E1-DK (1): Flensburg -> Vejen

E1 / Haervejen (Ochsenweg)

so war man früher auf dem Ochsenweg unterwegs
so war man früher auf dem Ochsenweg unterwegs

Tag 73 - 77 auf dem E1

1. Tour in Dänemark,
6.5.-10.5.17

5 Wandertage, 118 km

 

Nach einem langen Winter geht es im Mai 2017 mit meiner Fernwanderung weiter. In einer einzigen Tour soll es durch Dänemark gehen, durch Jütland, um genau zu sein.

Ob den Haervejen hinauf nach Skagen oder den E1 nach Grenaa, steht zu Beginn der Wanderung noch nicht genau fest. Das ist auch nicht schlimm, denn bis in die Mitte Jütlands verlaufen beide Wanderwege auf identischer Route.

Doch die Tour läuft anders als geplant...



Tag 1, 6.5.17, 25km

das war vor drei Jahren...
das war vor drei Jahren...

Ich trinke Kaffee im Hotel Wassersleben, schaue über die Flensburger Förde und erinnere mich an den glücklichen Moment, als ich hier vor drei Jahren ankam. Damals war das Wandern auf dem E1 noch neu für mich und ich im Wandern unerfahren. Ich dachte, hier oben sei Schluss und der nördlichste Punkt des E1 für mich erreicht.

Doch jetzt bin ich wieder hier, um weiter gen Norden zu wandern.

Und nun geht sie los, meine Wanderung durch Dänemark.

Für die nächsten neun Tage wird der Ochsenweg, von den Dänen Haervejen genannt, die Richtung bestimmen. Bis zum Startpunkt in in Padborg sind es allerdings noch ein paar Kilometer, die es entlang einer stark befahrenen Straßen zu gehen gilt.

Jenseits der Autobahn treffe ich auf die erste Markierung: das weiße Männchen auf blauem Grund des Ochsenweges. Das schwarze Kreuz des E1 hätte ich hier auch erwartet, doch das finde ich nicht. Es soll mir auf dem langen Weg durch Dänemark auch nur einmal begegnen.

Gejlå- Bro
Gejlå- Bro

Das erste Highlight der Tour ist am Gejlå, dort spannt die Gejlå-Bro (Brücke) zwei steinerne Bögen über den Fluss. Soldaten marschierten einst von Ufer zu Ufer, Ochsen wurden hinüber getrieben und heute bin ich es, der auf ihr das andere Ufer erreicht.

Pols Bro
Pols Bro

Zehn Kilometer weiter folgt die zweite Steinbrücke. Pols Bro ist noch älter als Gejlå- Bro, bogenförmig geformt aus massigen Steinen, die die Brücke selbsttragend macht.

die erste Nacht auf der Tour, mitten im Wald
die erste Nacht auf der Tour, mitten im Wald

Nach insgesamt fünfundzwanzig Kilometern ist es Zeit für das erste Nachlager. Doch ich finde den Zeltplatz nicht, der gemäß Karte tief in der Ǻrtoft-Plantage liegen sollte. Ich bin so tief in den Wald hinein gelaufen, dass ich heute nicht mehr zurück auf den Weg mag und um den nächsten Lagerplatz zu erreichen, ist es schon viel zu spät. Mir schwant, dass ich gezwungen bin, hier zu bleiben. Mitten im Wald zu übernachten, ängstigt mich zwar, aber da muss ich jetzt durch. So schmeiße ich Kumpel ins Gras, wo das Zelt hin soll, froh, die Last des Rucksacks vom Rücken los zu sein. "Weniger wäre mehr gewesen“, fällt mir zu Kumpel ein, der fett und mit vermeintlich wichtigen Wandersachen gefüllt vor mir liegt.

Das Zelt baue ich an einer geschützen Stelle unter Fichten auf. Auf einer nahen Lichtung hocke ich mich auf einen Baumstamm, bereite mir Trockennahrung und Tee fürs leibliche Wohl und genieße die Abendsonne, die rot glühend hinter den Wipfeln versinkt. Kaum ist sie verschwunden, wird es schlagartig kalt.

