–Gebiet handelt. Es steht unter dem Schutz der Europäischen Kommission und soll als naturnaher Laubwald erhalten bleiben. Es scheint zu gelingen.

Nach fast dreißig Kilometern erreiche ich die Stadtgrenze von Bordesholm. Auch dieses Mal erscheinen mir die letzten zwei Kilometer, die die lange Holstenstraße entlang führen, endlos zu sein. Und doch kommt schließlich der Bahnhof in Sicht. Gerade rechtzeitig, denn meine Beine können nicht mehr. Zur Belohnung gönne ich mir ein kühles Eis. Die zwei Kugeln in der Waffel schmelzen in der Sonne schneller, als ich sie schlecken kann.

Der nächste Zug nach Neumünster fährt erst in vierzig Minuten.

Ruhig löse ich meine Fahrkarte. Die Sonne brennt immer noch gnadenlos vom Himmel und ich würde mich gerne setzten, während ich auf den Zug warte. Doch es gibt hier keine Sitzgelegenheit.

„Die Bahn hat vergessen, Bänke aufzustellen“, denke ich, während ich im notgedrungen im Stehen warte. Das ist anstrengend für die müden Beine.

Endlich hält der Regionalzug. Er braucht nur wenige Minuten bis nach Neumünster, wo ich umsteigen muss. Noch einmal muss ich vierzig Minuten auf den Anschlusszug warten. Doch hier gibt es Bänke am Bahnsteig und erleichtern die Wartezeit. Dann fährt ein altersschwacher AKN-Zug ein, den ich glücklich besteige. Laut und ratternd geht es den kurzen Weg nach Boostedt, wo mein kleines Auto wartet. Mit Smartie bin ich dann schnell wieder in Hamburg.

Am Abend bin ich in St. Georg zum Essen eingeladen. Jetzt ist mein Hunger riesengroß und der Durst ist es auch. Als Dank für das gute Essen berichte ich von meinem neuesten Wanderabenteuer. Von der Else, wie sie abstürzte, vom kleinen Abenteuer in den Feldern, vom Dosenmoor, dem Bad im Einfelder See, dem Baumgeist, vom Habitat des Bordesholmer Sees und der so lange dauernden Rückfahrt.

Ach, war das für ein schöner Wandertag.

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