E1: 30-32-D-Rothaarsteig

Unter Schmerzen

Zweiter Teil des Rothaarsteigs

Quelle: http://www.rothaarsteig.de/rothaarsteig/rothaarsteig/lage-wegverlauf/
Quelle: http://www.rothaarsteig.de/rothaarsteig/rothaarsteig/lage-wegverlauf/

Weiter geht es durch eines der schönsten Waldgebirgslandschaften Deutschlands auf dem Rothaarsteig - dem Weg der Sinne.

 

Eine zwei Tagestour von Hilchenbach nach Dillenburg

 

1. Tag:

Von Hilchenbach führt ein sechs Kilometer langer Aufstieg zur restaurierten Ginsburg. die eine gute Einkehrmöglichkeit bietet. Ein schöner und gepflegter Höhenweg führt durch lichte Wälder und Schonungen, gewährt wundervolle Weitblicke zu entfernten Bergen. In Lahnquelle ist die Etappe zu Ende..

2. Tag:

Weiter geht es auf dem Weg der Sinne, der heute keine Möglichkeit zur Einkehr bietet. Bei Oberroßbach fordert ein knackiger Aufstieg mit 200 Höhenmetern auf 2km heraus. In Manderbach ist dann in der Ferne die Dillenburg  zu sehen. Der Besuch der Burg lohnt sich. In der Orangerie von Dillenburg steht das Eingangsportal des Rothaarsteigs, das für diese Tour den Endpunkt bedeutet.

auf dem Rothaarsteig von Hilchenbach nach Dillenburg (22-23.8.15)

1. Tourtag (22.8.15)

Ein Samstag Ende August. Es ist schon Mittag, als in Hilchenbach eintreffe. Die Anreise mit dem Zug dauert nun schon ebenso lang wie die Wanderung selbst. Dabei ist die Entfernung von Hamburg zum Ausgangspunkt zwanzig Mal so weit wie die Tour. Ökologisch gesehen mag es bedenklich sein, so weite Distanzen mit dem Zug zurückzulegen, um dann nur eine zweitägige Tour zu wandern. Doch es ist anders schwer machbar. Nur kurze E1-Touren lassen sich derzeit ohne Probleme in meinen Arbeitsalltag integrieren. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass ich weiterhin mit kleinem Rucksack unterwegs zu kann. Heute ist das besonders wichtig, denn seit Tagen meldet mein Rücken einen unspezifischen Schmerz genau dort, wo der Rückenwirbel sich mit dem Becken verbindet. Ein verspannter Muskel vielleicht oder ein Hexenschuss, der Ischiasnerv oder gar eine Bandscheibe? Alles ist möglich, doch wie immer ging ich nicht zum Arzt, frei nach dem Motto: „Was kommt, geht auch wieder." Bislang war der Schmerz erträglich und er soll mich ja nicht vom Wandern abhalten. Es wird mich schon nicht umbringen, denke ich. Ich halte das aus! Denn ich will ja wandern!

Die ersten Schritte fallen sehr schwer, die Bewegung der Beine verursacht mir Schmerzen im Kreuz.

Bevor es wieder in den Wald geht, mache ich einen Abstecher in den Ortskern, der nur wenige hundert Meter entfernt vom Bahnhof liegt. „Das hätte ich beim letzten Besuch doch noch leicht geschafft“, fällt mir ein. Die Häuser gaukeln Fachwerk vor, dahinter steckt Beton der achtziger Jahre. Nur die Kirche am anderen Ende des Marktplatzes, beschattet von mächtigen Eichen, scheint wirklich alt zu sein. Die riesige, massive Holztür steht offen, neugierig trete ich ein. Das Kirchenschiff strahlt die typisch weiße Schlichtheit aus, die evangelische Kirchen zu eigen ist. Die Kirchenbänke sind mit weißen Rosen geschmückt, der Altar üppig in Blumen getränkt. Hier wird bald Hochzeit gehalten, da will ich bei den Vorbereitungen nicht stören. Ich ziehe mich rasch zurück.

