E1-014-D-Schloss Bothmer

auf dieser Wanderung erhielt ich ein Zeichen
auf dieser Wanderung erhielt ich ein Zeichen

Vom Sinn des Wanderns.

Zum heutigen Startpunkt dauert es schon zweieinhalb Stunden mit der Bahn. Bald wird die Zeit der eintägigen Wanderungen wohl vorbei sein.

An diesem Freitag geht es schon vor acht Uhr los. Ich sitze im Zug nach Buchholz, höre die Durchsage, das das Neun – Uhr Ticket, wie der Name sagt, erst ab neun Uhr gelte. Ist ja klar, denke ich noch und schließe die Augen, ein Weilchen zu dösen.

Mit einem Ruck schrecke ich hoch.

„Mensch, du hast gar kein Ticket gelöst“. 

Da habe ich total vergessen und nun bin ich zum Schwarzfahrer geworden. Mir wird heiß, die Finger eiskalt, der Puls beschleunigt. Ich versuche mich zu beruhigen, an nichts zu denken. Vor allem nicht an den Schaffner, der sicher gleich meine Fahrkarte checken möchte. Ich weiß zwar, das in der Regionalbahn wenig kontrolliert wird. Die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, ist eigentlich gering. Aber es hilft nichts, meine Gedanken beißen sich fest und ich halte pausenlos Ausschau, denn als Schwarzfahrer möchte ich nicht erwischt werden. Es wäre mir peinlich. Tatsächlich, da nähert sich jemand, der Fahrkarten kontrolliert. Oder bilde ich mir das nur ein? Um der Kontrolle zu entgehen, springe ich auf, eile durchs Abteil. Nur weg vom Schaffner. Ich poltere die Treppe des doppelstöckigen Abteils runter, will schlau sein. Aber auch unten scheint ein Schaffner durch die Sitzreihen zu schleichen. Noch ist er weit weg, aber vermutlich kennen sie die Tricks der Schwarzfahrer. Sie wollen mich abfangen, indem sie oben und unten gleichzeitig kontrollieren.

„Was mach ich nur?“, frage ich mich verzweifelt. Da kommt mir die rettende Idee: ich verschwinde einfach auf dem WC und bleibe dort, bis der Zug im Bahnhof Buchholz einfährt. Genial. Ich horche an der Tür und hoffe, das niemand klopft. Als der Zug in Buchholz hält, öffne ich vorsichtig die WC-Tür, luge heraus. Steht der Schaffner vor der WC-Tür? Nein, da ist niemand.

Auf dem Bahnsteig atme ich tief durch.

Jetzt schnell ein Ticket gezogen und ab in den Heidesprinter,  der sich auch gleich in Bewegung setzt, dann aber sehr gemächlich durch die Heide zuckelt. Bis ich in Bad Fallingbostel ankomme, ist viel Zeit vergangen. Erst um 10:30 Uhr steige ich aus dem Zug.

Nun kann die Wanderung endlich losgehen.

Zunächst muss ich durch ein Gewerbegebiet, dann beginnt der Wald.

Die Sonne bricht durch die Wolken, ihre Strahlen haben auch im September noch erstaunlich viel Kraft.

Wie beim letzten Mal führt der Weg schnurgeradeaus, was das Wandern etwas eintönig macht.

weiter auf der Wanderautobahn
weiter auf der Wanderautobahn

Ein Feld am Wegesrand sieht merkwürdig aus. Über 400 Meter ist es lang und verhängt mit dunklen Planen, unter der es dämmrig ist. In Mulden wachsen Pflanzen, die dem dämmrigen Licht entgegen streben. Was mag das sein?

Zwei riesige Vögel kreisen in luftiger Höhe. Anmutig sind ihre Schwingen gespreizt, sie bewegen sich kaum beim Fliegen. Gelegentlich geben sie kurze Laute von sich. Zwei Adler? Ich weiß es nicht. Adler sind selten in Deutschland und warum sollten sie gerade hier über dem eigenartigen Feld kreisen? Minutenlang beobachte ich staunend ihren Flug.

Schließlich wende ich ab. Weiter geht es immer geradeaus.

