E1-003-D-Boostedt

strahlendes Frühlingswetter lässt den Kuckuck rufen
strahlendes Frühlingswetter lässt den Kuckuck rufen

Auch Umwege führen zum Ziel.

Es ist kurz nach 11 Uhr, als ich nach 2-stündiger Fahrt mit der AKN am Kaltenkirchener Bahnhof eintreffe. Bei strahlendem Sonnenschein und 20 Grad mache ich mich auf den Weg. Den Ort verlasse ich auf einer kleinen Landstraße, die zwar landschaftlich reizvoll, aber sehr befahren ist. „Autos sind furchtbar laut. Sie stören beim Wandern“, denke ich.

Fünf Kilometern weiter erst kann ich in ein kleines Waldstück abbiegen. Der Straßenlärm verhallt bald. Stille, nur manchmal unterbrochen durch den Ruf eines Kuckucks. Mir fällt sofort der Sprichwort meines Vaters ein: "Hat man Geld in der Tasche, vermehrt es sich, wenn du den Ruf des Kuckucks hörst". Aber mein Portemonnaie ist im Rucksack verstaut. Pech. Aber was bedeutet schon Geld, wenn man wandern kann?

Der Weg führt wieder auf eine große Strasse, die natürliche Stille wird wieder vom Lärm der Autos verdrängt. Komoot möchte mich über die Straße  führen und wieder im Wald verschwinden. Doch das scheint mir ein Umweg zu sein, ich beschließe, nach links zu gehen und der Landstraße zu folgen. Doch bald muss ich erkennen, dass Komoot recht hatte. Es gibt weder Rad- noch Fußweg und ich muss am Rand der Straße entlang gehen. Komoot wiederholt immer wieder mit einprogrammierter Frauenstimme, die stets geduldig klingt: "bitte umkehren". Recht hat sie, denn hier st das Laufen echt gefährlich, die Autos nehmen wenig Rücksicht auf mich und ein paar Mal muss ich sogar in den Graben springen. Hier hat ein Fußgänger nichts zu suchen und das zerrt an meinen Nerven. Komoot wiederholt eins ums andere Mal: "Bitte umkehren". Ich aber will nicht, bin auch schon viel zu weit auf der Straße gegangen, um zurück zu gehen. Außerdem kehrt ein Wanderer niemals um, basta! Endlich, nach einer gefühlten Unendlichkeit kann ich in in einen schmalen Feldweg ausweichen, der zu einem Gestüt führt. Schon bald ist der Stress mit der Straße vergessen. Es geht an einer Koppel vorbei, von der zwei Pferde herüber glotzen. Möchten sie von mir gestreichelt werden? Ich tue ihnen den Gefallen, dann geht es weiter. Irgendwann sagt die programmierte Stimme: "du bist zurück auf dem Weg." 

"Na, endlich, Else", entfährt es mir erleichtert. Ab jetzt soll das Programm so heißen, beschließe ich spontan.

Else wird mir hoffentlich auf vielen Touren eine treue Begleiterin und Wegweiserin sein.

Ein schmaler Asphaltweg führt durch den Wald. Zeit für eine Pause, dieses Mal auf einem Holzstapel. Heute habe ich an Proviant gedacht. Aus meinem kleinen Rucksack fördere ich einen Müsliriegel und einen Apfel zu Tage. Der Riegel staubt etwas, der Apfel löscht dafür perfekt meinen Durst. Beides zusammen gibt die nötige Energie für die vielen Kilometer, die noch vor mir liegen. 

Ich höre Stimmen und ein komisches Knattern. Es kommt von oben, aber da ist nichts.

Flugbetrieb auf dem Flugplatz Hartenholm - direkt am Wanderweg
Flugbetrieb auf dem Flugplatz Hartenholm - direkt am Wanderweg

Weiter. Ein spontaner Impuls lässt mich zum Sportflugplatz Hartenholm abbiegen, der eigentlich nicht auf der geplanten Strecke liegt. Es gibt dort bestimmt Spannendes zu beobachten - und tatsächlich - gerade landet ein Sportflugzeug dicht neben dem Wanderweg. Zwei andere starten kurz darauf. Kaum in der Luft, da landet ein Fallschirmspringer knatternd auf dem Flugfeld.

Als weitere Fallschirmspringer mit munterem Geknatter landen, löst sich für mich das Rätsel, dass ich während der Pause noch nicht lösen konnte. Über mir müssen Fallschirmspringer gewesen sein. Während sie landen, rufen sich die Springer etwas zu und lachen, während sie landen. Es ist ganz schön was los hier. Befriedigt gehe ich weiter und finde, der Umweg hat sich gelohnt.

