3. Tag: Kaltenkirchen - Boostedt

Samstag, 24.5.14, 36 km in 7,5 Std.

Das Auto im Wald

Es ist kurz nach 11 Uhr, als ich mit der AKN nach 2-stündiger Fahrt am Kaltenkirchener Bahnhof eintreffe.

Bei strahlendem Sonnenschein und 20 Grad mache ich mich auf den Weg Richtung Osten. Den Ort verlasse ich ihn auf einer kleinen Landstraße, die zwar landschaftlich reizvoll, aber doch sehr befahren ist. Autos sind furchtbar laut. Sie stören beim Wandern“, denke ich.

Fünf Kilometern weiter kann ich in ein kleines Waldstück abbiegen. Der Straßenlärm verhallt und die Stille der Natur rückt an seine Stelle, nur gelegentlich unterbrochen durch einen Kuckucksruf. Mir fällt ein Sprichwort ein: "Hat man Geld in der Tasche, vermehrt es sich, wenn du den Ruf des Kuckucks hörst". So hat es mir vor langer Zeit mein Vater erzählt. Aber mein Portemonaie ist nicht in der Tasche, sondern ich habe es in den Rucksack gesteckt. Pech. Aber was bedeutet schon Geld, wenn ich hier wandern kann.

Eine weitere große Strasse zerstört erneut die Stille. Kommot möchte die Straße queren und wieder im Wald verschwinden. Doch das erscheint mir ein Umweg zu sein und ich beschließe, nach links zu gehen und der Landstraße zu folgen. Schnell muss ich erkennen, dass Komoot recht hatte, denn es gibt weder Rad- noch Fußweg. Ich muss am Straßenrand entlang gehen und die Autos zischen gefährlich dicht an mir vorbei. Komoot wiederholt immer wieder und sehr eindringlich mit weicher Frauenstimme: "Bitte umkehren". Recht hat sie, denn hier zu laufen ist echt gefährlich und die Autos nehmen wenig Rücksicht, so dass ich sogar ein paar Mal in den Graben springen muss und angehupt werde. Das zerrt an meinen Nerven und die Stimme der Kommot taufe ich Else. Und die nervige Else läßt nicht locker: "Bitte umkehren". Ich aber will nicht. Ein Wanderer kehrt niemals um, basta! Eine gefühlte Unendlichkeit später kann ich in eine kleine Seitenstraße einbiegen, die zu einem Gestüt führt. Auf einer Koppel schauen mich zwei große Pferde erwartungsvoll an. Möchten sie etwa von mir gestreichelt werden? Ich tue ihnen den Gefallen, dann wandere ich weiter und komme zurück auf den von Komoot vorgesehenen Weg. Die doofe Else quittiert es mit: "du bist zurück auf dem Weg."

Ein schmaler Asphaltweg führt nach Wolfsberg, die meiste Zeit geht es durch Wald. Pause auf einem Holzstapel. Heute habe ich einen kleinen Rucksack dabei und daraus fördere ich einen Müsliriegel und einen Apfel. Der Riegel staubt zwar etwas, der Apfel löscht dafür den Durst und beides zusammen geben mir die notwendige Energie für weitere Kilometer. Irgendwo über mir orte ich Stimmen und ein nicht identifizierbares Knattern. Ich schaue nach oben und halte Ausschau, kann aber nichts entdecken.

Nach der ausgiebigen Pause marschiere ich weiter Richtung Fuhlenrüe und treffe spontan die Entscheidung, einen Abstecher zum Sportflugplatz Hartenholm zu machen. Jetzt stört es mich nicht, dass es ein kleiner Umweg ist, denn vermutlich gibt es Interessantes zu beobachten. Und tatsächlich setzt ein Sportflugzeug dicht neben mir zur Landung an, während ich längs der Lahndebahn gehe, die lediglich ein Zaun vom Weg trennt. Kurz darauf starten zwei weitere Fluggeräte und sie sind kaum in der Luft, da landet ein Fallschirmspringer knatternd auf dem Flugfeld.

Ich finde ich die Auflösung für das Knattern im Wald, denn immer mehr Fallschirme gleiten knatternd vom Himmel. Die Fallschirmspringer freuen sich über ihren tollen Flug, rufen sich etwas zu und lachen, während sie zu Boden gleiten. Ich staune über den Betrieb am Himmel und Boden. Der Umweg hat sich gelohnt.

