E1: 38-40-D-Aar-Höhenweg und Taunus

Ungeduld

In Limburg a.d.Lahn geht es weiter. Auf einer dreitägigen Tour folge ich zunächst der Aar auf dem Höhenweg Richtung Quelle. Ab Bad Schwalbach geht es dann direkt über den Taunus Richtung Süden weiter. Am Rhein ist in Walluf (bei Wiesbaden) nicht nur das Ziel dieser Tour erreicht, sondern auch die E1-Fernwanderung für dieses Jahr beendet.

auf demAar-Höhenweg von Limburg an der Lahn nach Walluf am Rhein (9-11.10.15)

1. Tag (Freitag), 21km: auf schmalen Pfaden geht es entlang der Aar durch Felder und Wiesen auf dem Aar-Höhenweg. Übernachtung nach anstrengendem Aufstieg abseits der Strecke im Hotel Berghof in Berghausen
2. Tag (Samstag), 28km: weiter geht es auf dem Höhenweg. Übernachtung in Bad Schmalbach im alten Hotel Malepartus
3. Tag (Sonntag), 21km: über den Taunus geht es durch herbstlich bunt gefärbten Laubwald, an dessen südlichem Rand das Rheintal liegt. Ein überwältigender Weitblick über das Rheintal ist der Lohn der Wanderung.

1. Tourtag (9.10.15)

 Limburg a.d.Lahn -> Berghausen (22km, 4 Std.)

Samstagmorgen acht Uhr dreißig sitze ich im Hamburger Hauptbahnhof am Gleis 11 und warte - noch etwas dösig - auf den Zug nach Gießen. Ich bin bin viel zu früh unterwegs.

 

Eine Menschenmasse fließt am Bahnsteig gegenüber die Treppe hinab, verteilt sich langsam über dem Bahnsteig und erstarrt. Ein Mann führt den Aufzug an, hält ein Schild hoch, um gesehen zu werden. Die ihm nachfolgen, sind junge Männer mit südländischen Gesichtszügen. "Das sind Flüchtlinge!", durchfährt es mich. Ich schaue genauer hin. Als erstes fallen mir die bunten Sportschuhe auf, die sie tragen. Sie leuchten in grellen Farben und heben sich seltsam grotesk von ihrer gedeckten Bekleidung ab. Sie haben kein Gepäck bei sich. Manche haben die Arme vor die Brust verschränkt. Vielleicht ist es ihnen in der zugigen Bahnhofshalle zu kalt? Oder sie fühlen sich unwohl, so wie ich im Moment. Der Mann an der Spitze wedelt mit seinen Armen und dem Schild, auf dem mit großen Lettern das Wort SWEDEN geschrieben steht. Er bringt die jungen Männer dazu, sich Schuljungen gleich in langen Zweierreihen aufzustellen. Schließlich stehen sie ruhig vor dem Zug, dürfen auf sein Zeichen den Zug entern. Das geschieht völlig lautlos, aber schnell und geordnet. Sobald sie im Zug sind, zerbricht die gerade geschaffene Ordnung wieder. Hastig werden freien Plätze ergattert. Diejenigen, die keinen abbekommen haben, laufen im Zug hin und her. Ein paar Passagiere ergreifen die Flucht, hasten in andere Waggons, machen so ungewollt Platz für die Flüchtlinge. Die Waggontüren schließen sich, der Zug rollt an. Bald ist er verschwunden, hinterlässt einen Bahnsteig, so leer wie zuvor. Es ist, als hätte das Schauspiel nie stattgefunden. Doch es war real und unzählige solcher Szenen sind an Bahnhöfen und sonstwo in ganz Europa gerade an der Tagesordnung, denn unzählige Menschen sind auf der Flucht vor Bürgerkrieg, Verfolgung, Zerstörung, Armut und was weiß ich. Sie kommen unter Entbehrungen aus ihren Heimatländern, aus Afrika und Nahost, in die noch sicheren Gebiete Europas. Die meisten wollen nach Deutschland, andere nach Schweden - wie offenbar diese Gruppe. Sie wollen in Länder, von denen sie gehört haben und von denen sie doch nichts wissen. Was wollen sie hier? Was erwarten sie von uns? Was erwartet sie überhaupt? Europa hat bisher keine befriedigende Antwort gefunden. Auch ich sitze hier gerade ratlos und fühle lediglich, dass ich froh bin, dass sie weiter gefahren sind. Vieles in unserem Land wird sich vermutlich verändern.

