E1-009-D-Flensburg

Harrislee - die Grenze zu Dänemark markiert meinen nördlichsten Punkt
Harrislee - die Grenze zu Dänemark markiert meinen nördlichsten Punkt

Ein kleines Finale.

Heute werde ich auf meiner Nordroute die dänischen Grenze und damit den nördlichsten Punkt meiner Wanderung durch Deutschland erreichen. Ich freue mich schon wie Bolle darauf.

Doch noch liegen eine dreißig Kilometer Wanderung plus Zugfahrt nach Tarp zwischen mit und dem Kleinen Finale.

Die heutige Wanderung soll ruhiger und entspannter verlaufen als die letzte Etappe. Das habe ich mir fest vorgenommen, denn von Hast und Eile habe ich genug.

Um acht Uhr schon geht's los, die Hamburger Straßen sind noch menschenleer. Heute läuft alles wie am Schnürchen. Die Bahn bringt mich pünktlich nach Tarp, ich bin herrlich entspannt. Doch jetzt klemmt die Zugtür, sie geht einfach nicht auf. Ich gerate in Panik, ich will raus! Voller Wucht stemme ich mich gegen das Hindernis. Es knackt. Doch nicht die Tür, sondern das Fenster gibt nach, bricht einfach aus der Fassung, kracht splitternd auf dem Bahnsteig. Mit meiner Fassung ist es ebenfalls vorbei, ich habe mich furchtbar erschrocken. Doch die Tür bleibt zu, hier ist nichts zu machen. Eilig haste ich durch den Wagen zur nächsten Tür, die sich wie Butter öffnen lässt. Endlich draußen. Gerade noch rechtzeitig, schon rollt der Zug weiter.

Ich stehe sinnierend vor der geborstenen Scheibe.

„Warum setzt die Bahn nur so alte Rumpelzüge ein?“, frage ich laut.

Niemand kann mir antworten, der Bahnsteig ist menschenleer, keiner hat das Malheur beobachtet.

Ich wende mich ab und gehe. Soll sich die Bahn doch um ihren Müll kümmern.

Wenn alles gut läuft, werde ich heute meinen nördlichsten Punkt erreichen, der für viele E1-Wanderer jedoch eher den Startpunkt darstellt. Die meisten starten den den Fernwanderweg an der dänischen Grenze, um in südliche Richtung zu laufen.

Karin Baseda Maas, deren Buch "E1 – das Buch zum Weg" ich gerade mit Vergnügen gelesen habe, beschreibt ihren persönlichen Startpunkt als „eine Rolltreppe an der dänischen Grenze“. Mein Weg wird südlicher enden. Den Yachthafen vor dem Hotel Wassersleben - kurz vor der dänischen Grenze - habe ich zu meinem Zielpunkt erkoren. Ein Bad in der Ostsee soll der krönende Abschluss der heutigen Tour sein. Sogar an Badehose und Handtuch habe ich gedacht.

Bevor es so weit ist, liegen aber noch sechs Stunden Marsch vor mir. Der Wetterbericht hat sonnige zwanzig Grad vorhergesagt.

Der Weg vom Bahnhof zurück auf den E1 führt mich noch einmal am Eulenwanderpfad vorbei. Heute habe ich mehr Zeit eingeplant, um mir die Skulpturen anzusehen. Es sind viele.

 

eine Schutzhütte auf dem Ochsenweg
eine Schutzhütte auf dem Ochsenweg

Nun stoße ich wieder auf den E1, der zusammen mit dem Ochsenweg (Haervejen) verläuft. Eine von insgesamt dreizehn Pilgerhütten lädt bald zur Rast ein, schön an einer Wiese gelegen. Ich kann nicht widerstehen, obwohl es für eine Pause eigentlich noch zu früh ist. Während ich die Brote mit Lust verzehre, denke ich sehnsüchtig an heißen Kaffee. In Gedanken ergänze ich die Ausstattungsliste um eine Thermoskanne.

Kurze Zeit später packe ich alles wieder ein und schon hat mich der Wald wieder verschluckt. Meine Schritte schön langsam setzend, wandere ich gemächlich und ohne Hast. Kein Zeitdruck heute, aber das Wissen darum, dass ich einen Meilenstein auf meinem Weg durch Deutschland heute erreichen werde, lässt mich doch ein wenig ungeduldig werden. Es ist eine freudige Erregung in mir, bald etwas geschafft zu haben, dass ich mir vorgenommen habe. 