„So ist es wohl im hohen Norden“, denke ich, „Zeit, Schlafen zu gehen.“ Was sonst kann man mitten im Wald auch tun? Der Schlaf will nicht kommen, denn ich denke an Wildschweine und Wölfe.

Tag 2, 7.5.17, 24km

Die Nacht verläuft friedlich, am nächsten Morgen holt mich lautes Gezwitscher aus tiefem Schlaf. Durch die Bäume bliinzelt die Sonne.

Frühstücken, einpacken und drei Kilometer durch den Wald zurück auf den Haervejen. Der ist schon bald wieder Schotter- und Asphaltpiste, das Laufen auf ihm wenig erbaulich. Derweil steigt die Sonne immer höher und es wird richtig warm. Kein Schatten und endlos der Weg immer nur an Feldern entlang.

Bald klebt das Shirt schweißnass am Körper und die Zunge am Gaumen.

Kirche und Friedhof in Riese bei Rodekro
Kirche und Friedhof in Riese bei Rodekro

Nach 15km wird es höchste Zeit für die erste Pause! Mein Sinn steht nach einer Abkühlung und das Shirt würde ich gerne durchs Wasser ziehen, denn auch wenn es atmungsaktiv sein soll, so ist es doch aus Polyamid und Kunststoffe beginnen meist nach zwei Tagen zu riechen.

Neben der Dorfkirche zu Riese findet sich eine gute Gelegenheit zur Katzenwäsche, dort steht ein Toilettenhäuschen der Superklasse. Darin ein großes Waschbecken, es gibt sogar heißes Wasser. So kann ich erst mich und dann mein Shirt waschen. Erfrischt sitze ich im feuchten und dadurch angenehm kühlen Shirt auf einer der Friedhofsbänke, knabbere am Müsliriegel und lausche Orgelklängen, die aus der Kirche herüber tönen. Der Ort ewiger Ruhe bringt auch mir einen Moment des inneren Friedens. Ich hätte länger verweilen mögen, doch als Wanderer bin ich nicht zum Sitzen und Lauschen hier. Weiter also!

der ultramoderne Brugsen in Rodekro
der ultramoderne Brugsen in Rodekro

Von Riese führt eine Strasse nach Rødekro. Der Røde-Kro (dän. Schenke) gab wohl einst, als noch Ochsen durch den Ort getrieben wurden, den Namen. Das heutige Zentrum ist der futuristische Supermarkt Brugsen mit einem großen Parkplatz davor. Nach vierzig Kilometern ist es die erste Einkaufsmöglichkeit dieser Tour, aber ich brauche nur einen heißen Kaffee und ein riesiges Sandwich, bezahle mit frisch aus dem Automaten gezogenen dänischen Kronen. Dänemark ist zwar in der EU, hat aber seine eigene Währung behalten.

Weiter geht es die breite Strasse entlang. Das Ende des Ortes bildet ein Kreisverkehr, den ich umrunden muss. Ein Fuchs macht es sich einfacher, er hastet direkt über den Kreisel. Passiert ist ihm nichts.

Wo sind eigentlich meine Trekkingstöcke?

Oh, nein! Die müssen noch im Brugsen am Geldautomaten stehen! Es hilft nichts, ich muss zurück, denn ich brauche die Stöcke nicht nur als Laufhilfe, sondern auch nachts als Zeltstangen. Ohne die Stöcke steht das Zelt nicht. Etwas grummelig laufe ich den Kilometer zurück, finde die Stöcke dort, wo ich sie stehen ließ. Ich bin glücklich, sie wieder zu haben.

Noch einmal gehe ich die breite Strasse vom Brugsen zum Kreisverkehr, insgesamt also drei Mal. Zwei Mal davon gehen auf das Konto meiner Schusseligkeit.

Nun aber geht es endlich weiter.

unterwegs
unterwegs

Wind brist auf und kühlt die Luft, die schon schwirrte. Es wird Abend, ich habe Hunger. An einer Schutzhütte möchte ich rasten, doch der Wind pfeift so heftig um die Ecken herum und am Boden krabbeln Ameisen, dass ich nur schnell etwas esse und dann weiter ziehe. Es wird sich schon etwas Passendes finden lassen.