Kurz hinter Weide, bei Kilometer 19, stoße ich auf ein kleines Bauernhofcafé. Ein Schild wirbt für Kaffee und selbst gebackenen Kuchen. Genau das Richtige im Moment. Es gibt noch einen sonnigen Platz auf der Terrasse. Hier will ich die müde gewordenen Beine ein Weilchen ausstrecken. Während ich Kaffee und Kuchen genieße, belauschen meine Ohren ein Gespräch am Nebentisch, wo es um Buchführung in der Landwirtschaft und die besonderen Probleme damit geht. Dinge, die für mich im Moment unglaublich weit weg sind.

"Wie gut ich es doch habe, unbekümmert wandern zu können", denke ich.

Mir fällt es schwer, den sonnigen Platz zu verlassen, doch es muss ja sein, ich will ja noch weiter. Bald darauf hat mich der Wald wieder in sich aufgenommen.

Ein Schild weist in Richtung einer romantisch daliegenden Wiese und ich fühle mich versucht, ihm zu folgen. Manchmal muss man mal vom Weg abweichen, aber Else hält nichts davon. "Bitte umkehren", ist wieder ihr Kommentar. Ach, soll sie doch, der Weg ist so schön verschlungen, ich muss hier jetzt einfach mal lang gehen. Doch nach kurzer Strecke mündet er auf eine Straße, die zum Wildpark Eeckholt führt. Der liegt nun auch nicht gerade auf meinem Weg, aber hier muss ich jetzt lang.

Auf einen Parkplatz stehen zahlreiche Autos von Touristen, die den Wildpark besuchen. Else möchte immer noch, dass ich umkehre, aber ich hege die Hoffnung, das sie bald einen Weg Richtung Norden anzeigt. Doch sie hat wieder Recht, denn hier gibt es keinen. Ich bin an den Rand eines Waldschutzgebiet geraten, dass die Wanderer durch einen Zaun von dem dahinter liegenden Gelände trennt. Es gibt keinen direkten Weg, sondern ich muss in einem großen Bogen drum herum gehen. Diesen Umweg habe ich mir selbst eingebrockt und Else ist vielleicht gar nicht so doof, wie ich dachte. Allerdings ist sie gerade sehr aufgeregt und gemahnt ununterbrochen zur Umkehr. Das muss sie sehr erhitzt haben, denn urplötzlich ist sie still. Else ist abgestürzt. Ob sie beleidigt ist, dass ich ihr nicht gefolgt bin? Wie ein bockiges Weib bleibt sie weiter stumm, ich kriege sie nicht mehr zum Laufen und in mir kriecht ein mulmiges Gefühl hoch. Was tun ohne sie? Was, wenn ich sie nicht mehr zum Laufen kriege? Ich habe keine Karte dabei und ohne Wegweisung könnte ich mich nun verlaufen. Ich könnte Google Maps benutzen, aber das weiß Else zu verhindern, denn auf einmal lässt sie sich zumindest soweit überreden, meine Route zwischen bockigen Abstürzen immer mal wieder einzusehen, so dass ich mich orientieren kann.

So nähere ich mich Stück für Stück der geplanten Stecke, die weiter nördlich liegt.

Ich werde herausfinden müssen, warum Else bockig wird und abstürzt, sobald ich den geplanten Weg verlasse.

ein Riesenumweg wegen Wald- und Wildschutz
ein Riesenumweg wegen Wald- und Wildschutz

Endlich bin ich wieder auf der Route. Else findet zu ihrere alten Form zurück und mag mir wieder den Weg weisen. Nun geht es wieder mit ihrer Hilfe einen schmalen Wirtschaftsweg Richtung Norden entlang, durch das große Halloher Gehege. Hier ist wieder kein Mensch unterwegs. Die Stille, die mich umgibt, breitet sich in mir aus. Dazwischen mischen sich nur der Klang meiner Schritten und das Gezwitscher der Vögel von den hohen Bäumen. Lange Zeit wandere ich in mich gekehrt durch diese Stille, als es hinter mir rumpelt. Ein Geräusch, das hier definitiv nicht hingehört, lässt das Adrenalin in meine Adern schießen. Ich wende meinen Blick nach hinten und sehe ein sehr betagtes Auto langsam auf mich zurollen. „Ein Auto mitten im Wald gehört sich nicht“, befinde ich, „es stört die Ruhe und Unversehrtheit des Waldes“. Es stoppt ein paar dutzendMeter hinter mir, nur um gleich wieder anzufahren. Es bremst, fährt wieder an. Es wiederholt sich ein mehrere Male, dann stoppt das Auto direkt neben mir. Zwei dunkle Gesichter schauen mir aus dem Auto direkt ins Gesicht. In meiner linken Hand halte ich noch mein Smartphone, damit Else mir den Weg weisen kann. Ich beginne zu schwitzen, denn jetzt blicken auch die beiden Männer auf Else. "Werden sie jetzt aussteigen und es mir aus der Hand schlagen?", frage ich mich und weiche vermutlich gerade einen Schritt zurück. Furcht steigt in mir hoch.

"Was könnte ich dann tun?"