Jetzt aber genieße ich erst einmal den Wald und nehme ihn mit meinen Sinnen auf.

Riech, wie würzig der Waldboden riecht!

Schau, wie die Sonne durch das grüne Blätterdach blinkt! Wie der Wald aussieht und wie schön, die umgestürzten Bäume kreuz und quer herum liegen zu sehen.

Hör, wie die Raben krächzen. Das klingt ganz schauerlich.

ein Eintrag ins Kirchenbuch
ein Eintrag ins Kirchenbuch

Einige Kilometer führt mich der Weg durch den verwunschenen Wald, dann erreiche ich Oeversee, wo ich der romanische Rundturmkirche St. Georg einen Besuch abstatte. Seit dem 12. Jahrhundert ist sie Anlaufstation für Pilger und Reisende auf ihrem Weg nach Rom oder Santiago de Compostela. Früher war hier sicher mehr los. Heute bin ich noch keinem Menschen begegnet. 

Der Vorraum zur Kirche ist sachlich gehalten. Eine weitere Tür führt ins Kirchenschiff, auch hier ist alles in schlichtes Weiß getüncht. Die Kirchenbänke sind zum Gang hin mit Laden verschlossen. Ich mache nur einen kurzen Rundgang, dann stehe ich wieder im Vorraum. Ich mache den ersten Eintrag meines Lebens in ein Kirchenbuch, das in einer Ecke ruht. 

 

Auf dem Friedhof erzählt ein alter Grabstein von einem Mann, der vor mehr als hundert Jahren hier in der Nähe in der Nacht erfroren aufgefunden wurde.

der Sankelmarker See
der Sankelmarker See

Weiter geht es zum Sankelmarker See. Eine Aussichtsplattform oberhalb des Sees lädt zum Schauen ein, darauf eine Bank, auf die ich mich erst setzte und dann lege. Schon bin ich eingenickt, sehe mich im Traum schon in der Ostsee schwimmen.

Stimmen holen mich aus dem Traum zurück. Ich muss mir die Augen reiben, so fest habe ich geschlafen. die Stimmen stammen von zwei Frauen, die laut plaudernd mir gegenüber in der Sonne sitzen, neben sich zwei große und prall gefüllte Rucksäcke. Es scheint, sie sind auf einer längeren Tour unterwegs. Das interessiert mich, ich spreche sie an. Mutter und Tochter erzählen bereitwillig, dass sie ihren Urlaub nutzen, um eine Woche auf dem E1 von Flensburg nach Kiel zu gehen. Erst heute morgen sind sie in Flensburg gestartet, abends wollen sie sich irgendwo ein Quartier suchen, gebucht ist nichts. Auf ihrer Wanderung orientieren sich am Wanderführer von Arthur Krause „Europäischer Fernwanderweg E1“ (erschienen 2000), ich darf einen Blick hinein tun. Von dem Buch hatte ich gehört, es ist vergriffen und wird wohl auch nicht neu aufgelegt. Obwohl schwer, haben sie es auf die Tour mitgenommen, weil es für sie nützlich ist für die Routenplanung, der Suche nach Unterkünften und als sonstige Informationsquelle für alles, was am Wegesrand liegt. Die Damen sind begeistert von dem Buch. Im Gegenzug erzähle ich von meinem Plan, durch Deutschland zu wandern und das kurz davor stehe, meinen vorerst nördlichsten Punkt zu erreichen. Ich zeige ihnen, wie ich mit der Komoot-App plane und navigiere. Sie staunen, was Technik alles möglich macht.

Es ist Zeit, weiter zu gehen. Unsere Wege liegen in entgegengesetzter Richtung. Wir wünschen uns gegenseitig viel Glück auf unserer Touren. Während ich den Hügel zum See hinunter gehe, bleiben die beiden auf ihrer Bank sitzen und schauen mir nach. Am See drehe ich mich noch einmal um und winke ihnen fröhlich zu. Sie winken zurück.

an großen Maisfeldern entlang
an großen Maisfeldern entlang

Vorbei an großen Maisfeldern, dessen Pflanzen schon hoch gewachsen und reif. Man kann nicht mehr rüber schauen, was das Wandern etwas trist macht.