Zwei Kilometer weiter stoße ich auf ein Rastplatz, der besser geeignet erscheint. Zwar ist es kein Zeltplatz, aber bietet Bank und Tisch, das Gras ist frisch gemäht und Bäume schützten vor dem heftigen Westwind, der über die Felder fegt. Einen besseren Platz werde ich heute vermutlich nicht mehr finden, so bleibe ich und nehme den herumfliegenden Müll missbilligend in Kauf. Viel weiter würde ich auch nicht mehr kommen, denn es ist schon spät, bald schon wird es dunkel sein. Schnell steht das Zelt und ich verschwinde umgehend darin, denn die Sonne ist weg und es wird kalt. Gut, dass ich schon etwas gegessen hatte.

Tag 3, 8.5.17, 27km

Es dämmert. Das Zelt flattert. Es muss noch früh am Morgen sein, als ich einen Blick aus dem Zelt wage. Mein verschlafener Blick erspäht viele dunkle Regenwolken am grauen Himmel , die in schneller Folge über noch kahle Felder und mir hinweg ziehen. Sie sehen bedrohlich aus und voller Wasser, dass sich vermutlich bald entladen wird. Dazu der heftige Wind , der an der Zeltwand zerrt und mich im Schlafsack gefrieren läßt. Hier muss ich weg und zwar gleich! Frühstück fällt also aus, dafür ist es zu kalt und ungemütlich.

Immervad bro
Immervad bro

Weiter geht es mit morgentlich steifen Knien. Das Laufen fällt schwer und die Wanderschuhe müssen wieder einmal Asphalt treten.

Ein Gedenkstein, wohl aus alter Wikingerzeit, steht am Wegesrand. Ich gehe achtlos vorbei.

Die alte Immervad bro, die Dritte der Steinbrücken, interessiert mich dann doch.

irgendwo unterwegs
irgendwo unterwegs

Der Weg führt auch mal weiche Waldpfade entlang, dort ist das Gehen viel angenehmer. Doch es ist immer nur von sehr kurzer Dauer, dann folgt wieder der ungeliebte Schotter oder Asphalt, auf dem das Laufen zur Qual wird.

Aus Wind wird Sturm, der natürlich voll ins Gesicht bläst. Das dagegen anstemmen kostet viel Kraft. Aber der Himmel ist blau.

Einkaufen in Vojens
Einkaufen in Vojens

Erschöpft erreiche ich Vojens. Die Ortsmitte bildet auch hier ein groß dimensionierter Parkplatz mit vielen Geschäften drum herum. Bei Aldi gibt es, wonach mir gelüstet: Trinkjoghurt, Bananen, Brötchen, Kekse und stilles Wasser. Zu Hause hätte ich etwas anderes gewählt, doch das Wandern verändert die Essgewohnheiten, unterwegs brauche ich mehr Kohlehydrate als sonst - und Zucker. Die Einkaufsbeute vertilge ich gleich auf einer Bank vor den Geschäften.

Pause am alten Grenzfluss Norreå
Pause am alten Grenzfluss Norreå

Vojens liegt schon lange hinter mir.

Nun überquere ich den Norreå. Hier beginnt ein Naturschutzgebiet, durch das der Haervejen führt. Der weiche Waldweg macht das Laufen sehr angenehm. Eine Bank direkt am Fluss lädt ein, meine vom vielen Asphalt und Schotter müden Knochen auszuruhen. Kaum habe ich mich ausgestreckt, schlafe ich ein. Von einem Insekt werde ich wieder geweckt, das aus einem Baum diekt über mir mit lautem Plopp auf mich fällt. Bevor es mir ins Shirt krabbelt, schnippe ich es mit zwei Fingern schnell fort. Ist es eine Zecke gewesen? Wohl nicht, dafür war es zu groß.

Weiter, obwohl ich mich sehr ausgelaugt fühle.

