E1: 25-26-D-Sauerland

Hitze und Gewitter

Das Sauerland
Das Sauerland

Diese Tour geht durch das östliche Sauerland.

Hügelige Landschaften, Wälder, der Diemelstausee und das Skigebiet von Willingen prägten den Weg über die Sauerland-Waldroute, den Diemel- und den  Uplandsteig

 

durch das Sauerland auf der Sauerland-Waldroute, dem Diemel- und Uplandsteig (4-5.7.15)

Erst war es mörderisch heiß, dann folgten heftige Unwetter. Abkürzungen waren die Folge.

1. Tag: Marsberg -> Heringhausen (Diemelsee), 24km, Übernachtung: Göbel's Seehotel

2. Tag: Heringhausen -> Willingen (Upland), 21km

1. Tourtag (4.7.15)

Seit Tagen ist der Sommer da. Es ist heiß. Wandern will ich trotzdem. In Maßberg schlägt mir morgens schon die Hitze entgegen, als ich aus dem Zug steige. Vom Bahnhof geht es die Fußgängerzone entlang, kurz darauf den steilen Pfad zum Obermarsberg hinauf. Das Gehen fällt schwer, aus allen Poren dringt Schweiß, durchnässt ist mein Shirt. Die ersten zwei Kilometer fühlen sich viel weiter an als sie es sind. Dann ist endlich das Plateau erreicht und eine Bank im Schatten lädt zur ersten Pause ein. Sie steht auf einem Friedhof, zwischen Gräbern bewegen sich langsam einige Grabbesucher. Sie bringen frisches Wasser in großen Kannen zu dürstender Grabbepflanzung. Auch meine Kehle verlangt nach kühlem Nass, die mitgebrachte Wasserflasche ist schnell geleert. Vorsorglich fülle ich sie wieder auf. Auch im Schatten ist es zu warm, erst der Rundgang durch die nahe Stiftskirche bringt etwas Kühlung.

Kraftsparend trotte ich weiter, hinter dem Friedhof liegt die Stadthalle von Obersberg, davor fingert ein junger Mann in grauer Uniform an einer kleinen Kanone herum.

„Was machen Sie denn da?“, frage ich ihn interessiert.

„Ich lade Pulver in die Kanone. Gleich wird’s hier ganz mächtig rumsen. Überall auf dem Berg stehen meine Kameraden an den Kanonen bereit. Punkt zwölf werden wir sie gleichzeitig zünden. So wird bei uns jedes Jahr das Schützenfest eingeläutet, so ist es üblich hier.“ Er gibt wirklich bereitwillig und ausführlich Auskunft und seine Augen leuchten, während er spricht. Ich dagegen denke: „Schnell weiter“. Ich bin bereits aus Obersberg heraus, da hallt der versprochene Knall herüber. Doch das war erst der Anfang. Bald knallt es überall. Von den Bergen höre ich den Widerhall. So kann das Volksfest denn beginnen! Aber ohne mich, denn ich wandere weiter.

Am Kalvarienberg bleibe ich stehen, genieße den Blick hinab ins grüne Tal. Und in der Ferne ist immer noch der eckige Turm der Stiftskirche in Obermarsberg zu sehen. Was wäre es für ein schöner Weg, wenn er nur etwas mehr Schatten böte. Es ist so heiß, dass mein Körper sich nach Kühlung sehnt. Kilometer an Kilometer reiht sich in sengender Hitze, der Weg scheint endlos. Diese Etappe wird mörderisch werden.

Fragen entstehen: Warum geht es immer bergauf? Das ist so anstrengend! Warum habe ich ausgerechnet heute diese bergige Strecke gewählt? Doch eigentlich steht hinter allem nur: "du meine Güte, ist das heiß heute!"

Alle Fragen sind nutzlos und Antworten gibt es keine. Irgendwann schiebe ich sie fort, ergebe mich in den Weg und nehme einen Schluck aus der Wasserflasche.

Den Weg kreuzt die Diemel, doch eine Brücke fehlt. Vor mir versucht eine Familie eine Furt zu durchqueren, das Wasser der Diemel reicht knapp über ihre Knie.

„Wenn sie es schaffen, dann kann ich das auch“, denke ich und schnüre die Wanderschuhe auf. Barfuß wate ich ins kühle Nass, jede Hand einen Wanderstiefel haltend und auf dem Rücken den Rucksack geschultert. Belustigte Kinderaugen schauen mir zu, wie ich wackelig über spitze Steine balanciere. Jetzt nur nicht ausrutschen und hinein klatschen! Wohlbehalten komme ich drüben an.