Noch schnell einen Kaffee in der Eisdiele um die Ecke. Nicht to go, sondern im Sitzen. Gehen werde ich heute noch genug. Nach dem schnellen Kaffeegenuss werfe ich den Rucksack über und los gehts hinein in das nächste Kapitel meines Abenteuers, das mich jedes Mal ein Stück mehr mit Deutschland vertraut werden läßt. Ich freue mich auf diesen Tag, so wie ich mich bisher auf jeden Wandertag gefreut habe. Was werde ich heute Schönes erleben?

Doch die Wanderfreude wird schon bald getrübt, denn die Rückenschmerzen melden sich bei jedem Schritt. Es ist nicht wirklich schlimm, doch sie machen aufmerksam auf die eine Stelle, wo sich die fünf beweglichen Wirbel des Kreuzbeins mit dem starren Becken verbinden. Irgendetwas ist dort nicht in Ordnung.

Ich bin langsamer als üblich, darauf bedacht, nicht über Wurzeln zu stolpern, die mich aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Denn das quittiert der Rücken mit einem schmerzhaften Stich.

Ein Schild am Wegesrand informiert über einen Ruheforst, der hier angelegt wurde. Verstorbene können an dieser Stelle außerhalb eines Friedhofes beigesetzt werden. Zu Lebzeiten sucht man sich einen Baum, Strauch oder Stein aus, unter dem man nach dem Ableben zur Ruhe gebettet wird. Ich finde, es ist eine gute Idee! Der Körper wird nach dem Tode wieder Bestandteil der Natur. Ohne Firlefanz.

Ein steiler Weg führt hoch zur mittelalterlichen Burgruine Ginsburg. Der Aussichtsturm wurde vor Kurzem frisch renoviert. Vom Turm hat man eine herrliche Aussicht, danach lockt mich die Kaffeestube zur ausgiebigen Pause. Ich brauche eine Weile, bis ich auf dem Stuhl im Freien schmerzfrei sitzen kann. Ich blinzele in die Sonne und habe mit der Bestellung keine Eile. Der Pfannkuchen mit Apfelmus, der schließlich vor mir steht, schmeckt köstlich und ich merke erst jetzt, wie viel Hunger ich hatte. Seit Stunden bin ich schon unterwegs. Eine große Gesellschaft kommt schwatzend den Weg herauf, setzt sich sofort an den Nebentisch, bestellt eine Runde Bier. Bald werden sie lustig und laut. Da mache ich mich lieber wieder auf den Weg. Es ist auch Zeit, denn mein Weg ist noch weit.

Auf einer Wiese lege ich mich einfach ins Gras, blinzle in die Augustsonne, die den Boden schön angewärmt hat. Was gibt es Schöneres? Mußevolles Nichtstun. Viel zu lange liege ich dort, schließlich ist es noch weit bis zur Unterkunft. Doch kaum stehe ich, spüre ich wieder diesen dumpfen Schmerz, der heute einfach nicht weichen will. Die ersten Schritte sind hakelig, während mein Blick in die Ferne eine schöne Fernsicht erhascht. Wie schön der Rothaarsteig doch ist! Die Freude darüber lässt mich den Schmerz beinahe vergessen.

Ich überquere die Benfe, laut schnatternd fliegen ein paar Enten auf. Ich habe sie wohl erschreckt. Sie flattern über einen Bach, die langen Hälse weit nach vorne gereckt. Es scheint, als käme hier nicht oft jemand vorbei. Vor mir braucht ihr Flattervögel doch keine Angst zu haben.

Fast zwanzig Kilometer bin ich gelaufen. Zeit für eine weitere Pause! In der Nähe soll es einen Biergarten geben. Tatsächlich finde ich ihn, doch er entpuppt sich als kleine Holzhütte, die aber geschlossen hat. So drehe ich ab und gehe durstig weiter.