Übernachtung an einer Schutzhütte im NSG am Norreå
Übernachtung an einer Schutzhütte im NSG am Norreå

Mitten im Naturschutzgebiet steht eine Schutzhütte windgeschützt in der Nachmittagssonne. Beim Vorbeigehen denke ich, das wäre ein feiner Platz zum Übernachten. Doch es ist dafür eigentlich noch zu früh. So gehe ich weiter, denn ein paar Kilometer könnte ich heute noch machen.

„Es ist DER ideale Lagerplatz“, zirpt mein innerer Schweinehund nach ein paar hundert Metern. Er kann manchmal ganz schön nervig sein. Aber dieses Mal hat er ja Recht. Warum weitergehen, wenn ich doch mit meiner Kraft am Ende bin? So drehe ich um, gehe zurück. Kumpel, der wieder schwer auf den Schultern lastete, fliegt ins Gras. Schnell steht das Zelt neben der Schutzhütte. Frisches Trinkwasser gibt es hier nicht und Wasser aus dem nahen Fluss zu schöpfen, kommt für mich auf in einem Naturschutzgebiet nicht in Frage, denn der Norreå fließt durch landwirtschaftlich genutzte Flächen hierher und wird vermutlich mit Nitraten belastet sein, die gesundheitschädlich sind. Zwar habe ich Wasserfilter und Chlortabletten dabei, aber die können gegen chemische Verunreinigungen nichts ausrichten. So muss ich heute Abend mit dem Wasser sparsam sein. Deshalb gibt es Couscous, das gegenüber Trockennahrung nur halb so viel Wasser braucht. Instant-Tomatensuppe dazu, so wird Couscous schmackhaft. Es bleibt sogar Wasser für einen Pfefferminztee übrig. Ein Bier wäre schöner!

Kaum versinkt die Sonne hinter den Tannen , da -man ahnt es schon- wird es schlagartig kalt. Ein Hörbuch vertreibt die Zeit im Zelt, bis ich müde werde. Angst vor wilden Tieren habe ich heute nicht.

Tag 4, 9.5.17, 26km

Meine Güte, war das eine lausige Nacht! Ich wachte mehrmals auf, weil ich fror. Im Laufe der Nacht zog ich immer mehr über. Erst war es nur Merinounterwäsche und das Shirt, später kamen Merinopullover, dann Fleeceweste und schließlich die Fleecejacke drüber. Es half nicht viel, ich fror trotzdem.

Am Morgen ist die Zeltwand mit einer Schicht Raureif überzogen, also war es nachts unter Null Grad. Wer rechnet schon mit solchen Temperaturen im Mai? Ich jedenfalls nicht. Mein Schlafsack und die Isomatte sind für derart niedrige Temperaturen nicht ausgelegt, ihr Komfortbereich endet bei +5°C.

Aber daran kann ich jetzt nichts ändern. Ich muss da durch.

Frühstück fällt aus wegen Kalt. Das Zelt wird, noch mit Raureif bedeckt, zusammen mit den übrigen Sachen zügig im Rucksack verstaut.

die Stursbøl-Plantage mit noch jungem Baumbestand
die Stursbøl-Plantage mit noch jungem Baumbestand

Weiter geht´s. Erst weiter durch das Naturschutzgebiet, dann folgt die Stursbøl-Plantage mit noch jungem Baumbestand. Ich hoffe, der Weg bleibt so abwechslungsreich, wie er gerade ist.

Über Nacht ist der Wind eingeschlafen, am späteren Vormittag scheint auch die Sonne wieder.

Doch der Nachmittag bringt Regen und Kälte. Der Regen will nicht mehr aufhören.

Gedanken kreisen wie die Räder der Mühle von Rammelhøj
Gedanken kreisen wie die Räder der Mühle von Rammelhøj

Wandert man ohne Gesellschaft, so hat man viel Zeit, über dies und das nachzudenken. Bisweilen beginnen düstere Gedanken zu kreisen und den Geist zu verdunkeln.

Passiert dies und ist man in Gesellschaft, kann der Mitwanderer helfen, die dunklen Gedanken zu vertreiben.

Doch auf dieser Tour begleitet mich keiner, der  meine Gedanken zurück ins Licht führen würde. So  werden sie immer düsterer wie die Wolken über mir. Das Ergebnis sind Fragen.

Was mache ich hier eigentlich bei dem miesen Wetter?

