Schwabenweg / Via Jacobi (E1-CH-01)

Wegmarke
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In der Schweiz unterwegs:

 

Von Konstanz am Bodensee nach Schwyz am Vierwaldstätter See

Tag 88 - 92 auf dem E1 in der Schweiz,

Anreisetag + 4 Wandertage vom 28.8. - 01.09.17, 117 km

 

Nachdem ich Dänemark  im Frühjahr auf dem E1 durchwandert habe, knüpfe ich nun im Süden an. Bei bestem Wetter nehme ich das Band meiner Deutschlandwanderung auf, das letztes Jahr an der Grenze zur Schweiz endete. Nun wandere ich auf dem Via Jacobi von Konstanz am Bodensee durch das Schweizer Mittelland und muss den Hörnli, der Etzel und die Mythen hinauf, was mich schon auf bis zu 1.400m Höhe bringt.

Bei sonnigem Wetter komme ich in Konstanz an, zwei schöne Tagen folgen, doch dann fordern zwei regenreiche Tage mir allerhand ab.

auf dem Via Jacobius / Schwabenweg unterwegs
auf dem Via Jacobius / Schwabenweg unterwegs

Wanderbericht


Tag 88 auf dem E1

28.8.17, Anfahrt und 4km Stadtbummel in Konstanz

im Hafen zu Konstanz nehme ich das Wanderband wieder auf
im Hafen zu Konstanz nehme ich das Wanderband wieder auf

Die Fahrt von Hamburg nach Konstanz dauert viele Stunden. Viermaliges Umsteigen ist notwendig, mehr als 800km sind mit dem Zug zu überbrücken. Zwischen Rastatt und Baden Baden sind die Gleise abgesackt, ein Busersatzverkehr ist eingesetzt, doch meine Verbindung hat diesen Umstand schon im Vorwege berücksichtigt. Ab Karlsruhe bringt eine Regionalbahn mich über Pforzheim ans Ziel. Doch das dauert lange, erst um 17 Uhr bin ich endlich vor Ort.

Die lange Anfahrt wird mit einem sonnigen Abend in Konstanz entlohnt. Meine ersten Schritte führen mich genau zu der Stelle, die den Schlusspunkt meiner Wanderung durch Deutschland setzte. Es ist eine Bank, die wie schon im letzten Jahr auch heute in der Abendsonne liegt. Ich setzte mich und schaue über den Bodensee. In Gedanken nehme ich das imaginäre Band wieder auf, nun kann es weiter gehen mit der Wanderung auf dem E1 in südliche Richtung. Ich bin bereit.

Landesgrenze D - CH
Landesgrenze D - CH

Heute jedoch nicht mehr, denn es ist schon spät. Ich habe im Voraus eine Unterkunft auf der Schweiter Seite gebucht, dort will ich als Nächstes hin. So geht es die Uferpromenade entlang, wo sommerliches leichtes Treiben herrscht. Die Menschen haben es gut hier, denke ich. Den Sommer habe ich in Hamburg schmerzlich vermisst, aber nun ist er ja auch für mich da.

Es sind nur ein paar hundert Meter zur Grenze. Kein Grenzbeamter hält mich auf, obwohl ich hier die Europäische Union verlasse. Die Schweiz ist zwar ein eigenständiger Staat, der nicht zur EU, sehr wohl aber zum Schengener Raum gehört. Damit sind theoretisch auch die Binnengrenzen zwischen Deutschland und der Schweiz abgeschafft, doch an Flughäfen, Autobahnen und in der Bahn wird aufgrund der aktuellen Flüchtlingslage trotzdem kontrolliert. Hier aber an der Uferpromenade des Bodensees wird es laxer gehandhabt, ich kann unbehelligt von Grenzbeamten mit einem Schritt von der deutschen auf die Schweizer Seite wechseln. Die Grenze ist lediglich durch ein Schild und eigenwillige, rote Kunstgegenstände markiert. Eine Kunstgrenze

