E1-008-D-Tarp

der Teufel sitzt mir im Genick
der Teufel sitzt mir im Genick

Eile, die nicht not tut.

Zeit ist vergangen. Für Urlaub an der Nordsee. Nun kann es weiter gehen. Mitten in der Woche nehme ich mir frei und starte zur nächsten Tour. 

Der Wecker klingelt früh. Rasch packe ich den Rucksack, kaufe mir am Bahnhof wieder ein Schleswig – Holstein Ticket und warte am S-Bahnsteig, dass die Zeit vergeht, denn das Ticket gilt wochentags erst ab neun Uhr. Der Berufsverkehr hat Vorrang, ich muss warten. Deshalb kann ich den Regio-Express um 8:47 Uhr nicht nehmen, der mich in nur eineinhalb Stunden ohne Umsteigen nach Schleswig gebracht hätte und mir zwei Stunden mehr Zeit zum Wandern gegeben hätte. So nehme ich pünktlich um neun die S-Bahn nach Altona, steige in den Regionalzug nach Neumünster, um dort umzusteigen, um weiter nach Schleswig zu kommen.

Die Fahrt wird mehr als zweieinhalb Stunden dauern.

Um die Fahrzeit zu verkürzen, kaufe ich die ZEIT. Während der Fahrt lese ich, wie Google sich die Welt von morgen vorstellt. Politik und Demokratie werden in den Hintergrund rücken, Technik die Macht übernehmen. Natürlich wird Google Teil dieser Macht sein und plant schon, künstliche Inseln fernab jeder Staatsmacht im Meer zu verankern und die Geschicke von dort zu lenken.

Das wird dann Google’s Welt. Etwas gruselt es mich vor dieser Zukunftsperspektive.

Eine Durchsage holt mich in die Gegenwart zurück. Aufgrund von Vandalismus sei etwas an den Gleisen zerstört, der Zugverkehr nach Neumünster unterbrochen. Doch es gäbe einen Busersatzverkehr. Schon halten wir am Bahnhof Wrist, eine Menschenmenge ergießt sich auf den Bahnsteig und strömt gemächlich zur Bushaltestelle, wo aber kein Bus wartet. Noch bleiben wir ruhig. Lange warten wir geduldig, dann wird Missmut spürbar. Es gibt  keinerlei Informationen. Ich rechne mir aus, dass nicht alle Wartenden in den Bus passen werden.

Es wird warm. Ein junger Mann in gelben T-Shirt brabbelt vor sich hin, man könne eh nichts machen, man solle das Ganze gelassen nehmen. Ich kann das nicht, beneide ihn aber um seine Haltung. Während die Zeit verrinnt, frage ich mich, ob es noch lohnt, überhaupt noch weiter zu fahren. Ich könnte ja auch hier eine Wanderung machen. Doch schnell verwerfe ich den Gedanken, denn ich möchte doch auf dem E1 von Schleswig weiter nach Flensburg wandern. So sitze ich im Wartehäuschen, schließe die Augen, übe mich in Gelassenheit. Doch das ist schwer, wenn man auf den Bus lauert. Ein Bus biegt um die Ecke - ein Raunen erzeugend - bleiibt an der Haltestelle stehen. Die Wartenden geraten in Bewegung, jeder möchte jetzt vorne sein. Ich habe Glück, bekomme im Bus einen Sitzplatz, anderen müssen stehen. Der Busfahrer muss die Situation schon kennen, denn er bleibt ganz ruhig und wartet solange, bis keiner mehr rein passt. Dann sagt er ganz ruhig über sein Mikrophon, dass die Stehenden wieder aussteigen müssen. Keiner reagiert. Er wiederholt die Ansage mehrere Male. Fügt bestimmend hinzu, dass er nicht abfahren werde, solange jemand im Bus stehen muss. Zögernd bewegen sich die Stehenden nach draußen.

„Ich werde meine Fähre nach Oslo nicht kriegen“, heult da eine ältere Dame auf.

„Ist jemand bereit, seinen Platz zu tauschen?“, reagiert der Busfahrer.

Keiner meldet sich, auch ich nicht, obwohl meine innere Stimme mich deutlich genug ermahnt. 