Es ist kalt, es regnet, es macht keinen Spaß mehr! Was soll das hier?

Soll ich die Tour abbrechen?

Verkürzen?

Nach Hause fahren?

Später wieder zurück kommen?

Oder gar nicht?“

Die dunklen Gedanken kreisen und kreisen und keiner ist da, das Mühlrad abzuschalten. So reift allmählich ein emotional geprägter Entschluss heran:

Ich werde den Weg hoch nach Skagen nicht gehen.

Er scheint mir zu weit und nach den bisher gemachten Erfahrungen auch zu eintönig zu sein  Dazu ist das Wetter im Norden immerzu schlecht und kalt.

Vielleicht bin ich nicht bereit gewesen für Dänemark. Oder aber es ist einfach nicht mein Wanderland.

die alte Knagmøll  am Kongeåen
die alte Knagmøll am Kongeåen

An der alten Wassermühle Knagmøll ändert der Haervejen die Richtung nach Westen, folgt nun dem Lauf des Kongeåen, der bis 1920 Grenzfluss zwischen Dänemark und Deutschland war. Zunächst ist es eine schöner Strecke.

Doch bald wird aus dem Weg ein schmaler Pfad. Dann stehe ich, von neurig blickenden Kühen umgeben, mitten auf einer Weide. Am Zaun ist der Pfad entgültig zu Ende, er scheint nicht weiter zu gehen. Das ist für den Haervejen nicht typisch. Ich habe wohl eine Wegmarke übersehen haben. Nun muss ich zurück.

auf einem Steg am Kongeåen. Ich bin zurück auf dem Haervejen
auf einem Steg am Kongeåen. Ich bin zurück auf dem Haervejen

Zurück? Niemals!

Dann doch lieber über den nächsten Zaun auf eine weitere Wiese, dann über noch einen Zaun. Dahinter ein Graben. Hindurch. Die Schuhe werden nass, doch es ist mir egal! Weiter durchs hohe Gras. Kühe schrecken hoch und vergessen das Widerkäuen. Wahrscheinlich kommt hier sonst kein Mensch vorbei. Matschloch oder Kuhfladen, ich muss weiter. Schuhe und Hosenbund werden ordentlich dreckig.

Noch ein Zaun, über den ich klettern muss, dann meldet sich Else von Komoot:

„Du bist zurück auf der Tour“, meint sie. Endlich! Ich stehe gerade an einem Steg, der  in den Kongeåen hinein gebaut ist, wohl eine Anlegestelle für Paddler. Einen Pfad gibt es auch wieder. Es ist der Haervejen. Gottlob, die Plackerei hat ein Ende, ich bin zurück auf dem Weg.

eine Pilgerhütte nahe des Kongeaen
eine Pilgerhütte nahe des Kongeaen

Der Pfad strebt einer Hütte zu, die auf einem kleinen Hügel thront. Eine Fata Morgana? Nein, sie ist real! Sie bietet sechs Schlafplätze, einer Feuerstelle, Bänke und Tische, alles gut überdacht. Daneben ein weißes Gebäude mit Toiletten und Dusche mit warmem Wasser. Es ist eine Pilgerhütte der Luxusklasse. Für mich ein Geschenk am Ende eines harten Wandertages. Die Verheißung einer guten Nacht. Natürlich bleibe ich hier, keine Frage.

 Tag 5, 10.5.17, 11km

Es wird wieder eine sehr kalte Nacht, garniert mit Regen. Aber der macht mir ja nichts, denn ich liege unter einem festen Dach. Als ich am Morgen erwache, ist die Luft sehr feucht und der nahe Kongeåen in Nebel gehüllt. Aus dem Schlafsack zu kriechen, kostet große Überwindung und gelingt nur mit der Gewissheit, gleich eine heiße Dusche genießen zu können.

Es folgt ein ausgedehntes Frühstück, das ich sehr in die Länge ziehe, denn vor der Pilgerhütte nieselt es immerzu.

Ich mag nicht losgehen und es bedarf der Vorstellung eines sehr großen und sehr heißen Milchkaffees, den es aber erst in Vejen geben wird. So komme ich endlich in Gang.

