Hamburg-Tour: Kleiner Grasbrook

Der Spreehafen hinter dem Kleinen Grasbrook
Der Spreehafen hinter dem Kleinen Grasbrook

Heute steht eine ungewöhnliche Tour auf dem Programm. Es geht in den Hamburger Hafen, genauer gesagt zum Kleinen Grassbrook, dem von uns Bürgern etwas vergessenen Stadtteil, in dem nur wenige Menschen wohnen, aber viel Hafen zu Hause ist.

Manche Pläne wurden in den letzten Jahren gemacht, um das Gelände aufzuwerten. Erst sollte es neues Universitätsgelände werden, dann Olympiastätte. Doch bisher war alles nur Schall und Rauch, der Sprung über die Elbe ist noch nicht geschafft.

Heute springen wir - meine Frau Britta und ich.

Erkenntnis dieser Wanderung: Hamburg entwickelt sich an der Elbe im rasanten Tempo. Und nach 2028 wird der Sprung über den Strom sicher gelingen. Warum?

Ich sag nur: Tschechenhafen ;-).


Der kleine Grasbrook

Der Kleine Grasbrook hat ein wechselhafte Geschichte. Jahrhundertelang war es sumpfige Insellandschaft (Brook= sumpfige Landschaft), als Viehweide genutzt und vom Elbstrom permanent verändert. Ende des 19.Jahrhunderts wurde das Gelände für Hafen und Industrie erschlossen, ein zollfreier Freihafen entstand. Durch die Umstellung von Stückgut auf Containerfracht hat das Areal seine einstige Bedeutung eingebüßt. Auch die Stellung als zollfreier Raum ist mittlerweile verloren, der meterhohe Zaun um den Freihafen gefallen. Damit ist der Kleine Grasbrook derzeit wirtschaftlich uninteressant, stellt aber ein unglaubliches Wachstumspotential für die Hamburger Zukunft dar.

Lohnt es, auf diesem Brachland umherzuwandern? Und ob!

An diesem Wandertag kam der Sommer zu Besuch. Meine Frau Britta, die das Erkunden von Städten liebt, begleitete mich.


Höhepunkte

Die Tour startet am Dammtorbahnhof. Es geht durch die Wallanlage Richtung Landungsbrücken.

Alter Elbtunnel

Neben den Landungsbrücken führt der Alten Elbtunnel seit 1911 auf die andere Seite der Elbe. Durch den Touristenstrom, der den Landungsbrücken zustrebt, schlängeln wir uns zum kuppelgekrönten Schachtgebäude, dass die Fahrstühle und das Treppenhaus beherbergt. Fahrradfahrer und Fußgänger warten, wollen mit dem Fahrstuhl die 24m hinab zur stollenartigen Röhre, die ans andere Elbufer führt. Wir nehmen lieber die Treppe. Unten erwarten uns zwei Tunnelröhren, eine ist geschlossen, denn sie wird saniert. Mehr als 400m ist der Tunnel lang und es ist ein tolles Erlebnis, zu Fuß die Elbe zu unterqueren. Auf der anderen Seite geht es die Treppe in einem zweiten, identisch aussehenden Schachtgebäude wieder hinauf, ein spektakulärer Elbblick wartet dahinter auf uns.

Ein Geheimtipp ist diese Stätte allerdings nicht mehr, denn zahlreiche Touristen tummeln sich auch hier, Frittenbude und Eiswagen warten auf Kundschaft. Auch wenn es hier bevölkert ist, der Blick ist spektakulär.

Weiteres zum Elbtunnel: siehe Wikipedia

Steinwerder Elbblicke

Blick von den Stage-Musical-Theatern über den Hamburger Hafen
Blick von den Stage-Musical-Theatern über den Hamburger Hafen

Wir gehen weiter. Nächstes Ziel ist das Gelände der ehemaligen Stülcken-Werft, einst eine der großen Werften Hamburgs, seit Ende der 1960er Jahre geschlossen, danach Brachland und heute als Standort zweier Stage-Musicaltheater wiederbelebt. Um hinzugelangen, müssen wir um den Fährkanal und das Norderloch herum. Dann erst geht es zurück an die Elbe. Direkt am Wasser sind die beiden großen Stage-Musicaltheater gelegen, davor eine Promenade mit Bänken und zwei Nanas. Wir genießen einen irren Blick auf Hafencity rechts, Elbphilharmonie, Vorsetzen, Landungsbrücken, Fischauktionshalle, Großer Michel, Fernsehturm bis zu den neuen Hochhäuser auf der linken Seite. Alles sieht zum Greifen nah aus. Ein echter Geheimtipp und außerhalb der Theaterzeiten ist hier wenig los.  Auch am heutigen Sonntag.