Münster Konstanz
Münster Konstanz

Meine Unterkunft in der Sport-Arena ist schlicht gehalten, ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch von Ikea in einem kleinen Raum. Das ist alles. Aber was braucht ein Wanderer mehr? Nachdem ich mich meines leichten Rucksacks entledigt habe, geht es zurück nach Konstanz zum Stadtbummel. Erste Anlaufstelle ist das Münster. Hier soll der offizielle Startpunkt des Via Jacobius und des Schwabenweges sein, den auch der E1 in der Schweiz benutzt. Das Münster ist die erste von vielen Kirchen, die ich auf diesem Weg besuchen werde. Das gehört sich ja so auf einem Pilgerweg. Aber das mache ich ohnehin gerne, auch wenn ich nicht an Gott und Jesus glaube, sondern an eine uns umgebende Energie, die unsere Geschicke wohlwollend lenkt.

Das Münster ist fast menschenleer und mir bleiben auch nur Minuten für die Besichtigung, denn der Messdiener will Feierabend machen und scheucht die letzten Besucher lautstark aus dem Kirchenschiff. Das macht nichts, denn ich habe Hunger und kehre gleich gegenüber des Münsters in ein Gartenlokal ein. Ich will Kraft tanken für den morgigen Wandertag.

Danach geht es noch einmal an den Hafen. Bevor die Sonne untergeht, möchte ich noc einen Blick auf Imperia, die kurvenreiche Kurtisane, werfen, die am Konstanzer Hafen ihre Kreise dreht. Ich bin sehr angetan von ihrer üppigen Erscheinung, die sie im Licht der glutrot versinkenden Sonne auf dem Teller drehend darbietet. Ja, ich bin auch nur ein Mann.

Zu den Bildern der 0. Etappe (DropBox Link)
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Tag 89 auf dem E1

29.8.17, Konstanz -> Sirnach, 36km

Blick über Bodensee und nach Konstanz
Blick über Bodensee und nach Konstanz

Ein Vorteil der Sportarena ist es, dass das Hotel direkt am Bodensee liegt. So habe ich quasi vom Bett aus einen tollen Blick direkt auf den See, dessen Wasser durch die aufgehende Sonne rot einfärbt wird. Ein toller Anblick! Das macht gute Laune und das einfache, aber stärkende Frühstück gibt Kraft.

Dann geht es endlich los.

Doch noch nicht so ganz, denn ich entdecke einen Aussichtturm im nahen Park, auf den ich unbedingt noch rauf muss. Dort will ich mich vom Bodensee verabschieden. Von oben habe ich einen herrlichen Blick weit über den See! Doch die andere Seite kann ich auch von so weit oben nicht erkennen. Der See ist so groß, dass das andere Ende jenseits der Erdkrümmung liegt.

Ein Mann in Sportdress tut es mir nach und kommt herauf, stellt sich erst neben mich, ohne mich zu beachtenm schaut stattdessen still über den See. Dann schaut er mich und und fragt: "Sind Sie auf dem Jacobsweg unterwegs?" Ich bejahe. Und dann kommt die Frage, auf die ich schon gewartet habe: "Waren Sie schon in Santiage de Compostela?". Ich verneine. Die Frage kommt immer, aber warum nur? Warum muss es immer dieser eine Pilgerweg sein? Es gibt doch so viele schöne andere Pfade.

Dann beginnt er zu erzählen. Er käme aus Polen und sei in seinem Leben viel herum gekommen. Früher. War in Kapstadt und Dänemark und an vielen anderen Orten. Nun arbeite er in Konstanz. Ob ich schon mal in Polen gewandert sei, fragt er. "Nein, da ist immer noch der eiserne Vorhang in meinem Kopf", entgegne ich. "Aber es ist so schön dort", meint er, "manchmal sogar richtig einsam." "Ich werde mich mal damit beschäftigen", entgegne ich ihm. Ich meine es sogar ernst. Ich würde ihn motivieren, auch mal wieder zu wandern. "So wie früher", meint er noch, als ich mich nach einem langen Gespräch von ihm verabschiede. Ich muss endlich los.