Es geht wieder einmal bergan, schöne Weitblicke sind der Lohn der Strecke.

Kurz vor dem Örtchen Lahnquelle verläuft der Weg paarallel zur Straße. Er ist voller Wurzeln. Über eine davon stolpere ich, denn ich kann nicht mehr. Der Oberkörper muss das Stolpern abfangen, dem Rücken gibt es den Rest. Ich will einfach nur noch ankommen, für heute ist es genug.

Endlich kommt das Ortsschild <Lahnquelle> in Sicht. Kühe dürfen auf einer großen Wiese hinter einem Stall grasen. Ich brauche auch dringend etwas zwischen die Zähne und kann es kaum noch erwarten, endlich anzukommen, mich auszustrecken und meinen Rücken zu schonen. Hinter der nächsten Kurve sehe ich das Forsthaus Lahnquelle. Auf der Terrasse sitzen Gäste beim Bier. Ohne Umschweife setze ich mich dazu, winke die Bedienung heran und sie weiß gleich, ohne dass ich etwas sagen muss, was ich will. Kurz darauf steht ein großes Krombacher vor mir. Ich setze an und trinke es in einem Zug aus. „Aaahhh!“, entfährt es meiner Kehle. Schon ist das Wandern wieder Lust. Nun kann ich einchecken. Mühsam schleiche ich die Treppe rauf, schließe die Zimmertür auf. Das Zimmer ist zwar klein, die Dusche darin noch kleiner. Doch das Wasser ist heiß und was braucht es mehr, um den Schweiß des Tages abzuwaschen? Der Rückenschmerz rinnt gleich mit in den Abfluss, das warme Wasser belebt die Sinne. Schnell ist die Kleidung gewechselt und bald sitze ich wieder draußen zwischen den Gästen des Hauses, bestelle Wiener Schnitzel und Bier. Während ich warte, spricht ein älteres Pärchen mich an. Sie erzählen viel und unaufgefordert, ohne Pause, so dass ich fast nichts erwidern muss, was mir im Moment sehr angenehm ist. So erfahre ich, dass sie aus dem Rheinland kommen, über das Wochenende zum Wandern hier sind, sie es nicht weit haben, ihr großer Hund vor kurzem vergiftet wurde, es nun wieder gut geht, aber er kann noch nicht wieder gut laufen, das macht auch nichts, denn der Mann hat's auch mit den Knien, wurde schon operiert, aber danach ging's nicht besser. Nun, man wird halt nicht jünger…

Ich höre dem Redefluss einfach nur zu. Die Rheinländer sind eben sehr redselig. Von mir erfahren sie nicht viel, wollen wohl auch gar nichts wissen. Irgendwann werde ich müde und verabschiede mich. In meinem Mini-Zimmer versinke ich sogleich in einen tiefen, erholsamen und traumlosen Schlaf.

2. Tourtag (10.8.15)

Am nächsten Morgen weckt mich das Muhen der Kühe. Der erste Gedanke gilt meinem Rücken, doch er ist ruhig.

Unten wartet ein reichhaltiges Frühstücksbuffet. Das Pärchen, das mich gestern so einseitig unterhalten hat, sitzt bereits am Nebentisch, setzt gleich an, das Gespräch von gestern fortzusetzen. Als ich erwähne, dass ich ein Morgenmuffel bin, haben sie ein Einsehen. Erst nach dem Frühstück habe ich Lust auf ihre Gesellschaft. Wir schauen uns die Kuhweide hinterm Haus aus der Nähe an, versuchen die Kühe anzulocken, aber die haben ähnliches wohl schon zu oft erlebt. Jedenfalls fallen sie nicht auf uns herein. Eine überdimensionale Holzbank reizt mich, ich klettere drauf und lasse ein lustiges Foto von mir schießen.