Weiteres zur

Stülcken-Werft: siehe Wikipedia

Stage-Theater im Hafen Hamburg: siehe Wikipedia und Wikipedia

Der spektakuläre Blick über die Elbe, fotografiert von Christoph Bellin: siehe Flickr

Spreehafen

Nachdem wir uns satt gesehen haben, ist der Spreehafen das nächste Ziel. Um hinzugelangen, gehen wir den langen Ellenholzdamm Richtung Süden, es geht an großen Containerlagerplätzen vorbei. So viele Container auf einem Haufen habe ich noch nie aus unmittelbarer Nähe gesehen. Am Veddeler Damm überqueren wir den Reiherstieg - klingt romantisch, ist aber nur noch eine Hafenanlage. Dort erhaschen wir einen außergewöhnlichen Blick auf die Elbe. Elbphilharmonie und der weiß glänzende Fernsehturm sind hier der zentrale Blickfang. Weiter geht es über die Argentienienbrücke, der vor Kurzem einen Fußweg angeflascht bekam. Brücken gibt es hier ohnehin reichlich. Die nächste führt am neuen Fähranleger "Ernst-August-Schleuse im Klütjenfelder Hafen vorbei, wo die HADAG Fähre 73 anlegt und Passagiere zu den St.Pauli Landungsbrücken fährt, zum Preis eines HHV-Tickets. So hätten wir bis hierher statt laufen auch fahren können. Nur - Sonntags fährt die Fähre nicht, nur werktags. Noch eine Brücke überquert und die futuristisch anmutende Ernst-August-Schleuse passiert, dann liegt der Spreehafen langgestreckt vor uns.

Wo früher der hoher Zaun des Freihafens den Zugang zum Wasser versperrte, verläuft heute ein Wander- und Radweg parallel zur Harburger Chausee. Gebaut wurde er im Rahmen eines der zahlreichen IBA-Projekte. Der Zaun wurde abgerissen, der Klütjenfelder Hauptdeich erhöht und auf der Wasserseite ein Weg angelegt. Deichtreppen und Rampen laden heute zum Verweilen ein.

Im trotzdem verwaisten Hafenbecken dümpeln marode wirkende Hausboote. Da sie nur gedultet sind, werden sie lediglich notdürftig instand gehalten. Wohnen darf man auf ihnen offiziell nicht, sie sollen dem Gewerbe dienen. Schade eigentlich, der Hafen scheint für Hausboote ideal.

Willst du mehr über den Spreehafen wissen, schaue hier.

Schöne Bilder vom Spreehafen fand ich hier.

Und über das Projekt der IBA kannst du dich hier informieren.

Tschechenhafen (Saalehafen)

Am östlichen Ende des Spreehafen führt eine neue Brücke über die Müggenburger Durchfahrt, danach ein neuer, doch leider schon verschmuddelter Tunnel unter den vielen Geleisen des Güterbahnhofs hindurch. So kommen wir in den Saalehafen, auch Tschechenhafen genannt. Eine Brücke an der Dessauer Strasse bietet eine außergewöhnliche Sicht durch den Hansahafen hindurch auf die von hier weit entfernt wirkende Hamburger Skyline. Kräne, Schiffe und riesige Lagerhallen dominieren das Bild. Doch jenseits der Brücke herrscht eine marode Stimmung. Verrostete Zäune, verwaiste Anleger in einem leeren Hafenbecken, verfallende Gebäude bestimmen das Bild im sogenannten Tschechenhafen. Wie kam der Hafen zu seinem Namen? Nach dem ersten Weltkrieg musste das Deutsche Reich Tschechien für 99 Jahre einen zollfreien Zugang zum Meer ermöglichen. Wo einst reger Warenumtausch herrschte, gibt es heute nur noch Stillstand. Ein Schiff könnte gar nicht mehr in das verschlammte Hafenbecken einfahren. Ich lese später, dass das Gelände noch bis 2028 an die Tschechei verpachtet ist. So wird der Dörnröschenschlaf bis dahin sicher fortgesetzt und dieser Teil des Hafens ein ruhiges, idyl­lisches Fleckchen bleiben. Aber dann wird es wohl los gehen mit dem Sprung über die Elbe.

Bilder zum Hansahafen auf Flickr.

Bilder zum Saalehafen (Tschechenhafen) bei Flickr.

Neuer U-Bahnhof Elbbrücken

Als wir den Saalehafen über die Sachsenbrücke verlassen, merken wir erst, wie dicht wir schon an den Elbbrücken sind. Statt ruhigem Dornröschenschlaf nun lärmender Verkehr. Straßen, Schienen und Autobahn reihen sich hintereinander und queren hier die Elbe. Wir passieren den Strom auf der Freihafenelbbrücke, einer alten Stahlbrücke auf Steinsockeln. Hier verlaufen drei Fahr- und eine Bahnspur nebeneinander, Platz für Fußgänger ist aber auch. Als die Brücke 1917 gebaut wurde, war sie sogar zweigeschossig konzipiert, damit eine U-Bahn Strecke durch den Freihafen möglich wäre. Doch dieser vorausschauende Plan wurde nie realisiert.

