Wandern auf Sylt

Sylt.

Ist die Insel das Reich der Wohlhabenden und der Schönen? Champagner, Kaviar, schicke Autos in der Wiskystraße? Rauschende Parties des Jetsets in Kampen. Diese und andere Vorurteile hat fast jeder für die schicke Nordseeinsel parat.

Doch die Insel hat auch ihre ruhigen Seiten und für einen Wanderer durchaus einiges zu bieten. Vor allem jetzt in der Vorsaison.

Sylt ist die viertgrößte Insel Deutschlands und die größte deutsche Nordseeinsel. Im engeren Sinne ist sie gar keine Insel, denn sie ist über den elf Kilometer langen Hindenburgdamm mit dem Festland fest verbunden.

Die Insel ist über 38 Kilometer lang und im Norden und Süden nur ein paar hundert Meter breit. An ihrer breitesten Stelle zwischen Westerland und Morsum ist sie dagegen fette zwölf Kilometer breit. Die dem Meer zugewandte Westseite muss oft gegen die Brandung der Nordsee kämpfen. Heftige Herbststürme und tosende Orkane knabbert am feinen Sandstrand und reduziert das Sanddepot der Insel, das jedes Jahr im Frühling mit hohem finanziellen Aufwand wieder aufgefüllt wird. Die Ostseite ist anders, denn sie ist dem Wattenmeer zugewandt, das zum Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer gehört und bei Niedrigwasser weitgehend trocken fällt.

Die Insel ist auf Sand gebaut und mit Heide bewachsen, wo nicht gerade einer der schönen Inselorte liegt. ihre höchste Erhebung ist die sogenannte Uwe-Düne bei Kampen mit 52,5 m ü. NN. Im Norden gibt es eine Wanderdüne, die jährlich bis zu sechs Meter ostwärts wandert.

Die Insel kann mit dem Auto- oder Personenzug über den Hindenburgdamm erreicht werden, aber auch mit einer Fähre von Dänemark aus. Ich empfehle die Anreise im Personenzug.

Für den Wanderer hat die Insel viel zu bieten. Auf der Wattseite sind die Munkmarsch, die Braderuper Heide und das Rantumer Becken lohnende Ziele. Wer Meer und Strand liebt, umrundet die Ödde oder läuft von Kampen nach Westerland und wer die Einsamkeit mag, erkundet im Norden den langgestreckten Ellenbogen und damit den nördlichsten Zipfel Deutschlands.

Ich hatte Zeit für zwei ganztägige Wanderungen.

Von Morsum nach Wenningstedt

23.3.17, 15km

Am Besten fährt man mit dem Nahverkehrszug nach Sylt, denn das ist nicht teuer und es dauert nicht länger als die Anreise mit dem eigenen Auto. Sylt fängt schon am Hindenburgdamm an, finde ich immer, wenn ich auf die Insel fahre.

Der Zug schaukelt gemächlich über den schmalen Damm, das Wasser hat sich weit zurück gezogen, das Watt glänzt in der Sonne. Den Damm entlang wird versucht, Land zu gewinnen, indem Stöcker in den Schlick gerammt werden, bei dem sich bei jedem abfließenden Wasser etwas Sand ablagert. So wird der Damm allmählich immer breiter. Keine Ahnung, wozu das gut ist.

Morsum liegt am äußersten östlichen Zipfel der Insel, der Personenzug macht hier seinen ersten Halt auf der Insel. Hier steige ich aus und mache mich bereit für meine Wanderung, während der Zug weiter der Endhaltestelle in Westerland entgegen rollt.

Nur ein kurzes Stück durch Morsum und schon beginnt die Wanderung entlang der Feuchtwiesen, rechterhand das Watt. Schnurstracks geht es gerade aus, in der Ferne kann ich den Kirchturm von Kampen ausmachen, auf den ich zuhalte. Aber bis dahin sind noch fünf Kilometer zu laufen und auf dem breiten Feldweg manch breite Pfütze zu überwinden. Die Schuhe halten dicht, sind aber bald vom Modder bis zum Schaft verkrustet.