Man weiß ja nicht, was in einem einsamen Wald alles passieren kann. Ohne den Kopf zu wenden, halte ich nach einem Fluchtweg Ausschau. Doch die Kerle haben offenbar anderes im Sinn, denn sie setzten das alte Gefährt wieder in Bewegung und fahren, ohne mir weitere Beachtung zu schenken, vorbei. Dann  bremst das Auto wieder ab, nur um sich gleich darauf wieder in Bewegung zu setzten. Glück gehabt! Was ist das nur für eine seltsame Begegnung gewesen. Während das Auto außer Sicht gerät, spüre ich, wie mir der Schweiß den Rücken herunter rinnt. Ich bin heilfroh, unbehelligt geblieben zu sein.

Doch der Schrecken ist noch nicht zu Ende, denn da kommt der Wagen schon wieder zurück, stoppt vor mir, fährt gleich wieder an, stoppt noch einmal und fährt wieder im Schneckentempo an mir vorbei.

Sprungbereit lasse ich sie durch. Nun ist das T-Shirt vollends nass geschwitzt. Ich hoffe, dass ich die beiden unheimlichen Gestalten nun los bin.

Angst erschöpft, ich brauche dringend eine Erholungspause. Etwas Abseits des Weges finde ich eine Baumwurzel, auf der ich mich nieder lasse. Was ist noch drin im Rucksack? Och, nur noch ein Müsliriegel und ein weiterer Apfel. 

Gerade will ich den Vorfall vergessen, da kommt der Wagen schon wieder vorbei.  Stoppen, langsames Rollen, stoppen, rollen, wie vorhin. Vermutlich suchen die dunklen Gestalten etwas, das sie nicht finden können. Wie gut, dass ich  nun etwas abseits sitze. Trotzdem ist es mir unheimlich, ich packe meine Sachen und mache, dass ich weiter komme. 

Offenbar bin ich sie los geworden, sie tauchen nicht mehr auf. 

Reh mit zwei Kitzen
Reh mit zwei Kitzen

Nach einer Weile fällt die Angst von mir ab, ich kann wieder die Schönheit des Waldes genießen. Auf einer Lichtung steht ein Reh mit ihren zwei Kitzen. Ich bleibe stehen, wir beäugen uns gegenseitig, bis Mutter Reh auf langen Beinen ganz langsam davon stelzt, gefolgt von den Kleinen, die fast im hohen Gras versinken.

Einige Kilometer später zieht ein Jogger an mir vorbei, seine Gegenwart signalisiert, dass der Wald bald zu Ende sein wird. Kurz darauf erreiche ich Boostedt. Die nächsten Kilometer ziehen sich endlos hin, doch irgendwann bin ich doch am Bahnhof. Der Zug kommt erst in vierzig Minuten, so setzte ich mich in das kleine Wartehäuschen. Ich bin froh, dass die Tour zu Ende ist und ich hier etwas ausruhen kann. Ich bin fix und fertig, der Rücken tut mir weh. Das war wohl etwas weit für meinen noch ungeübten Körper. Ich spüre jeden einzelnen Knochen. Gerne hätte ich mich weiter meinem Schmerz hingegeben, doch ein Mann setzt sich neben mich auf die Bank. Aus seinem Handy schallt laute Musik. "Warum benutzt er keine Kopfhörer?", denke ich bestürzt und will gerade anfangen zu meckern, da merke ich, dass seine Musik mir gute Laune macht. Das sage ich ihm auch und schon sind wir mittendrin in einem Gespräch. So erzählt er mir, dass er Gleisbauer ist. Er erzählt so spannend, euphorisch und unterhaltsam über seinen Beruf, dass unsere Wartezeit in Windeseile vergeht.

Meine Rückenschmerzen vergehen gleich mit.

Als der Zug einfährt, verabschieden wir uns, denn er wartet auf einen Zug in Gegenrichtung. Meine Zugfahrt von Boostedt nach Hamburg zieht sich, denn ich bin müde und erschöpft. Zwei Stunden später schließe ich endlich die Haustür auf, hole ein eiskaltes Bier aus dem Kühlschrank, öffne es mit einem lauten Plopp auf dem Balkon. Der erste Schluck ist immer der Beste. Von meinem Balkon kann ich weit schauen, mein Blick verliert sich in die Ferne, ohne etwas zu sehen. Ich träume vom Wandern. "Was ich heute alles erlebt habe", denke ich. Ein Grollen holt meine Gedanken zurück in die Gegenwart, in der gerade ein Blitz aus dunklen Wolken über die Stadt hinweg zuckt. Dann beginnt es zu regnen. Ein Unwetter ist aufgezogen und entlädt sich gerade über meine schönen Stadt, das schöne Wetter, das mich heute den ganzen Tag begleitet hat, ist für heute zu Ende. Der schöne Wandertag ist es auch.


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Wandern auf dem E1:

in bisher 106 Tagen 2.515 km

durch vier europäische Länder.

Drymat



mein Kanal: Michael-wandert
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