Bilder zur Freihafenelbbrücke auf Flickr

Jetzt, 100 Jahre später, wird auf der anderen Seite der Freihafenelbbrücke ein neuer U-Bahnhof gebaut. Die Station Hamburg-Elbbrücken wird sehr luftig, sehr groß, sehr spektakulär werden und bildet den zukünftigen Endpunkt der U4. Die Station soll 2018 fertig sein, beim gegenwärtigen Baufortschritt ist das kaum vorstellbar. Eine Aussichtsplattform ragt schon in die Elbe hinaus und stellt vermutlich die Basis eines späteren Brückenschlags über die Elbe dar. Ich spekuliere schon mal, dass die U4 ab 2028 bis nach Steinwerder führen wird.

Elbbrückenquartier (Hafencity)

Kaum haben wir die Baustelle umrundet, liegt das riesige Areal des neuen Elbbrückenquartiers vor uns, das gegenwärtig noch einer riesigen Sandkuhle ähnelt, in der munter gebaggert wird. Ein Flüchtlingsheim steht bereits, es wird wohl später der engen Bebauung weichen müssen, die hier entstehen wird. Es wird auf diesem Areal auch einige kleine Wolkenkratzer geben. Weltstadt Hamburg!

Der Baakepark im aufgeschütteten Hafenbecken ist mit Abenteuerspielplatz und Aussichtsplattform schon fast fertig. Auf der jenseitigen Seite des Baakenhafens stehen bereits die mehrgeschossigen Bauten der Creative Blocks dicht an dicht, es sind die ersten Rohbauten des zukünftigen Quartier Baakenpark. Was wir hier sehen, nennt man "verdichtetes Bauen", wie wir auf einer Tafel lesen. Dort steht auch, dass ein neues Verkehrskonzept umgesetzt wird. Autos seinen hier eigentlich nicht mehr erforderlich, dementsprechend sind nur wenige Parkplätze vorgesehen. Ob es gelingt?

Weiterführende Infos: 

Hafencity Hamburg

Viele Weg zur nachhaltigen Stadt

Baakenhafenbrücke

Bevor es über die Baakenhafenbrücke geht, gönnen wir uns eine ausgedehnte Pause am Baakenhöft. Hier ist ein kleiner Park entstanden, die verlängerte Achse des Lohseparks. Auf einer sehr bequemen, sehr langen Bank genießen wir eine lange Weile die Sonne und den Blick auf die Elbe. Hier steht auch der alte, etwas verwitterte rote Viewpoint, der einst in der Hafencity stand.

Die Stahlbrücke ist die neue Verkehrsader von der existierenden Hafencity in die neu entstehenden Quartiere Baakenpark und Elbbrücken. Noch ist der Blick in beide Richtungen nahezu unverstellt, aber das wird nicht lange so bleiben. Auf beiden Seiten entsteht dichte Bebauung.

Bilder zur Baakenhafenbrücke: Hamburger Fotospot

Lohsepark

Jenseits der Baakenbrücke beginnt der schöne, große Lohsepark, der 2016 fertiggestellt wurde. Eine freie, über 500m lange Sichtachse vom Baakenhafen bis zur Ericusspitze (Spiegel Gebäude) soll wie ein langes, grünes Band von Wasser zu Wasser reichen. Im Park wurden große Bäume gepflanzt, es gibt viele Sitzgelegenheiten und einen großen Spielplatz. Wir bemerken reges Treiben, offenbar wird der Park gut angenommen. Auch wir verweilen und gönnen uns einen Kaffee in einem nahe gelegenen Café.

Öffentliche Fotos zum Lohsepark bei Flickr.

Nach einem äußerst leckeren Cafe Crema geht es weiter, doch weit kommen wir nicht, denn ein Car2Go Auto, dass in der Poggenmühle nahe des neuen Spiegel-Gebäudes geparkt ist, lockt und lässt uns die Tour hier jäh enden. Für den Heimweg nehmen wir das Auto.

Das waren fünfzehn Kilometer durch ein Hamburger Hafengebiet, das ich bisher nicht kannte. Eine spannende Route, die viele spektakuläre und interessante Aus- und Einblicke bietet.

Durch meine nachfolgenden Recherchen habe ich dann auch noch allerhand Neues über den Hafen gelernt. Das Thema "Hafencity" hat mich förmlich in sich eingesogen. Ich habe einiges über die Hamburger Stadtplanung hinzu gelernt.

Im Hamburger Hafen war ich nicht das letzte Mal.

Wer Lust auf mehr hat, sollte den zahlreichen Links im Text folgen. Und wer dann immer noch Lust hat, findet viele weitere Informationen auf der offiziellen Hafencity-Site


Bilder zur Tour

Meine eigenen Bilder sind in der Dropbox.