Nach einer Stunde erreiche ich Keitum und hier würde sich ein Abstecher in den Ort lohnen, den ich jedoch so gut kenne, dass ich lieber am Watt bleibe. Bald komme ich an "Nielsens Kaffeegarten" vorbei, in dem ich schon oft einen Kaffee genossen habe. Oje, was ist nur aus dem gemütlichen Kaffee geworden? Hier wird gerade umgebaut, das alte Kaffee hat einen modernen Flachdachanbau erhalten. Das Kaffee muss offenbar Appartments weichen. Die Zeit bleibt nicht stehen, auch oder gerade auf Sylt nicht.

Für die Kampener Kirche St. Severin mache ich dann doch einen kleinen Umweg, denn ich mag diese kleine, sehr alte Kirche sehr. Vor allem liebe ich die alte Skulptur, die seitlich der Kirche in sich ruht. Sie heißt "Ein tiefes Bild nach innen". Für einen langen Moment bleibe ich vor ihr stehen und versinke ganz in die unheimliche schwarze Leere, die der Umhang einhüllt.

Dann reiße ich mich los, kehre zurück zum Watt und nun geht es durch die Munkmarsch. Hier beginnt eine Heidelandschaft, die sich jenseits des kleinen Hafens in der Braderuper Heide fortsetzt, heute Naturschutzgebiet und die zweitgrößte zusammenhängende Heidelandschaft Schleswig Holsteins. Zeugnisse früherer Sünden finden sich auch: Häuser, die mitten in die Heidelandschaft gebaut wurden und eine Kiesgrube, die aber bereits wieder denaturiert wurde.

Da Wenningstedt mein heutiges Ziel ist, verlasse ich vor Kampen das Watt und laufe mitten durch die Heidelandschaft Richtung Westen, komme am Leuchturm Kampen vorbei und durchquere den Golfplatz Wenningstedt, natürlich auf sicheren Wegen. Ich staune über das luxuriöse Clubhaus, die nagelneue Driving Range und den großen Parkplatz. Hier mag im Sommer viel los sein, nun aber sind nur wenige Menschen hier unterwegs. Ich mache noch einen Abstecher zum Dorfteich Wenningstedt, der schöner ist als vermutet. Auf einer Brücke ist über das Geländer ein Drahtseil befestigt, das hunderten von Paaren die Gelegenheit gab, ihrer Liebe durch ein am Draht befestigtes Vorhängeschloss Ausdruck zu verleihen, einem Brauch, den es auch in Hamburg gibt und der sich mir nicht erschließt.

Nun ist es nicht mehr weit bis zum Hotel Strandhörn, meinem Domizil für ein paar ruhige Inseltage. Während meine Frau hier schon seit Tagen fastet, gönne ich mir am Abend bei Gosch um die Ecke Labskaus und ein schönes Bier. Jedem das Seine.

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Von Wenningstedt nach List

24.3.1, 19 km

Auch heute ist das Wetter wunderschön und der Himmel blau und klar. Es ist windstill und das ist eine gute Gelegenheit, direkt am Meer zu wandern. Der Ellenbogen, der nördlichste Zipfel Deutschland, ist mein heutiges Ziel. Der Strand ist nicht weit vom Hotel entfernt, doch zunächst folge ich dem Weg, der durch die Dünen entlang der scharfen Abbruchkante des roten Kliffs verläuft. Von oben kann ich auf den Strand hinunter schauen und beobachten, wie sich dort zahlreiche Spaziergänger durch den weißen Sand mühen. Sie laufen unmittelbar am Wassersaum, denn nur dort ist der Sand zum Gehen fest genug. Kurz vor Kampen ragt die Uwe Düne über die Heidelandschaft. Über eine steile Treppe kann man den fünfzig Meter hohen "Berg" erklimmen und von oben die herrliche Aussicht genießen. Auf der einen Seite kann ich Westerland in der Ferne ausmachen. Auf der anderen Seite sehe ich den Ellenbogen, der das nördliche Ende der langgestreckten Insel markiert. Direkt vor mir liegt Kampen und um die Uwe Düne herum ganz viel Heidelandschaft, die jahreszeitlich entsprechend noch zurückhaltend braungrau gewandet ist.

