13. Tag: Bad Fallingbostel

Samstag, 6.9.14, 35km

Zwei Tore am Freudenthalweg


Heute streikt die Bahn und deshalb nehme ich meinen Smartie,um nach Wolterdingen zu fahren. Morgens um neun Uhr stelle ich ihn, keine fünfzig Meter vom Bahnhof entfernt, in einer kleinen Seitenstraße ab.

Ich schultere den kleinen Tagesrucksack und los geht es. Schnell bin ich im Wald verschwunden, der wild und verwunschen einem Bachbett folgt. Dem Flüsschen Böhme werde ich den ganzen Tag lang bis nach Bad Fallingbostel folgen.

Eine Informationstafel informiert mich über den Freundenthalwanderweg, dem ich heute entlang wandern werde.  Der Wanderweg führt in Nord-Süd Richtung von Hamburg bis Verden (Aller) quer durch die Lüneburger Heide und ist insgesamt 151km lang, 35 km davon werde ich heute bewandern. Die Wegmarke, ein weißes F auf schwarzem Grund, begegnet mir schon bald.

In Soltau geht es durch eine belebte Fußgängerzone. Heute ist Markt und die Leute kaufen für das Wochenende Obst, Gemüse und Blumen ein.

Schon bald lasse ich den Ort hinter mir und es wird ländlich. Mein Weg führt mich über einen Bauernhof, kein Mensch ist zu sehen. Rechts liegt ein großer Kuhstall, das Tor ist einladend weit geöffnet. Das macht mich neugierig und so trete ich ein. Der Stall ist mindestens 30 Meter lang, am anderen Ende steht das Tor ebenfalls offen und Sonne sickert von dort in den Stall. Links und rechts stehen Kühe, die Köpfe ins Futter gesenkt, ich kann das Geräusch mahlender Zähne hören. Die Kühe beachten mich nicht, erst als ich einen weiteren Schritt in den Stall mache, hebt die Kuh links von mir den Kopf, schaut mich mit ihren dunklen Augen fragend an. Dann öffnet sie ganz langsam ihr Maul und lässt ein kurzes, aber kräftiges „Muh“ vernehmen. Da geht ein Ruck durch die Herde. Als wären sie Teil eines Kuhballetts, heben sie, eine nach der anderen, ihre Köpfe, bis auch die letzte Kuh weit hinten im Stall mich anstarrt. Ein sonderbares Schauspiel und weil es mich reizt und es vermutlich verboten ist, gehe ich langsam durch den Stall. Ganz langsam! Ich genieße die Aufmerksamkeit der Kühe, die mir mit ihren Köpfen folgen. Etwas unheimlich ist es, das gebe ich zu. Auf der anderen Seite trete ich wieder aus dem Stall, zurück ins Licht und frage mich, warum die Kühe nicht auf der angrenzenden Weide sind. Die Antwort ergibt sich sofort, denn links von mir befindet sich ein ebenso großer Kuhstall und dort warten Kühe bereits am Gatter auf ihren Freilauf. Sie wissen wohl, dass es gleich auf die Wiese geht.

„Das ist ein Kuhschichtbetrieb“ denke ich mir, „wahrscheinlich kommen die Kühe im Wechsel auf die Weide“. Einen unglücklichen Eindruck machen sie nicht und anscheinend folgt alles einem Plan, den die Kühe kennen. Ist das artgerechte Haltung? Ich verlasse den Hof, denn die Kühe können meine Frage ja nicht beantworten.

Kurz darauf habe ich 10 km geschafft und eine Bank am Rande des Golfplatzes „Hof Loh“ kommt wie gerufen für eine Rast. Während ich meinen Proviant vertilge, beobachte ich das Treiben auf dem Golfplatz. Es ist bestes Golfwetter, die Sonne scheint, angenehme 20°C warm. Die Golfspieler ziehen ihre Golfkarren hinter sich her oder konzentrieren sich beim Abschlagen des kleinen, weißen Balls.

Doch schnell wird das Zuschauen langweilig und ich mache mich wieder auf meinen Weg. Der vor mir liegende Pfad ist bequem und ich wandere entspannt auf lockerem Waldboden. Es geht immer geradeaus und mit der Zeit wird es mir ein wenig langweilig, denn die Route ist vorhersehbar. Ein wenig komme ich mir vor wie auf einer Wanderautobahn, auf der ich schnell, aber ereignislos, voran komme.

Aber ich darf mich nicht beschweren, denn ich es ja so geplant. Ich wollte schnell Richtung Süden kommen, das war mir wichtiger als eine interessante und abwechslungsreiche Strecke. Wäre ich stattdessen dem E1 gefolgt, hätte die Route sicher Interessanteres geboten, sie wäre aber auch zwei Tage länger gewesen. So hat alles seinen Preis und seine Opportunitätskosten. Meiner scheint heute eine gewisse Langeweile beim Wandern zu sein. Das ist eine neue Erfahrung und ich frage mich, ob sich die Freude am Wandern irgendwann abnutzen

wird.