Am Ende des Rollfeldes verschwinde ich wieder im Wald. Und noch einmal höre ich den Ruf eines Kuckucks. Aber das Geld ist immer noch im Rucksack.

Kurz hinter Weide, bei Kilometer 19, stoße ich auf ein kleines Hofcafé. Ein Schild wirbt mit Kaffee und selbsgebackenen Kuchen. Genau darauf habe ich jetzt große Lust. Draußen ist noch ein Platz in der Sonne, hier kann ich die müden Beine eine Weile lang ausstrecken. Während ich Kaffee und Kuchen genieße, belausche ich bei geschlossenen Augen ein Gespräch am Nebentisch. Ich spitze förmlich die Ohren. Es geht um Buchführung in der Landwirtschaft und die besonderen Probleme damit. Für mich sind alle Probleme weit weg. Wie gut ich es doch habe, unbekümmert wandern zu können!

Mir fällt es schwer, diesen sonnigen Platz wieder zu verlassen. Doch irgendwann raffe ich mich auf. Bald hat mich der Wald wieder aufgenommen.

Ein Schild versucht mich. Es weist in eine Wiese und der Pfad sieht sehr romantisch aus. Ich kann nicht widerstehen und folge der Richtung, in die das Schild weist. Wohin wird er mich führen? Manchmal muss man so etwas tun, aber die doofe Else hält nichts davon. "Bitte umkehren", ist ihr Kommentar. Ach, soll sie doch, der Weg ist so schön, so verschlungen. Ich muss hier einfach lang gehen. Doch schon nach kurzer Strecke ist der Weg zu Ende und mündet auf eine Straße, die zum Wildpark Eeckholt führt. Auf einen Parkplatz stehen zahlreiche Autos der Touristen, die gerade den Wildpark besuchen. Die doofe Else möchte immer noch, dass ich umkehre, aber ich hege die Hoffnung, einen nicht in Komoot verzeichneten Waldweg Richtung Norden zu finden. Doch sie hatte Recht, wie sich bald herausstellt. Denn hier ist ein Waldschutzgebiet, dass die Wanderer von den Tiere fernhält. Ein Zaun hält mich ab, nach Norden zu gehen. Es gibt keinen direkten Weg, stattdessen werde ich in einem großen Bogen ostwärts herum geführt. Diesen Umweg habe ich mir selbst eingebrockt. Die Else ist vielleicht gar nicht so doof. Sie ist gerade sehr aufgeregt und gemahnt ununterbrochen zur Umkehr. Sie muss sich sehr erhitzt haben, denn plötzlich stürzt sie ab. Arme Else, bist du jetzt beleidigt, dass ich dir nicht gefolgt bin? Wie ein bockiges Weib bleibt sie stumm, ich kriege sie nicht mehr zum Laufen  und in mir steigt ein mulmiges Gefühl hoch. Was tun ohne sie? Was, wenn ich sie nicht mehr zum Laufen kriege? Ich habe keine Karte dabei. Verlaufe ich mich jetzt? Das ich Google Maps benutze, will Else aber auch  nicht, denn auf einmal läßt sie sich zumindest soweit überreden, meine Route zwischen bockigen Abstürzen immer mal wieder zu sehen. So nähere ich mich Stück für Stück wieder der geplanten Stecke.

Ich werde noch herausfinden müssen, warum Else so bockig abstürzt, sobald ich den geplanten Weg verlasse.

Endlich bin ich wieder auf der Route. Else findet zu ihrere alten Form zurück und mag mir wieder den Weg weisen. So biege ich, von ihr geführt, endlich von der Straße ab. Es geht auf einen schmalen Wirtschaftsweg wieder Richtung Norden, durch das Halloher Gehege, einem großes Waldstück. Kein Mensch ist hier weit und breit. Wieder fühle ich die Stille, die mich umgibt und in mir ausbreitet. Dazwischen mischen sich der Klang meiner eigenen Schritten und das Gezwitscher der Vögel aus den Bäumen. Lange wandere ich in dieser Stille gerade aus, als plötzlich hinter mir ein rumpelndes Geräusch auftaucht. Adrenalin schießt durch  meine Adern, als ich mich umdrehe und ein sehr betagtes Auto langsam auf mich zurollen sehe. „Ein Auto mitten im Wald passt nicht hierher“, finde ich, „es stört die Ruhe und Unversehrtheit des Waldes“. Es stoppt ein Stück hinter mir, fährt wieder an. Bremst, fährt wieder an. Das wiederholt sich ein paar Mal, dann stoppt das Auto direkt neben mir. Zwei dunkle Gesichter schauen mich an. In meiner Hand halte ich mein Smartphone, damit Else mir den Weg weisen kann. Auch die Männer sehen es jetzt und ich beginne zu schwitzen. Werden sie jetzt aussteigen und es mir aus der Hand nehmen? Was werde ich dann tun? Man weiß ja nicht, was alles im einsamen Wald passieren kann. Ich schaue mich um und suche nach einem Fluchtweg in die Büsche. Doch die Kerle haben offenbar anderes im Sinn, denn das Auto ruckelt an und fährt vorüber. Dann  bremst es wieder ab und fährt endlich weiter. Glück gehabt!