Auf der Aussichtsplattform ist einiges los, doch sonst sind die Wege fast menschenleer. Ich klettere die steile Treppe wieder hinab und bald komme ich an der Sturmhaube vorbei, die momentan dauerhaft geschlossen hat, für mich kaum vorstellbar bei dem Rummel, der dort früher herrschte. Was ist passiert? Sylt verändert sich.

Nun möchte ich das Rote Kliff einmal von unten betrachten und wechsle deshalb zum Strand. Nun bin auch ich einer der Vielen, die sich den Weg mühsam am Strand entlang bahnen. Das Gehen ist beschwerlich hier und meine Wanderschuhe sinken mehr als ein Mal tief ein. Das Laufen im Sand kostet viel Kraft.

Sieben Kilometer weiter habe ich die Nase voll und wechsle zurück auf den Weg durch die Dünen. Hier bin ich vor einem Jahr in Joggingschuhen entlang gelaufen. Mit einem Lächeln erinnere ich mich an den dreißig Kilometer Lauf, der Bestandteil meines Marathontrainings war. Dieses Jahr hat es nicht so gut geklappt, mein rechtes Knie machte im Januar Probleme und verhinderte ein weiteres Training.

Ein gutes Stück laufe ich nun auf dem Weg, der durch die Heide führt. Weit entfernt sehe ich die weiße Lister Wanderdüne, die sich jedes Jahr sechs Meter ostwärts bewegt und irgendwann List unter sich begraben haben wird, sofern die Versuche, die Düne mit Strandhafer zu bewachsen, keinen Erfolg haben wird.

Dann lockt in der Ferne das Restaurant Wonnemeyer, es wäre auch Zeit für eine Pause. Aber ich krame einen Müsliriegel aus dem Rucksack und gehe weiter, schließlich möchte ich ja noch den Ellenbogen bezwingen. Ich mache einen Abstecher auf den Ellenbogenberg. Auch hier gibt es eine tolle Sicht in alle Richtungen. Der Ellenbogen liegt nun vor mir, aber er ist länger, als ich gedacht habe, bis zu seinem Ende ist es noch weit ist. Zu weit für heute. Es wären wohl fünf Kilometer von hier aus zur Ellenbogenspitze und fünf zurück. Das wäre heute nicht zu schaffen, ich muss mich bei meiner Planung vertan haben. Schweren Herzens biege ich Richtung List ab, nur zu gerne hätte ich am nördlichsten Punkt Deutschlands gestanden. Für einen Moment denke ich an die bevorstehende Tour durch Dänemark, an deren Ende ich am Skagerak stehen möchte, dem nördlichsten Zipfel Dänemarks. Ist das eventuell auch zu ehrgeizig geplant für die zur Verfügung stehenden Zeit? Das muss ich unbedingt checken.

Der weitere Weg folgt einem Deich, der das Meer vom dahinter liegenden Schutzgebiet trennt. Viele Wasservögel veranstalten auf einem See ein buntes Schnatterkonzert. Sind es Zugvögel auf der Durchreise?

Ich erreiche List von hinten, laufe vorbei am Erlebniszentrum Naturgewalten Sylt, das wohl für die Touristen gemacht sind, die hier zwischen den Buden und Hallen von Gosch herum laufen. Früher stand hier nur eine kleine Fischbude und die fand es schöner als den heutigen Touristenrummel, der hier herrscht. So halte ich mich nicht lange auf und nehme gleich den Bus zurück nach Wenningstedt.

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Wandern auf dem E1:

in bisher 106 Tagen 2.515 km

durch vier europäische Länder.

Drymat



mein Kanal: Michael-wandert
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