Zunächst geht es noch ein Stück den Kongeåen entlang, der sich gemütlich in seinem feuchten Bett schlängelt. Darüber löst sich gerade der Nebel auf.

Wo der Haervejen über eine Brücke das Ufer des Kongeåen wechselt, liegt eine Shelteranlage mit zwei Sheltern und einem aufwändig gestalteten Toilettenhäuschen. Die Anlage ist nicht schlecht, aber ich finde, dass ich es in der letzten Nacht besser getroffen hatte. Hier gibt es keine heiße Dusche. Befriedigt gehe ich vorbei.

Endlich strebt der Weg wieder nordwärts, aber erneut gibt es nun öden Asphalt zu treten und weil irgendwo die Wegmarke fehlt, verlaufe ich mich ein weiteres Mal. Nach einem großen Umweg voller Verdruss finde ich erst ein paar Kilometer weiter zurück auf den Haervejen. Unnötige Kilometer, auf denen ich mich über mich selbst ärgere!

auf der Umgehungsstrasse vor Vejen finde ich kein Lächeln mehr
auf der Umgehungsstrasse vor Vejen finde ich kein Lächeln mehr

Sieben Kilometer nur sollten es nach Vejen sein, doch sie scheinen schier endlos zu werden. Es mag an der freudlosen Strecke oder am heftigen Regen liegen, der Vielleicht ist es die Kälte, die die Beine hochzieht. Jedenfalls ist der Wanderspaß dahin. Mir ist nur noch kalt, ich fühle mich völlig durchnässt.

Ich mag nicht mehr. Ich bin fertig.

Nach nur sieben Kilometern! Meine Regensachen sind unzureichend, das muss ich mir eingestehen.

Ich will nur noch ankommen.

Will ins Trockene. Will meinen heißen Milchkaffee.

Ich habe Hunger!

Ich will HIER nicht mehr wandern.

Ich will nach Hause!

Aber es ja hilft nichts, ich muss weiter, zumindest noch diese unendlich lang erscheinende Umgehungsstraße bis zum Ende gehen.

In Vejen gibt es einen Bahnhof.

Der Gedanke treibt mich voran, auch wenn der Regen ins Gesicht peitscht. Außer mir ist keiner unterwegs. Nur ich Trottel stapfe hier draußen im Nassen mit meinem zu schweren Rucksack durch die Kälte.

Warum nur?

Nun, weil ich in Dänemark wandern wollte! Irgendwo kurz vor Vejen fällt die Entscheidung:

„Ich breche diese Tour ab."

„Wozu bei acht Grad bei diesem Schietwetter durch diese öde Gegenden laufen?“,

höre ich mich laut fragen.

Eine halbe Stunde später ist es geschafft. Ich sitze in Vejen in einem Supermark und genieße den heißen Milchkaffee, den ich mir am Morgen versprochen habe. Dazu gibt es ein riesiges Sandwich. Das hebt meine Laune wieder ein Stück, doch es reicht nicht aus, das Ruder noch einmal herum zu reißen und in den Regen zurück zu kehren. Die Motivation, weiter zu wandern, ist im Keller.

So bleibt die Entscheidung, die Tour hier in Vejen zu unterbrechen oder gar zu beenden.

Der Weg zum Bahnhof ist nicht mehr weit, der Zug bringt mich zurück nach Hamburg. Nur gut, dass Vejen eine gute Verkehrsanbindung hat.


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Packliste für die erste Dänemark-Tour
der Rucksack war mit ca. 16kg einfach zu schwer. Zur nächsten Etappe wird entrümpelt....
Packliste DK_Etappe1.pdf
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Neue Ausrüstungsgegenstände im Rucksack

Auf dieser Tour sind ein paar neue Ausrüstungsgegenstände hinzu gekommen:

