Trans Swiss Trail (E1-CH-03)

die Wegmarke
die Wegmarke

In der Schweiz unterwegs:

Von Andermatt nach Morcote am Luganer See

Tag 94 - 99 auf dem E1,

6 Wandertage vom 03.09. - 08.09.17, 139 km

 

Auf dem letzten Drittel nutzt der E1 in der Schweiz den Trans Swiss Trail. Knorrige Trampelpfaden führen über viele bewaldete Berge der Alpen. Auf dem Gotthardpass ist mit über 2.000 Höhenmetern der höchste Punkt des Fernwanderwegs erreicht. Steil führt der Trans Swiss Trail danach die berühmte Tremola-Serpentinenstraße hinunter ins Tessin, wo die Alpen allmählich auslaufen. Entlang der Strada Alta geht es durchs Valle Leventina, dann über den Monte Camoghè nach Lugano. Als letzter Berg muss noch der San Salvatore bezwungen werden, dann eine lange Treppe hinab nach Morcote.  Dort endet die Tour am Ufer des Lago di Lugano an der Grenze zu Italien, das auf der anderen Seeseite beginnt. 

Diese Tour war sehr schön, aber auch härter als alles, was ich bisher gegangen bin.  



Wanderbericht


Tag 94 auf dem E1

3.9.17, Andermatt -> Airolo

Dicke Regentropfen klopfen ans Fenster, doch sie sind es nicht, die mich wecken. Eher ist es ein wirrer Traum, der mir den Schlaf raubt, weit bevor es hell ist. Kaum bin ich wach, drehen sich sorgenvolle Gedanken um die Besteigung des Gotthardpasses. Sie bescheren mir ein zunehmendes Unwohlsein. Ziemlich bescheuert!  

Ich spüre genau, wie ich das Frühstück in die Länge ziehe, denn ich will einfach nicht los, der Berg flößt mir immer mehr Respekt ein, je mehr ich an ihn denke. Noch nie bin ich alleine so hoch auf einen Berg gestiegen, wie ich es heute tun werde. Ich fühle, ich fürchte mich sogar ein wenig vor der heutigen Etappe.

Doch es hilft nichts, ich muss jetzt los. Der Berg ruft!

der Weg führt hinter Andermatt direkt auf ein Massiv zu. Soll ich da jetzt hoch?
der Weg führt hinter Andermatt direkt auf ein Massiv zu. Soll ich da jetzt hoch?

Vor der Tür des Hotels stelle ich fet, dass nach drei langen Tagen voller Dauerregen dieser nun aufgehört hat. Dafür ist es jetzt bitterkalt hier oben. Doch da muss ich jetzt durch. Gut, dass ich Handschuhe und Buff dabei habe.

Bald liegt die schmucke Einkaufsmeile des kleinen Wintersportorts hinter mir, da  verläuft der Trail auf ein hohes Bergmassiv zu. Zweihundert Meter höher beginnt schon die Schneegrenze. Ist es der Gotthard, der vor mir liegt? Angesichts der hohen Felsen werde ich noch ein bisschen nachdenklicher. Ich fühle mich klein vor dem großen Massiv.

Kurz vor dem Fuß des Berges biegt der Trail nach links, folgt der Reuss, die sich durch die Wiesen Richtung Hospental schlängelt. 

an der Barockkirche Maria Himmelfahrt muss sich der Pilger entscheiden, wohin die Schritte ihn lenken
an der Barockkirche Maria Himmelfahrt muss sich der Pilger entscheiden, wohin die Schritte ihn lenken

In Hospental wird an der Barockkirche Maria Himmelfahrt dem Wanderer die Entscheidung abverlangt, wohin  er sich ab hier wenden soll.

Für mich ist es klar: ich nehme den Weg Richtung Rom und der führt gleich über das Gotthard-Pass. 

der alte Weg führt gemächlich bergauf, voraus ein seltsames Gebäude
der alte Weg führt gemächlich bergauf, voraus ein seltsames Gebäude

Der uralte Pfad windet sich gemächlich durch die Wiesen, immer höher geht es durch das grüne Tal hinauf, das von hohen Felsen begrenzt wird. In weiter Ferne ist ein sonderbares Gebäude zu sehen. Es ist noch ganz klein und ich kann nicht erkennen, was es sein könnte. 