Hinter einer Biegung kann ich zwei Zwiebeltürme sehen. In diese Gegend passen sie nicht, finde ich. Sie müssen zur Barockkirche in Padberg gehören. Sie will ich mir ansehen. Ich trete ein und die Kühle im Kirchenschiff tut dem dampfenden Körper wohl. Doch kaum ist er abgekühlt, verlangt er nach mehr. Eine kalte Schorle wäre jetzt recht. Ob es sie im Gasthof gibt? So sehe ich nicht allzu viel vom Innern dieser Kirche, der Wunsch nach dem kühlen Getränk ist größer als es die Kirche ist. Ich verlasse sie eilig. So kommt es, dass von der Kirche St. Maria Magdalena nichts in meinem Gedächtnis haften bleibt, nur das Gefühl vom Durst, den ich dort verspürte. Doch welch arge Enttäuschung! Der Gasthof hat geschlossen. Das warme Wasser aus meiner Trinkflasche rinnt durch meine Kehle und kann doch meinen Durst nicht stillen. Kein Tropfen bleibt übrig. Und das wird schlimm wiegen, denn der Durst wird für den Rest des Tages mein übler Begleiter sein.

Weiter geht es hinauf, und wieder ist kein Schatten zu finden. Stattdessen flirrt die Hitze, von oben brennt gnadenlos die Sonne vom blauem Himmel herab. Die weiten Blicke hinunter ins Tal lindern etwas die Qual.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ist der Diemelstausee erreicht. Wegen seiner vierzig Meter hohen Staumauer komme ich her, doch im Augenblick interessiert mich das Wasser, das der See beherbergt. Ich könnte es saufen bis auf den Grund - in einem Zug. So groß ist mein Durst, doch ich tue es nicht. Kein Kiosk ist in der Nähe, kein kühles Getränk. Oh, je.

Die Wanderlust vergeht mir allmählich, den geplanten Aufstieg zum Diemelseeausblick lasse ich sausen, gehe stattdessen die Straße am See entlang. Bald kommt das Seehotel, mein heiß ersehntes heutiges Etappenziel, in Sicht. Doch der Weg ist weiter, als er scheint, denn er folgt sämtlichen lang gestreckten Buchten. Doch was des einen Pein, ist des anderen Lust. Während ich durstig um die Kurven schleiche, ziehen Motorradfahrer ihre schicken Maschinen schneidig durch die Kurven.

Schweißgebadet erreiche ich endlich das Seehotel und Kühlung tut Not. Das bringt bald ein erfrischendes Bad im See, meine Badehose habe ich dieses Mal nicht vergessen. Voller Wonne schwimme ich im blaugrünen Wasser herum, und langsam kehrt der Körper auf Betriebstemperatur zurück. Dem Bad folgt prompt der Hunger. Ein leckeres Abendbuffet ist bereits gerichtet und die Terrasse hinter dem Hotel bietet einen herrlichen Blick über den Stausee. Das sind gute Voraussetzungen für einen entspannten Abend. Doch die Sonne brennt immer noch vom Himmel. Erst als sie glutrot hinter den Hügeln auf der anderen Seite des Sees versinkt, nimmt sie die Hitze mit. Endlich wird der Abend angenehm.

„Es war wohl der heißeste Tag des Jahres“, weiß der Ober zu berichten. Doch die 38°C reichten nicht ganz, um den lokalen Temperaturrekord zu brechen. Ich bestelle noch ein Glas eiskalten Wein und genieße die kühle Brise, die vom See herauf steigt. Diese Momente machen das Leben herrlich.

2. Tourtag (5.7.15)

Über Nacht hat es etwas abgekühlt. Der Morgen ist herrlich lau, während ich auf der Terrasse sitze und frühstücke. Der Blick ist auf den Stausee gerichtet, in dem die Sonne glitzert. Doch wo gestern die Sonne glutrot verschwand, ziehen jetzt Schleierwolken herauf. Nachmittags soll es gewittern.

In den Höhen ein Unwetter zu erleben, ist das Abenteuer? Können Blitze dem Wanderer nicht gefährlich werden? Mit diesen Gedanken gehe ich los. Den Weg über die südliche Seeseite entlang nehme ich nicht, sondern biege am Campingplatz „Hohes Rad“ auf einen Wirtschaftsweg ab. Es geht die „Große Eschenseite“ hinauf. So erspare ich mir ein paar Kilometer. Durch dieser Abkürzung erhoffe ich mir, in Willingen zu sein, bevor das Gewitter mich auf offener Strecke erwischt.

Im Gegensatz zu gestern ist das Wandern heute leicht, denn die Temperaturen sind wesentlich angenehmer als gestern.