Kaum liegt die Stadt hinter mir, erreiche ich eine Rasthütte, die ich ursprünglich als erste Übernachtungstelle ansteuern wollte. Da wollte ich noch im Zelt übernachten. Ja, hier wäre es gegangen, auch eine Wasserstelle ist vorhanden. Doch ich bin froh, auf Zelt, Schlafsack und Isomatte verzichtet zu haben und nur mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein. Der Weg wird leichter sein.

Weiter geht es, wie in Dänemark geht es auch hier auf Schotterpisten und Asphalt an Wiesen und Feldern entlang. Der wesentliche Unterschied: es ist hügeliger hier.

Es gibt einige Kirchen am Wegesrand, jede suche ich auf, das Kircheninnere bietet Kühle, draußen ist es mittlerweile mächtig heiß geworden. Drinnen finde ich Ruhe vor dem Lärm, den die Schweizer mit Motoren machen. Autos, Trecker, Baumaschinen nerven mich um die Wette. Die Schweiz sei ein entwickeltes Kulturland, hatte ich im Vorwege gelesen.

In Sirnach beziehe ich in einem Bed + Breakfast Quartier. Mit der Wirtin hatte ich im Vorwege ein paar Mails ausgetauscht und erfahren, dass sie bietet kein Frühstück anbietet, dafür eine Reduktion um 10 sFr anbietet. Ob das ein Deal sei, fragte sie per Mail. Nicht wirklich, wie sich am nächsten Morgen herausstellt, denn für Kaffee, Croissant und Bircher Müsli muss ich 12 Schweizer Franken (sFr) zahlen. Wenn es anderswo auch so teuer sein wird, werde ich meinen geplanten Tagesetat von 100€ nicht halten können, befürchte ich. Die Schweiz scheint ein teures Wanderland zu sein.

zu den Bildern der 1. Etappe (Drop Box Link)
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Tag 90 auf dem E1

30.8.17, Sirnach -> Rapperswiel, 40km

Kuhabtrieb am Hörnli
Kuhabtrieb am Hörnli

Heute soll es über den Hörnli gehen. Das sind ein paar hundert Höhenmeter hinauf und auch wieder herunter, manche davon werden ziemlich steil. Also mache ich mich zeitig auf, um in der kühlen Morgenfrische einen Teil des Aufstieg zu schaffen. Zunächst bleibt es flach, die Stecke ist einfach und auch schön, es geht Wiesen entlang und durch schattigen Wald. Die Wanderstiefeln haben allerdings weiterhin Schotter und Asphalt unterm Profil, nur gelegentlich trete ich auf weichem Waldboden.

Dann geht es an den Aufstieg. Die Temperaturen haben wieder hochsommerlichem Niveau erreicht und ich komme ins Schwitzen. Ein Bauer treibt seine Kühe auf einer Wiese unterhalb des Hörnli Gipfels zusammen. Ich muss mitten durch seine Herde, vorbei an dicken braunen Leiber, die ihre Köpfe nach mir richten und mich aus gutmütigen blauen Augen anstarren. Dabei vergessen sie weitertrotten. Der Bauer kommt mit seinem klapperigen Auto und treibt die Braunen auf moderne Cowboyart an. Da beginnen zu rennen, streben nun ihrem Stall im Tal zu. Vermutlich ist für sie der sommerliche Almurlaub zu Ende.

Berggasthof Hörnli
Berggasthof Hörnli

Warum nur besteigt man Berge? Was macht den Reiz aus, sich in die Höhe zu schleppen? Ist es wegen der Aussicht?

Ja, genau, wegen der Aussicht! Auch, weil es schön ist, oben anzukommen. Und wenn es einen Gasthof gibt, ist es noch schöner. Nur leider sind die Pommes auf dem Gasthof Hörnli so teuer, dass ich verzichte und stattdessen zwei mitgebrachte Würstchen verdrücke. Immerhin bei zauberhafter Weitsicht.

das Voralpenland ist voraus. Drei Wandertage bis dorthin.
das Voralpenland ist voraus. Drei Wandertage bis dorthin.