Dann kommt mein Zug. Ich steige ein, setze mich auf den für mich reservierten Platz. Gegenüber sitzt schon ein Mann, ansonsten bleibt das Sechserabteil unbesetzt. So haben wir Glück, das viel Raum für eine bequeme Reise bleibt. Ich ziehe meine Wanderstiefel aus und strecke die Beine von mir. Eigentlich möchte ich jetzt noch etwas ruhen, aber der Mann spricht mich an. Wir kommen ins Plaudern. Nach einer Weile kommt er zum Kern, erzählt mir, dass er eine Weile noch als Coach arbeiteten würde, aber bald in den Vorruhestand geschickt werde. "Nicht ganz freiwillig", schließt er ab. Ich betrachte ihn und finde, dass er noch recht jung aussieht. "Dabei bin ich noch gar nicht alt! Und ich habe noch viel vor!", schiebt er nach, als habe er meine Gedanken gelesen. "Im nächstes Jahr werde ich mit meiner Frau nach Österreich übersiedeln. Wir wollen ein Haus in den Bergen kaufen." Das ist doch ein guter Plan für jemanden, der bald viel Zeit haben wird. Heimlich beneide ich ihn dafür sogar ein bisschen. Schwupps sind wir in Hannover, er muss hier aussteigen. Ich hätte ihm noch länger zuhören können. Wer weiß, welche Impulse er mir noch gegeben hätte.

Einige Stunden später komme auch ich an. Während ich vor dem Bahnhof die frische Luft einatme, erinnere ich mich an den Limburger Dom, die reizvolle Altstadt und an das nette Café, in dem ich das letzte Mal den leckeren Milchkaffee genoss. Ein Kaffee am Ende einer Wanderung ist stets eine wunderbare Belohnung und ein Stück Kuchen dazu das Sahnehäubchen. Mir kommt das herrliche, sommerliche Wetter in den Sinn, das vor vier Wochen hier herrschte und mich zum Schwitzen brachte. Heute ist es bereits herbstlich kühl. Es ist bestes Wanderwetter, also los geht's!

Ich wende mich gleich Richtung Süden, vom schönen Limburg sehe ich nichts mehr. Es geht Feldwege entlang, irgendwann stoße ich auf den Aar-Höhenweg, der mir jetzt für zwei Tage die Richtung vorgeben wird. Er wird mich die Aar stromaufwärts geleiten. Am dritten Tag verlasse ich den Höhenwanderweg dann, um über den Taunus nach Süden dem Rheintal zuzustreben.

In der Ferne sehe ich eine verfallene Burg. Aber ich bin schon auf so viele Ruinen gewesen. Diese hier lasse ich aus, denn sie ist klein und schon sehr kaputt.

Ich bin schon zweieinhalb Stunden zu Fuß unterwegs, es ist Zeit für eine Rast, Ein Einheimischer gibt mir den Rat, es mit der Eisdiele „La Dolce Vita“ zu versuchen. Die Eisdiele ist sei etwas Besonderes. So ist es! Der Besitzer hat sich offenbar von dem gleichnamigen Kinofilm von 1960 inspirieren lassen. In dem Streifen von Frederico Fellini geht es um schöne Frauen, Flirten, Partie und den Sinn des Lebens. "Geht es nicht immer darum?", frage ich mich, während ich in der Eisdiele die zahlreichen Bilder betrachte, die allerlei Szenen des Films widergeben. Ich bestelle zwei Kugeln in der Waffel und setze mich nach draußen in die pralle Sonne. Während ich schlecke, bewundere ich ein Plakat, das Anita Eckberg in all ihrer dralligen Weiblichkeit präsentiert. La dolce vita! Wie süß ist doch das Leben.