Ein schwarz gekleideter Mann macht seinen Gefühlen Luft: „Können wir nun endlich fahren?“

Ich schaue ihn missbilligend an, frage mich aber gleichzeitig, ob ich besser bin als er. Auch ich will, dass es weiter geht. Der Mann im gelben T-Shirt predigt wieder Gelassenheit, ohne diese auszustrahlen. Und aufgestanden ist auch er nicht.

Schließlich ist alles geordnet. Der Bus kann startet. Der Fahrer versucht professionell mit lockeren Sprüchen  unsere gedrückte Stimmung zu heben. Nach einer Weile gelingt es ihm, uns zum Lachen zu bringen.

Mit einstündiger Verspätung kommt der Bus in Neumünster an. Mit dem Interregio fahre ich weiter. 

auf der Rendsburger Hochbrücke geht es über den Nord-Ostsee-Kanal
auf der Rendsburger Hochbrücke geht es über den Nord-Ostsee-Kanal

Eine lange Anfahrt führt die spektakuläre Rendsburger Hochbrücke hinauf, auf zweiundvierzig Meter Höhe geht es über den Kanal und dann eine ebenso lange Abfahrt wieder hinunter. Der Blick von der mehr als hundert Jahre alten Brücke über das flache Schleswig-Holstein ist phantastisch. 

Der Schaffner möchte meine Fahrkarte sehen.

„Das war ja ein kleines Abenteuer heute“, meine ich zu ihm.

Er weiß, worauf ich anspiele und antwortet:

„Ja, für alle Beteiligte“.

Schlagartig wird mir bewusst, dass von der Bahn einiges geleistet werden musste, um uns weiter befördern zu können. Und sie kann ja nichts für die Vandalen. 

Endlich komme ich in Schleswig an und freue mich, nach sechs Wochen den Bahnhof wieder zu sehen, an dem meine letzte Etappe endete. 

Bald geht es über den Gottorfer Damm zur Gottdorfer Residenz

Schloss Gottorf in Schleswig
Schloss Gottorf in Schleswig

Ich bedauere, dass für eine Besichtigung keine Zeit bleibt. Durch den verwilderten Schlossgarten muss ich nun. Eigentlich möchte ich nur nur schnell hindurch und auf der anderen Seite zügig im Wald verschwinden. Aber aus dem Barockgarten, der 1637 zum fürstlichen Lustwandeln angelegt wurde, finde ich nicht mehr heraus. Ich laufe treppauf und treppab, rüttle an verschlossenen Toren, nirgends komme ich raus. Ärger kocht in mir hoch.

„Ich will hier raus!“

Doch raus geht es nur, wo es rein ging. Tatsächlich waren es nur Minuten, die ich im Irrgarten verbrachte, doch sie kamen mir wie eine Ewigkeit vor. 

Erst der Zug, jetzt ein Garten, der mich behindert. Dabei habe ich es eilig.

Ich bin ungeduldig. Warum?

Allee im Schloss Gottorf
Allee im Schloss Gottorf

Ich finde keinen Sinn für die Schönheit und Weite der Allee, durch die ich gerade übel gelaunt stapfe. Die Kronen der noch jungen Bäume formen einen Tunnel, der immer dunkler zu werden scheint. Wie meine Gedanken.

Es läuft nicht rund heute, dabei bin ich noch keine fünf Kilometer weit gekommen. Mein Körper signalisiert Unlust und Müdigkeit. Mein Geist mault mit mir, er habe mit lauter Widrigkeiten zu kämpfen, für die er nichts kann. Meine Seele fragt mich, warum ich es so eilig habe.

Die Antwort scheint banal: Ich würde gerne den Regio-Express um 18:15 Uhr bekommen. Es ist die einzige Verbindung, die am Abend ohne Umzusteigen nach Hamburg fährt. Doch ich habe mit der unglücklichen Anfahrt schon mehr als eine Stunde verloren und muss nun schneller gehen, als ich eigentlich will, um das zu kompensieren. Keine gute Voraussetzung für entspanntes Wandern. 

E1 und Haervejen verlaufen hier gemeinsam
E1 und Haervejen verlaufen hier gemeinsam

Die heutige Etappe soll eigentlich dem E1 folgen. Der hat sich aber noch nicht blicken lassen. 

Da, das weiße Kreuz glänzt mir wie frisch gemalt von dem Stamm eines dicken Baums entgegen. Nun bin ich auf dem Fernwanderweg unterwegs. Gleich geht das Wandern leichter, der Rücken entspannt sich, die Beine schreiten williger aus.