"Was mag das sein?", frage ich mich neugierig. Eine Kapelle vielleicht oder ein Mahnmal? Alles falsch! Als ich nah genug bin, erkenne ich, dass es ein riesiger Entlüftungsschacht ist, denn unter mir verläuft genau hier der Gotthardtunnel .  

der Weg besteht aus groben Steinen
der Weg besteht aus groben Steinen

Ich gehe auf dem ersten Weg, der je über den Gotthard gebaut wurde. Auf groben Steinen konnte man fortan den Gotthard im Sommer zu Fuß überqueren, im Winter war der Pass unpassierbar. Der Bau einer Straße in unmittelbarer Nähe des Trampelpfades machte die ganzjährige Überquerung mit Fahrzeugen möglich. Der Transitverkehr nahm zu und man brauchte eine größere Straße, die auf der Ersten gebaut wurde. Nun ging es viel schneller über den Pass. Doch bald reichte die Strasse nicht mehr. Zwei Tunnel wurden durch den Gotthard getrieben, seitdem haben die über den Pass führenden Straßen ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. 

Touristen nutzen  die beiden Straßen noch immer gerne, um zum Pass zu kommen und durch die Kurven zu brausen. Heute ist viel los auf den Straßen, denn es ist Sonntag und schönes Wetter. Glücklicherweise liegt der Trail ein Stück abseits der Straßen.

am Pass des Gotthard
am Pass des Gotthard

Nach drei Stunden bin ich oben. Der Aufstieg war leichter als vermutet. Das mulmige Gefühl war unbegründet. Am Pass ist viel los. Überall parken Autos, Menschen laufen herum, besuchen das Museum, schießen Fotos, kaufen Bratwurst oder Souvenirs.

Den Pass hatte ich mir anders vorgestellt, ruhiger und idyllischer. Ich bleibe nicht lange. 

Auf der Südrampe des St- Gotthard-Passes geht es nun die Tremola hinab. Die alte Passstraße mit ihren vierundzwanzig gemauerten Serpentinen gilt als der interessanteste Abschnitt der Etappe und ist das längste Baudenkmal der Schweiz. Der Trail verläuft quer zu den Serpentinen steil den Hang hinab. Ein Muskelkater ist nach diesem Abschnitt nicht auszuschließen.

Irgendwann bin ich unten, jedenfalls fast. Vier Kilometer vor dem Etappenziel Arisolo ist die Wegmarke weg. Else von Komoot vermerkt, wie üblich in solchen Momenten, mit tonloser Stimme: "Du hast die Tour verlassen, wirf einen Blick auf die Karte!" 

Doch was soll der Quatsch? Wo sie meint, dass der Weg sein sollte, ist nur Gebüsch. Hier gibt es keinen Weg. Mir bleibt nichts anderes übrig, als auf der Straße entlang zu gehen, wo Autos und Motorräder mir fast die Hacken abfahren. Ich muss mich ganz dicht an die Leitplanke drücken. Lebensgefahr für Fußgänger!

Ich erreiche Airolo ohne Schaden und finde sofort die Albergo Motto, die ich gestern so vergeblich in Andermatt suchte. Man begrüßt mich mit einem freundlichen "Buonasera". Richtig, im Tessin wird ja italienisch gesprochen. Ein Bärenhunger treibt mich ohne Verzug in die nahe Pizzeria, wo man draußen sitzt und den Sonntagabend genießt. Ich mache es ebenso und bald fühle ich mich inmitten des italienischen Stimmengewirrs wohl. Bei Pizza und Bier feiere ich meine Gotthardüberquerung.

zu den Bildern der 6. Etappe (Drop Box Link)
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Tag 95 auf dem E1

4.9.17, Airolo -> Cavagnogo, 32km

Der Wecker reißt mich aus tiefsten Schlaf. Es ist sieben Uhr, wie ein Stein habe ich bis eben geschlafen.