Wir verabschieden uns mit den Worten: „Wir treffen uns bestimmt noch einmal im Wald.“ Aber das geschieht nicht und so endet wieder eine flüchtige Begegnung, die folgenlos bleibt. Schlimm ist das nicht.

Eine Weile führt der Rothaarsteig die einstige Eisenstraße entlang, eine mittelalterliche Handelsstraße.

Die Eisenstraße verdankt ihren Namen dem Erz, das jahrhundertelang auf diesem Weg befördert wurde. Die Händler wurden von Rittern in mächtigen Burgen oder Wallanlagen vor feindlichen Angriffen beschützt. Die Dillburg ist eine davon. Dank der Steinpflasterung konnten die schweren Lasten auf Fuhrwerken bei jedem Wetter transportiert werden, der Weg verlief auf dem Kamm des Rothaargebirges, weil es in den Tälern damals zu sumpfig war.

Nach einer Stunde erreiche ich einen Rastplatz, der Kaffebuche genannt wird.

Rechts ragt die einst mächtige Buche als vermodernder Stumpf empor. Sie gab diesem Platz den Namen. Links davon wurde ein für den Rothaarsteig typischer Rastplatz installiert, der wie üblich aus einer Eckbank, zwei schmalen Bänken und einem quadratischen Tisch für das mitgebrachte Picknick besteht. Hinter dem Rastplatz ist eine Informationstafel angebracht und gibt mir Auskunft, was es mit der Kaffebuche auf sich hatte: „an dieser Stelle sprudelte einst eine Quelle, mit ihrem frischen Wasser wurde Kaffee aufgebrüht, der dann unter der Buche genossen wurde.“ 

Hier raste ich für einen Moment, doch ein Kaffee wird mir nicht kredenzt. Bald geht es weiter durch den Wald. Der Weg führt nun für lange Zeit sanft bergab, denn allmählich nähere ich mich dem südlichen Ende des Rothaargebirges.

Das Abstoppen beim Abwärtsgehen bekommt meinem Rücken nicht, bei jedem Schritt wird er ein bisschen mehr gestaucht und das tut sehr weh. So beginne ich nach Abkürzungen zu spähen, weiche bei Offdilln von der geplanten Route ab, nehme dafür ein Stück Landstraße in Kauf, auf der es keinen Fußweg gibt. Kurz vor Weidelbach treffe ich auf einen lokalen Wanderweg, der seinen Wegewart wohl nicht sehr interessiert. Er ist fast nicht begehbar, wilder Ginster wächst mitten auf dem Weg und das wohl schon seit Jahren. Das Gras ist kniehoch. Jetzt bloß keine Zecke einfangen, denke ich besorgt, während ich bedächtig vorwärts schleiche. Immer tiefer geht es in den Wald und es scheint, als sei hier seit Jahren kein Mensch mehr gewesen. Eine Lichtung gibt Raum für einen üppig blühenden Heideteppich. Das erinnert mich an eine Etappe im letzten Jahr, die durch die schöne Lüneburger Heide führte. Ich sehe die brennende Heide und die weite, sandige Landschaft wieder vor mir.

Der Pfad mündet auf einen breiten Weg. Nun geht es sich wieder besser. Ein hoher, windschiefer Hochsitz, aus dünnen Fichtenstämmen grob zusammen gehämmert, verspricht einen grandiosen Blick ins Tal. Ich wage mich auf der wackeligen Leiter hinauf, sie ist nur angelehnt. Die Sprossen halten, der Ausblick vom Hochsitz ist umwerfend. Vor mir verliert sich der Weg im Grün des Waldes. In der Ferne verschmelzen blass schimmernde Berge mit dem Blau des Himmels, als Toping garniert von zart schimmernden Schleierwolken. Lange sauge ich den überwältigenden Anblick in mich auf und es dauert ewig, bis ich satt bin.