Schließlich geht es nach links in das Gehölz „Bossels Born“, doch auch durch dieses Waldstück geht es nur geradeaus. Der Waldweg ist sandig, deshalb mit zwei Asphaltspuren befestigt, vermutlich, damit Fahrzeuge der Land- und Forstwirtschaft hier fahren können. Zwischen den Fahrspuren wächst Gras. Ich gehe auf der linken Spur, brauche nicht auf den Weg zu achten, komme gut voran. Ich muss auf nichts achten. Zunächst merke ich es nicht, aber der Wanderflow ist wieder da. Ein Schritt folgt einfach dem Nächsten, keine Aufgaben als nur die Füße voreinander zu setzen, um voran zu kommen.

 

Wandermeditation. Meditation beim Wandern.  

Eine Meditation dient Körper und Geist, um sich zu beruhigen und zu entspannen.

Wer schon einmal meditiert hat, kennt das: zunächst wird der Körper beruhigt, z.B. durch gezielte Atemübungen. Durch langsames und tiefes Ein- und Ausatmen wird dem Geist der Körper, den er bewohnt, bewusst. Dieser entspannt sich durch das bewusste Atmen. Ist der Körper entspannt, kann es auch der Geist sein, er kann dann seine immerwährende Gedankenarbeit unterbrechen, sich leeren. Allmählich zerfließen Raum und Zeit, die Gegenwart dehnt sich aus.

Wandern kann eine Meditation sein, wenn die äußeren Bedingungen gegeben sind. Hierzu gehört nach meinen Erfahrungen, dass ich einen möglichst geraden, ebenen und trockenen Weg vor mir haben muss. So muss ich mich nicht um den nächsten Schritt sorgen. Die Augen können entspannen, der Blick richtet sich auf den Boden, dorthin, wo die Füße in vier Schritten sein werden. Perfekt ist, wenn totale Stille herrscht und die Ohren nichts zu hören haben. Vielleicht ist ja der Herbst die beste Jahreszeit, denn dann ist es oft ganz still.

Es sollte kein Zeitdruck herrschen, damit mein Körper seinen eigenen Rhythmus finden kann. Das Ankommen zu einer bestimmten Uhrzeit sollte nicht bestimmend sein.

Wenn die äußeren Bedingungen gegeben sind, kann eine Technik noch unterstützen, in den gewünschten meditativen Wanderflow zu kommen: ich achte auf die Arme, die mit den Beinen im Takt vor und zurück schwingen. Während die Arme schwingen, berühren beide Zeigefinger den Daumen und formen ein O. Nach dem Zeigefinger berühren nacheinander Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger den Daumen im Takt der Bewegung. Der Atem passt sich dem Schritttempo an. Das Atmen wird immer ruhiger und gleichmäßiger, nach einer Weile atme ich tief ein und aus. Der Körper erhält jetzt viel mehr Sauerstoff. Ich atme immer beim ersten Schritt ein und bei den folgenden drei Schritten mit kleinen Stößen wieder aus. Bei jedem Schritt wechsle ich den Finger, so dass nach 4 Schritten alle Finger einer Hand den Daumen berührt haben. Meist mache ich es synchron mit beiden Händen. Am Anfang geschieht es sehr bewusst, später geht es automatisch. Manchmal gehe ich so mehrere Kilometer weit, bis der Körper seinen Rhythmus gefunden hat.

Während ich so die endlos langen Wirtschaftswege entlang wandere, drehen sich meine Gedanken auch immer wieder um mein Wanderprojekt. Etwa so:

Durch Deutschland zu wandern, war für mich anfangs eine große Herausforderung. Ich hatte großen Respekt vor der Entfernung und es veranlasste mich zu gründlichster Planung und Vorbereitung. Ich wollte einschätzen können, ob ein solches Vorhaben für mich überhaupt machbar wäre. Nun, nach 14 Tagesetappen mit durchschnittlich 30 Kilometern am Tag habe ich herausgefunden, dass mein Körper das Wandern beschwerdefrei verkraftet unter der Voraussetzung, dass ich ausreichend Pausen mache und unterwegs die richtige Nahrung zu mir nehme. Ich darf nicht zu schnell gehen, denn mein Körper verlangt nach seiner individuellen Geschwindigkeit. Wenn ich das beachte, macht mein Körper sehr gut mit. Während ich nach Flensburg unterwegs war, war ich mir noch nicht sicher, aber nun glaube ich, mein Körper wird bis zum Ende der Wanderung durchhalten. Diese Frage nach dem Ob scheint beantwortet zu sein. Aber kaum kenne ich die Antwort, erscheint die nächste Frage: worin besteht nun der Reiz des Vorhabens, wenn das Ankommen bereits zur Gewissheit geworden ist? Dieser Gedanken kreist im Kopf herum und findet seine Antwort nicht.