Am Frühstückstisch schaue ich, was heute dran ist. Der Trans Swiss Trail folgt nun für fünfundvierzig Kilometern bis Biasca dem Panoramaweg Strada Alta auf der sonnigen Seite des Valle Leventina . Es ist ein alter Verbindungsweg zwischen Bergdörfern. 

Es scheint ein ständiges auf und ab zwischen 1.000 bis 1.500 Höhenmetern zu werden. Die heutige Etappe soll in Osca enden, doch erst ein paar Kilometer weiter finde ich in Cavagnago eine Übernachtungsmöglichkeit. Ein kurzer Mailverkehr sichert mir dort ein Zimmer. Für 18 Uhr melde ich mich in dem Privatquartier an.

ein typisches Dorf im Walser-Baustil
ein typisches Dorf im Walser-Baustil

Auf, der Trail ruft!

Die Strada Alta führt gleich bergauf zum ersten von vielen Bergdörfern, die sich wie Perlen auf der Schnur aneinander reihen. Ich komme heute durch 

Madrano, Brugnasco, Altanca, Ronco, Deggio, San Martino, Lurengo, Freggio, Osco, Calpiogna, Rossura, Tengia, Calonico, Anzonico und Cavagnago.

Die kleinen Dörfer sind kaum voneinander zu unterscheiden, jedes besteht aus kleinen Häusern im Walser-Baustil. Bemerkenswert sind die alten Steindächer. Eine kleine Kirche steht in jedem Dorf, ein Brunnen davor. Hier scheint die Zeit still zu stehen, nur ein paar Autos zeugen hier und da von der Neuzeit. 

Knorrige Wurzeln verlangen meine volle Konzentration
Knorrige Wurzeln verlangen meine volle Konzentration

Die Strada Alta ist entweder asphaltiert oder aus Schotter und einfach zu gehen- Das ändert sich nach fünfzehn Kilometern, wenn der Trail die Strada verlässt. Fortan geht es auf einem Trampelpfad durch den Wald. Knorrige Wurzeln und rutschige Steine verlangen jetzt volle Aufmerksamkeit. Ein Stolpern könnte den Sturz in eine tiefe Schlucht bedeuten, der Pfad ist nur selten gesichert. Was für ein Glück, dass ich mich im letzten Moment noch für meine Bergstiefel entschieden hatte, die hier ihre Kompetenz unter Beweis stellen können.

endlich in Osco
endlich in Osco

Osco hätte nach siebszehn Kilometern das Ziel dieser Etappe sein sollen, doch hier gibt es ja keine Unterkunft. Im Schatten der kleinen Kirche mache ich Kartenarbeit. Fünfzehn Kilometer liegen noch vor mir, fünf Stunden Fußmarsch sind es noch mindestens nach Plan. Mir ist heute morgen gar nicht bewusst geworden, wie weit es noch ist von Osco nach Cavagnago.

Fünfzehn Uhr ist schon durch und für achtzehn Uhr bin ich in der privaten Herberge angemeldet. Bleiben also nicht fünf, sondern weniger als drei Stunden. Folglich muss ich jetzt mächtig auf die Tube drücken und das Wandern ausnahmsweise einmal nicht lustvoll, sondern effizient angehen. Stellt sich die nur Frage, wie? Die Antwort liegt nahe: schneller gehen, keine Pausen. 

Dafür braucht es jetzt eine Extraportion Kohlehydraten, eine Banane wird mich bis zum nächsten Bergdorf Rossura befeuern. Ich gebe Gummi und fliege über den Trail, Bäche und Wasserfälle huschen vorbei, ohne dass ich sie richtig wahrnehmen kann. Nach einer Weile beginne ich zu torkeln, der Glykogenspeicher scheint leer zu sein. Ich muss rasten und Atem schöpfen. Bei der Gelegenheit gibt es einen Apfel, dazu ein trockenes Brötchen. Damit ist der Speicher wieder gefüllt und es kann weiter gehen. So sehr ich eile, die Zeit verrinnt schneller. Auf dem Trail komme ich  nicht schnell genug voran. Als der Waldpfad das nächste Mal die Straße kreuzt, bleibe ich auf der Strada. Tatsächlich komme ich hier schneller voran, aber dafür brennen mir bald die Füße. Asphalt ist halt eine arge Belastung für Gelenke und Sehnen. 