Ich spüre, wie der Schweiß den Rücken herunter rinnt und bin heilfroh, unbehelligt geblieben zu sein.

Da kommt der Wagen zurück, stoppt, fährt an, stoppt erneut und fährt ein zweites Mal im Schneckentempo an mir vorbei. Sprungbereit lasse ich sie vorbei. Nun ist das T-Shirt völlig naß geschwitzt.

Ich kann nur hoffen, dass ich die beiden unheimlichen Gestalten los bin. Angst macht hungrig und ich brauche jetzt eine Erholungspause. Was ist noch drin im Rucksack? Och, nur noch ein Müsliriegel und ein weiterer Apfel.

Da kommt der Wagen schon wieder angefahren. Stoppen, langsames Rollen, stoppen, rollen. Vielleicht suchen die Beiden Gestalten etwas. Mir ist das unheimlich, ich packe meine Sachen und mache, dass ich außer Sichtweite komme.

Offenbar bin ich sie jetzt los, denn sie tauchen nicht wieder auf. Nach einer Weile kann ich auch wieder die Schönheit des Augenblicks genießen. Die Vögel zwitschern wieder schön und laut in den Wald hinein, alles scheint wieder weit weg zu sein.

Auf einer Lichtung steht ein Reh mit ihren zwei Kitzen. Ich bleibe stehen, wir beäugen uns, bis Mutter Reh auf langen Beinen über das lange Gras davon stelzt, die Kitze dicht an ihrer Seite, fast im Gras versunken.

Viel später zieht ein Jogger an mir vorbei und seine Gegenwart zeigt an, dass ich mich wieder bewohntem Gebiet nähere. Tatsächlich wird der Wald bald lichter und ich komme nach Boostedt.

Die letzten Kilometer ziehen sich scheinbar endlos hin, doch irgendwann komme ich am Bahnhof an. Vierzig Minuten muss ich auf den Zug warten muss. So setzte ich mich in das kleine Wartehäuschen, froh, ausruhen zu können, denn ich bin fertig und der Rücken tut sehr weh. Das war wohl doch etwas weit für den ungeübten Körper. Jetzt, wo der Körper zur Ruhe kommt, melden sich die Knochen.

Gerne hätte ich mich meinem Schmerz hingegeben, doch da setzt sich ein Mann zu mir, der über sein Handy laute Musik hört. Warum benutzt er keine Kopfhörer? Ich will gerade anfangen zu meckern, da entdecke ich, dass es gute Musik ist, die mir gute Laune macht. Das sage ich ihm und wir kommen ins Gespräch. Ich erfahre, dass er Gleisbauer ist und er erzählt so spannend, euphorisch und unterhaltsam über seinen Beruf, dass unsere Wartezeit im Nu vergeht. Und die Rückenschmerzen vergehen gleich mit.

Die Zugfahrt von Boostedt nach Hamburg zieht sich hin. Müde und erschöpft döse ich vor mich hin. Zwei Stunden später schließe ich meine Haustür auf, hole mir ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank und öffne es mit lauten Plopp auf dem Balkon. Der erste kühle Schluck rinnt erfrischend durch die Kehle, der Blick richtet sich gen Himmel und erfasst, dass es plötzlich ganz dunkel geworden ist. Da zuckt schon ein Blitz gleißend hell über die Stadt und fast zeitgleich beginnt es heftig zu regnen. Ein Unwetter zieht gerade über Hamburg hinweg und beendet das schöne Wetter mit einem Donnerschlag. Ich bin dankbar, dass es so lange gewartet hat, bis ich zu Hause war.

weiter
weiter