Jetzt wäre eine Kaffeepause toll. Ich hoffe in Oberroßbach ein Café zu finden. Doch schnell ist klar, dass es das hier nicht gibt. Es ist Sonntagnachmittag, kein Mensch ist zu sehen. Tankstelle und Kiosk haben geschlossen. Sogar die Kirche hat zu. Etwas frustriert setze ich mich auf die Stufen des Kirchenportals und knabbere lustlos auf einem Energieriegel herum.

Kaum bin ich zurück im Wald, führt ein schmaler Pfad den nächsten Berg hinauf. So beginnt ein mörderischer Aufstieg, der mir den Schweiß nur so aus den Poren treibt. Mein Rücken protestiert umgehend, doch es hilft nichts, ich muss da jetzt hoch. Oben angekommen, lockt eine Bank zur Verschnaufpause. Wer sie errichtet hat, muss sehr wohl um die Mühen des Aufstiegs gewusst haben. Doch leider sitzen schon zwei feiste Frauen auf der Bank. Sie müssen meinen schweißtreibenden Aufstieg eine Weile schon beobachtet haben. Was sie aber nicht sehen können, ist mein Rücken, der mich gerade fast in die Knie zwingt. Aber das lasse ich mir nicht anmerken, als ich vor den beiden Dicken stehe und höflich „Guten Tag“ sage, während ich mir insgeheim wünsche, sie würden Platz machen, damit ich mich setzen, den Rücken strecken und das herrliche Gefühl spüren kann, wenn der Schmerz ganz langsam den Körper verlässt. Aber sie sitzen bräsig auf MEINER Bank und für einen kurzen Moment hasse ich sie dafür. Aber das wissen sie ja nicht und schnell verlasse ich den Platz ohne ein weiteres Wort. Vermutlich fragen Sie sich, wer dieser grummelnde, unfreundliche Mensch wohl war.

Nun geht es so steil hinab, wie es eben bergauf ging. Jeder Schritt staucht meinen Rücken und jeder Schritt tut weh. So erreiche ich unter großen Schmerzen Manderbach, das im Tal liegt. Ich genehmige mir eine Abkürzung, die mich mitten durch den Ort und nicht wie vorgesehen um ihn herum führt. Von einem unbebauten Grundstück stibitze ich einen roten Apfel. Zur Strafe werde ich von angriffslustigen Wespen verfolgt. Es geht an tristen Häusern mit spießig anmutenden Vorgärten vorbei. In diesem Ort herrscht eine gepflegte Langeweile. Ein Haus sieht aus wie das andere.

Der nächste Hügel heißt Galgenberg, den ich nun hinauf schnaufe. Der Rücken schmerzt gleich wieder, aber immerhin geht es mir hier nicht an den Kragen wie manch' anderem an dieser Stelle in grauer Vorzeit.

In der Ferne ist die Dillenburg zu sehen. Dort liegt mein heutiges Etappenziel. Die Burg möchte ich trotz der Rückenschmerzen unbedingt noch besichtigen. Wieder wähle ich eine Abkürzung. Eine steile Treppe führt direkt zur Burgmauer hoch, doch dann ist der Weg durch einen Bauzaun versperrt. So muss ich zurück, um die ganze Burgmauer herum. Dann endlich bin ich oben. Das Besondere dieser Burg ist der Wilhelmsturm, der normalerweise bestiegen werden kann, wird gerade saniert. So muss mir der weite Blick von der Burgmauer hinab über die Stadt Dillenburg reichen. Auch von hier hat man einen weiten Blick über Stadt und Land. Der Blick schweift zurück zu den Anhöhen, über die ich heute gekommen bin. Von hier sehen sie so klein aus und sind unerhört weit entfernt. Das alles bin ich heute gelaufen? Wahnsinn!