Bald ist die Energie wieder dahin, ohne Pausen geht es einfach nicht. Nun hole ich aus dem Rucksack als letzte Reserve eine große Rolle "Original Chocoly" von Wernli, die seit dem Einkauf am Zürichsee im Gepäck schlummert. Im Nu verdrücke ich Keks um Keks, jeder mit  leckerer Schokolade gefüllt. Nur den allerletzten Keks bringe ich nicht mehr herunter. Nun bin ich mit neuer Energie für den Endspurt versorgt. Noch drei Kilometer! Ich eile weiter auf der so unendlich lang erscheinenden Straße, die jetzt auch noch ansteigt. Ich mobilisiere die letzten Kräfte.

Ein Bus stoppt neben mir, ich hatte ihn gar nicht beachtet. Die Bustüren öffnen sich, der Fahrer beugt sich vor, macht Zeichen. Und endlich verstehe ich: ich soll einsteigen. Wie nett von ihm. Ich mache es nur zu gerne! 

Es sind nur wenige Augenblicke, da hält der Bus schon in Cavagnago. Als Dank für das Mitnehmen bekommt der Busfahrer den letzten Chocoly-Keks. Er freut sich und meint lächelnd: "ein Wernli teilt me gernli". 

Es ist 18:30 Uhr, ich habe es trotz höchster Eile nicht pünktlich geschafft. Doch das macht nichts, wie sich heraus stellt. Ich hätte auch langsamer machen können. Die Unterkunft ist ein Glücksgriff, denn ich darf in einem dieser uralten Walser-Haus übernachten, das nun ein möbliertes Appartement ist. Der Pferdefuß: heute muss ich mich mal selbst versorgen, das Restaurant im Dorf hat Ruhetag. Kein Problem, im Rucksack habe ich für den Fall der Fälle eine Portion Trek'n Eat dabei. 

zu den Bildern der 7. Etappe (Drop Box Link)
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Tag 96 auf dem E1

5.9.17, Cavagnogo-> Bellinzona, 39km

Der nächste Morgen beginnt mit einem Blick aus dem Fenster. Eben geht die Sonne auf und färbt die gegenüber liegenden Felsen glutrot ein. Welch ein Naturschauspiel.

Wasserfälle liegen am Trail
Wasserfälle liegen am Trail

Bald bin ich zurück auf dem Trail, der weiterhin über Stock und Stein führt, durch duftende Wälder und an tiefen Schluchten entlang, steinerne Brücken überquert und plätschernde Bächen sowie tosende Wasserfälle passiert. Es geht steile Hänge hinauf und wieder hinab. Im Gegensatz zu gestern ist das Wandern heute wieder ein Genuss, denn es geschieht in Muße und mit ausreichender Zeit.

Rotonda di San Carlo
Rotonda di San Carlo

Nach dem letzten, sehr steilen Abstieg hinunter ins Tal endet die Strada Alta auf einer viel befahrenen Landstraße, die nach Biasca führt. Ein Bus verlässt gerade die Haltestelle in Richtung Bellinzona. Eine Stunde später wird der Nächste abfahren. Ich beschließe spontan, darin ein Zeichen zu sehen und ein Stück mit dem Bus zu fahren. So werde ich die Tour um eine ganze Tagesetappe abkürzen. Denn der Weg würde jetzt für viele Kilometer dicht an der viel befahren Straße entlang führen und darauf habe ich gar keine Lust.