Weiter geht's mal auf dieser, mal auf jener Seite der Aar. Die Bäume am Wegesrand und im nahen Wald haben schon ein buntes Kleid übergeworfen. Der Herbst ist im vollen Gange. Er scheint mir die schönste Jahreszeit zum Wandern zu sein, zumindest, wenn er so schön ist wie im Augenblick.

In Schließheim muss ich die Aar für heute verlassen, denn jetzt geht es Richtung Nachtquartier. Es war schwierig, eines zu finden, denn viele Hotels und Pensionen sind ausgebucht. Ich fand ein freies Zimmer abseits der Route in Berghausen und der Name ist wahrlich Programm! Denn nun geht es bergauf, und bald verliert sich der Weg. Es geht eine Wiese entlang, die im feuchten Morast endet. Irgendwo muss ich den Weg verpasst haben. Aber wie geht es nur weiter? Zurück? Niemals! Dann doch lieber durch den Knick, irgendwo auf der anderen Seite muss der Weg doch sein. Ich zwänge mich durch die Hölzer, muss danach noch einen tiefen Graben überwinden und dann endlich finde ich auf den Weg zurück. Und weiter geht es bergauf. Puh!

Ein kurzen Blick zurück zum Verschnaufen. Die versinkende Sonne färbt über der anderen Seite des Tals die Wolken bereits rot. Wie schön es aussieht! Es beginnt zu dämmert, achtzehn Uhr ist schon durch. Fünf Kilometer liegen noch vor mir. Das  wird eng heute! Ich kann einer Straße folgen. Das ist besser, als im schon finster werdenden Wald auf schmalem Pfaden über Wurzel zu stolpern. Doch auch die Straße verläuft durch den Wald und ich fürchte, dass Autofahrer mich im Zwielicht am Straßenrand nicht mehr erkennen. Gottlob ist nur wenig Verkehr. Kommt mal ein Auto vorbei, springe ich schnell von der Straße in den Grünstreifen. Die letzten Kilometern ziehen sich endlos hin, doch am Ende kann ich den Berghof ausmachen, der als heller Punkt verheißungsvoll am Ende des dunklen Dorfes Berghausen liegt. Ich trete ins Licht und werde herzlich willkommen geheißen. Im Restaurant steht heißes Essen auf den Tischen, die Gäste prosten sich heiter zu. Auch ich habe Hunger und vor allem - Durst. Also schnell ein Pils gezischt! Das erste Bier nach dem Wandern ist immer das Schönste. Dann verschwinde ich kurz auf mein Zimmer, nach einer raschen Dusche sitze ich gleich wieder im Restaurant, bestelle Wildschweinschinken und Köstritzer Schwarzbier. Der Schinken schimmert tiefrot und das Bier schwarz mit weißer Krone. Eine sehr gelungene Farbkomposition! Beides schmeckt wunderbar und ich gebe zu, das ich mehr Köstritzer koste, als mir gut tun. Beschwipst lande ich im Bett und bin froh, den Körper nach einem langen Tag auf einer guten Matratze ausstrecken zu können.

2. Tourtag (10.10.15)

Berghausen -> Bad Schwalbach, 30km, 6 Stunden

Um neun Uhr bin ich in dem kalten, feuchten Morgen wieder unterwegs. Es geht einen Feldweg entlang, das Getreide auf den angrenzenden Feldern ist längst abgeerntet. Nackter, lehmiger Boden, darüber die Weite des graue Himmels. Ob heute noch die Sonne rauskommen wird? Es sieht nicht danach aus.