Das heutige Auf und Ab in Kombination mit den Rückenschmerzen war unglaublich anstrengend. Ich brauche dringend eine Pause. Auf dem trockenen Rasen im Burghof strecke ich die müden Beine aus, strecke den mich peinigenden Rücken und bewundere im Liegen die Pracht des Wilhelmsturms, der hier schon seit 1875 in den Himmel ragt. Trotz seiner Mächtigkeit sieht er so filigran aus, als sei er einem Märchen entsprungen. Jeden Augenblick könnte Rapunzel in luftiger Höhe auf einer Turmzinnen erscheinen. Leise raune ich vor mich hin: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“. Weiter komme ich nicht, denn ich bin eingeschlafen. Als ich die Augen wieder öffne, ist die Sonne ein ganzes Stück verrückt. Wolken sind aufgezogen. Einen Moment noch bleibe ich liegen, schaue den gemächlich vorbei ziehenden weißen Tupfen nach. Mußevolle Momente.

Ich muss denselben Weg zurück, den ich gekommen bin. Noch einmal geht es ganz um die Burg herum, dann die lange, steile Treppe wieder hinab. Endlich stehe ich wieder in der Fußgängerzone, lasse mich beim erstbesten Italiener nieder, bestelle Pizza und Bier. Beides kommt rasch. Das Sitzen fällt schwer, der Rücken leidet.

Ich mag nicht mehr weiter und während ich auf das Essen warte, fällt mein Entschluss, nach Hause zu fahren. Vor lauter Rückenschmerzen habe ich die Lust am Wandern verloren. Die für morgen geplante Etappe werde ich eben beim nächsten Mal laufen.

Die Pizza ist riesig, ich schaffe sie nicht. Der Wirt möchte sie mir einpacken, doch ich lehne dankend ab. Es macht ihn traurig. Soll er sie doch kleiner backen.

18:30 Uhr, es ist noch genügend Zeit bis zur Abfahrt. Mir fällt ein, dass ich noch das Portal des Rothaarsteins besuchen könnte, es soll ganz in der Nähe sein. Das wäre doch ein schöner Abschluss der Tour. Mit dem Begriff Portal hatte ich ein großes Tor verbunden, durch das man würdig schreitet, um den Abschluss des Rothaarsteigs zu zelebrieren. Doch im Hofgarten steht statt Portal nur ein Holzklotz, auf dessen Spitze die weiß-rote Wegmarke des Rothaarsteigs prangt. Ich bin ein kleines bisschen enttäuscht. Dafür bekomme ich eine Erkenntnis geschenkt, während ich mir das "Portal anschaue". So oft hatte ich mich während der Tour gefragt, was die geschwungene Linie auf der Wegmarke zu bedeuten hat. Hier plötzlich geht es mir auf: es symbolisiert die vielen Hügel, über die der Steig bergauf und bergab führt. So ist auch das geklärt.

 

 

Tatsächlich liegt manch mühevoller Auf- und Abstieg hinter mir und auch viele sagenhafte Ausblicke konnte ich genießen. Es ist ein wundervoller Wanderweg, der hier endet. 

Der Weg ist gegangen, ich wende mich ab, strebe nun dem Bahnhof zu. Meine Kraft ist endgültig aufgebraucht, ich kann nicht mehr. Der Rücken schmerzt. Die Rückfahrt ist lang, doch das Sitzen tut wohl.

Es ist nach Mitternacht, als der Zug im Hamburger Hauptbahnhof einrollt. Noch schnell mit dem Bus nach Hause.

 

Wie wohlig es sein kann, in den eigenen Kissen zu versinken, weiß man erst nach solch anstrengenden und schmerzhaften Wandertagen. 

Doch schon während sich die Augen schließen, ersehne ich die nächste Wandertour herbei.


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Wandern auf dem E1

Grövelsjön (Schweden) <-> Pavia (Italien)

146 Tage  | 3.429 km
bisher letzte Tour: März 2020

in 2021 geht es (hoffentlich) weiter




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