Eine Stunde bleibt also, den Ort zu erkunden. Für die Rundkirche Rotonda di San Carlo bleibt genügend Zeit, für die aus dem 12. Jahrhundert stammende Chiesa dei Santi Pietro e Paolo dagegen nicht. Pünktlich um 15:44 Uhr fährt mich der Bus nach Bellinzona, der Hauptstadt des Tessin. Zügig geht es durch die Orte Osogna, Cresciano, Claro, Castione und Arbedo. Der Bus braucht dreißig Minuten, wofür zu Fuß sechs Stunden nötig gewesen wären. Aus dem Busfenster sehe ich in der Ferne den Trail, der sich am am schattigen Ufer des Tecino entlang schlängelt. So übel wie gedacht wäre es also nicht geworden.

Bald bin ich in der Hauptstadt des Tessins. In Bellinzona gibt es nicht nur Kirchen, sondern auch zwei Burgen nebst Festungswällen, deren Kernbebauung in die Zeit des römischen Reiches (um 200 n.Chr) zurück reichen und zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde.

Mich interessiert aber mehr, wo ich heute schlafen kann. Am Fuße der Burg Montebello finde ich in einem ehemaligen Schulgebäude das Hostel, in dem ich nach einem Einzelzimmer frage. Es ist sogar eines mit Dusche im Zimmer frei. Habe ich ein Glück! 

Nach Natur pur ist ein Stadtbummel auch einmal etwas Schönes. Ich besichtige das Castello di Montebello, genieße den Blick über die Stadt, schlendere gemächlich durch die Einkaufsstraßen. Irgendwo lasse ich mich in einer Pizzeria nieder, bei Pizza und Bier genieße ich den lauen Abend.

zu den Bildern der 8. Etappe (Drop Box Link)
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Tag 97 auf dem E1

6.9.17, Bellincola-> Tesserete, 20km

Das Auswahl am Frühstücksbuffet des Hostels ist zwar klein, aber ausreichend. Müsli, Kaffee, Brötchen, Butter und Nutella sind aber da, mehr brauche ich nicht. Die lauten Gespräche anderer Gäste ignoriere ich einfach.

Bald bin ich wieder unterwegs, es geht die breite Via Camillo Olgiata südwärts. Ich suche nach einer Einkaufsmöglichkeit, um meine Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Bei Lidl werde ich fündig.  

Dann treffe ich wieder auf den Trail, der um Bellinzone herum geführt wurde. 

über den Monte Camoghè geht es heute
über den Monte Camoghè geht es heute

Der Monte Camoghè, einer der bedeutendsten Berge des Tessins, ragt vor mir auf. Da muss ich heute rüber. Puh!

Der Trail steigt steil an, bald komme ich aus der Puste. Glücklicherweise laufe ich im Schatten, in der Sonne ist es bereits unerträglich heiß. Immer mal wieder gewähren lichte Stellen wundervolle Ausblicke ins Tal, wo Bellinzona in der gleißenden Sonne liegt. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Heute herrscht Kaiserwetter.

Innerhalb von nur vier Kilometern geht es 700 Höhenmeter hinauf, und gleich danach wieder 250 Höhenmeter hinab. Puh!

ausgerechnet in Isone gibt es den einzigen Hinweis auf den E1 in der ganzen Schweiz
ausgerechnet in Isone gibt es den einzigen Hinweis auf den E1 in der ganzen Schweiz

Ausgerechnet in dem kleinen Ort Isone stoße ich auf die einzige Hinweistafel, dass ich noch auf dem E1 laufe.

Wieder geht es steil bergan. 250 harte Höhenmeter später bin ich oben auf einer Wiese und schaue zurück ins Tal. 

Ab jetzt soll der Weg eine Zeit lang auf diesem Niveau bleiben. Das wird eine Wohltat sein.