Der Abstieg vom Hörnli ist steil, aber leicht. Zurück im Tal ist wieder das Brummen vorbeifahrender Autos zu vernehmen. Das nervt. Und nun soll der Jacobiusweg auch noch eine Weile entlang der lärmigen Straße verlaufen. Nichts für Michi, denn der nimmt jetzt den Zug. Drei Stationen weiter und zwanzig Minuten später steige ich in Wald wieder aus. Der Ort heißt wirklich Wald. Hier wäre ich zu Fuß erst in zwei Stunden gewesen. Weiter geht es: Rauf, runter, rauf, runter.

Dann ist es so weit: in der Ferne kann ich die Vorboten der Alpen ausmachen. Was für ein Anblick die hohen und kahlen Berge sind! Was für ein Hochgefühl in meinem Herzen entsteht! In drei Tagen werde ich dort sein und dann über die Alpen marschieren. Ach, ich kann es kaum erwarten.

Blick von der Jugendherberge Rapperswiel in die wilden Berge
Blick von der Jugendherberge Rapperswiel in die wilden Berge

Aber heute geht es nur noch bis Rapperswil. Gebucht ist noch nichts. Ich rufe die Jugendherberge an. Ja, ein Einzelzimmer ist noch frei. Und Abendessen bekomme ich auch. Dann wird ja alles gut.

Eineinhalb Stunden später bin ich da. Ein schlichter Bau von außen, doch toll mein Zimmer. Es hat sogar einen Balkon mit Blick auf den Zürichsee. Das Abendessen wird mir vom Jugendherbergswart persönlich gereicht, während ich genüßlich den Blick auf die gegenüberliegenden Berge richte. Über einen von ihnen werde ich morgen rüber müssen. Links von ihnen, die glücklicherweise nicht arg so hoch sind, liegen die großen Kavenzmänner, die so hoch sind, dass es oben nur noch nackten Fels gibt, weil sie höher sind als die Baumgrenze. Was für ein Anblick für einen Flachländer!

Doch es gibt auch einen Schatten im Paradies: während im Westen die Sonne die Berge in ein glutrotes Licht tauchen, kommen von Osten dunkle Wolken heran. Morgen soll es regnen.

Aber noch genieße ich den lauen Sommerabend und gönne mir ein weiteres Bier.

zu den Bildern der 2. Etappe (Drop Box Link)
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Tag 91 auf dem E1

31.8.17, Rapperswil -> Einsiedeln, 20km

Die Nacht ist heiß, richtig tropisch. Doch am Morgen regnet es und ist so neblig, dass die Berge auf der anderen Seite des Zürichsees hinter tiefhängenden Wolken verschwunden sind. Das Jugendherbergsfrühstück ist gut, nur gibt es kein Nutella, und das ist bitter für mich.

Um neun Uhr bin ich abmarschbereit, stehe in voller Regenmontur am Ausgang. Es gießt und ich denke: "da hättest du ja auch in Dänemark wandern können". Dort wollte ich ja eigentlich jetzt sein, lediglich das schlechte Wetter ließ mich umdisponieren. Doch zwei Unterschiede gibt es: der Regen hier ist wärmer und die Berge sind höher. Doch von denen ist nichts zu sehen.

Holzbrücke Rapperswil–Hurden (Zürichsee)
Holzbrücke Rapperswil–Hurden (Zürichsee)

Etwas widerwillig breche ich auf, gehe einen matschigen Uferweg am Zürichsee entlang. Gleichzeitig bin ich voller Vorfreude, denn das erste Streckenhighlight liegt vor mir und läßt mich das Schietwetter fast vergessen. Da liegt die hölzerne Fußgängerbrücke, die quer durch den Zürichsee verläuft und Rapperswiel mit Hurden verbindet, auch schon vor mir. Schon vor Urzeiten wurde sie gebaut, später abgerissen, wieder aufgebaut, wieder abgerissen und wieder aufgebaut. Die heutige Brücke ist von 2001 und mehr als 800m lang. Sehr langsam gehe ich auf den Planken entlang, nicht aus Angst, sondern genießend. Das Wasser ist glasklar, ich kann Blesshühner beim Tauchen beobachten.