  • Thermomatte: Exped SynMat UL 7M - Luftmatratze: 130€, 460g
    Die Matte ist mit ihren 7cm Aufbau recht bequem und mit dem Sea to Summit Air Stream Pumpsack schnell aufgepumpt. Allerdings kam sie bei Nachtemperaturen am Gefrierpunkt im Zusammenspiel mit meinem Daunenschlafsack LiteLine300 von Cumulus an ihre Leistungsgrenze. Trotz vier Bekleidungsschichten fror ich. Trotzdem ist sie wegen Gewicht und Komfort eine Empfehlung.
  • Wasserfilter Sawyer SP128 Mini Filter, 35€, 60g
    hatte ich dabei, konnte aber nicht testen. In Süddänemark empfiehlt es sich nicht, selbst gefiltertes zu trinken. da man die ganze Zeit durch Agrarland geht und überall, wo man auf Wasser trift, chemische Verunreinigungen zu befürchten sind. Ich lasse ihn auf den weiteren Wanderungen in DK zu Hause
  • Schaufel: Sea to Summit, 88g, 10€
    tat ihren Dienst ;-)
  • Witz Smartphone Locker, zum Schutz des empfindlichen Smartphones, 100g, 12€
    Der Locker ist ein wirksamer Schutz für das Smartphone. Es ist jedoch umständlich, das Handy für die Navigation immer wieder aus der Schutzhülle zu holen. Gegen Ende der Tour ist auch der Verschluss abgebrochen. Für eine so intensive Benutzung ist es wohl nicht gemacht. Das Teil wurde jedoch von Globetrotter anstandslos getauscht. Nachts ist das Handy im Locker perfekt aufgehoben. Und genau dafür werde ich es jetzt verwenden. Und als Regenschutz.
  • Bushcraft Essentials Bushbox, 260g, 30€
    Der Holzbrenner (Hobo) hat erstaunlich gut funktioniert. Vor allem bei viel Wind wird die Glut gut angeblasen. Brannte auch mit feuchtem Holz (Wind vorausgesetzt), dann aber mit viel Qualm. Ich habe die Bushbox überwiegend abends eingesetzt. Mittags dauerte mir das Holzsammeln zu lange. 500ml Wasser haben in ca. 10 Minuten gekocht. Nach dem Auseinandernehmen, was anfangs etwas hakelig war, hat man rußige Finger. Mit etwas Wasser werden sie aber schnell wieder sauber. Blöd nur, wenn Wasser gerade Mangelware ist. 
  • Esbit-Würfel, 20Stk., 80g, 4€
    Ein halber Würfel reicht, um ein Feuer in Gang zu bringen. Zum Entfachen eines Feuers mit Kienspan o.a. fehlt mir noch das Talent
  • Seife, biologisch abbaubar: Dr. Bronner's Magic Soaps, Eukalyptus, 59ml,  4€
    Sie hat gut funktioniert, sowohl zur Körperpflege, als Rasiergel und auch zum Wäschewaschen. Die flüssige Seife hat einen angenehmen Duft und funktioniert auch mit gaaaanz wenig Wasser.
  • DentTabs anstelle von Zahnpasta. Es sind kleine Pastillen, die man zerkaut und dann die Zähne putzt. Es funktioniert wirkungsvoll und gibt frischen Atem. Man kann sie abgezählt mitnehmen, sie wiegen fast nichts. Ein Tipp von BergReif

Bis auf den Wasserfilter kommen die restlichen neuen Gegenstände mit auf die nächste Etappe.


So geht es weiter

Ist es mit dem Wandern in Dänemark nun vorbei? Nach meiner Rückkehr weiß ich es nicht. Unschlüssig nehme ich für ein paar Tage den Alltag wieder auf.

Dann mache ich einen neuen Plan:

Ich nehme Abstand von der Idee einer einzigen mehrwöchigen Wanderung durch Dänemark. Unter den vorgefundenen Bedingungen ist mir das zu anstrengend. Kürzere Distanzen zu bewältigen und dann zum Ausgangsort zurück zu kehren, wird angenehmer sein. Im zweiten Wanderjahr, als ich im deutschen Mittelgebirge unterwegs war, habe ich es genau so gemacht.

Und so will ich es jetzt wieder machen.

Die nächste Tour soll von Vejen nach Nr.Snede weiter auf dem Haervejen/E1 gehen. Dort trennen sich die beiden Wege. Wie es dort weiter gehen wird, steht noch nicht fest.