Vor mir liegt eine kleine Siedlung. Vor einem verwahrlosten Haus steht ein verrostetes Auto. Ein streunender Hund knurrt mich böse an. Eine alte Frau ruft ihn in einer Sprache zurück, deren Laute ich noch nie vernommen habe. Möglich, dass es rätoromanisch ist, was ich höre. Das ist, neben deutsch, französisch und italienisch die vierte Landessprache der Schweiz. Es soll in dieser Region gesprochen werden. Ich frage mich, wie ein so kleines Land wie die Schweiz bei nur acht Millionen Einwohnern mit diesem babylonischem Sprachengewirr zurecht kommt.

Unweit der Behausungen wird ein Stall in ein schickes Wohnhaus umgebaut. Es mag einem wohlhabenden Luganer gehören, der hier sein Wochenenddomizil errichten lässt. Eine neue Straße, die direkt hinter dem neuen Wohnhaus beginnt, ist schon da.

Der Trail wählt glücklicherweise den alten Pfad und ich kann mir kaum vorstellen, wie man hier früher mit einem Wagen hoch gekommen ist.

in der Ferne sieht man den Monte San Salvatore am Luganer See. Das Ende der Tour ist schon in Sichtweite
in der Ferne sieht man den Monte San Salvatore am Luganer See. Das Ende der Tour ist schon in Sichtweite

Bevor es wieder bergab geht, gibt es einen sensationellen Blick hinunter zum Luganer See, der aber noch in weiter Ferne liegt. Heute werde ich ihn nicht mehr erreichen, aber morgen dann.  

Viele Stufen sind es, die auf einem Kreuzgang hinunter nach Tesserete führen. An der alten romanischen Kirche San Stefano, die hier seit 1444 steht, gehe ich vorbei, denn heute habe ich keine Lust mehr auf Besichtigungen. Der Trail war hart heute und hat mich mit seinem ständigen Auf und Ab geschafft.

Hotel Tesserete
Hotel Tesserete

Eine Unterkunft wäre jetzt fein. Ich versuche es im ehrwürdigen Hotel Tesserete, werde freundlich auf deutsch empfangen. Das Hotel gefällt mir auf Anhieb und so checke ich ein. Schnell den Rucksack im Zimmer deponiert, der Hunger treibt mich in die nahe gelegene Pizzeria. Eine große Pizza und lokales Luganer Bier genieße ich auf der Terrasse mit weitem Blick über die Berge. Einfach schön! 

In der Nacht schlafe ich tief und fest. Nur einmal werde ich durch die Glocken von San Stefano geweckt. Aus mir nicht bekannten Gründen werden die Stunden doppelt geschlagen. Statt fünf Schläge gibt es zehn, dazwischen eine kurze Pause. 

zu den Bildern der 9. Etappe (Drop Box Link)
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Tag 98 auf dem E1

7.9.17, Tesserete-> Morcote, 22km

Morgens um sieben Uhr holt mich die Glocke von San Stefano endgültig aus dem Schlaf. Nach dem vierzehnten Schlag bin ich hellwach. 

Frühstück gibt es auf der Terrasse. Das Auf und Ab der letzten drei Tage ist anstrengend gewesen und steckt mir in den Knochen. Ich verspüre wenig Lust aufs Weiterwandern. Ich bräuchte vielleicht einen Tag Pause vom Wandern. und der Gedanke lockt, noch eine Nacht in diesem netten Hotel zu bleiben. Dann könnte ich gemütlich mit dem Bus nach Lugano fahren, um einen geruhsamen Stadtbummel zu machen. Morgen könnte es dann ja weiter gehen.

Kaum satt, verwerfe ich die Gedanken jedoch wieder. Es soll weiter gehen auf meinem Weg, der ja nicht mehr weit ist. 

Etwas widerwillig breche ich auf.

Ein paar hundert Meter liegen bereits hinter mir, als ich meine Trekkingstöcke vermisse. Sie müssen noch in der Hotellobby stehen.

"Brauche ich sie überhaupt noch?", frage ich mich, "schaffe ich die letzten Kilometer nicht auch ohne sie?"

Eigentlich brauche ich die Gehhilfen nicht mehr. Schon will ich weiter gehen und sie zurück lassen, doch ich fühle meine innere Stimme sagen:

"Sie haben dich über den halben E1 getragen, durch den ganzen Odenwald und den langen Schwarzwald, durch ganz Dänemark und jetzt durch die Schweiz bis hierher. Sie haben es nicht verdient, stehen gelassen werden?"