Dann bin ich drüben und der Zauber bricht schnell zusammen, als die Brücke auf dem Damm mündet, den sich Wanderweg, Bahnschiene und Straße teilen müssen. Hier ist er wieder, der Lärm der Schweiz, der nie weit entfernt ist.

Blick zurück auf den Zürichsee
Blick zurück auf den Zürichsee

Hurden hat einen Bahnhof und der Jacobiusweg geht direkt daran vorbei. Ein Blick auf die Verbindungstafel zeigt, dass eine Zugverbindung nach Einsiedeln, dem heutigen Etappenziel, besteht. Sofort ist mein innerer Schweinehund hellwach und bellt mir zu: "Nimm den Zug!". Ich muss ihn energisch in die Ecke weisen, denn ich will jetzt den Etzel hochlaufen und nicht faul mit der Bahn fahren. Beim Coop wird noch schnell der Proviant aufgestockt, dann geht es in den Wald und bald auch in die Höhe.

Ziemlich steil ist der Weg, ein kurzer Blick zurück zum See und dann weiter. Bleischwer und regenschwanger hängen die Wolken noch immer an den gegenüberliegenden Bergen fest. Bisher halten meine Regensachen dicht, ich fühle mich trocken. Auch die Lederstiefel halten sich.

Schutzhütte auf dem Etzel
Schutzhütte auf dem Etzel

Wasser rinnt den Weg hinab, während es immer höher geht. Von meiner Stirn rinnt es auch, schmeckt aber salzig. Das ist kein Regen, der von der Kaputze tropft, sondern Schweiß von der Stirn. Ich schwitze, es ist echt anstrengend. Schritt für Schritt schraube ich mich weiter in die Höhe, 600m insgesamt. Die Plackerei findet in einer Schutzhütte am Etzel eine Unterbrechung. Was für ein Segen, ein paar Minuten im Trockenen zu sitzen.

Doch es geht noch weiter bergauf. Die Kapelle St. Meinrad steht auf dem Entzelpass und erst damit ist der höchste Punkt erreicht. Jetzt sind es nur noch ein paar steile Meter und ich bin oben. Wird auch Zeit, ich kann nicht mehr!

Das Wirtshaus hat natürlich Ruhetag. Doch die Kapelle ist offen, auf einer Kirchenbank finde ich ein paar Minuten der Ruhe. Mein Blick richtet sich zur Decke, wo die Geschichte des Mönchs und Eremiten Meinrad aufgemalt ist, der sich um 800nChr. hierher in damalige Einöde zurückzog. Da er eine Wunder vollbringende Nonnenfigur besaß, suchten ihn immer mehr Menschen auf und so sah er sich veranlasst, sich noch weiter zurück zu ziehen. Einen neuen Rückzugsort fand er in heutigen Einsiedeln. Der Sage nach wurde er dort von zwei Landstreichern erschlagen, die seinen Schatz stehlen wollten, der aus Gaben vorbeikommender Pilger bestand. Ein Rabe überführte die Diebe und Mörder, sie wurden gehängt und am Tatort wurde in Einsiedeln ein Kloster errichtet, aus dem im Laufe der Zeit ein wichtiger Marienwallfahrtsort mit Abtei, Kloster und Gymnasium wurde. Für viele Pilger ist diese Stätte heute eine wichtige Station oder Endepunkt ihrer Pilgerreise.

Natürlich will auch ich dort hin. Doch es dauert noch eine Weile, bis ich den endlos erscheinenden Weg nach Einsiedeln im Dauerregen geschafft habe. 

Doch irgendwann erreiche ich tropfnass meine heutige Pilgerherberge, das Allegro Hotel. Es liegt nahe des Siehlsees, von dem ich wegen Nebel allerdings nichts zu sehen bekomme.