Bald geht es abwärts, zurück zur Aar. Unterwegs stoße ich auf den E1, der hier den Höhenweg ein Stück begleitet, aber bald wieder Richtung Osten abbiegt. Er strebt nach Frankfurt, macht wie üblich seine Schleifen. Der Aar-Höhenweg führt direkter nach Süden. Deshalb habe ich mich in der Taunusregion gegen den E1 entschieden. Erst im nächsten Jahr werde ich wieder auf ihn treffen und ihm dann vermutlich bis zum Bodensee folgen. So jedenfalls habe ich es geplant. 

Kaum bin ich zurück an der Aar, schraubt sich der Höhenweg wiederum in die Höhe. Er heißt ja auch nicht nicht umsonst so. Mehr noch als gestern folgt er heute dem Lauf der Aar, windet sich Kilometer für Kilometer am Fluss entlang, so dass ich manchmal das Gefühl habe, überhaupt nicht voran zu kommen. Ein schöner Rastplatz mit großer Bank nahe am felsigen Abhang lädt zum Verweilen ein. Ich breite aus, was mein Rucksack an Proviant hergibt und genieße den herrlichen Ausblick auf die gegenüber liegende Burg Hohenstein, deren Ruinen von ihrer Zerstörung im dreißigjährigen Krieg zeugen. Vor einem halben Jahrhundert wurde sie zum Hotel- und Gaststättengebäude umfunktioniert, der angrenzende Hotelkomplex wirkt klotzig.

Links oberhalb der Burg rotieren ein paar Windkrafträder. Eines aber steht still. Ich sinniere, warum es sich nicht dreht und fordere das Unerhörte heraus. Es ist nur so eine Idee, doch ich frage mich, ob die Kraft meiner Gedanken ausreichen würde, dieses Windrad in Gang zu setzen. Ich starre das Windrad an und denke konzentriert: "bewege dich!". Es ist nur ein Spiel, aber was soll ich sagen - kurz darauf beginnt es sich zu drehen! Erst nur langsam, dann immer schneller. Oh, war ich das jetzt oder geschah das zufällig?

Bunter Blätterwald umgibt mich. Der Weg folgt weiter der Aar, windet sich um einen Hügel herum. Allmählich werde ich ungeduldig, es geht mir viel zu langsam voran. Da scheint eine Abkürzung durch das Unterholz möglich, nach Karte wäre eine Einsparung von einem Kilometer drin. Also ab ins Unterholz, den Hügel hinab. Aber so einfach, wie ich es mir das vorgestellt hatte, geht es nicht. Unten angekommen, stoppt ein Bach meinen Vorwärtsdrang. Hier geht es nicht weiter. Zurück? Nein, niemals zurück! So transformiert der Wanderer schnell mal zum Abenteurer, der sich ein paar Steine schnappt, sie ins Bachbett schmeißt, eine schmale Furt formt und den Bach trockenen Fußes überquert. So dachte ich es mir jedenfalls. Doch die andere Uferseite entpuppt sich als feuchte und schlammige Fläche. Das hatte ich so nicht kalkuliert. Als ich die andere Uferseite betrete, versinken die Stiefel im Morast. Ein Zurück geht jetzt wirklich nicht mehr, auch wenn ich wollte. Doch die Stiefel versinken nicht völlig, die Füße bleiben trocken. Den Gore-Tex Stiefeln sei Dank! Jetzt schnell den Hang hinauf, schon bin zurück auf dem Weg. Trotz der dreckigen Stiefel - das hat Spaß gebracht. Und eine Abkürzung war es tatsächlich.

Am Nachmittag erreiche ich Bad Schwalbach. Wie üblich zum Ende eines Wandertages treibt mich der Gedanke an Kaffee und Kuchen. Dieses Mal werde ich in einem REWE Supermarkt fündig. Ein älterer Herr macht mir Platz mit den Worten: "Da soll sich der Wandersmann mal 'ne richtige Ruhepause gönnen." Nett von ihm, aber sehe ich so fertig aus? Schon möglich, es liegen dreißig Kilometer hinter mir.