Die Spitzen sind schon vor Tagen abgefallen und damit sind die Stöcke eigentlich nutzlos geworden. Doch das ist egal. Ihretwegen bin ich schon einmal in Dänemark umgekehrt. Nun werde ich es ein wieder tun.

Ein Wanderer geht eigentlich niemals zurück. Doch gelegentlich kommt es vor.

Der Hotelbesitzer hält bereits nach mir Ausschau und reicht mir die Stöcke mit einem breiten Grinsen. 

Nun halte ich meine Stöcke ganz fest in den Händen.

die kleine Kirche San Bernardo, von dort bietet sich ein traumhafter Blick über den Lago
die kleine Kirche San Bernardo, von dort bietet sich ein traumhafter Blick über den Lago

Der Pfad führt durch die hügelige Landschaft der Capriasca in Richtung Lugano.

Von der Kirche San Bernardo sind die Ausblicke hinunter zur Stadt und über den Lago di Lugano überaus eindrucksvoll. Auf der anderen Seeseite liegt der San Salvatore, der heute noch von mir bezwungen werden wird. Der Himmel über dem See ist ohne Wolken und von makellosem Blau. Es ist ein perfekter Wandertag. Breite Stufen geht es den Kreuzgang hinab in einen der Vororte Luganos. Die Häuser werden zahlreicher, die Hitze drückt. Ich nehme den Bus in die Stadt, denn ich mag nicht mehr laufen.

die Bahn in Lugano blinzelt mir zu
die Bahn in Lugano blinzelt mir zu

Rasch bin ich am Luganer Bahnhof. Hier meldet sich mein innerer Schweinehund mal wieder:

"Schau, der Zug blinzelt dir zu, nimm ihn und fahre nach Hause."

Tatsächlich! Der Zug lächelt sogar.

Doch so einfach gebe ich nicht auf, sondern will meinen Weg schon noch bis zum Ende gehen.

Die schönen Geschäfte der Innenstadt lenken mich ab und im Cafee Nassa gönne ich mir einen Kaffee. 

Nun kann es hoffentlich weiter gehen.

Kurz darauf sitze ich schon wieder in einem Bus, dieses Mal lasse ich mich an der Promenda Riva Antonia Caccia entlang fahren, anstatt zu gehen. Herrliche Ausblicke über den See bieten sich auch vom Bus, zu Fuß wäre es aber authentischer gewesen. Egal! An der Haltestelle Paradiso steige ich aus, denn hier liegt die Talstation der Zahnradbahn. Mit ihr will ich gleich den Monte San Salvadore hinauf.

"Lieber fünfzehn Minuten mit der Bahn die achthundert Höhenmeter hinauf als stundenlang zu Fuß", denke ich mir.

Heute scheint mein lazy day zu sein.

Rasch erklimmt die Zahnradbahn den Berg, bald ist die Bergstation erreicht. Der Weg von dort zum Restaurant ist kurz. Ich aber folge lieber dem Trampelpfad zur nahen Kapelle, dort gibt es ebenfalls einen schönen 360° Blick über den Lago.  

Jetzt geht es den bewaldeten Bergrücken des Monte San Salvadore entlang. Noch einmal zeigt der Trail seine Zähne.

Schließlich treffe ich auf Stufen, die zum See hinab führen.

"Um nach Morcote zu gelangen, müssen Sie tausend Stufen steigen", mahnte gestern der Hotelbesitzer in Tesserete, beim Hinabsteigen erinnere ich mich jetzt seiner Worte. Er scheint wahrlich nicht untertrieben zu haben.

tief unten liegt die Kirche Santa Maria del Sasso vor dem smaragdgrünem Wasser des Lago
tief unten liegt die Kirche Santa Maria del Sasso vor dem smaragdgrünem Wasser des Lago

Ein eckiger Turm mit runder Spitze gerät ins Sichtfeld. Weit unten, direkt am See, liegt die Pfarrkirche Santa Maria del Sasso. Ein Paar kommt von dort herauf. Als sie mich sehen, fragen sie schnaufend: "How far is it to the top?" 