Mir ist warm und die Sonne scheint mir mitten ins Gesicht. Wie gut, dass ich meine Sonnenbrille dabei habe. Noch etwas Neues, denn auf dem Weg Richtung Norden kam die Sonne immer von hinten und ich wanderte in meinem eigenen Schatten. Jetzt lasse ich meinen Schatten hinter mir. Ich beginne zu schwitzen und bald frage ich mich, ob ich die Tour abkürzen soll. Auch das ist neu, das habe ich mich bisher noch nicht gefragt.

Wieder komme ich an einem Hof vorbei. Komoot sagt mir, ich solle quer rüber gehen. Das tue ich auch und so komme ich an zwei schwarzen und sehr großen Mülltonnen vorbei, auf denen in riesigen weißen Lettern „Kadaver“ steht. Die Deckel sind zum Glück geschlossen und ich möchte gar nicht wissen, was sich in den Tonnen befindet.Schnell gehe ich vorbei und komme kurz darauf an einem Teich vorbei, der vollständig mit Entenflott überzogen ist. Darauf zwei Enten, aber sie sind ausPlastik. Vielleicht sind ihre lebenden Ebenbilder bereits in der Tonne gelandet. Mich gruselt es und die Phantasie geht mit mir durch. Von diesem Hof möchte ich schnell wieder verschwinden. So komme ich am Ende des Hofes an, aber ich kann keinen Weg entdecken. Komoot möchte, dass ich umkehre, aber ich möchte nicht noch einmal über diesen unheimlichen Hof. So schlage ich mich durch in die Büsche, denn der Weg muss irgendwo vor mir sein. „Das kann nicht so schlimm sein, ein bisschen durchs Dickicht zu kriechen“, sage ich laut zu mir und bücke mich, um durch das Unterholz zu kriechen. Zunächst geht es gut, ich kann sogar einen Blick auf ein fliehendes Reh erhaschen, dass sich hier wohl alleine wähnte. Aber das Unterholz schließt sich dichter und dichter um mich und ich komme kaum noch voran.

Zerkratzt und geschunden finde ich tatsächlich auf den Weg zurück. Jetzt brauche ich dringend eine Pause, erschöpft lasse ich mich auf einer Bank nieder. Puh, bin ich erledigt, aber nach einer Weile und einem stärkenden Powerriegel geht es. Ich kann weiter. Kurz darauf treffe ich auf die Böhme, das Flusstal ist hier ursprünglich und wild.

Ich springe über einige Steine und überquere so den Bach, anschließend steigt der Pfad an. Auf dem Hügel werde ich überrascht, denn vor mir stehen Kunstobjekte, die mir erst auffallen, als ich unmittelbar vor ihnen stehe. Es sind zwei Skulpturen. Die erste -„Der Wächter“ - bewacht eine weitere -„Das Tor“. Man sieht es kaum, denn es ist aus Spiegelplatten gemacht, in denen sich der ganze Wald spiegelt. Über Glasfliesen ist es fest verwurzelt mit dem Boden, hebt sich himmelblau von der braunen Erde ab. Während das Tor rechteckig ist, recken sich die Ränder rund geschwungen in den Himmel. Was wird wohl passieren, wenn ich durch dieses Tor gehe? Ich pfeife auf den Wächter und gehe hindurch. Nach dem Tor des Kuhstalls ist dies schon das zweite Tor, durch das ich gehe. Während das erste etwas unheimlich war, könnten hier unsichtbare Energien wirken. Spüren tue ich nichts, als ich hindurch gehe. Vielleicht kommt es noch.

Im Internet recherchiere ich später, dass die Skulpturen Teil der Naturausstellung „Böhme schafft Kunst“ sind. Neun Skulpturen wurden entlang der Böhme aufgestellt und sollen damit „das verbindende Element der Böhme und ihren besonderen Naturraum betonen. Die Böhme verbindet als weitgehend natürlich verlaufendes Fließgewässer die Stadt Fallingbostel und die gesamte Vogelpark-Region über Dorfmark bis Mengebostel.“ Weitere Skulpturen werden mir noch später im Kurpark von Fallingbostel auffallen.

Jetzt geht es aber erst einmal Richtung Dorfmark weiter. Das Dorf ist nichts Bemerkenswertes außer einer Holzkirche, die ich aber links bzw. rechts liegen lasse. In Dorfmark gibt es einen Bahnhof, das weiß auch mein innerer Schweinehund, der sich gerade meldet. Er würde gerne nach Hause fahren. Ziemlich laut gibt er mir zu verstehen, dass er keine Lust mehr hat und auch nicht nass werden möchte. Er lässt mich zum Himmel schauen und erkennen, dass sich das angekündigte Unwetter zusammen braut. Noch scheint die Sonne, aber hinten türmen sich schon hohe, dunkle Wolken auf und verkünden nichts Gutes. Bis nach Fallingbostel sind es noch gut

eineinhalb Stunden und wenn ich jetzt weiter wandere, riskiere ich, richtig nass zu werden. Ich bin geneigt, meinem Schweinehund recht zu geben. Da sehe ich eine Eisdiele und ich bestelle erst einmal ein großes Eis. Das besänftigt ihn und er verkriecht sich wieder. Ich kann also weiter marschieren. Gut zu wissen, dass mein innerer Schweinehund bestechlich ist.