Nach der Pause geht es durch Ort. In der Fußgängerzone stoße ich auf ein bemerkenswertes Fachwerkhaus. Während die eine Seite im historischen Stil originalgetreu restauriert wurde, versah man die andere mit einer modernen Fassade aus Glas. Hier ist es gelungen, das Alte mit Modernem zu vereinen. Es ist ein Gasthaus daraus geworden, das sinnigerweise den Namen Glas-Werk (Glas und Fachwerk) trägt. Spontan bleibe ich zum Abendessen.

Zur heutigen Herberge, dem Malepartus, was "Wohnung des Fuchses“ -also Erdloch- bedeutet, ist es nun nicht mehr weit. Ganz so schlimm wie der Name suggeriert, ist das Hotel zwar nicht, aber es scheint- wie der ganze Ort - in die Jahre gekommen zu sein. Ein Investitionsstau ist nicht zu übersehen, auch wenn hier und da schon renoviert wurde.

3. Tourtag (11.10.15)

Bad Schwalbach -> Walluf am Rhein, 21km, 4 Stunden

Nur zwanzig Kilometer sind es noch bis zum Ziel! Heute ist viel Zeit, um die Sachen in aller Ruhe in den Rucksack zu verstauen.

Eigentlich hatte ich bisher, ob nun zwei, drei oder fünf Tage unterwegs, immer dasselbe dabei. Alles passt in den kleinen grauen Rucksack hinein, der mich dieses Jahr begleitet. Bin ich mehr als drei Tage unterwegs, wird die schmutzige Wäsche halt mal mit REI in der Tube im Handwaschbecken gewaschen. Das war nie ein Problem, denn am nächsten Morgen waren die Sachen fast immer trocken. Falls nicht, wird körpergetrocknet.  ;-)

Ein Leitspruch, den jeder Wanderer früher oder später beherzigt: Nur wer wenig Gepäck mitnimmt, hat es leicht. So halte ich es auch.

Bereits viertel vor Acht stehe ich vor der Tür zum Frühstücksraum. Ich habe Hunger. Doch die Tür ist verschlossen.

„Es gibt noch nichts, erst um 8“, meint der Wirt. Er lässt nicht mit sich verhandeln. Da kann man nichts machen, ich muss die Zeit mit einen kleinen Spaziergang im nahen Kurpark überbrücken. Punkt Acht bin ich zurück und nun steht die Tür zum Frühstücksraum weit offen. Und da staune ich nicht schlecht, was alles auf meinem Tisch aufgefahren wurde: Nutella, Honig, Marmelade, Käse, Schinken, Wurst, Müsli mit frischer Milch, Brötchen, Quark, Obst und Kuchen. Wer soll das nur alles essen? Ich bekomme sogar noch Proviant mit auf den Weg. Ein tolles Haus!

Weiter geht es dem Ziel entgegen, das nun nicht mehr weit ist. Der Gedanke daran erzeugt ein Kribbeln in meiner Magengegend. Die Ungeduld wächst. Am liebsten würde ich gleich hinter der nächsten Bergkuppe, die ich keuchend erklimme, den Rhein erblicken. Doch ich muss mich gedulden, erst heute Nachmittag werde ich mein Etappenziel erreichen, das ja auch ein weiterer Meilenstein meiner E1-Wanderung darstellt.

Wieder geht es durch bunten Blätterwald. In der Ferne lugt ein Fernmeldeturm über den Baumwipfeln hervor. Er gibt mir die Richtung vor. Dort hinauf geht es. Eine Stunde später ist der sanfte Anstieg geschafft, ich passiere den Fernmeldeturm auf der Hohen Wurzel. Damit habe ich die höchste Stelle im Taunus  erreicht, von nun an geht es bergab. Es macht mein Wandern gleich leichter.