Dann ist die Wanderautobahn plötzlich zu Ende, als ich abbiege. Damit endet auch die erholsame Wandermeditation. Antworten habe ich keine gefunden.

Der Weg führt in einen dichten Wald. Der Pfad wird immer schmaler, ist kaum noch zu erkennen und verschwindet dann ganz. Das Gras reicht bis zum Knie, aber Else Komoot hat mich bisher immer sicher ans Ziel gebracht. Ich stolpere durch immer dichter werdendes Unterholz, bis ich vor einer großen Pfütze stehe. Der Pfad scheint mitten hindurch zu führen, doch es sieht tief aus. Vielleicht kann ich das Wasserloch auch umgehen, denke ich, während ich schon einen großen Schritt mache und gleich im Morast versinke. Das Wasser steigt den Stiefel bedrohlich hoch, gleich wird es in den Schuh schwappen. Um nicht zu versinken, ziehe ich meinen rechten Schuh nach. Nun versinken beide Schuhe im Matsch, das Brackwasser läuft  schon in die Stiefel. Es fühlt sich kalt an. Zwei Schritte, dann erreiche ich endlich wieder festen Boden.

Schuhe und Hose sind völlig verdreckt! So schnell kann es gehen.

Wie kam das denn? Ich bin völlig verwirrt.

Stellen wir uns einmal vor, es gäbe eine Macht, die uns umgibt. Wenn das vorstellbar ist, dann könnte es sein, dass diese Macht mich zu diesem Wasserloch geführt hat, um mir hier ein Zeichen zu geben. Genau in dem Moment, an dem ich an begonnen habe, an den Sinn meiner Wanderung zu zweifeln und ich anfing, das Wandern langweilig zu finden. Genau in dem Augenblick, als ich den Abbruch meiner Wanderung ins Auge fasste. Als ich vermutete, meine Wanderung würde nichts anderes mehr sein als die Aneinanderreihung von weiteren Wandertagen ohne Abwechslungen.

Wenn es so wäre, dann könnte diese Macht mir sagen wollen, dass jeder Augenblick eine Überraschung bereit halten kann und das Wandern ein Abenteuer ist.

Für wen es diese Kraft nicht gibt, denke, dass ich einfach in einem Wasserloch versunken bin. Das mag sich jeder selbst aussuchen.

Ich aber möchte an diese Macht glauben, die mir mit einem Zeichen die Augen öffnete. Dafür bin ich dankbar. Das Zeichen habe ich gebraucht, um meine Wanderung freudig fortsetzen zu können.

Damit ist der für mich spirituelle Moment vorbei.

Der Wald endet an der viel befahrenen Bundesstraße, die nach Hodenhagen führt. Komoot meint, dass es hier nun lang gehen  muss. Ich muss auf der Straße laufen, einen Fußweg gibt es hier nicht. Eine endlose Kette von Schwerlasttransportern zwingt mich auf den Randstreifen. Ich komme nur sehr langsam voran. Die entgegenkommenden Lastwagen weichen nicht aus, ich spüre die Bugwellen der LKW, die sie vor sich her schieben. Hier zu laufen, ist lebensgefährlich. Was bin ich froh, endlich das Ortsschild passieren zu können.

Endlich ist die Höllenstrecke zu Ende.

Bald entspanne ich mich an einem kleinen, ruhigen Teich. Nichts zeugt hier von der dicht befahrenen Straße, die nur wenige Dutzend Meter entfernt ist. Ich mache die Schuhe und Hose sauber, strecke mich lang aus und gleich darauf bin ich eingeschlafen. Die letzten Ereignisse haben mich sehr angestrengt. Wer sagt, Wandern kenne keine Herausforderung?