Eine weitere Wegmarke gesellt sich kurz darauf dazu. Der E1 hat mit dem alten Ochsenweg (Haervejen), der von Dänemark bis nach Hamburg verläuft, den gleichen Weg. 

Ein Gatter versperrt den Weg.

„Schon wieder ein Hindernis“, denke ich, übel gelaunt. Beim Öffnen klemme ich mir einen Finger.

„Du hast es zu eilig. Werde ruhiger!“, ermahne ich mich. „Was du gerade machst, ist doch kein meditatives Wandern, sondern ein Abspulen von Kilometern!"

Doch ich bin ärgerlich, kann das Wandern überhaupt nicht genießen. Es macht sich in mir das Gefühl breit, ich müsse hier eine Leistung vollbringen.

Aber ist das Wandern überhaupt eine Leistung? Man verbraucht zwar Energie, aber man produziert doch gar keinen Wert. 

Gedanken kreisen und quälen mich. Sie hindern mich daran, im Hier und Jetzt zu sein und zu genießen. Anstatt zu akzeptieren, was nicht zu ändern ist, versuche ich, mich dagegen aufzulehnen. Schneller! Ich erinnere mich an den Mann mit dem gelben T-Shirt und seine Demut. Stattdessen laufe ich immer schneller.

Noch fünf Wegstunden liegen vor mir und es ist schon früher Nachmittag.

Nun verwandle ich meinen Körper in eine Laufmaschine, die nur eine Aufgabe hat. Laufen. Tatsächlich: ich werde schneller, laufe nun sechs km/h statt mit den gewohnten fünf km/h. Und es ist genau dieser eine Stundenkilometer, der mich stört. Es gesellt sich auch Stolz dazu, dass mein Körper das schafft und mitmacht.

„Lass den Zug sausen, mach dir keinen Stress. Verdammt noch mal!“. Meine Seele lehnt sich auf. 

Der Geist hält dagegen: „Es ist die beste Verbindung. Wenn du den Zug nicht bekommst, bist du viel zu spät zu Hause“.

Ich bin Gefangener meines inneren Zwiespalts.

Das weiße Kreuz ist weg. Der Pilgerpfad ebenfalls. Eben waren sie noch da. Ich hätte an einer Weggabelung doch gerade ausgehen sollen. Doch Else kennt den Weg und am Rethsee treffe ich wieder auf die Wegmarken. 

Hunger meldet sich, allmählich unterzuckere ich wohl. Doch dem Körper gönne ich weiterhin nur Wasser im Laufen. Keine Pause! Vor Idstedt spare ich mir die Strecke um den vermutlich schönen Idstedter See. Zwei Kilometer weniger!

In Idstedt gibt es eine Gaststätte, doch sie hat zu. Es ist wie in dem Wanderbuch von Wolfgang Lührs, das ich gerade lese. Auf seiner Wanderungen durch Deutschland waren die Gaststätten oft ebenfalls geschlossen. Mittwochnachmittag ist eben kein Geschäft zu machen. Zu gerne hätte ich jetzt einen Kaffee gehabt, auch wenn es Zeit gekostet hätte.

Am Wegesrand in der Sonne liegt die Pension „Petersen“. Vor der Tür stehen drei Wanderer mit großen Rucksäcken auf dem Rücken. Es sind die ersten richtigen Wanderer, denen ich begegne. Ein kurzer Stopp, ein kurzes Moin, Moin, wie hier üblich. Gerne hätte ich sie ein bisschen ausgefragt, woher sie kommen, wohin sie gehen, wie sie übernachten. Es wären vielleicht hilfreiche Informationen für meine späteren Wanderungen geflossen. Doch ich verzichte auf das Gespräch, trabe stattdessen vorbei, entscheide mich weiter für die Hatz, wieder fragend, warum eigentlich. Was nur bringt diese ungewohnte Effizienz beim Wandern?

Eine Haervejen Schutzhütte

Eine Schutzhütte liegt am Pilgerweg. Im Vergleich zu der E1-Schutzhütte, die ich bisher kennen gelernt habe, ist diese größer und geräumiger, sehr sauber und äußerst stabil gebaut. In dieser Hütte könnte man sicher auch übernachten. Sehr bequem wäre es wohl nicht, aber ausreichend groß. 