Ich komme an einem eingezäunten Waldstück vorbei. Auf einem Schild steht TERRA LEVIS – Land des Sprühregens. Hier liegt der dritte Bestattungswald, dem ich auf meiner Wanderung begegne.

Der Taunus ist ein beliebtes Naherholungsgebiet des Rhein-Main-Gebietes. Und tatsächlich, je näher ich meinem Ziel komme, desto mehr Menschen begegne ich. Sie tragen Körbe und Tüten in den Händen, sind einzeln oder in großen Trauben unterwegs. Ihnen gemein ist die gebückte, suchende Haltung, sie spähen auf dem Waldboden nach Pilzen und Esskastanien, die es hier in Hülle und Fülle gibt.

Der Wald öffnet sich, macht Platz für blauen Himmel. Geblendet von der hellen Sonne stehe ich wie angewurzelt am Waldrand, schaue überrascht ins weite Rheintal, das sich vor mir ausbreitet. Auf einen solchen Anblick war ich nicht vorbereitet, er überwältigt mich. Man kann bis nach Wiesbaden, Mainz und Rüdesheim schauen, deren Gebäude und Schornsteine weit entfernt in der Sonne glitzern. Direkt vor mir: Weinberge, die bis ins Tal reichen. Lange bleibe ich stehen, sauge in mich auf, was ich sehe und ganz allmählich begreife ich, dass ich angekommen bin. Mein Mund verzieht sich zu einem breiten Grinsen. So viele Tage bin ich gewandert, habe mich so sehr auf diesen Moment gefreut und nun ist er plötzlich da. Kindliche Freude erfüllt mich.

Doch Glücksgefühle sind flüchtig und sie verebben rasch. 

Ich bin bereit für das letzte Stück, das mich die Weinberge, deren Rebstöcke voller Weinbeeren hängen, hinab ins Tal bringen soll. Bald bin ich am Bahnhof Walluf, greife in die Tasche, ziehe mein Smartphone heraus, aktiviere den Bildschirm und drücke auf den Komoot-Funktionsbutton <Tour beenden>. Mit dem Speichern ist die Tour jäh zu Ende, der letzte Schritt von sechshundert in diesem Jahr gewanderten Kilometern ist gelaufen.

Doch da ich schon hier bin, möchte ich auch einen Blick auf den Rhein werfen. Ein paar Schritte nur und da liegt er vor mir: der Fluss meiner diesjährigen Sehnsucht. Es gibt eine Fähre, die mich im nächsten Jahr auf die andere Rheinseite bringen soll. Ob es stimmt, möchte ich herausfinden. Tatsächlich gibt es eine Fahrradfähre, deren Betrieb aber für dieses Jahr bereits eingestellt ist. Doch im nächsten Frühjahr wird sie wieder übersetzen. Das genügt ja.

Auch am Rhein gibt es Cafés. Genau gegenüber der Fähre ist eines. Dort sitze ich nun und bestelle Apfelkuchen und Milchkaffee. „Milchkaffee gibt’s nicht!“, die Bedienung ist offenbar etwas mürrisch gestimmt. Doch meine gute Laune will sie offenbar nicht teilen. Na, dann eben einen Latte Macchiato. Den gibt’s. Na also, geht doch, meine gute Laune kriegt sie nicht klein!

Später nehme ich die Vorortbahn nach Frankfurt und erfahre, dass der Zug nach Hamburg vierzig Minuten Verspätung hat. Wegen der Flüchtlinge, sagt man mir. So endet die Tour, wie sie begann: mit der Flüchtlingsproblematik .

glücklich am Etappenziel 2015
glücklich am Etappenziel 2015

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Wandern auf dem E1

Grövelsjön (Schweden) <-> Pavia (Italien)

152 Tage  | 3.776 km
bisher letzte Tour: August 2021 (Schweden, Bergslagsleden)

10/2021 geht es in Italien durch das Piemont weiter




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