Ich lege nur schnell meine Sachen ab, dann mache ich mich auf den kurzen Weg zur Wallfahrtsstätte, die mitten im Ort liegt und nicht vermutete Ausmaße hat. Ich bin überwältigt, als ich die Abtei betrete. Das Kirchenschiff ist gewaltig und überreichlich und bunt dekoriert. Es findet gerade ein Gottesdienst statt, deshalb kann ich nicht im Kirchenschiff wandeln. Doch ich habe Gelegenheit, die Gnadenkapelle zu besuchen, wo Pilger knien und beten. Das erste Mal bekomme ich eine Ahnung, was Pilgern bedeutet. Ich beschränke mich aufs Staunen, denn zu der Energie, an die ich glaube, muss ich nicht in einer Kirche beten.

zu den Bildern der 3. Etappe (Drop Box Link)
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Tag 92 auf dem E1

1.9.17, Einsiedeln -> Swytz, 21km

Es regnet die ganze Nacht. Das weiß ich, weil lautes Geläute meinen eigentlich tiefen Wandererschlaf mehrfach unterbricht. Zu jeder vollen Stunde schlägt eine Glocke. Einmal um 1 Uhr, zweimal um 2 Uhr usw. Und dazwischen alle Viertelstunde. Das kann einen schon wahnsinnig machen. Trotzdem erwache ich frisch am frühen Morgen. Zwischen den Wachzeiten muss ich anscheinend ausreichend geschlafen haben. Draußen schüttet es immer noch.

Das Früstück liegt hinter mir und die Sachen sind gepackt. Es könnte also los gehen, doch ich habe überhaupt keine Lust auf das Sauwetter. So streife ich noch durch das große Pilgerhotel und finde einen Ort der Stille, genau das Richtige für diesen Moment. Es ist ein nur kleiner Raum, darin eine Jesusfigur, ein Kreuz, eine brennende Kerze. Das genügt, um mich innerhalb kürzester Zeit aus stillen Besinnung in eine spirituelle Stimmung zu versetzen. Ich schließe die Augen und meditiere. Ich danke - ja, wem auch immer, sagen wir, die mich umgebende und schützende Energie, dafür, dass mein Handy heute morgen wieder ging, nachdem es gestern im Regen nass geworden seinen Dienst quittierte. Bitte dafür, dass meine Wanderschuhe, deren Sohlen doch schon sehr abgelaufen sind, bis zum Ende durchhalten mögen und fühle tatsächlich, dass das Pilgern eine besondere Erfahrung ist. Hat hier gerade etwas auf mich gewirkt?

Eigentlich pilgere ich ja nicht, ich wandere nur auf einem Pilgerweg. Aber eine Veränderung an mir konnte ich in dem Raum der Stille schon feststellen. Aber die Stimmung verfliegt.

Beim Bezahlen funktioniert die EC Karte nicht. Ich zahle bar und bin froh, dass ich ausreichend sFr an einem Bankautomaten gezogen hatte. Während ich mich auf den Weg mache, frage ich mich, wie es wohl weiter gehen würde, würde die Karte jetzt dauerhaft den Dienst versagen. Mit den verbliebenen 200 sFr würde ich nicht sehr weit kommen. Wäre die Wanderung dann zu Ende? Ist das nach dem defekten Handy, das mir gestern große Sorgen bereitete, nun die nächste Prüfung?

Um es vorweg zu nehmen, am Abend funktionierte die Karte wieder. Die Prüfung bleibt mir erspart.

Pfarrkirche St. Apollonia in Alpthal
Pfarrkirche St. Apollonia in Alpthal

Der Weg vor mir ist eben, es geht kilometerlang den Fluß Alb entlang, der eine Menge Wasser führt. Nach 10km kommt mir in Alpthal die Pfarrkirche St. Apollonia für eine ausgedehnte Pause gerade Recht.