Vor der Hütte ein Schild, das über die Pilgerroute informiert. Und darüber, dass diese Hütte wie eine Kirche in Miniformat gestaltet sei. Im Moment interessiert mich aber mehr der runde Tisch vor der Hütte, hier lasse ich mich erschöpft nieder. Die fünfzehn Kilometern, die hinter mir liegen, sind gerade mal die Hälfte der heutigen Strecke gewesen. Ich packe meinen Proviant aus, vertilge fast alles davon. Mann, hatte ich einen Hunger! Dann lege ich die Füße hoch – und schon bin ich fest eingeschlafen.

Eine halbe Stunde später wache ich auf. Nun ist es wohl definitiv zu spät für den Direktzug. 

Obwohl es doch eigentlich keinen Sinn mehr ergibt, beschleunige ich wieder meine Schritte. Mein Atem folgt einem festen Rhythmus: Zwei Schritte beim Einatmen, zwei Schritte beim Ausatmen, jeder Schritt nährt die Hoffnung, dass ich es vielleicht doch noch rechtzeitig schaffe. Damit werde ich immer schneller.

Doch warum nur habe ich es so eilig?

Ein Spruch von Steven Covey (7 Wege zur Effektivität) fällt mir ein:

„Du, deine Säge ist stupf. Warum machst du sie nicht wieder scharf?“      

Der andere: „Keine Zeit. Ich habe noch so viel zu sägen“.

Meine Körpermaschine läuft weiter auf Hochtouren. Ich spüre meinen schnellen Puls.

E1 und Pilgerroute verlaufen nun schnurgeradeaus einen Feldweg entlang, der Verlauf des Weges ist weit im Voraus zu sehen. Kein Mensch geht diesen wunderschönen Weg, der sich gemütlich durch die Felder zieht und auf dem ich so ungebührlich schnell entlang haste. 

Der Weg zum Bahnhof ist ein Umweg, den ich zu Beginn der nächsten Etappe wieder zurück laufen muss. Insgesamt wird der Weg dadurch um zwanzig Kilometer länger.  

Immer noch ist da die Hoffnung, den Zug um 18:15 Uhr zu schaffen. Dabei ist es schon siebzehn Uhr. Die noch vor mir liegenden neun Kilometer müsste ich in 1:15 Stunde schaffen. Das ist wenig realistisch, selbst, wenn ich noch schneller laufen würde als bisher schon. Für Momente überlege ich, ein Stück zu rennen, doch meine Seele protestiert umgehend. Der Geist entschuldigt sich und meint, er versuche nur, sein vorgegebenes Ziel zu erreichen. Der Körper meint, an ihm läge es nicht, er funktioniere prima und könne noch schneller.

Die nächsten Kilometer werden ekelig zäh.

Der Eulenwanderpfad

Kurz vor dem Etappenziel eine Überraschung:

in einem kleinen Wäldchen stoße ich auf den Tarper Eulenwanderweg. Durch die nahe Wiese fließt die Treene, eine hübsche Brücke führt hinüber.

 

An den Eulen-Exponaten sause ich vorbei, ohne sie zu würdigen. Nur vor der Skulptur eines Teufels bleibe ich fasziniert stehen. Er hält etwas zwischen seinen Händen. Es ist der „Innerer Reichtum“.

Mehr Zeit hätte mich heute reich gemacht.

Dann kommt der Moment der Wahrheit: "den Zug kriegst du nicht mehr".

Und die Erkenntnis bringt das, was den ganzen Tag gefehlt hat: Zeit.

Nun kann ich in Ruhe in den Supermarkt gehen, um Bananen, Salat, Joghurtdrink und Faßbrause zu kaufen. Seelenruhig sitze ich anschließend am Bahngleis auf einer Bank und stille meinen großen Hunger.

Jetzt, wo die Zeit so nicht mehr drängt, bin ich zufrieden mit der Situation. Der Zug ist weg, und?  

Völlig entspannt warte ich auf den nächsten Zug. Der allerdings wird erst in vierzig Minuten kommen. Zeit genug, die Abendsonne in vollen Zügen genießen.

Zeit...
Zeit...

Hektik soll nicht wieder eine meiner Wanderungen bestimmen. Das habe ich heute gelernt.


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