 

Erfrischt mache ich mich wieder auf und nach kurzer Zeit bin ich zurück auf der Bundesstraße. Glücklicherweise gibt es hier jetzt einen Fußweg, aber es bleibt eine harte Prüfung, auf dieser Strecke zu wandern, denn wie schon zuvor folgt auch hier ein Schwerlasttransporter dem Nächsten, der Lärm ist infernalisch. Ich komme gefühlt überhaupt nicht mehr voran und merke garnicht, dass ich den Wildpark Serengeti passiert habe.

Buchweizentorte
Buchweizentorte

 

 

 

Endlich erreiche ich Eickelloh, die Bundesstraße führt mitten durch den geschundenen Ort. Der Schwerlastverkehr brettert mit fast unverminderter Geschwindigkeit durch die Ortschaft, ich bedaure die Anwohner. Auch mich, der hier gerade lang muss. Doch am Ende des Dorfes kommt eine Überraschung, mit der ich nicht mehr gerechnet habe. Ein altes Bauernhaus ist in ein Café verwandelt worden, hinter dem Haus gibt es Tische im Freien. Ich bestelle einen großen Kaffee und eine hausgemachte Buchweizentorte. Sehr lecker! Von der Straße hört man überhaupt nichts mehr und ich danke der Kraft, die nach meiner Prüfungen für diese leckere Belohnung gesorgthat.

Frisch gestärkt mache ich mich bald wieder auf den Weg und finde gleich darauf ein Hinweisschild. zum Schloss Bothmer. Hurra, da will ich ja hin! Es ist heute mein Ziel, ich werde dort übernachten. Endlich kann ich von der viel befahrenen Hauptstraße in die Feldmark abbiegen und der Aller folgen, die gemächlich durch die Felder fließt. Fünf Kilometer weiter ist mit der Gemächlichkeit Schluss, als die Wassermassen tosend mehrerer Meter tief ein Wehr hinab stürzen. 

Kurz darauf wird die kleine Aller durch die zufließende Leine verschluckt. Hier verlasse ich den Flusslauf, folge einem Weg, der entlang bereits abgemähter Getreidefelder führt, deren Stoppeln lange Schatten in der tief stehenden Abendsonne werfen.

Ich bin froh, endlich durch das stattliche Tor des Schlosses Bothmers zu schreiten. Als erstes sehe ich Pferdeställe. An einer der Pferdeboxen lehnt die Tochter des Hauses. Sie begrüßt mich und bietet sogleich einen Kaffee an. Ich nehme dankbar an. Serviert wird draußen unter einem großen Baum mit Blick auf das alte Gutshaus. Es soll früher einmal ein Rittergut gewesen sein, wie ich auf meinem Smartphone nachlesen kann. Heute ist es eher ein Reitergut, wovon die Stallungen am Eingang zeugen. Eine Statue im Hof mimt Gott Amor, der Pfeil ist bereits verschossen. Vielleicht hat er die weiße Statue getroffen, die sehnsüchtig gen Himmel schaut und nach dem Liebsten Ausschau hält.

Amor vor Schloss Bothmer
Amor vor Schloss Bothmer

Auch ich bleibe heute nicht alleine, denn morgen wird mich eine Freundin begleiten. Sie steckt noch im Stau auf der Autobahn und es wird noch etwas dauern, bis sie eintreffen wird. So beziehe ich schon mal das Zimmer im Gästehaus neben dem Gutshaus. Es ist gemütlich, hat Wintergarten und eine Terrasse. Der Abend klingt schließlich mit einem leckeren Essen aus, dass uns Frau Königbauer, die Eigentümerin des Hotels, selbst zubereitet hat. In dem nur für Hotelgäste geöffneten Wintergarten reicht sie Parmesankartoffeln auf marktfrischem Salat mit gebratener Hühnerbrust bzw. frischem norwegischen Lachs. „Das Huhn stammt aus dem Nachbardorf“, betont sie, denn sie verarbeitet nur frische und möglichst heimische Zutaten. So hat es auch geschmeckt – einfach phantastisch!

So versinke ich nach einem erfüllten Tag in einen wohlverdienten Schlaf.


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