Kurz vor der Flensburger Stadtgrenze verlässt der Ochsenweg, der um Flensburg herum verläuft, den E1, der in die Flensburger Innenstadt führt.

Hier komme ich endlich an einem Schild vorbei, dass die offizielle Längenangabe des E1 verrät: von Flensburg bis Konstanz sind es 1.800 km.

Zweihundertsiebzig Kilometer davon habe ich bereits gewandert. Verbleiben also eintausendfünfhundertunddreißig Kilometer. Eine beachtliche Entfernung! es flößt mir Respekt ein.

Es geht über Brücke, die über den Flensburger Bahnhof führt. Fünf Kilometer noch. Es geht durch die Flensburger Innenstadt, wo ich endlich meinen Kaffee kriege.

 

in Flensburg ist Hafenfest
in Flensburg ist Hafenfest

In der Fußgängerzone haben die Geschäfte noch geöffnet, es schäumt vor Menschen, in der Grenzstadt ist viel Dänisch zu hören. Mit Shoppen aber möchte ich meine Zeit nicht verbringen, denn ich habe mein Ziel nun schon fast vor Augen.

Bald bin ich am Stadthafen, auch hier sind viele Menschen unterwegs. Zahlreiche alte Schoner haben im Hafenbecken festgemacht und versetzen den Hafen in vergangene Jahrhunderte. Heute ist Hafenfest. Von Buden und Ständen strömt der Geruch allerlei Speisen und Getränke herüber, machen Lust auf Currywurst und Flensburger Bier.

"Aber nein, halte aus, noch bist du nicht am Ziel!". Ich muss mich echt zusammen reißen.

Weiter geht es durch ein tristes Gewerbegebiet. 

 

die Flensburger Förde - das Ziel ist nah
die Flensburger Förde - das Ziel ist nah

Die Ostsee blinkt durch die Bäume, mein Herz beginnt zu hüpfen.

Nur noch ein kleines Stück am Sandstrand entlang und dann kann ich mein Ziel auch schon ausmachen. Das Ziel ist ganz nah.

 

Die Beine werden von alleine schneller, alles in mir strebt dem Ziel entgegen.

Da, ein Pfiff. Woher kommt der denn? Ich schaue mich um.

„Willkommen, Michael. Du bist fast da! Glückwunsch!“.

Mit diesen Worten springt sie von einem umgestürzten Baum herunter, auf dem sie auf mich gewartet hat. Sie gegrüßt mich mit einer Umarmung.

Ich war erst in der Marina mit ihr verabredet. Hier habe ich noch nicht mit ihr gerechnet. Sie hat mich überrumpelt.

Kaum hat sich die freudige Überraschung gelegt hat, da fange ich an zu lachen. Und lache immer weiter, kann gar nicht mehr aufhören. 

Die Flasche Flensburger in ihrer Hand macht Plopp, als sie den Bügelverschluss mit einer Hand öffnet. 

„Für den wackeren Wandersmann“, sagt sie lächelnd und reicht mir die Flasche, die ich dankbar nehme. Das kühle Bier läuft die Kehle hinunter. Ah, wie lecker das schmeckt. Ich leere die Flasche mit einem Zug. Dann umarme ich sie. Tränen steigen mir in die Augen. Ich spüre Dankbarkeit. Für das Bier, aber auch für meine Entscheidung, los gegangen zu sein. Ich empfinde Glück.

Und es ist ja erst der Anfang meiner langen Wanderung.

am Ziel - das kleine Finale
am Ziel - das kleine Finale

Die letzten Meter gehen wir gemeinsam. Wir erreichen den Segelhafen, doch wir gehen weiter bis zum Strand. Dort reiße ich mir die Wandersachen vom Leib, renne nackt über den Sandstrand, ins Wasser hinein. Die Badehose brauche ich gar nicht.

Weit schwimme ich raus, schaue zurück ans Ufer und höre ihr Lachen. Über ihr scheint die Sonne und hinter ihr liegt mein Weg, soweit ich ihn schon gegangen bin. Und dahinter der, der noch vor mir liegt. 

Denn nun geht es Richtung Süden.


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