Zeit für eine Kirchenbesichtigung. Das Kircheninnere ist farbenprächtig.

der Weg zu den Mythen ist steil, beschwerlich und wegen des Nebels auch mystisch
der Weg zu den Mythen ist steil, beschwerlich und wegen des Nebels auch mystisch

Gut, dass ich diese Pause gemacht habe, denn kurz darauf geht es rechts ab und hinauf, der nächste Berg ist zu bezwingen, es geht zu den Mythen hinauf, die fast 1.900m hoch in den Himmel ragen. Doch zu sehen sind sie nicht, denn es ist talkig vor Nebel. Immerhin hat es aufgehört zu regnen. Der Weg vor mir ist steinig und steil, ich bin bald völlig erschöpft.

Vor einer kleine Kapelle finde ich einen trockenen Platz für eine Rast. Zum ersten Mal hole ich den Hobo heraus und mache mit zwei Esbit-Würfeln einen heißen Kaffee. Die Wärme tut gut. Dazu gibt es zwei Würsten (Fett) und eine Banane (Kohlehydrate).

Weiter, immer weiter bergan. Und dann noch ein Stück bergauf. Und noch ein bißchen. Schließlich taucht ein Schutzhütte auf, baugleich mit der, in der ich gestern Schutz fand. Für einen Moment ruhe ich aus, schaue in Richtung der Mythen, auf die es von hier einen wunderbaren Blick gibt. Doch die sehe ich nur auf dem Schild vor der Hütte.

Pilgerkapelle Haggenegg, 1414müM, höchster Punkt des Jacobsweges in der Schweiz
Pilgerkapelle Haggenegg, 1414müM, höchster Punkt des Jacobsweges in der Schweiz

Ich muss weiter, auch wenn es gerade wieder anfängt zu regnen. Zum Vierwaldstätter See ist es noch weit, nun geht es um die Mythen herum. Der Weg bleibt schwierig, teils steil und steinig, dann geht es über glitschige Wiesen. Das Gehen ist anstrengend, es regnet in Stömen, Wege werden zu Sturzbächen und ich bin froh, in Haggenegg eine kleine Kapelle zu finden, die mir ein trockenes Plätzchen und Rast bietet. Die schwere Holztür ist mit einer geschnitzen Jacobsmuschel schön verziert, das schlichte Innere wird von einem Sandsteinkreuz dominiert. Dankbar lasse ich mich auf die eine Bank nieder, die sich in dem weißen Raum befindet. Die Regensachen breite ich zum Trocknen aus und atme erst einmal tief durch. Dieser Ort wirkt beruhigend und kraftgebend auf mich ein. Ich entzünde eine Kerze und versinke in ihr. Mein Herz wird groß und Frieden breitet sich aus.

Ins Pilgerbuch schreibe ich: "Ich bin glücklich. Ich brauche nichts." Ja, so fühle ich mich in diesem Moment. Glücklich.

Blick auf Schwyz und Vierwaldstätter See
Blick auf Schwyz und Vierwaldstätter See

Lange verharre ich hier. Etwas unwillig öffne ich lange Zeit später die schwere Holztür und trete hinaus in die reale Welt, in der es immer noch regnet und nebelig ist. Hinter mir schließt sich die Tür und der sakrale Zauber vergeht. Die Unbill der Natur verlangt jetzt wieder meine ganze Aufmerksamkeit.

Ich will jetzt nur noch den Berg hinab nach Schwyz. Ich will ins Trockene, habe genug von der Nässe von oben und den Sturzbächen von unten. Meine Schuhe sind durch und quietschen bei jedem Schritt. Doch ich muss noch einige Kilometer über Stock und Stein durch naßkaltes Wetter waten. Irgendwann erhasche ich durch den Nebel einen ersten Blick auf den Vierwaldstädter See, kurz darauf liegt Schwyz vor mir. Damit ist es nicht mehr weit zum BackPacker Hotel "Zum Hirschen", das an diesem Abend ein kleines Zimmer für mich bereit hält. Tropfnass trete ich ein und werde herzlich willkommen. Hier versteht man den nassen Wanderer, mir wird beim Einchecken gleich Zeitungspapier für die nassen Wanderschuhe angeboten. Das finde ich prima.

Bald klingt der Abend bei einer Kalbswurst, Pommes Frittes und einem Original Schwyzer Dunkelbier aus. Oder waren es zwei??

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