Jetzt geht ein Stück entlang der Autobahn. Die tosende Autobahn ist gut bestückt mit rasenden Fahrzeugen. Jedes für sich produziert Krach, der sich vereinigt zu einer langen und breiten Lärmschleppe, die sich über die Natur legt und für einen Wanderer, der die Ruhe sucht, unerträglichen scheint.

Weiter geht es entlang der Böhme in ihrem Flusstal. Wieder

ist die Landschaft urwüchsig und wild. Ich passiere eine Brücke. Das linke Geländer ist bereits weggebrochen,  einzelne Planken fehlen, im Ganzen sieht sie nicht sehr vertrauens­erweckend aus. Aber es gibt keinen anderen Weg. Ich erinnere mich an das „Tor“. Wird die Brücke halten? Ich vertraue darauf und komme unversehrt auf der anderen Seite an. Hier geht es einen Hügel hinauf und ich stehe vor einer eingezäunten Kuhweide. Es gibt ein Gatter, das sich öffnen lässt und als Bestätigung, dass alles seine Richtigkeit hat, prangt das weiße F des Freundenthalwander-weges neben dem Gatter. Auf der Wiese steht eine braune Kuh, sie kommt mir so aus der Nähe riesig vor und mein Weg führt an ihr vorbei. Das ist jetzt etwas anderes als die Kühe im Kuhstall, die angeleint und  mittels einer Stange von mir getrennt waren. Diese Kuh steht frei auf der Wiese. Und ich bin hier der Eindringling. Wie wird sie sich verhalten? Ich weiß, Kühe sind friedlich, doch weiß sie das auch? Reckt sie mir nicht schon ihre Hörner entgegen? Gleich wird sie Anlauf nehmen und mich über den Haufen rennen. Oh Mann, was in meinem Großstadtmenschenkopf nicht alles herum spuckt. Ich lege die aufkeimende Furch beiseite, denn sie ist doch lächerlich. So nähere ich mich dem Ungetüm, wir beäugen uns und ihre großen, dunkelblauen Augen schauen mich erwartungsvoll an. „Hast du was zu fressen?“, scheint sie zu fragen. Ich gehe vorbei und vorsichtshalber lasse sie nicht aus den Augen. Immer wieder drehe ich mich um, man weiß ja nie! Nein, sie folgt mir nicht. Flatsch! Da habe ich einen Kuhfladen übersehen. Sch…

Natürlich fällt in diesem Moment Komoot aus, das Internet ist hier zu schwach, es bekommt kein Signal mehr, die Karte wird nicht mehr angezeigt. Ich kenne das ja schon aus der Heide. Aber hier komme ich vom Weg ab und finde den Ausgang von der Wiese nicht mehr. Ich suche den gegenüberliegenden Zaun ab, gehe nach rechts, dann nach links. Es wird anstrengend, denn es ist schwül geworden und der Schweiß rinnt mir den Rücken herunter. Das ist auf einer Kuhwiese fatal, denn es lockt die Fliegen an, die sonst auf den Rücken der Kühe glücklich sind. Ich kann nicht mehr. Aber hier, mitten auf der Wiese, kann ich mich nicht fallen lassen, ich muss weiter. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, ich klettere über den Stacheldrahtzaun und schlage mich ein zweites Mal durch das Unterholz. Jetzt kehrt die Internetverbindung zurück und ich erkenne, dass ich weit vom Weg abgekommen bin. Dann kommt es feucht von oben. Ist das jetzt der Regen, geht das Unwetter los, oder ist es der Schweiß, der immer mehr von meiner Stirn rinnt?

Lange dauert es, bis ich wieder zurück auf meinen Weg gefunden habe. Ich habe zeitweise vollständig die Orientierung verloren.

Zum Schluss geht es noch ein paar Kilometer das wunderschöne Flusstal der Böhme entlang. Hier zu wandern ist wieder spannend und vergessen sind die Wanderautobahn und die Wiese mit der wilden Kuh.

Die Böhme fließt durch Bad Fallingbostel, genauer gesagt durch den Kurpark, den ich langsam entlang wandere bis zum Bahnhof, der nicht sehr einladend ist, denn das Gebäude steht zum Verkauf und sieht ziemlich verwahrlost aus. Doch der Zug kommt bald und bringt mich rasch nach Wolterdingen zum Ausgangspunkt meines langen  Wandertages zurück. Die Rückfahrt mit dem Auto nach Hamburg kommt mir dagegen lang vor, denn ich bin erschöpft. Aus den geplanten 28 km sind 34 km geworden und ich weiß nicht genau, warum. An der Kuhweide alleine kann es nicht gelegen haben.