Bald treffe ich wieder auf den Diemelsteig. Ich werfe einen letzten Blick zurück auf den großartigen Stausee, wende mich dann ab, offen für Neues. Auf einem Feld steht goldschimmernd die Gerste. Es ist gänzlich still hier oben. Doch nicht lang, da wird die Ruhe jäh zerstört. Motorenlärm schwappt vom Tal herauf, gefolgt von einer endlosen Kette chromglänzender Harleys, die blubbert langsam den Berg herauf kommen. Als sie an mir vorbei ziehen, grüßen die Fahrer, schwarz vermummt mit Helm und Leder, freundlich. Bald sind sie außer Sicht. Die Stille kehrt zurück. Ein Segen! Ich bin wieder alleine hier oben und das tut mir wohl.

Immer weiter geht es hinauf. Der Blick reicht weit und kann vom großen Butterberg über den Örenstein bis zum Hemberg schweifen, die alle auf der anderen Talseite liegen. Diese Gipfel sind über 600m hoch und befinden sich auf Augenhöhe. Darüber türmen sich dunkle Wolkengebirge auf. Hin und wieder fährt ein Blitz aus den schwarzen Wolken hinab ins Tal, gefolgt von lautem Grollen, der polternd die Abhänge hinunter rollt. Ich bin besorgt, doch über mir scheint noch die Sonne. Ich hoffe sehr, dass das Unwetter mich verschonen wird.

Ich wende mich ab, gehe weiter. Kurz darauf verschwindet der Höhenweg im Wald. Erst geht es durch einen lichten Buchenwald, dem bald langweiliger Fichtenwald folgt. Lange Reihen hoher, schmaler Stämme sind durch kahle Flächen durchbrochen, die Lücken lassen für Wirtschaftsgeräte. Eine von Menschenhand gestaltete, eintönige Nutzwaldnatur.

Schließlich weist ein Schild auf einen nahen Aussichtsturm. Ich folge dem schmalen Steig. Fünfhundert Meter geht es steil den Dommel hinauf. Schnaufend und vor Schweiß triefend erreiche ich den Gipfel, er liegt 738m ünN, die höchste Erhebung meiner bisherigen Wanderung. Oben steht der Dommelturm. Die Turmstufen bringen mich noch ein wenig höher hinauf. Der Lohn des Aufstiegs ist ein grandioser Ausblick. Vier bunte Informationstafeln geben Auskunft über die Berge und Orte der Umgebung. Die südliche Tafel interessiert mich besonders, denn dort sind zwei meiner Wanderziele verzeichnet: Konstanz am Bodensee, das ich hoffe im nächsten Jahr zu erreichen, ist noch 408km entfernt. Und Frankfurt, mein Etappenziel für dieses Jahr, ist "nur" noch 136km entfernt. „Fast ein Katzensprung“, denke ich, „Luftlinie natürlich“. Wenn ich fliegen könnte, wäre ich heute schon da. Doch ich habe Beine und Füße und bleibe am Boden. So werde ich doch länger brauchen. Aber das macht überhaupt nichts, denn meine Leidenschaft ist die genussvolle Langsamkeit. Und es ist mir Recht, wenn das Wandern durch Deutschland noch andauert.

Lange stehe ich hier oben und schaue, bis ich mich satt gesehen habe. Zufrieden verlasse ich den Ort, gehe zurück auf den Diemelsteig. Wenige hundert Meter weiter kreuzt der Uplandsteig, dem ich ab jetzt folgen werde. Er führt nach Willingen.

Es geht hinab durch lichten Buchenwald, am Ende überquert eine Holzbrücke den friedlich dahin fließenden Dommelbach. Daneben eine Wassermühle, idyllisch gelegen inmitten der Wiesen am Wegesrand. Doch die Idylle bekommt Flecken. Graue Wolken ziehen von Westen her auf. Sie kommen schnell heran und ziehen über mich weg. Das Grau wechselt zu Schwarz und vor mir zuckt ein Blitz auf. Der Donner lässt auf sich warten, grummelt nur leise. Doch das Gewitter kommt schnell näher, direkt auf mich zu. Blitze zucken, Donner folgt auf Blitz in immer kürzeren Abständen, schwillt an, wird zu Gepolter, das beiderseits des Tals an den Berghängen entlang rumpelt. Der Uplandsteig, will nun unglücklicherweise den Hügel hinauf, mitten hinein in die tiefhängende Wolkenbrut, die immer näher kommt. Nein, dem Weg folge ich nicht! Lieber bleibe ich hier im Tal und gehe weiter auf der Straße. Richtig sicher fühle ich mich auch hier nicht. Ehrlich gesagt, ich weiß eigentlich gerade nicht genau, wie ich mich jetzt am Besten verhalten soll.