"Thousend steps", antworte ich. 

Meine Worte veranlassen sie zur sofortigen Umkehr. Schade, so verpassen sie die wunderschöne Ausblicke. Doch auch mich machen die Tausend Stufen allmählich fertig.

Dann - endlich - endet der an Stufen reiche Weg oberhalb der Kirche auf einen Platz, der von einer Statue überragt wird. Das Abbild der heiligen Jungfrau Maria empfängt mich mit einem sanften Lächeln. Der Stufen müde verweile ich still und andächtig. Allmählich weicht die Erschöpfung.

Der Weg ist zu Ende
Der Weg ist zu Ende

Ein kleines Stück Weg liegt noch vor mir. Am Friedhof geht es den See entlang bis zur Stadtgrenze, wo sich die Häuser aneinander schmiegen. Einmal noch geht es zwischen ihnen ein paar Stufen hinab, bis sich der Weg zu einem schmalen, dunklen Tunnel verjüngt. Auf der anderen Seite sehe ich es smaragdgrün funkeln.

Der Weg endet auf der Uferstraße. Gegenüber liegt eine Brücke.

am südlichen Schlusspunkt der Wanderung längs durch Europa: der Anleger für die Fähre nach Italien
am südlichen Schlusspunkt der Wanderung längs durch Europa: der Anleger für die Fähre nach Italien

Ich stehe auf der Brücke am Ufer des Lago, weiter geht es nicht zu Fuß. Eine Schiffspassage müsste man jetzt machen, um auf die andere Seite des Lago zu gelangen. In Italien geht der E1 nun weiter, führt durch die Lombardei und danach immer weiter Richtung Süden. Erst in Sizilien wird der Weg enden.

 

Aber das ist wird Inhalt einer anderen Geschichte sein.

zu den Bildern der 10. Etappe (Drop Box Link)
zu den Bildern der 10. Etappe (Drop Box Link)

Tag 99 auf dem E1

8.9.17, Morcote -> Hamburg (Rückreise)

Für die letzte Nacht finde ich ein kleines, feines Hotel am Ufer des Lago. Den lauen Abend verbringe ich dort auf der Terrasse, genieße den Blick über den See, der ruhig vor mir liegt. Allmählich verschwindet die Sonne glutrot hinter den Bergen und ich bald darauf in mein Zimmer, denn die tausend Stufen haben mich geschafft.

Am nächsten Morgen geht es nach einem etwas eiligen Frühstück mit dem Bus nach Lugano, eine Regionalbahn bringt mich nach Bellinzona, ein IC nach Zürich, eine Regionalbahn nach Schaffhausen. Über Ulm und Wiesbaden geht es zurück nach Hamburg. Die große Baustelle der Bahn in Rastatt besteht noch immer und muss, wie schon auf dem Hinweg, umständlich umfahren werden, was Zeit kostet. Fünfzehn Stunden dauert die Rückfahrt. Das ist lange und doch im Vergleich mit den achtundneunzig Tagen, die es zu Fuß brauchte, schnell.

Der Zug nach Hamburg ist voller fröhlicher Menschen, die morgen auf dem Rolling Stones Konzert in Hamburg sein wollen. Mir ist das Stimmengewirr nach den vielen Tagen voller Ruhe und Muße zu viel. Während der Zug seinem Reiseziel entgegen eilt, gleiten meine Gedanken in die entgegengesetzte Richtung, zurück in die Vergangenheit.

Ein Spruch, den ich vor einigen Tagen am Vierwaldstätter See gelesen hatte, kommt mir wieder in den Sinn.

"Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab".

Ich spüre, wie sich tief in mir Gedanken zu Worte formen. 

"Ja, ich bin glücklich", höre ich mich sagen. "Ich bin am Ziel angekommen."