Auf einer nahen Weide heben ein paar Kühe ihre Köpfe, glotzen mich an. Dann wenden sie sich wieder dem Grasen  zu.  Das bedrohliche Gewitter scheint sie nicht zu beunruhigen. Ihre Gelassenheit wünsche ich mir,

„Solange Kühe ruhig grasen, braucht mein Herz nicht zu rasen“, murmle ich, wie um mich selbst zu beruhigen.

Kaum habe ich es ausgesprochen, da zischt ein Blitz direkt vor mir in die Straße. Ein ohrenbetäubender Donnerschlag folgt.

„Donnerwetter, nun bin ich mitten drin im Gewitter!“, denke ich verschreckt. Mein Herz beginnt zu rasen. Der Schreck scheint auch in die Kühe gefahren zu sein, denn nun galoppieren sie eilig ihrem Stall entgegen. So ein gutes Versteck hätte ich jetzt auch gerne.

Zisch! Noch ein greller Blitz. Rumpel, der Donner folgt augenblicklich. Aber der Schlag ist bereits hinter mir. Gottlob, das Gewitter ist weiter gezogen, die Gefahr scheint vorüber zu sein.

Aber was folgt, ist nicht besser. Denn nun beginnt es zu tröpfelt, kurz darauf öffnen sich alle Schleusen. Fette, schwarze Wolken entladen ihr Wasser genau über mir. Dicke Tropfen prasseln auf mich herab. Die Straßenbäume bieten nur wenig Schutz, sie sind noch klein und das Wasser rinnt durch ihre Blätter. Ich werde nass bis auf die Haut. Doch so unangenehm ist es gar nicht, denn der Regen ist lauwarm. Und so plötzlich es begonnen hat, so schnell ist der Platzregen vorbei. Die schwarzen Wolken ziehen weiter, machen blauem Himmel Platz, die Sonne lugt hervor und sofort beginnt es zu dampfen. Das Unwetter ist vorüber.

 

Auf dem Programm steht noch die Besichtigung der Burgruine Schwalenburg. Doch ich keine Lust mehr dazu.

„Gestern Hitze, heute Unwetter. Da macht das Wandern keinen Spaß mehr“, denke ich und wähle eine weitere Abkürzung, die mich noch schneller nach Willingen bringt. Vorbei geht es an geöffneten Geschäften, Restaurants und Cafés voller Touristen, obwohl heute Sonntag ist. Willingen scheint ein beliebter Wintersportort zu sein, der auch im Sommer etwas zu bieten hat.

 

Um fünfzehn Uhr stehe ich am Bahnhof. 

Soll ich schon zurück?

„Nein! Es ist noch genügend Zeit für eine Fahrt auf den Ettelsberg“, denke ich mir, drehe um und gehe zur Seilbahn. Mit ihr kann ich noch einmal, jetzt ohne Anstrengung, an Höhe zu gewinnen. Nebenbei breche ich den nächsten Höhenrekord. Denn jetzt geht es bis auf 837m ünN hinauf. Oben ragt der Ettelsbergturm steil in die Höhe. Ein Fahrstuhl bringt mich weitere 59 Meter hinauf. Auf einer vollständig verglasten Aussichtsplattform genieße ich den gigantischen Rundumblick. Erst schaue ich zurück auf das Hochsauerland, das nun hinter mir liegt und dann Richtung Süden auf das Rothaargebirge, wohin mein Wanderweg mich als Nächstes führen wird. Direkt unter mir liegt die Seilbahn mit den unermüdlich kreisenden Gondeln. Und wo im Winter Skifahrer befördert werden, sind es jetzt Mountainbiker, die ihre Fahrräder mit sich führen. Kaum aus der Gondel gespuckt, besteigen sie ihr Renngerät und stürzen geschwind auf halsbrecherischen Pisten zu Tal.

Ich nehme lieber wieder die Gondel hinunter. Es ist immer noch Zeit. Eine Pizza mit Blick auf den Ettelsberg macht den Tag schön rund und während ich sie genieße, denke ich an die nächste Wanderung. Ich nehme mir vor, dass sie starten soll, wie diese endet: mit einer Gondelfahrt.

 Schließlich wird es Zeit für den Rückweg, der wieder ein Stück länger wird.


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Wandern auf dem E1

Grövelsjön (Schweden) <-> Pavia (Italien)

152 Tage  | 3.776 km
bisher letzte Tour: August 2021 (Schweden, Bergslagsleden)

10/2021 geht es in Italien durch das Piemont weiter




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